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Helfer in Grube-Halle: "Das reißt uns alle mit. Wir wachsen aneinander"

Flüchtlingsrat im Interview Helfer in Grube-Halle: "Das reißt uns alle mit. Wir wachsen aneinander"

Freiwillige des Leipziger Flüchtlingsrates helfen seit zwei Wochen den Asylsuchenden in der Ernst-Grube-Halle. LVZ.de unterhielt sich mit Sprecherin Sonja Brogiato.

Sonja Brogiato koordiniert die freiwilligen Helfer des Flüchtlingsrates in der Grube-Halle. (Archivfoto)

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Seit mehr als zwei Wochen wird die Flüchtlings-Erstaufnahme des Freistaates in der Leipziger Ernst-Grube-Halle ausschließlich von Ehrenamtlichen betrieben. Neben den Mitarbeitern der sächsischen Johanniter sind darunter auch Dutzende Freiwillige des Leipziger Flüchtlingsrates. Rund um die Uhr arbeiten sie in der Halle, unterstützen die Essens- und Kleiderausgabe, stellen Dolmetscher und Ärzte, reden mit den Geflüchteten und versuchen ihnen in ihrer misslichen Lage zu helfen. LVZ.de unterhielt sich mit Sprecherin Sonja Brogiato.

Frage: Frau Brogiato, der Flüchtlingsrat hilft seit zwei Wochen in der Grube-Halle, wie geht es den Menschen, die da leben?

Sonja Brogiato: Es ist eine schwierige Situation, in der die Menschen hier leben müssen. Eine Feldliege ist alles, was sie an Privatsphäre haben. Auch wenn wir goldene Wasserhähne anbringen würden, es bleibt eine Notunterkunft in einer Turnhalle. Je nach Belastungssituation, seelischer und körperlicher Verfassung geht es den Menschen mal besser, mal schlechter. Durch unsere Sprachmittler vor Ort hören wir direkt, woran es den Leuten fehlt. Dann versuchen wir Abhilfe zu schaffen. Und viele Leipziger sorgen zusätzlich für immer mehr Lichtblicke im Alltag der Menschen.

Wie betreuen Sie die Asylbewerber, die ganz neu in die Grube-Halle kommen?

Sonja Brogiato:  Sie steigen meist völlig erschöpft aus dem Bus. Dann geht es zunächst nur darum, die elementaren Grundbedürfnisse zu befriedigen: Essen, Schlafen, Waschen. Eventuell müssen Krankheiten behandelt werden. Und sie brauchen frische Kleidung. Danach müssen sich die Menschen in ihrer unmittelbaren Umgebung zurechtfinden. Wer schläft auf der Liege neben mir? Das ist ja keine homogene Gruppe in der großen Halle. Das sind ganz verschiedene Leute, aus verschiedenen Ländern, aus unterschiedlichen Milieus. Es dauert, bis man sich da gefunden hat. Bei Kindern geht das schneller, bei den Älteren etwas langsamer.

Die sächsischen Johanniter sind verantwortlich in der Notunterkunft. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit?

Sonja Brogiato:  Von Anfang an sehr sehr gut. Was die Johanniter da leisten ist beispiellos. Die Helfer arbeiten hoch effizient, organisiert und koordiniert. Auch viele Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes - das wird nie erwähnt - leisten großartige Arbeit. Sie wissen, dass sie es mit Menschen, nicht mit Problemen zu tun haben. Alle gemeinsam versuchen wir, für die Flüchtlinge soviel Normalität als möglich zu schaffen. Mittlerweile, nach zwei Wochen, haben sich die meiste Abläufe schon eingeschliffen.

Johanniter und Flüchtlingsrat haben bisher ausschließlich Ehrenamtliche vor Ort. Wie geht es den Helfern nach den zwei Wochen?

Sonja Brogiato:  Das reißt uns alle mit. Wir wachsen aneinander, wir wachsen an der Aufgabe. Aber es ist ein Balanceakt. Einerseits berührt einen das Leid der Menschen, andererseits müssen alle aber auch eine professionelle Distanz wahren. Sonst kann man nicht effektiv helfen.

Nach Heidenau und dem Brandanschlag von Stötteritz, leben Flüchtlinge in Sachsen gefährlich?

Sonja Brogiato: Durchaus. In Leipzig herrscht aber ein anderes Klima. Hier gibt es ein zigtausendfaches Bekenntnis für Weltoffenheit und Toleranz. Das bedeutet aber nicht, dass wir auf der Insel der Glückseligen leben. Auch hier gibt es gewaltbereite und gewalttätige Rassisten.

In der vergangenen Woche haben Menschen dagegen protestiert, Flüchtlinge aus Leipzig nach Heidenau zu schicken.

Sonja Brogiato: Es ist nachvollziehbar, dass keiner dahin will. Aber: Der Staat darf vor Militanz und rechtem Terror nicht einknicken. Heidenau muss auch belegt werden. Das Strafgesetzbuch gibt genügend Möglichkeiten her, dagegen vorzugehen. Nur muss da sofort gehandelt werden.

Auf der anderen Seite gibt es auch eine große Hilfsbereitschaft in Leipzig.

Sonja Brogiato:  Die Spendenbereitschaft derzeit ist großartig. Und das kommt wie immer nicht nur den Flüchtlingen zu Gute, sondern auch anderen Bedürftigen. Leider ist unter all den gespendeten Sachen auch viel Unbrauchbares dabei: Verdreckte und kaputte Dinge müssen wird dann von uns aufwändig als Müll entsorgen. Einige Bürger möchten ihre Spenden ja auch direkt an die Flüchtlinge übergeben. Das ist das Prinzip Streichelzoo: Wer Futter kauft, darf anfassen. So etwas können wir aber nicht zulassen, denn wir müssen auch die Privatsphäre und Würde der Menschen schützen. Denn viele sind sehr beschämt von ihrer aktuellen Lage.

Wie steht es um freiwillige Helfer, gibt es genügend Unterstützung?

Sonja Brogiato:  Wir sind sehr dankbar für die Hilfe und die Geduld der Leipziger. Wir haben nämlich mehr Hilfswillige als real existierende Flüchtlinge. Noch. Erfahrungsgemäß wird das in einigen Wochen nachlassen. Auch fehlen uns noch zu bestimmten Zeiten Helfer. Besonders die Schicht vormittags ab 7 Uhr, wenn die meisten Menschen arbeiten, ist noch schwierig zu besetzen. Es gilt immer: Menschen unterstützen Menschen. Wer helfen möchte, muss sich fragen: Was brauchen die Flüchtlinge konkret? Wo müssen wir anpacken?

Fakten

Zur Person: Sonja Brogiato (55) ist Sprecherin des Flüchtlingsrats Leipzig. Die gebürtige Österreicherin lebt seit 1990 in der Stadt. Seit 12 Jahren engagiert sich die Katholikin im Flüchtlingsrat.

Zum Verein: Der Flüchtlingsrat Leipzig setzt sich seit 1991 für den Schutz und die Verbesserung der Lebensbedingungen von Flüchtlingen ein. Dabei steht die praktische Hilfe für die Menschen im Vordergrund. Der Verein ist unabhängig, überkonfessionell, überparteilich und finanziert sich ausschließlich durch Spenden.

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