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Hochwasser in Sachsen
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Spektakuläre Aktion am Palmengartenwehr: Rettungsseil geborgen - aber nur noch Schrott

Spektakuläre Aktion am Palmengartenwehr: Rettungsseil geborgen - aber nur noch Schrott

Eine spektakuläre Bergungsaktion für das gerissene Sicherheitsseil ist am Donnerstagmorgen am Palmengartenwehr gelaufen. Rund 40 Einsatzkräfte von Deutscher Lebensrettungsgesellschaft (DLRG), Leipziger Feuerwehr und Technischem Hilfswerk (THW) haben alles aufgeboten, um von einem 190-PS-Boot aus das Seil aus der technischen Anlage zu lösen.

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Höhenretter Tim Rasser (30) von der Feuerwehr befestigt eine Boje an dem gerissenen Rettungsseil.

Quelle: Evelyn ter Vehn

Leipzig. Halsbrecherische Manöver waren nötig, und Rückschläge machten die Aktion zum Geduldsspiel.

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Leipzig. Die Konstruktion des Warnkugel-Sicherungsseils am Palmengartenwehr soll so geändert werden, dass sie auch bei Hochwasser Stand halten kann. Das teilte die Stadt Leipzig auf Anfrage von LVZ-Online mit. Das Stahlseil mit seinen Rettungsschaukeln wurde während der Flut zerstört und musste aufwändig geborgen werden. Bis das neue Seil kommt, sollen Paddler am Wehr extrem vorsichtig sein, um nicht in die Strömung zu geraten.

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Der Wasserspiegel ist stark abgesenkt, die Strömung immer noch enorm. Um 9.45 Uhr gibt DLRG-Einsatzleiter Thomas Naumann das Signal: An der Sachsenbrücke kann per Kranwagen das Boot zu Wasser gelassen werden. Die Drei-Mann-Besatzung mit Jens Grube, Lars Wolf und Thomas Gloger hat ein riskantes Manöver vor sich. "Wir wissen nicht, ob sich das Rettungsseil um den Brückenpfeiler geschlungen hat, oder durch die Walze in das Elsterbecken durchhängt", erklärt Feuerwehrsprecher Joachim Petrasch. Wird das Seil nicht entfernt, kann das Wehr nicht geschlossen werden, ohne Schäden an der Anlage zu riskieren.

Das Boot wird an Führungsseile gehängt, von Feuerwehr und THW an beiden Seiten des Ufers gesichert. "Das soll verhindern, dass das DLRG-Boot bei der Aktion ins Wehr rutscht", so Petrasch weiter. Ein Zugseil für die spätere Sicherung des Seilsystems führt zu der Winde eines Feuerwehrfahrzeugs. Aber erstmal werden Männer der Höhenrettung mit einer Teleskopmastbühne über dem Wasserspiegel abgesenkt.

Kopfüber hängend am Seil

Ein halsbrecherischer Akt folgt: Tim Rasser (30) steigt aus dem Korb, lässt sich mit den Füßen voran am Brückenpfeiler herab und arbeitet zum Teil kopfüber, um einen leeren Kanister als Boje an dem rund 60 Meter langen Seilsystem samt Rettungsschaukeln anzubringen. "In fünf Minuten kommt unser Boot", erfährt der Einsatzleiter des DLRG.

Die Stahl-Führungsseile, für das Boot sind Spezialanfertigungen, 50 Meter lang und mit einem Durchmesser von 16 Millimetern. "Die wurden gestern geliefert, sonst hätten wir heute hier nicht anfangen können", erklärt Peter Heitmann, stellvertretender Feuerwehrchef. Sicherheit geht vor, überlebensnotwendig für die DLRG-Mannschaft, die an diesem Donnerstag zum Einsatz kommt. Um 10.30 Uhr ist die Boje an dem im Wehr verfangenen Seilsystem angehängt.

Das Boot startet vom Ostufer des Flutbetts, scheint mit immer wieder aufheulendem Motor das Verhalten in der Strömung zu testen.

Rauf und runter mit dem Wasserpegel

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Die DLRG hat die Einsatzleitung am Palmengartenwehr. Vom Boot aus soll das Seil gesichert und dann geborgen werden.

Quelle: Dirk Knofe

Schon am frühen Morgen hatte die Flussmeisterei Leipzig den Wasserspiegel erheblich abgesenkt, "zur Vorbereitung der Aktion", erklärt Jens Knaust, stellvertretender Flussmeister. Jetzt sind die Strömungsverhältnisse für das Boot ungünstig. Deshalb entscheidet die DLRG in Abstimmung mit der Landestalsperrenverwaltung, den Wasserstand zu erhöhen. Vor dem Wehr wird eingestaut. "Wir können die Walzen bewegen, aber nicht schließen, solange das Seil in den Walzen hängt", so Knaust. Gegen 11 Uhr sind die gewaltigen Sedimentablagerungen am Westufer des Flutbetts, die morgens aus dem Wasser ragten, kaum noch zu sehen.

