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Hochwasser in Sachsen
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OBM Jung will SMS-Warn-System und Wege an allen Leipziger Deichen

OBM Jung will SMS-Warn-System und Wege an allen Leipziger Deichen

Inwieweit hat sich Leipzigs Hochwasserschutzkonzept bewährt? Was hat nicht geklappt? Burkhard Jung (SPD) zieht im LVZ-Interview Bilanz. Der Oberbürgermeister fordert Abstriche beim Umweltschutz, Zuwege an allen Deichen der Stadt sowie ein SMS-Warn-System für Anwohner im "Blauen Band".

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Oberbürgermeister Burkhard Jung im Einsatz am Elsterflutbett.

Quelle: Matthias Hasberg

Frage:

Herr Oberbürgermeister, wie geht es Ihnen nach diesen Tagen?

Burkhard Jung:

Heute bin ich wieder entspannt. Am Montag hatte ich wirklich große Sorgen; wir haben die Situation sehr ernst genommen. Eine solche Wassermasse hat Leipzig nach unserer Kenntnis noch nie gesehen. Das Hochwasser von 1954 hatte zwar schlimmere Folgen, aber es war trotzdem weniger Wasser als dieses Mal.

Die Hilfsbereitschaft war riesig...

Ich möchte mich ausdrücklich bei allen Helferinnen und Helfern bedanken. Es war ein wirkliches Geschenk, dass wir über Facebook in kürzester Zeit so viele Helfer aktivieren konnten. Zu erleben, dass sich spontan so viele Menschen nachts finden lassen, die helfen, ist einmalig. Am Montag waren innerhalb von zwei Stunden 400 Leute, später über 1000 beim Säcke füllen. Es gab eine enorme Einsatzbereitschaft in der Bevölkerung und ein hervorragendes Miteinander von Freiwilligen, Feuerwehr, Bundeswehr, Technischem Hilfswerk und anderen Hilfsorganisationen. Vom Ordnungsamt und anderen Ämtern sind jeden Tag 150 Deichläufer im Einsatz; das Sozialamt hat die Evakuierung von 686 Alten und Hilfebedürftigen organisiert, Veterinäramt, Gesundheitsamt, Amt für Jugend, Familie und Bildung sowie das Sportamt waren ebenfalls im Dauereinsatz. Unter dem Strich hatten wir fast immer mehr als 1000 Mitarbeiter im Einsatz. Am Bürgertelefon gab es in einer Nacht oft mehrere hundert Anrufer.

Wo brennt es noch?

Leipzig südlich des Schleußiger Wegs, Süd-Schleußig und Teile Großzschochers sind nach wie vor Katastrophengebiet. An der Brückenstraße haben wir noch ein Problem im Bereich des östlichen Damms entlang des oberen Elsterflutbetts. Dort müssten wir ran, es gibt aber keinen Zuweg.

Kommen Sie da nicht mit dem Hubschrauber der Bundeswehr ran?

Die Bundeswehr ist abgezogen - in die akuten Krisengebiete.

Was würde passieren, wenn der erwähnte östliche Damm bricht?

Es würde Wasser aus der Weißen Elster in den Cospudener See laufen. Viel mehr nicht. Wir haben insgesamt eine entspanntere Situation. Alle Kinder nördlich des Schleußiger Wegs können ihre Kitas und Schulen wieder besuchen. Ältere und Hilfebedürftige können schrittweise in ihre Heime zurückkehren. In Mitte und Nord sieht es gut aus, da ist die Situation stabil. Allerdings müssen wir dennoch die Relationen sehen: Normalerweise haben wir an der Weißen Elster einen Durchfluss von 15 Kubikmeter pro Sekunde. Jetzt, wo wir von Entspannung reden, haben wir immer noch 300.

Gibt es schon Schätzungen zu Schäden?

Ich habe die Ermittlung in Auftrag gegeben. Größere Schäden konnte ich bislang nicht ausmachen. Aber natürlich gibt es Betroffene - Schlobachshof zum Beispiel, den Reiterhof Knauthain, Kleingärten und sicher auch einige Keller.

