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Hochwasser in Sachsen
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Ausharren auf Turnmatten: 700 Senioren in Leipzig müssen Altenheime verlassen

Ausharren auf Turnmatten: 700 Senioren in Leipzig müssen Altenheime verlassen

Neun Leipziger Altenheime wurden am Dienstagmorgen wegen des drohenden Hochwassers evakuiert. Knapp 700 Bewohner mussten in andere Einrichtungen umziehen. 39 Senioren aus dem Heim Am Stadtpalais wurden zwischenzeitlich in einer Turnhalle in Grünau einquartiert – mit nur zwei Toiletten.

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Vom Seniorenheim in die Turnhalle: Wegen des Hochwassers in Leipzig wurden mehrere hundert Rentner vorsoglich in Sicherheit gebracht.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. In einem Kreis sitzen die alten Leute in ihren Rollstühlen. Es wird wenig gesprochen, die meisten starren vor sich auf den orangefarbenen Fußboden, ein Mann tippt wild auf einem Ipad herum, unter einem Basketballkorb macht eine Frau ein Nickerchen. Seit dem frühen Dienstagmorgen müssen die Bewohner des Stadtpalais in der Turnhalle in der Miltitzer Allee in Grünau ausharren. Viele sind erschöpft von dem plötzlichen Umzug: Gegen fünf Uhr morgens holten Pfleger die Senioren aus ihren Betten und verfrachteten sie in Bussen in die Sporthalle. Ihre persönlichen Sachen mussten sie da lassen. So sah es der Notfallplan der Stadt vor.

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Leipzig. Neun Leipziger Altenheime wurden am Dienstagmorgen wegen des drohenden Hochwassers evakuiert. Knapp 700 Bewohner mussten in andere Einrichtungen umziehen. 39 Senioren aus dem Heim Am Stadtpalais wurden zwischenzeitlich in einer Turnhalle in Grünau einquartiert – mit nur zwei Toiletten. Die Rentner müssen dort unter einfachsten Bedingungen ausharren. Ein Vor-Ort-Bericht. 

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Altenheim vom Hochwasser bedroht

Das Stadtpalais am Clara-Zetkin-Park ist eine von insgesamt neun Pflegeeinrichtungen, die in Leipzigs so genanntem blauen Band liegen, in jener Gegend also, die von den Fluten betroffen sein könnte. „686 Menschen mussten ihre Zimmer verlassen“, erklärte Oberbürgermeister Burkhard Jung (SPD). „Einige mit der Pflegestufe drei.“ Dreieinhalb Stunden habe die Aktion gedauert, dann waren alle an sicheren Orten untergebracht.

Die Zimmer der Palais-Bewohner liegen zwar so hoch, dass sie nicht überschwemmt werden können. Doch der Zugang zum Haus könnte vom Wasser umspült werden. Dann wäre es nur schwer möglich, alle Rentner aus dem Haus zu holen. Vorsorglich hatte man deshalb alle 100 Bewohner evakuiert. Die meisten wurden auf andere Altenheime in der Stadt verteilt. 39 Menschen zogen zwischenzeitlich in die Sporthalle in Grünau um.

Ursprünglich sollten sie bis Freitag dort bleiben. „Aber das ist gar nicht möglich“, sagt Stefan Voigtländer. Der 33-Jährige ist eigentlich Heimleiter der Villa am Auensee, er kümmert sich nun aber um die Rettung der Stadtpalais-Senioren. Er hat für sie Frühstücksbrötchen geschmiert, mit ihnen ein bisschen Frühsport gemacht und später das Mittagessen – Nudeln mit Tomatensauce –verteilt. Die weißen Warmhaltebehälter stehen noch auf einem Tisch in der Ecke, Holzkisten mit Medikamenten stapeln sich daneben, an der Seite liegen ein paar Daunenkissen.

„Was wir im Krieg erlebt haben, war viel schlimmer“

Als eine Frau aufsteht, um auf die Toilette zu gehen, eilt eine Pflegerin herbei. „Nicht allein“, ruft sie und begleitet die Dame. Zwei WCs und zwei Waschbecken müssen sich die 39 Heimbewohner teilen. Behindertengerecht sind die nicht. Eine Herausforderung für Senioren und Pfleger. Zum Beispiel für Liane Vogel. Die 84-Jährige hatte vor Kurzem eine Wirbelsäulenoperation. „Ich bin auf der Toilette auf Haltegriffe angewiesen, die hatte ich hier nicht“, sagt die Seniorin, die den Umzug ansonsten gelassen nimmt. Angst haben sie und ihr Mann nicht, betont sie. „Was wir im Krieg erlebt haben, das war doch viel, viel schlimmer.“

Manfred Pinnau und seine Frau Hedwig beschreiben die Evakuierung als sehr aufregend. „Wir haben fast gar nicht geschlafen“, sagt der 75-Jährige. Eine halbe Stunde habe er sich noch mal auf eine der schwarzen Pritschen gelegt. Jetzt sitzt er neben seiner Frau auf einem Stuhl und wartet auf den Nachmittagskaffee.

Stefan Voigtländer ist froh, dass die Heimbewohner so gelassen auf die Notsituation reagieren. „Ich hatte mit Tränen gerechnet, aber die Leute sind ganz tapfer.“ Übernachten müssen die Rentner in der Turnhalle nicht. Noch am Nachmittag wurden sie in das hochwassersichere Seniorenheim am Kirschberg gebracht und dort auf die Zimmer aufgeteilt. Einige müssen wohl im Speisesaal schlafen.

„Die hygienischen Bedingungen sind dort einfach besser“, sagt Voigtländer. „Ich hoffe, dass das Drama am Freitag wieder vorbei ist.“ Die 84-jährige Liane Vogel freut sich jedenfalls, die Turnhalle bald wieder verlassen zu können – und dann endlich heiß zu duschen.

Gina Apitz

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