Wenn die Verhältnisse optimal sind, soll das Boot an den Seilen mit dem Heck zum Wehr an die Einsatzstelle herangelassen werden. Noch ist unklar, ob der Plan so funktionieren wird. An der Brücke steht DLRG-Mann Christian Berger (29) und hofft, dass er nicht ins Wasser muss: Er soll die Aktion absichern. "Wenn hier am Wehr einer ins Wasser fällt, werde ich an der anderen Seite wieder herausziehen", erklärt er. Später wird er einen Einsatz bekommen.

Um 11.20 Uhr steigen die Höhenretter wieder in ihre Tribüne, die über dem Wehr ausgefahren wird. Bretter, Baumstümpfe und ein Mickey-Mouse-Ball werden angeschwemmt. Ein Baumstamm macht den Feuerwehrleuten Sorgen. Er liegt schon seit einiger Zeit an der Klingerbrücke. "Nicht, dass der das Boot überholt", heißt es. Kurze Zeit danach Entwarnung, um den Baum kann man sich später kümmern.

Über Funk ein Zeichen: "Jetzt geht's gleich los." Dann schiebt sich das Motorboot mit dem Heck voran Richtung Wehr. Das geht nur zentimeterweise, der Motor arbeitet, erstirbt. Gespräche über Funk - so scheint es nicht zu laufen. Die beiden Sicherungsseile und das Zugseil sind zu schwer. DLRG und Feuerwehr entschließen sich, ein Seil zu lösen und mit Bojen zu sichern.

Seil hängt am Haken

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Die DLRG-Männer müssen das gerissene Rettungsseil packen und an einem Zugseil befestigen. Gefährlich, denn das Boot darf nicht in die Wehranlage rutschen.

Quelle: Dirk Knofe

Das funktioniert. Vorsichtig manövriert das Boot zum Brückenpfeiler, wird mit Seilen von Männern der DLRG und Feuerwehr gesichert. Am Heck des Bootes befindet sich eine Art Ausleger aus Paletten. Von der Bootsbesatzung klettert ein Mann dort hinauf, wird gehalten und kann mit einem Stab und Haken Riemen an dem rund 150 Kilogramm schweren Seilsystem befestigen. Geschafft! Von Jubel keine Spur am Ufer, weiter gespannte Erwartung. Doch das DLRG-Boot zieht sich zurück.

Um 13.07 Uhr heißt es: Alle die Brücke verlassen! In der vergangenen Stunde sind mit unglaublichem Getöse weitere Wassermassen durchs Wehr gerauscht. Wieder wurde der Wasserspiegel gesenkt, damit die Winde das Seilsystem leichter aus dem Flutbett ziehen kann. „Aber wenn das reißt, kann es wie eine Peitsche über die Brücke fegen“, erklärt Joachim Petrasch. Dann zeigen zwei gelbe Bojen und der blaue Kanister an, wie sich das Seil langsam Richtung Ufer bewegt. Die Sache scheint ausgestanden.

13.51 Uhr: Alles auf Anfang

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Solange das Seil nicht geborgen ist, kann das Wehr nicht geschlossen werden.

Quelle: Evelyn ter Vehn

Bis die Sollbruchstelle reißt, sechs Tonnen Zugkraft war einfach zu viel. Erneut besteht die Gefahr, dass das Seil ins Wehr zurückgetragen wird. 13.51 Uhr: Alles auf Anfang. Das Boot fährt abermals ans Ostufer, dorthin, wo die Winde irgendwann das Seil aus dem Wasser ziehen soll. Die Männer sind sich sicher: Das Ding liegt noch dort im Flachwasser, kann mit ein wenig Mut geborgen werden. Christian Berger bekommt seinen Einsatz.

Mehrfach gesichert watet er über dicke, schwarze Ablagerungen, die die Einmündung zum Elstermühlgraben aufpolstern. Immer wieder sinkt er knietief ein. Um 14.15 Uhr ist er am Ziel, steckt die Hand ins Wasser und zieht das Ende der Seilsystems heraus. Die Kollegen rufen: „Bleib stehen!“

Die DLRG-Einsatztaucher Mike Strauß (29) und Steffen Seidel (48) waten mit Seilen und Karabinern zur Seilfundstelle. Um 14.36 Uhr erscheint das erste, vorsichtige Lächeln des Tages auf dem Gesicht von DLRG-Einsatzleiter Thomas Naumann. Die Sonne brennt, seit dem Morgen sind die Männer und Frauen im Einsatz. „Ein Vorbild für die fachdienstübergreifende Zusammenarbeit“, sagt Mathias Bessel von der Feuerwehr Leipzig. Jetzt, in diesem Moment am Nachmittag, will niemand den Erfolg mehr aus der Hand geben.

Die Winde arbeitet, und bald tauchen die ersten schlammverdreckten Rettungsschaukeln auf dem Rasen auf. Es sieht nicht so aus, als könnte es noch mal irgendwie gebraucht werden. Für rund 30.000 Euro hatte die Stadt Leipzig das Seilsystem anfertigen und montieren lassen. Zehn Minuten später ist das Stück geborgen, das am Wehr unabsehbaren Schaden hätte anrichten können. Für die Bergungsmannschaft ist das ein guter Tag.

Evelyn ter Vehn

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