Können Sie Betroffenen helfen?

Bund und Land haben unbürokratische Hilfen angekündigt. Die Stadt selbst kann vermitteln, aber keine Finanzhilfen bereitstellen. Was wir genau leisten können, können wir erst in ein paar Tagen sagen.

Welche Kosten kommen auf die Stadt zu?

Ich hoffe, dass wir eine Regelung finden, die insbesondere die Hilfe der Bundeswehr kostenfrei stellt, für die Geräte und auch für den Hubschrauber.

Es gab in der Vergangenheit viel Kritik am Hochwasserschutz-Konzept. Unter anderem wurden Baumfällungen oder andere Bauarbeiten an den Deichen von Umweltschützern kritisiert. Es muss erst Katastrophenalarm herrschen, damit Sie einen Notweg bauen können, um den Damm zu stabilisieren...

Ja - und genau das kann nicht sein. Wir brauchen entlang aller Deiche 3,50 bis vier Meter breite Wege, die auch mit schwerem Gerät befahrbar sind. Umweltschutz ist mit dem Menschenschutz in Einklang zu bringen. Da müssen wir uns auch noch einmal über die Landesgesetzgebung unterhalten. Ich werde das Thema im Sächsischen Städte- und Gemeindetag einbringen. Wir brauchen eine Initiative für schnellere und unbürokratische Wege zu einem verbesserten Flutschutz. Die Regelungen in den europäischen FFH-Schutzgebieten (Flora-Fauna-Habitat) sind zu scharf. Ich habe keine Lust mehr, über Bäume oder Zuwege zu Deichen zu diskutieren. Haben Sie auf einem Nordsee-Deich schon mal einen Baum stehen sehen?

Diese Flut bestätigt uns in unserem Hochwasserschutzkonzept. Wenn wir dieses Wasser 2002 bekommen hätten, wäre das für uns nicht so glimpflich ausgegangen. Und wäre der Luppedamm im Zustand von vor zwei Jahren gewesen, hätten wir auch eine Katastrophe gehabt. Der Hochwasserschutz hat sich deutlich verbessert: das Einlaufbauwerk Zitzschen, Luppedamm, Elsterflutbett, mehrere Deichverstärkungen und Befestigungen, das Nahle-Wehr. Der Zwenkauer See wird auch weiterhin eine wichtige Rolle spielen.

Wo gab es Schwachstellen, wo muss nachgebessert werden?

Da sind wir wieder beim Umweltschutz: Die Landestalsperrenverwaltung darf das Gras auf dem Deich an der Brückenstraße erst ab Juli mähen. Die Deichläufer standen dort knietief im Gras - mögliche Sickerstellen sind da schwer zu sehen. Der Dammbereich, den wir gerade verteidigen, also der Bereich von der Brückenstraße bis zur Ritter-Pflug-Straße, ist von 1972, der muss ertüchtigt werden. Im Stadtgebiet sehe ich sonst keine großen Schwachstellen.

Insgesamt muss man sagen: In der Krise und im Miteinander sind wir stark. Wir werden weitere Entlastungen bekommen, wenn wir den Gewässerverbund ausbauen. Durch den naturnahen Ausbau des alten Luppebettes entstehen Auslaufmöglichkeiten. An der Arena entsteht ein neuer Entlastungsarm für die Weiße Elster.

Gibt es Potenzial zur Verbesserung des Katastrophenschutzes?

Für die Menschen im gefährdeten Bereich, dem "Blauen Band", stelle ich mir ein SMS-Benachrichtigungssystem für Notfälle vor. In anderen Städten gibt es so etwas schon. Ich habe einen Auftrag zur Prüfung dieses Konzeptes ausgelöst; das Ganze ist technisch allerdings sehr anspruchsvoll und nicht von heute auf morgen umsetzbar. Und es funktioniert nur für diejenigen Bürger, die zustimmen, weil der Datenschutz zu beachten ist.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 06.06.2013

Meine, Björn

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