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Hochwasser in Sachsen
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"Rothensee läuft voll wie eine Badewanne" - 23.000 Magdeburger müssen Häuser verlassen

"Rothensee läuft voll wie eine Badewanne" - 23.000 Magdeburger müssen Häuser verlassen

Magdeburg ist im Ausnahmezustand - viele Straßen sind gesperrt, das Hochwasser der Elbe bahnt sich seinen Weg in die Stadt. Besonders betroffen ist der Stadtteil Rothensee, bekannt vor allem durch den Binnenhafen und viele Industriebetriebe.

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Soldaten der Bundeswehr im Einsatz in Magdeburg.

Quelle: dpa

Magdeburg. Von den 3000 Einwohnern haben die meisten ihre Häuser bereits verlassen. Am Sonntagnachmittag sollten ihnen weitere 15 000 bis 23 000 Bewohner in östlichen Stadtteilen Magdeburgs folgen. Der Katastrophenstab der Stadt entschied sich zur Räumung, weil der Hochwasserscheitel dort auf 40 Kilometern Länge mehrere Tage gegen die Deiche drücken wird. Bundesverteidigungsminister Thomas de Maizière (CDU) machte sich am späten Nachmittag in Rothensee ein eigenes Bild von der Lage.

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Magdeburg. Magdeburg ist im Ausnahmezustand - viele Straßen sind gesperrt, das Hochwasser der Elbe bahnt sich seinen Weg in die Stadt. Besonders betroffen ist der Stadtteil Rothensee, bekannt vor allem durch den Binnenhafen und viele Industriebetriebe. Von den 3000 Einwohnern haben die meisten ihre Häuser bereits verlassen. Am Sonntagnachmittag sollten ihnen weitere 15 000 bis 23 000 Bewohner in östlichen Stadtteilen Magdeburgs folgen.

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„Rothensee läuft voll wie eine Badewanne - das Wasser hat teils eine Strömung von 20 Stundenkilometern“, sagt Bundeswehrsprecher Andrè Sabzog am Sonntag. Kurz vor Ankunft des Ministers schwappte erneut eine größere Wassermasse über die Ufer und ließ den Wasserspiegel auf den Straßen in Rothensee erneut steigen.

Bundeswehr versucht Umspannwerk am Laufen zu halten

Wichtigster Punkt in Rothensee ist das Umspannwerk. Muss das Werk abgestellt werden, geht laut Sabzog in 30 000 Haushalten im Norden der Stadt das Licht aus. Soldaten und Helfer von THW, DLRG und der Feuerwehr stehen teils bis zum Bauchnabel im Wasser und wuchten Sandsäcke. Zwei Dämme sind angelegt, einer zieht sich direkt um das Gebäude, der andere hält die Wassermengen oben an der Straße zurück. Niemand wagt eine Prognose, ob und wie lange das Umspannwerk noch zu halten ist. Es liegt deutlich tiefer als die Straße. Wenn der Sandsack-Damm an irgendeiner Stelle bricht, muss der Strom wohl sofort abgestellt werden.

„Ich bin stolz und voller Bewunderung“, sagte de Maizière zu den Soldaten, die das Umspannwerk sichern. Zur Drohnen-Affäre, die für ihn politisch immer bedrohlicher wird, wollte er sich nicht äußern.

Am Rande des Ministerbesuchs machten einige Bürger ihrem Ärger über die Flutkathasstrophe Luft, der gilt allerdings dem Magdeburger Oberbürgermeister Lutz Trümper (SPD): „Und was macht der Bürgermeister? Wir saufen hier ab“, rief ein aufgebrachter Mann.

Der blaue Sommerhimmel steht im harten Kontrast zu den Szenen:

Bundeswehrsoldaten legen sich erschöpft an den Straßenrand zum Schlafen. Überall parken Transportpanzer, Geländefahrzeuge, Löschzüge der verschiedensten Rettungseinheiten. Gelegentlich kreisen Hubschrauber, ständig ist ein Martinshorn zu hören. Schwere Lastwagen bringen unentwegt neue Sandsäcke und Bigpacks.

Sabzog erzählt auch von anrührenden Szenen: „Am Abend haben wir ein älteres Pärchen mit Schäferhund mit einem Transportpanzer von ihrem tiefer liegenden Grundstück geholt. Die beiden haben sich anschließend umarmt.“ Bei einer anderen etwa 70 Jahre alten Frau habe er miterlebt, wie der Keller innerhalb von sieben Minuten volllief.

