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„Nicht alles so optimal“ – Besuch in der Messehalle 4 in Leipzig

Flüchtlingsunterkunft „Nicht alles so optimal“ – Besuch in der Messehalle 4 in Leipzig

Seit 16 Tagen leben Flüchtlinge in der Messehalle 4 in Leipzig. Die Erstaufnahmeeinrichtung ist eins von 31 Objekten, das die Landesdirektion sachsenweit betreibt. Jetzt öffnete die Unterkunft erstmals ihre Tore.

Die Messehalle 4 ist seit gut zwei Wochen Flüchtlingsunterkunft.

Quelle: dpa

Leipzig. Orientalische Musik dröhnt aus Lautsprechern über die Freifläche vor der Messehalle. Auf Bierbänken stehen Menschen, klatschen, jubeln, wollen einen Blick auf das Geschehen erhaschen. Sie sind jung und alt, haben verschiedene Hautfarben, sprechen unterschiedliche Sprachen. Und sie sind Flüchtlinge, untergebracht in der Erstaufnahmeeinrichtung auf der Neuen Messe. „Mitarbeiter vom Verdi-Kongress haben eine Akrobatik-Show für die Leute hier in der Halle organisiert“, erklärt Doreen Rößler. Sie ist Mitarbeiterin des Deutschen Roten Kreuz (DRK) und als Campmanagerin für die Flüchtlingsunterkunft zuständig.

Seit Anfang September leben Flüchtlinge in der Messehalle 4 in Leipzig. Die Erstaufnahmeeinrichtung ist eines von 31 Objekten, das die Landesdirektion sachsenweit betreibt. Jetzt öffnete die Unterkunft erstmals ihre Tore für Medien. Fotos: DRK Sachsen

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Ende vergangener Woche war Kritik an der Einrichtung laut geworden. Die Flüchtlinge prangern unter anderem eine schlechte Essensversorgung, zu wenige Sanitäranlagen und mangelnde medizinische Hilfe an. Unterstützt von zwei Leipziger Initiativen hatten die Bewohner deswegen am Mittwoch ein Protestcamp errichtet. Neben den Mängeln bei der Unterbringung war dabei vor allem ein Kritikpunkt laut geworden: der große Verzug bei der Registrierung der Flüchtlinge und damit verbundene Ratlosigkeit und Resignation.

1800 unregistrierte Menschen

„Soweit ich weiß, ist derzeit noch keiner der hier lebenden Menschen registriert“, erklärt dazu Jana Klein von der sächsischen Landesdirektion. Grund ist, dass diese Registrierung sachsenweit bisher allein in Chemnitz möglich ist. Die Verhandlungen dazu laufen, ab Mitte Oktober soll es im Leipziger Klinikum St. Georg eine weitere Erstaufnahmestelle geben. Der Freistaat sei regelrecht überrollt worden, erklärt Klein weiter. Dadurch gerate man in Verzug. „Wir sind froh, dass wir den Menschen ein Dach über dem Kopf anbieten können.“

In der 20.000 Quadratmeter großen Halle leben momentan 1800 Menschen. Damit ist die Unterkunft mit etwa 100 Personen überbelegt. Nicht alle haben einen Platz in einer der rund 200 Kabinen bekommen, die für die Menschen der einzige Rückzugsort sind. „Das wollen wir so schnell wie möglich ändern“, erklärt die Campmanagerin. Auch Spielbereiche für die 300 bis 400 in der Halle lebenden Kinder mussten neuen Schlafstätten weichen. Die Bewohner haben viele der etwa 35 Quadratmeter großen Kabinen provisorisch mit Laken oder zerschnittenen Plastiktüten verhängt, um Privatsphäre zu schaffen. Richtige Türen seien wegen des Brandschutzes nicht möglich, heißt es.

Missverständnisse vorprogrammiert

Seit Montag hat das DRK eine tägliche Ärzte-Sprechstunde in einer Art Krankenstation, dem „Medipoint“, eingerichtet. Dass Flüchtlinge mit ihren Problemen allein gelassen werden, käme nicht vor. Gegenüber LVZ.de hatte ein Mann erklärt, seine Kinder wären nicht behandelt worden. „Ich war bei den Ärzten, aber sie haben uns weggeschickt“, so der Syrer. Der Ausschlag, offenbar eine Gürtelrose, war bei zwei seiner Söhne deutlich zu sehen.

„Ich kann nicht verstehen, woher diese Diskrepanzen kommen“, entgegnet darauf Reiko Pöschl, Koordinator vom DRK. „Letztlich ist es eine Entscheidung des Arztes, wie behandelt wird.“ Möglichen sei aber, dass es bei der Übersetzung zwischen Arzt und Patient zu Missverständnissen gekommen ist. Neben fünf festangestellten Übersetzern arbeiten Ehrenamtliche, um Farsi, Kurdisch oder Persisch zu dolmetschen.

In der Halle 4 der Neuen Messe in Leipzig bekommen bis zu 2000 Flüchtlinge ein Dach über den Kopf. Am Dienstag (08.09.2015) wurden Sanitäranlagen, Betten, Bänke und Sichtschutzwände aufgebaut.

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Mehr als die Hälfte der Menschen vor Ort kommt aus Syrien. Die anderen seien vor allem Pakistani, Afghanen, Inder. Um Konflikte zu vermeiden, wurden die Bewohner in der Halle nach Nationalitäten separiert. „Die Stimmung ist momentan aber sehr gut“, erklärt Rößler. Kleine Rangeleien zwischen Flüchtlingen kommen vor, größere Vorfälle habe es nicht gegeben.

Jeder Schritt wird registriert

In den langen Schlangen vor der Spendenausgabe zumindest scheint es am Donnerstag ruhig zuzugehen. Gesittet warten etwa 60 Männer, dass sie ein Paar Schuhe bekommen. „Damit das gerecht zugeht, wird alles registriert, was die Flüchtlinge erhalten“, erklärt Pöschl vom DRK. Dazu hat jeder eine Art Chipkarte. Wer einen Schlafsack bekommt, sich Mittagessen holt und wann die Halle verlässt, ist damit überprüfbar.

Zwar dürfen die Flüchtlinge sich in der Stadt bewegen, aber den Landkreis nicht verlassen. „Sie müssen hier bleiben, bis sie registriert sind“, erklärt die Sprecherin der Landesdirektion. „Anders können wir die Anträge auf Asyl nicht koordinieren.“ Dass dadurch Familien getrennt werden, die nicht am selben Tag nach Deutschland gekommen sind, sei unvermeidbar. „Darauf zu achten ist im Rahmen der Erstaufnahme nicht möglich“, erklärt Klein. Wie innerhalb Deutschlands verteilt wird, liege ohnehin beim Bund. „Es ist eine Notunterkunft und nicht alles ist so optimal, wie man sich das wünscht“, erklärt Klein. „Wir können den Leuten nur immer wieder sagen: Niemand wird vergessen.“

Während die Unterkunft selbst ein Provisorium bleibt, bereitet sich die Leipziger Messe auf die nächste Unterbringung vor. Wie Messesprecher Steffen Jantz erklärte, müssen die Flüchtlinge Mitte Dezember in eine kleinteilig gegliederte Unterkunft umziehen. Auf knapp 40.000 Quadratmetern Freifläche der Messe sollen temporäre, winterfeste Quartiere entstehen. „Die Details sind noch in Planung“, so Jantz. Bis dahin wolle man es den Flüchtlingen möglichst angenehm gestalten. Nicht ohne Grund heiße das WLAN-Netzwerk, das die Leipziger Messe zur Verfügung stellt, „Welcome“.

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