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Flüchtlinge als Bufdi: Syrer Brayez sammelt Berufserfahrung im Leipziger Werk II

Integration Flüchtlinge als Bufdi: Syrer Brayez sammelt Berufserfahrung im Leipziger Werk II

Seitdem der Bund neue Stellen für den „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ geschaffen hat, nehmen auch Asylberechtigte in Sachsen das Angebot wahr. Der Syrer Raghid Brayez arbeitet als sogenannter Bufdi im Leipziger Werk II.

Seit drei Wochen absolviert Raghid Brayez den kulturellen „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ im Leipziger Werk II. Der 30-Jährige macht privat gern Fotos von der Stadt.
 

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig.  Die Drohnen sind überall. Sie folgen Raghid Brayez und den Bewohnern, wenn sie zu Fuß in Damaskus’ Innenstadt unterwegs sind. Brayez bleibt verschont, andere werden getötet. Der 30-jährige Syrer leidet unter der ständigen Bedrohung und flüchtet im Oktober 2015 nach Europa. Erst jetzt fühlt er sich wieder sicher. Seit drei Wochen absolviert er den kulturellen „Bundesfreiwilligendienst (BFD) mit Flüchtlingsbezug“ im Leipziger Werk II.

Im Werk II strich Brayez zuerst die Wände

Der Syrer Raghid Brayez absolviert seit Anfang August einen Bundesfreiwilligendienst im Leipziger Werk II. Dort durchläuft er sechs Stationen. Momentan streicht er die Wände. Brayez fotografiert in seiner Freizeit gern und hat viele Aufnahmen von Leipzig gemacht.

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Vermittelt wurde ihm diese Stelle durch Andrea Geyer, der Projektkoordinatorin von der Landesvereinigung Kulturelle Kinder- und Jugendbildung (LKJ) Sachsen. Sie lernte den Syrer bei einer Integrationsmesse Ende April im Neuen Rathaus kennen. Daraufhin traf Geyer den 30-Jährigen in ihrem Büro am Nordplatz und nahm seinen handgeschriebenen Lebenslauf entgegen, um für ihn einen passenden Arbeitgeber zu finden.

Kombination aus Sprachkursen und ersten Berufserfahrungen ideal

Laut einer am Mittwoch veröffentlichten Studie zur Integration von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt sind lokale Initiativen wie die LKJ Sachsen die wichtigsten Akteure. Sie können die Asylbewerber zum Deutschlernen motivieren und ihnen Kurzpraktika vermitteln, teilt das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung mit. Die Wissenschaftler sehen die Kombination aus ersten Berufserfahrungen und Sprachkursen besonders geeignet.

Hobbyfotograf

Hobbyfotograf: In seiner Freizeit macht Brayez mit seinem Smartphone gern Bilder von Leipzig. Für ihn ist das hilfreich, um sich in seiner neuen Heimat gut einzuleben.

Quelle: Dirk Knofe

Rund ein Drittel der Geflüchteten sind laut der Studie jünger als 18 Jahre und fast drei Viertel jünger als 30. In Leipzig leisten derzeit 59 Personen ihren Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug in Leipzig, so eine Sprecherin des Bundesfamilienministeriums. 19 davon sind Geflüchtete, wobei der Aufenthaltsstatus bei acht von ihnen noch ungeklärt ist und bei elf bereits positiv über den Asylantrag entschieden wurde.

Erstes Vorstellungsgespräch

Üppige Bewerbungsunterlagen braucht Vermittlerin Geyer nicht, um Flüchtlinge als Bufdis in Unternehmen zu bringen. Ihr reichen der sympathische Händedruck und ein guter Erstkontakt aus. Mittlerweile kann sie sich bei Vorstellungsgesprächen mit Flyern auf Persisch und Arabisch behelfen. Manchmal verständigt sich Geyer mit Körpersprache und einem Mix aus Deutsch und Englisch.

Brayez beherrscht den deutschen Grundwortschatz ganz gut. „Meine Englisch- und Französischkenntnisse helfen mir aber auch dabei“, sagt er. In seiner Heimat hat der 30-jährige Wirtschaftswissenschaften und Bankwesen studiert. Zuerst arbeitete Brayez als Controller bei Henkel Syria, dann half er fünf Jahre lang irakischen Flüchtlingen im syrischen Hochkommissariat der Vereinten Nationen.

Nun musste er selbst diese humanitäre Hilfe in Deutschland in Anspruch nehmen. Beim Leipziger Flüchtlingsrat hat er sich nun dafür revanchiert. Er sang zum Beispiel im Flüchtlingschor „Amazing Grace“ beim Konzert „Whitney Housten Tribute Show“ im Haus Leipzig mit, das die Philharmonie Leipzig Anfang Mai initiierte.

Ein grauer Regentag in Leipzig

Ein grauer Regentag in Leipzig: Brayez hält dennoch ein paar farbenprächtige Regenschirme auf der LVB-Haltestelle vor dem Hauptbahnhof fest.

