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Farin Urlaub - Das Highfield-Festival am Störmthaler See ist wie ein Ferientrip

Farin Urlaub - Das Highfield-Festival am Störmthaler See ist wie ein Ferientrip

Großpösna/Leipzig. 41 Bands, Hardcore, Punkrock, Hip Hop und Pop, Badeurlaub-Atmosphäre: Das dreitägige Highfield-Festival in Großpösna hat am Wochenende rund 25.000 Besucher - 23.000 verkaufte Festivaltickets plus Tageskarten - angezogen.

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Sportprogramm beim Kurzurlaub in Großpösna: Festivalbesucher beim Abfeiern.

Quelle: Dirk Knofe

Es ist damit das größte Indiefestival des Ostens.

Jedes Rockfestival hat seinen eigenen Charakter. Das Highfield am Störmthaler See vermarktet sich seit diesem Jahr erfolgreich als "Kurzurlaub" unter den Festivals und erobert damit eine Marktlücke zwischen Wacken ("harter Rock im Kuhdorf") und Rock am Ring ("Riesenbandaufgebot auf der Rennstrecke"). Für diesen Festivaljahrgang wurde der Badestrand am Störmthaler See ausgeweitet, komplett mit Beachvolleyballfeldern, Cocktailhütte und Banana-Boatfahren. Für eine abwechslungsreiche Halbpension sorgt die neue Foodsharing-Station. Dort warten Zitronenlimonade, Bohneneintopf, Nudeln und Schokokekse darauf, gegen andere Lebensmittel getauscht zu werden. Im gleichen Zelt kann die Urlaubspostkarte (Festivalpost) verschickt werden. Wer seine Eindrücke mit der Masse teilen will, twittert an #highfield13. Tiefgreifende Botschaften wie "Männer! Tragt mehr Hasenkostüme!" werden in den Umbauphasen auf die Leinwand neben der Bühne projiziert. Das Animationsangebot besteht aus Bungee-Jumping, als Souvenir sind Band-Shirts sehr beliebt.

Das musikalische Unterhaltungsprogramm ist natürlich besonders aufwendig bei diesem All-Inclusive-Urlaub: Billy Talent, der erste Headliner des Festivals, legt am Freitagabend erst um Mitternacht los. Gleich der erste Song "Viking Death March" ist eine Kampfansage an jegliche Festivalmüdigkeit. Das Antidrogenlied "Fallen Leaves", das quirlige "Saint Veronika", die eindringliche Ballade "Surrender" und natürlich das Revolutionslied "Red Flag" - Wenn man all diese Radiotitel in einer Reihe hört, realisiert man erst richtig, wie erfolgreich die kanadische Band um den Sänger Benjamin Kowalewicz ist. Auf dem Highfield feiern die Musiker die Veröffentlichung ihres ersten Albums mit dem schlichten Titel "Billy Talent" vor zehn Jahren. Seitdem ist die Band zu einem Massenphänomen geworden, Kritiker belächeln die Kanadier als weichgespülte Punkrocker für Teenies. Beim Highfield ist davon nichts zu spüren, die Fans gebärden sich, als hätten sie den Teufel auf der Schulter, wie es in einem Lied der Band heißt.

Die deutschsprachige Punk-Ska-Band "Feine Sahne Fischfilet" ist der Höhepunkt des Samstagnachmittags: Die jungen Musiker aus Rostock und Greifswald verraten schon mit ihrem verrückt-genialen Namen ihre Herkunft aus dem Norden. Ihre Texte richten sich sehr deutlich gegen Nazis, alltäglichen Rassismus und das Versagen des Staates in der NSU-Affäre. Deshalb wurden die jungen Musiker absurderweise selbst schon mal in einem Bericht des Verfassungsschutzes erwähnt. Auch bei anderen Thematiken nimmt die Band kein Blatt vor den Mund: "Ich bin komplett im Arsch" handelt von dem Gefühl der Sinnlosigkeit, das sich beim Erwachsenwerden bisweilen einstellt. Gitarrist Christoph Sell alias "Tscherni” singt hier ausnahmsweise, seine raue Stimme bleibt noch lange im Ohr. Dieser Ska-Punk geht in die Beine - das Publikum hätte gern noch eine Zugabe gehabt. Doch der strenge Festivalzeitplan lässt keine Sonderaktionen zu.