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Helfer des Technischen Hilfswerks schichten im Ortsteil Rothensee in Magdeburg Sandsäcke auf.

Quelle: Jens Büttner

Bei einer Notabschaltung des Umspannwerks könnten auch viele der Pumpen ausfallen, die pausenlos durchsickerndes Wasser hinter den Deichen in die Elbe zurückpumpen. Auch wenn Bundeswehr und andere Hilfsorganisationen eigene Stromversorger dabei haben, hätte ein Stromausfall fatale Folgen für die Stadt.

Für die Bundeswehr ist Sachsen-Anhalt an diesem Wochenende das Schwerpunktland. 9200 Soldaten waren am Sonntag in Sachsen-Anhalt im Einsatz. Allein 1400 davon waren in Magdeburg aktiv.

Am Samstag hatten viele Bewohner noch abgelehnt, den Stadtteil Rothensee zu verlassen. „Wir bleiben hier, hundert Prozent“, meint etwa Jürgen Sterzing. Er ist sauer, vor allem auf Oberbürgermeister Trümper. „Vor zwei Tagen hat er noch gesagt, Magdeburg ist sicher“, schimpft auch Wolf Thiele auf Trümper. Der hätte die Bürger eher warnen müssen, meint Thiele. Doch eine Vorhersage scheint schwierig, die prognostizerten Pegelstände mussten in den vergangenen Tagen immer wieder korrigiert werden.

Lage in Sachsen entspannt sich trotz Unwetters

Die Hochwassersituation in Sachsen war am Sonntag trotz leicht sinkender Pegelstände weiterhin angespannt. Der Druck auf die Deiche ist vielerorts immer noch gewaltig. Im Freistaat gab es Unwetter mit kräftigen Regengüssen. Einzelne Flüsse schwollen in kurzer Zeit enorm an. Auf die Elbe soll der starke Regen jedoch nach Angaben des Umweltministeriums keine gravierenden Folgen haben.

„Die Bundeswehr hatte eigentlich schon geplant, Kräfte mit dem Fluss weiter nordwärts zu verlegen. Das ist jetzt noch mal in einer kritischen Überprüfung“, sagte Sachsens Innenminister Markus Ulbig (CDU) zu den Auswirkungen der Unwetter. In einigen Regionen musste Katastrophenalarm ausgelöst werden. Der Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge meldete überschwemmte Straßen und abgerutschte Hänge. Laut Prognose soll sich die Wetterlage erst im Laufe des Montags beruhigen.

In der Elbe bei Pirna wurde ein lebloser Körper entdeckt. Mit großer Wahrscheinlichkeit handle es sich um einen 74 Jahre alten Bewohner eines nahen Seniorenheimes, teilte das sächsische Innenministerium am Sonntag mit. Demnach war die Leiche bereits am Samstagmittag gefunden worden. Ob der Mann im Wasser ertrunken sei, werde noch ermittelt. Der 74-Jährige soll an Demenz erkrankt gewesen sein und zuvor angedeutet haben, im Hochwasser helfen zu wollen.

Gauck ruft Bürger zum Spenden auf

Bundespräsident Joachim Gauck rief bei einem Besuch in Meißen zu Spenden auf. Er zeigte sich von der Hilfsbereitschaft in den Flutgebieten beeindruckt. Es sei schon erschreckend, wenn man mit dem Hubschrauber über die Hochwasserregionen fliege, sagte er. Er habe aber kein Zittern und Zagen erlebt, sondern gefasste Flutopfer und total motivierte Helfer.

Unterdessen teilte das Landeshochwasserzentrum mit, der Wasserstand der Elbe in Sachsen falle schneller als erwartet. Tschechische Behörden hätten ihre Prognose für den Pegel Usti um 80 Zentimeter nach unten korrigiert. Am Montag würden dort nun 7,05 Meter statt 7,85 Meter erwartet.

Am Pegel Schöna (Landkreis Sächsische Schweiz-Osterzgebirge) könnte daher bereits am Sonntagabend die Marke von 7,50 Meter unterschritten werden. Sie ist der Richtwert für die höchste Alarmstufe 4. In Dresden wird laut Prognose der Richtwert von 7,00 Metern in der Nacht zum Montag geknackt. Normalerweise hat die Elbe an beiden Pegeln eine Tiefe von rund 2,00 Metern.

Anita Pöhlig, dpa

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