Quelle: Raghid Brayez

Sechs Stationen im Werk II

Nun arbeitet Brayez für mindestens sechs Monate im Werk II als Bufdi. Dort durchläuft er sechs Stationen. Momentan streicht er Wände und beteiligt sich an Aktionen für Schulklassen. Bald wird er auch im Bereich der Bühnentechnik mithelfen.

Im Werk II strich Brayez zuerst die Wände

Im Werk II strich Brayez zuerst die Wände. Bald wird er auch im Bereich der Bühnentechnik mithelfen. Die Arbeit macht ihm Spaß.

Quelle: privat

Er absolviert eine 21-Stunden-Woche, ist jeden Tag ungefähr vier Stunden im Werk II tätig. Dafür erhält er einen Monatslohn von 195 Euro, der vom Bund gezahlt wird. Das Geld spart der 30-Jährige, um es in Mobiliar für seine Wohnung zu investieren.

426 Bundesfreiwilligendienste mit Flüchtlingsbezug

Seit Dezember 2015 hat das Bundesfamilienministerium 10.000 Stellen für den „Bundesfreiwilligendienst mit Flüchtlingsbezug“ geschaffen. In Sachsen wurden diesbezüglich 426 Verträge geschlossen. Von den 170 bundesweiten BFD-Plätzen stehen den sächsischen Sportvereinen allerdings nur acht Stellen zur Verfügung. Zwei davon wurden mit Flüchtlingen besetzt: Ein Algerier betreut Kinderfußballmannschaften beim VfK Blau-Weiß Leipzig 1892 und ein Syrer engagiert sich beim Döbelner Sportverein Vorwärts.

„Wir haben bisher gute Erfahrungen damit gemacht und die Einsatzstellen sind auch zufrieden“, lobt Annekathrin Mai, die Projektkoordinatorin Bundesfreiwilligendienste beim Landessportbund Sachsen. Auch das Werk II habe sich zwischen den beiden Flüchtlingen für den kulturellen BFD gar nicht entscheiden können und hätten gleich beide eingestellt, erzählt Geyer vom LKJ Sachsen. Brayez und einen Marokkaner. Auch die Bürgerbühne des Staatsschauspiels Dresden arbeitet seit einigen Monaten mit einem syrischen Bufdi zusammen.

Auch in Sportvereinen und Krankenhäusern

Beliebte Einsatzfelder für den BFD mit Flüchtlingsbezug sind auch Pflegeheime, Krankenhäuser, Jugendeinrichtungen und die Behindertenhilfe. Wer nicht wie Brayez in Teilzeit beschäftigt ist, kann in einer 40-Stunden-Woche bis zu 372 Euro verdienen. Der Bund bezuschusst auch hierbei maximal mit 350 Euro. Insgesamt 50 Millionen Euro stehen 2016 dafür bereit. Ab 2017 sind es 35 Millionen Euro.

Die Stellen können sowohl von Flüchtlingen als auch Einheimischen in Anspruch genommen werden. Bedingung ist, zwischen 18 und 26 Jahren alt zu sein und mindestens drei Monate in Sachsen gelebt zu haben. Bei Flüchtlingen kommen noch Deutschkenntnisse hinzu und die Aussicht auf eine gute Bleibeperspektive.

Zudem müssen die Flüchtlinge aus einem unsicheren Herkunftsland stammen und die eigene Schutzbedürftigkeit nachweisen, zum Beispiel eine drohende Todesstrafe oder Folter im Herkunftsland. Manchmal werden kurz vor Dienstbeginn noch vierwöchige Sprachkurse von den Bewerbern absolviert. Oftmals profitieren die Einsatzstellen von den Fremdsprachenkenntnissen der Geflüchteten und deren interkulturellen Kompetenzen.

Als Individuum gezielt gefördert

„Es ist kein üppiges Gehalt, sondern ein Taschengeld“, kommentiert Geyer. Die Asylbewerber sollten neben dem Job auch Zeit für sich haben, um ihre Sprachkurse vormittags zu besuchen und sich weiterzuentwickeln. Ihnen soll zugleich die Chance eröffnet werden, gezielter und pädagogisch als Individuum gefördert zu werden. Viele seien eingeschüchtert und gehemmt, so Geyer.

Noch eine Aufnahme von Brayez’ Smartphone

Noch eine Aufnahme von Brayez’ Smartphone: Sie zeigt den Augustusplatz mit Brunnen, Riesenrad, Oper und Konzertbühne. Der 30-Jährige hat sich in Leipzig mittlerweile gut eingelebt.

Quelle: Raghid Brayez

Brayez braucht gar nicht mehr so viel Hilfe. Er hat sich bereits ein breites Netzwerk geflüchteter und deutscher Freunde aufgebaut. Der 30-Jährige hat sich in Leipzig gut eingelebt, denn „Heimat ist für mich da, wo ich Sicherheit, Freiheit und Freunde habe“, sagt er.

Von Melanie Steitz

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Kochstraße 132, 04277 Leipzig
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