Der Samstagabend ist reich an Kontrasten: Auf der Nebenbühne ziehen Pennywise ihre Hardcore-Symphonie mit Stimmen durch, denen man die durchzechte Nacht anhört, während nebenan Cro leicht konsumierbaren Deutschrock mit eingängigen Melodien ("Einmal um die Welt") spielt. Auffällig viele junge Fans mit Leuchtarmbändern strömen vom Campingplatz zu dem Internetstar mit der Pandamaske. Zur Geisterstunde präsentiert das Highfield wiederum zwei sehr unterschiedliche Bands: Bad Religion punkrocken sich die Seele aus dem Leib - unverständlicherweise auf der Nebenbühne.

Bei "Digital Boy", einer ironischen Ode an die Lebensunfähigkeit des Internetnerds, stehen auch die musikalischen Freunde von NOFX noch einmal mit auf der Bühne. Die Kollegialität der Bands untereinander ist ohnehin bemerkenswert, immer wieder werden Empfehlungen ans Publikum ausgesprochen, diese oder jene Gruppe nicht zu verpassen. Deichkind hingegen stehen für progressiven Hip Hop mit sozialkritischen Texten. "Bück dich hoch" etwa handelt von Speichelleckerei am Arbeitsplatz. Das Bühnenbild - eine Art aufgeklappte Sonnenbank - und die Glitzerkostüme sind skurril. Ein schräges Finale des zweiten Festivaltages.

Am Sonntagabend regieren Bands mit deutschsprachigen Texten die Bühnen: Thees Uhlmann bringt seine Band mit, Tocotronic fragt gewohnt melancholisch nach dem Sinn des Lebens, die "Madsen"-Brüder haben mit "Love is a Killer" das beste (Anti-)Liebeslied und mit "Nacktbaden" den Song zum Highfield-Thema im Gepäck. Frida Gold ist das Zugeständnis der Organisatoren an die Popfraktion unter den Festivalgängern. Die Ärzte spielen schließlich das Lied vom Ende dieses Ferientrips. Gitarrist und Sänger Farin Urlaub trägt das Motto dieses Festivals schon im Namen. Den wahren Abenteuertouristen stören auch die paar Regentropfen am Abend nicht.

Dieser Kurzurlaub glich bisweilen einer Safari, bei der sich exotische Kulturen hautnah erforschen ließen: Die Spezies der Festivalgänger fiel durch merkwürdige Zuckbewegungen vor der Bühne, eine Neigung zu kalten Ravioli aus der Dose und Erfindergeist auf. Letzerer richtete sich vor allem darauf, Tetrapacks so um den Körper zu schnüren, dass sie nicht beim Tanzen stören. Die spezifische Vegetation (plattgedrücktes Gras) sorgte für Wiedererkennungseffekt. Die Unterkunft im Zelt folgte dem Leitspruch "Zurück zur Natur". Die Duschen waren zwar nicht ensuite, dafür hatten die Urlauber mit dem Störmthaler See einen ganzen ehemaligen Tagebausee zur Verfügung, um den Festivalstaub abzuwaschen. Und die weiße Haut unter dem Festivalbändchen erinnert noch lange an diesen Kurzurlaub - im nächsten Jahr wird wieder gebucht.

Nina May

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Highfield Facts

Das nächste Highfield-Festival findet statt:
19. bis 21. August 2016
Störmthaler See
Großpösna/Leipzig

Alle Infos
www.highfield.de
www.facebook.de/highfieldfestival
Anreise: Alle wichtigen Infos gibt es hier! 

Highfield Tickets

Karten für das Highfield 2016 gibt es unter anderem im LVZ-Ticketshop.