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Ökumenische Flüchtlingshilfe Leipzig: 200 Freiwillige stehen für Projekte bereit

Langfristige Unterstützung Ökumenische Flüchtlingshilfe Leipzig: 200 Freiwillige stehen für Projekte bereit

Die Not der Flüchtlinge ist auch in Leipzig gegenwärtig. Doch nicht nur die akute Hilfe ist wichtig. Seit rund einem halben Jahr vermittelt die Ökumenische Flüchtlingshilfe Freiwillige in Projekte. Der Bedarf wächst.

Holger Simmat von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Leipzig (Diakonie) und Thomas Körner von der Caritas-Flüchtlingsberatung.

Quelle: Leipzig report / Knofe

Leipzig. Thomas Körner konnte bisher nicht im Flüchtlingscamp Grube-Halle vorbeischauen. „Ich muss meine Arbeit machen“, sagt der 50-jährige Theologe und Sozialarbeiter von der Caritas. Und das heißt: Er muss sich um Flüchtlinge kümmern. Um die, die schon ein Weilchen in Leipzig leben. Menschen, die zur Beratungsstelle kommen, weil sie einen Sprachkurs brauchen, oder verzweifelt wissen möchten, wie ihre Familie aus Syrien nach Leipzig kommen kann, oder die auf Hilfe bei der Wohnungssuche hoffen. Das ist der Moment, in dem Körner seinen Kollegen von der Ökumenischen Flüchtlingshilfe anruft.

Holger Simmat (47) leitet bei der Diakonie Leipzig in der die Koordinierungsstelle der Initiative. „Die Zeit war reif“, sagt er. Legida habe wie ein Katalysator gewirkt. Am 12. Januar, als in Leipzig 30.000 Menschen gegen das fremdenfeindliche Bündnis auf die Straße gingen, wurde in der Nikolaikirche während des Friedensgebets die konfessionsübergreifende Hilfe gegründet. Bereits im Herbst 2014 stellte die evangelische Landessynode 400.000 Euro für solche Projekte in Sachsen zur Verfügung.

Stadtviertel-Rundgänge in Reudnitz

Rund 200 Freiwillige mit unterschiedlichsten Qualifikationen haben sich seitdem in der Datenbank registriert. Hilfe bei der Wohnungssuche am Computer geben, Umzug von den dezentralen Unterkunft in eigene vier Wände organisieren, Küche aufbauen – für diese Aufgaben können Körner und Simmat nun auf dem kurzen Weg Unterstützer organisieren.

Die Hilfsbereitschaft in Leipzig ist groß, nicht nur, wenn es um kurzfristige Hilfsaktionen wie die rund um die Notunterkunft Grube-Halle geht. „Kirchgemeinden können bei uns anfragen, was sie in ihrem Viertel tun können“, schildert Simmat. Mit Informationen, Erfahrung und Ehrenamtlichen entstehen so Angebote, die die Flüchtlinge aus der Isolation holen.

Für Angebote wie Begegnungs-Cafés gebe es genauso Bedarf wie für die neu entstehenden Stadtteil-Rundgänge der evangelischen Markusgemeinde Reudnitz. Größte Hürde für die Neuankömmlinge in Leipzig ist allerdings die Sprachbarriere. „Auf Sprachkurse müssen die Menschen oft viel zu lange warten“, wissen Simmat und Körner. „Und viele Frauen nehmen sie gar nicht wahr, weil es oft keine Kinderbetreuung gibt.“

Frauen doppelt benachteiligt

Im Umfeld der Unterkunft Georg-Schwarz-Straße konnte das Problem mit verschiedenen Akteuren gelöst werden: Das Diakonissenkrankenhaus stellt in der Berufsfachschule Räume zur Verfügung, ehrenamtliche Helfer aus dem Netzwerk des Pandecheion-Herberge-Vereins leiten die Sprachkurse. Damit die Kinder versorgt sind, organisierte die Ökumenische Flüchtlingshilfe Betreuer, die mit den Kleinen auch die Spielgeräte der Kita Arche Noah auf dem Gelände nutzen dürfen. Ziel sei es, künftig möglichst in jedem Stadtviertel, in dem sich eine Flüchtlingsunterkunft befinde, mindestens ein Projekt einer Kirchgemeinde zu etablieren, formuliert Simmat.

