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Teure Handy-Verträge – dubiose Händler zocken Flüchtlinge ab

Verbraucherschützer warnen Teure Handy-Verträge – dubiose Händler zocken Flüchtlinge ab

Windige Vermittler nutzen schlechte Sprach- und Rechtskenntnisse von Migranten und jubeln ihnen unbezahlbare Verträge unter. Anwälte fordern überzogene Beratungshonorare. Verbraucherschützer warnen vor übereilten Unterschriften. Faltblätter in mehreren Sprachen warnen vor Kostenfallen.

Windige Vermittler nutzen schlechte Sprach- und Rechtskenntnisse von Migranten und jubeln ihnen unbezahlbare Verträge unter (Archivbild).

Quelle: dpa

Mobilfunkverträge mit unnötigen Extras, überteuerte Haushaltausstattung, horrende Anwaltskosten – viele Flüchtlinge werden in Mitteldeutschland von dubiosen Vertretern über den Tisch gezogen. Schamlos werden dabei ihre mangelnden Deutschkennnisse und fehlendes Wissen über hiesige Verhältnisse ausgenutzt. „Entsprechende Anfragen von Flüchtlingen und Helfern haben deutlich zugenommen“, sagt Michael Hummel von der Verbraucherzentrale Sachsen. Genaue Zahlen existieren nicht, weil bei der Verbraucherberatung nicht unterschieden wird zwischen Flüchtlingen, Ausländern, Deutschen oder  anerkannten Asylbewerbern. Eines aber stehe fest: „Wer einmal in die Kostenfalle getappt ist, weil das Kleingedruckte nicht beachtet oder verstanden wurde, sollte sich helfen lassen“, erklärt der Rechtsexperte.

Häufig bieten sich im Bereich der Flüchtlingsunterkünfte windige Helfer an, die ziemlich schnell zur Sache kommen und billige Handys für unkomplizierte Kontakte zu Verwandten in der Heimat schmackhaft machen. Oft sprechen sie die Sprache der Schutzsuchenden, preisen ein kostenloses Smartphone an, nur um eine Unterschrift zu ergattern und dafür eine Provision vom Auftraggeber zu kassieren. Dass Flüchtlinge hierbei oft doppelt und dreifach abgezockt werden, indem sie beispielsweise gleich mehrere Verträge unterzeichnen, merken sie erst Wochen später, wenn die ersten Rechnungen eintrudeln. Wenn die überrumpelten Kunden doch Zweifel hegen, werden sie mit Floskeln beschwichtigt wie: „Keine Bange, das ist hier so üblich!“

Dass dann monatliche Kosten von bis zu 100 Euro –  zuzüglich der Gesprächsgebühren ins Ausland – mit mehrjähriger Vertragsbindung anfallen, wird bei den Werbungen geflissentlich unterschlagen.  Schnell laufen binnen weniger Monate Schulden von einigen Tausend Euro auf. Auch Haustürgeschäfte richten sich gezielt an unerfahrene Migrantenfamilien, wobei ihnen überteuerte Topfsets oder auch Abos für Zeitschriften angedreht werden, die sie gar nicht lesen können. Und es dauert nicht lange, bis Inkassounternehmen Druck machen oder sich  Anwälte mit unverschämt hohen Honorarforderungen bei den Asylbewerbern melden.

„Oft versteht man das Kleingedruckte selbst mit guten Deutschkenntnissen kaum“

„Die Maschen der Abzocker werden immer dreister“, bestätigt auch Ali Moradi vom Sächsischen Flüchtlingsrat. „Dabei haben wir auch ohne diese dämlichen Verträge genug zu tun.“ Unbezahlte Rechnungen füllten bereits ganze Ordner und Regale. „Oft versteht man das Kleingedruckte selbst mit guten Deutschkenntnissen kaum“, sagt der aus dem Iran stammende ehemalige Pilot, der seit 21 Jahren in Sachsen lebt. „Mehr Transparenz in den Vertragsklauseln wäre für alle ein Gewinn.“ Oft meldeten sich Betroffene viel zu spät, weil sie sich schämen oder Ärger mit den Behörden befürchten. „In den ersten Gesprächen können ihnen unbegründete Ängste genommen werden“, sagt der 61-jährige Moradi. Sozialarbeiter und Dolmetscher knüpften dann Kontakte zu Verbraucherschützern und Schuldnerberatungen und begleiteten sie zu den Gesprächen.

Die Verbraucherschützer raten Helfern und Betreuern von Flüchtlingen sowie deren Übersetzern, ein  wachsames Auge auf Vertragsanbahnungen rund ums Telefonieren und Surfen zu haben. Was den meisten Verbrauchern hier inzwischen  klar sein dürfte, müssen viele Flüchtlinge noch lernen: „Nichts ungeprüft unterschreiben!“, betont die Leipziger Verbraucherschützerin Carla Groß. Nicht jeder Vertrag könne im Nachhinein widerrufen werden. Flüchtlinge, die in einem Laden unterschreiben, können den Kontrakt nicht ohne weiteres rückgängig machen. Wurden sie arglistig getäuscht, ist der Vertrag jedoch unwirksam. Haben sie eine Vereinbarung in ihrer Unterkunft abgeschlossen, können sie hingegen innerhalb von zwei Wochen schriftlich widerrufen.

In der Verbraucherzentrale Sachsen stellt man sich auf steigenden Beratungsbedarf für die Flüchtlinge und eine immense Dunkelziffer von Betroffenen ein, die sich bisher noch nicht gemeldet haben. Kontakte zu Flüchtlingshelfern der Caritas, Diakonie, DAK und AWO sollen noch intensiviert werden, um wirksamer vorsorgen zu können. „Mit Faltblättern und Online-Informationen in acht Sprachen informieren wir über wichtige Grundsätze und mögliche Fallen“, sagt die Verbraucherschützerin, „damit der Schaden  gar nicht erst eintritt.“

In der Regel sind Handy-Verträge mit langer Laufzeit für Flüchtlinge – vor allem solche mit unsicherem Aufenthaltsstatus – nicht empfehlenswert. Prepaid-Verträge ohne Grundgebühr sind dafür meist besser geeignet. Hier zahlt der Nutzer nur für tatsächlich gesprochene Minuten und verschickte Nachrichten. Surf-Pakete fürs mobile Internet lassen sich gesondert hinzubuchen. Da Prepaid-Verträge auf Guthabenbasis laufen, umgehen Flüchtlinge die Kostenfalle.

Winfried Mahr

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