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Hochwasser in Sachsen
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"In Grimma haben uns einzelne Stammeskrieger aufgehalten" - Axel Bobbe im Interview

"In Grimma haben uns einzelne Stammeskrieger aufgehalten" - Axel Bobbe im Interview

In Eilenburg hat vor der Flut alles gepasst - in Grimma nicht. Das sagt Axel Bobbe, der Herr über die Wasseranlagen im Direktionsbezirk Leipzig. Der 52-Jährige stand in den vergangenen beiden Wochen im Brennpunkt des Geschehens.

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Axel Bobbe

Quelle: Christian Nitsche

Leipzig. Warum der Schutz vor dem reißenden Wasser unterschiedlich ausgeprägt ist, erklärt er im Interview.

Frage:

Die Flut ist, zumindest in Sachsen, abgelaufen. Was ist für Sie der größte Unterschied zu 2002 gewesen?

Axel Bobbe:

Es gab erhebliche Unterschiede. Zum ersten: Wir waren personell viel besser aufgestellt, allein in meinem Bereich haben wir inzwischen fast die doppelte Mannschaftsstärke an Deck. Damit konnten wir viel besser reagieren. Zum zweiten: Die Vorwarnsysteme haben viel besser funktioniert als 2002, was auch auf die Prognosen des Wetterdienstes und des Hochwasserdienstes zutrifft. Insgesamt gab es viel weniger Schwierigkeiten bei der Zusammenarbeit unter den Katastrophenstäben.

Es gab aber mehr Wasser als vor elf Jahren?

Insgesamt: Ja. An der Elbe ist es etwas weniger gewesen als 2002, an der Mulde war es ähnlich wie 2002. Damals hatten wir an der Mulde ein 200-jähriges Ereignis, diesmal ein 150-jähriges Ereignis. In Leipzig war es völlig anders: Damals gab es so gut wie kein Hochwasser, jetzt ist es mehr als ein 150-jähriges gewesen. Das liegt daran, dass das Niederschlagsgebiet mehr im Vogtland, im Flussgebiet der Weißen Elster lag. Insofern: Man kann kein Hochwasser mit dem anderen vergleichen, die Abläufe ähneln sich aber sehr.

In Sachsen ist seit 2002 viel investiert worden. Dennoch standen etliche Städte wieder unter Wasser. Konnten Sie die nicht schützen?

Das liegt daran, dass wir mit vielen Schutzprojekten noch nicht fertig gewesen sind. Man muss Regionen oder Ortschaften als Ganzes betrachten. Wenn dort der Hochwasserschutz - und dabei spreche ich nicht nur von einer Mauer -  nicht komplett umgesetzt ist, bedeuten die Lücken: Das Wasser kommt rein. Nehmen Sie das Beispiel Eilenburg: Hier hat alles gepasst. Wir haben im innerstädtischen Bereich, wo kein Platz ist, Mauern gebaut, nördlich der Stadt haben wir eine gigantische Deich-Rückverlegung umgesetzt, bei der der Mulde mehrere hundert Hektar gegeben wurden. Damit konnten sich die Wasserspiegel schnell senken. Zum Beipsiel auch am Zusammenfluss von Zwickauer und Freiberger Mulde, im Bereich Sermuth und Erlln. Die Orte wurden zwar vorsorglich evakuiert, aber die Menschen konnten am nächsten Tag wieder nach Hause, und das ohne nasse Füße.

Weshalb ist es in Leipzig zu einer solchen  Ausnahmesituation gekommen?

Hier hatten wir 2011 ein „Übungshochwasser“. Wenn wir die Deiche nördlich von Leipzig seitdem nicht instand gesetzt hätten, wäre viel Schlimmes passiert. Doch diesmal hat kein Deich gewackelt.

Bei ihnen klingt an: Hochwasserschutz funktioniert nur, wo er auch umgesetzt werden kann. Hadern Sie mit den vielen Einsprüchen, die es bei Ihren Vorhaben gibt?

Was heißt hadern? Natürlich soll jeder Bürger mitreden und jeder Naturschützer seine Eidechse oder seine Gräser hochhalten dürfen - aber an einem bestimmten Punkt muss entschieden werden, was wichtiger ist: Das Gemeinwohl oder die Interessen von Einzelnen. Es muss eine Abwägung stattfinden, um die Planverfahren zu beschleunigen. Die Praxis der vergangenen Jahre sieht so aus, dass wir uns in Endlos-Diskussionen verfangen. Ich musste beispielsweise x-mal Kartierungen neu anfertigen, nur weil meine Leute nicht die Gräser gefunden hatten, die angeblich an einer betreffenden Stelle schützenswert sein sollen. Damit werden Projekte unnötig verzögert - und das Elend der Menschen im Flutfall in Kauf genommen. Bis überhaupt ein Antrag überhaupt gestellt werden darf, vergehen nicht selten vier bis fünf Jahre.