Für Körner und den Caritasverband in Leipzig hat diese Arbeit einen wichtigen Nebeneffekt: „Das entlastet unsere Regelangebote“, sagt er. In der Flüchtlingsberatung  der Caritas in der Elsterstraße 15 geben sich die Menschen die Klinke in die Hand. Mit drei Teilzeitstellen sehen sich die Berater mit „immer komplexeren Problemen“ konfrontiert. Von Informationen zum Stand des Asylverfahrens bis zur Hilfe im psychosozialen Bereich für traumatisierte Kriegsflüchtlinge ist alles gefragt.

Kampf mit der Bürokratie

Durch die steigenden Fallzahlen muss sein Team immer höhere Klimmzüge machen, um die Qualität der Beratung zu wahren. „Nur, weil es viele neue Fälle gibt, kann ich nicht die alten bei Seite schieben“, so Körner. Er wird ärgerlich, wenn er etwa an den hochdotierten Chirurgen aus Syrien denkt, der seit neun Monaten auf seine Anerkennung wartet und nicht versteht, warum später Angekommene früher einen Bescheid erhalten. Ebenfalls Alltag: Nicht jeder Wunsch, die Familie eines anerkannten Flüchtlings nach Leipzig zu holen, kann erfüllt werden. Manchmal steht etwas so Simples wie eine verstrichene Antragsfrist im Weg. Aus den sich überstürzenden Schilderungen spricht die Erfahrung: Nicht die Menschen sind das Problem, sondern die Bürokratie, die in Sachsen „deutlich schlanker“ sein könnte. „Manchmal kann man mit den Menschen nur noch die Ohnmacht teilen“, sagt Körner.

Davon erdrücken lassen Simmat und Körner sich nicht. Auch wenn die langfristige Arbeit im Vordergrund steht, greift die Ökumenische Flüchtlingshilfe bei von heute auf morgen entstandenen Notunterkünften wie der Grube-Halle ein. So kann über den Hilfepool medizinisches Personal angefragt werden, und die die Caritas steht unter anderen mit dem Angebot der Betreuung minderjähriger Flüchtlinge zur Verfügung.

Die zunächst ehrenamtlich in der Rolle eines Betreibers Grube-Halle handelnden Johanniter brauchen dringend Unterstützung – und das zeigt ein Problem, das auch die geplanten städtischen Einrichtungen treffen kann: Flüchtlinge brauchen eine ordentliche Betreuung, qualifizierte Betreiber sind rar. „Die Verbände wurden von der Stadt schon aufgefordert, sich zu bewerben“, schildert Simmat. Caritas und Diakonie werden das tun. Ein weiterer Mosaikstein in einem Puzzle mit vielen Leerstellen.

Mehr zum Thema

Fünf Gemeinschaftsunterkünfte mit bis zu 500 Plätzen (Torgauer Straße) sowie sieben Häuser für gemeinschaftliches Wohnen listet die Stadtverwaltung Leipzig in ihrer Regie auf, dazu kommen rund 650 Plätze in Übergangswohnungen, Motels und Pensionen. Nach Informationen der Kommune kamen im vergangenen Jahr 1232 Flüchtlinge neu in Leipzig an, in diesem Jahr erwartet die Stadt rund 3000 Asylsuchende.
Sechs kleinere Gemeinschaftsunterkünfte sollen noch in diesem Jahr öffnen. Mittelfristig sind Container-Unterkünfte auf der Alten Messe und im Gewerbepark Nordost geplant. Unabhängig davon wurden gerade die Erstaufnahmeeinrichtungen des Freistaats eröffnet: Halbwegs vorbereitet in der Friederikenstraße in Dölitz, überstürzt das Notquartier in der Grube-Halle auf dem Sportcampus an der Jahnallee und die HTWK-Halle. Weitere Unterkünfte des Landes sollen dem Vernehmen nach kurzfristig folgen.

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Ökumenische Flüchtlingshilfe am Nikolaikirchhof Leipzig
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