Hätte dann auch Grimma gerettet werden können?

Grimma ist ein sehr anspruchsvolles Projekt. Das kostet insgesamt 40 Millionen Euro, 20 sind momentan ausgegeben. Hier haben wir das Problem, dass einzelne Stammeskrieger - Denkmalschützer und Privatleute, die sich gestört fühlten - uns mindestens zwei bis drei Jahre aufgehalten haben. Möglicherweise wären wir heute schon fertig, hätte es diese nicht gegeben.

Luftbilder aus Grimma

Es wird wieder diskutiert, dass Flüsse mehr Raum brauchen, allein schon wegen der in den nächsten Jahren steigenden Regenmengen.

Zweifelsohne brauchen Flüsse mehr Raum - aber differenziert. Es gibt grüne Fundamentalisten, die meinen, die Flüsse würden schon mehr Raum für Hochwasser, die jedes oder alle zwei Jahre kommen, brauchen. Das sehe ich nicht so. Wir haben für die Elbe im Jahr 2004 ein Konzept auf den Tisch gelegt bekommen, das vorsah, dass 2500 Hektar landwirtschaftliche Fläche als Auen- und Flutungsflächen dienen sollen. Können Sie sich vorstellen, wie viele Agrarbetriebe dadurch kaputt gegangen wären? Wir haben drei Jahre lang ein alternatives Konzept entwickelt. das sieht vor, die Deiche instand zu setzen und Flut-Polder zu bauen, die bei großen Hochwassern geöffnet werden. Allein die fünf Polder kosten 200 bis 300 Millionen Euro. Das ist eine  Menge Geld. Doch damit könnten wir die Pegel an der Landesgrenze aber 30 bis 40 Zentimeter senken.

Wurde in den vergangenen Jahren zu langsam saniert? Hätte es mehr Geld gebraucht?

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Rettungskräfte bringen in Grimma Einwohner in Sicherheit.

Quelle: dpa

Ganz klar: Nein. Im Großraum Leipzig, zwischen Elbe und Weißer Elster, wurden seit 2002 jedes Jahr 60 bis 70 Millionen Euro in den Hochwasserschutz investiert. Das ist eine riesengroße Summe, die auch nicht gekürzt wurde, als am sächsischen Haushalt gespart werden musste. Die Mittel bis 2018 sind uns zugesichert. Doch dann sind wir noch lange nicht fertig. Wir sind wesentlich schneller als in den alten Bundesländern, trotz vieler Widerstände, auf die wir stoßen. 

Ist in anderen Bundesländern zu wenig passiert?

Ich weiß, dass die Sachsen-Anhalter auch sehr viel investiert haben. Bestimmt genau so viel wie wir.

Woran liegt es aber, dass einiges doch nicht so funktioniert hat, wie es sein sollte? Arglosigkeit? Sieht man die Gefahr nicht mehr, wenn die Flut erst einmal weg ist?

Ganz bestimmt. Es gibt Psychologen, die sagen, dass der Mensch schlimme Situationen nach sieben Jahren vergisst. Das haben wir tatsächlich gespürt. Als wir kurz nach 2002 zu den Menschen gegangen sind, und beispielsweise Teile von Grundstücken für den Hochwasserschutz haben wollten, wurde zugestimmt - das hat sich aber mit den Jahren geändert. Jetzt haben plötzlich wieder alle Verständnis.

Sie sind auch in verschiedenen Krisenstäben gewesen. Nach der Flut wird nun diskutiert, ob es strengere Regelungen geben muss, um Orte zu evakuieren. Immerhin sind viele Menschen in ihren Häusern geblieben.

Kein Landrat oder Bürgermeister macht sich eine solche Entscheidung leicht.  Sie müssen sich ja auch mal die Ausnahmesituation vergegenwärtigen. Deshalb sollte man jetzt, im Nachgang, nicht nachtreten. In Torgau hatten wir beispielsweise das Problem, dass niemand wusste, wie lange der Deich bei Zewthau noch hält. Allen Helfern war dort klar: Es kann böse ausgehen. Diese Leute haben mit ihrem Leben gespielt, um andere Menschen zu retten. Deshalb: Lieber eine rechtzeitige Evakuierung zu viel, als die Menschen im Glauben zu lassen, dass es gut geht - und dann müssen die Einwohner mit dem Hubschrauber ausgeflogen werden.

In Österreich gibt es strikte Anweisungen.

Diese Regelungen gibt es bei uns auch. Es ist die Entscheidung des Landrats oder Bürgermeisters, wie weh man den Leuten möglicherweise tun muss. Das sind Ermessensspielräume - es kann gut gehen, muss aber nicht.

Interview: Andreas Debski

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