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"Ich empfahl Schröder Gummistiefel": Sachsens Ex-Regierungschef Milbradt erinnert sich

"Ich empfahl Schröder Gummistiefel": Sachsens Ex-Regierungschef Milbradt erinnert sich

Im August 2002 erlebte Sachsen ein Flutdrama. Sächsischer Regierungschef war damals Georg Milbradt (CDU). Er erinnert sich an die Stunden der Not, in denen schnelles Handeln und Ermutigung notwendig waren.

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Der ehemalige sächsische Ministerpräsident Georg Milbradt (CDU).

Quelle: dpa

Dresden. Und an die Jahre des Wiederaufbaus, die für Sachsen einen Modernisierungsschub brachten.

Frage:

Wann erreichten Sie die ersten Meldungen über das Flutdrama?

Georg Milbradt:

Am Montagmorgen aus einem Tal bei Marienberg im Erzgebirge, wo einige Jahre zuvor eine örtlich beschränkte zerstörerische Flut gewütet hatte. Ich kannte von Besuchen nach dieser Katastrophe die schweren Flutschäden und so war mir relativ schnell klar, dass ein größeres Problem auf uns zu kam, da jetzt das ganze Erzgebirge von außergewöhnlich starken Regenfällen betroffen war und nicht nur ein kleines Tal.

Das war anfangs nicht allen klar?

Nein, die Vorstellungskraft fehlte bei vielen. Mitglieder der Staatsregierung sind noch am Montagnachmittag in die Krisengebiete gefahren, ich war in der Gegend um Dohna, Heidenau und Pirna. Ein Reihe von Orten war schon von der Flut stark getroffen und teilweise von der Außenwelt abgeschnitten, Brücken waren nicht mehr passierbar, Straßen überflutet und unterspült. Wegen des anhaltenden Regens konnten noch keine Hubschrauber eingesetzt werden. Ich rief nach meiner Rückkehr noch in der Nacht zum Dienstag einen Krisenstab zusammen, um die Hilfe für die betroffenen Gemeinden und die Gefahrenabwehr für die Regionen flussabwärts zu organisieren.

Wie haben Sie diese Tage politisch erlebt?

Als außergewöhnlich anstrengend. Ich habe kaum geschlafen. Es gab auch keine politischen Auseinandersetzungen, alle zogen mit. Es blieb aber auch keine Zeit für Schuldzuweisungen. Eine kritische Auseinandersetzung konnte später in aller Ruhe und Sachlichkeit geschehen. Glücklicherweise kam bereits am Mittwoch der damalige Bundesinnenminister Otto Schily zu uns. Bis dahin wollte die Bundesregierung mit KfW-Krediten bei der Beseitigung der Schäden helfen. Das war völlig unzureichend. Nach Schilys Besuch hatte man auch in Berlin das Ausmaß der Katastrophe begriffen und schwenkte rasch um.

Unvergessen sind die Bilder mit Kanzler Schröder in Grimma...

Ja, der Bundeskanzler wollte sich ebenfalls vor Ort ein Bild machen. Kleine Anekdote: Ich empfahl ihm dringend, Gummistiefel anzuziehen. Schröder hielt sich daran, seine Begleiter und viele Reporter dagegen nicht. Die versanken mit ihren normalen Straßenschuhen im Muldeschlamm von Grimma.

Kam Ihnen damals der Bundestagswahlkampf zuhilfe?

Ja, so wurde sehr schnell gehandelt. Zum Beispiel der Beschluss, die Senkung der Steuern um ein Jahr zu verschieben. Damit konnte das Wiederaufbauprogramm für Sachsen und die anderen betroffenen Länder maßgeblich finanziert werden. Aber auch der damalige CSU-Kanzlerkandidat Edmund Stoiber zeigte sich sehr solidarisch. Wahlkampf mit politischem Hickhack gab es damals bei uns nicht.

Wie verhielten sich die Bürgermeister?

Die Stunde der Not ist immer die Stunde der Exekutive. Da zeigt sich in der Tat, aus welchem Holz die Handelnden geschnitzt sind. Ich habe aber wirklich nur sehr wenige Bürgermeister erlebt, die der Situation und dem Stress nicht gewachsen waren. Ihre Aufgaben übernahmen dann schnell andere aus der Hierarchie. Bis auf ein paar Ausnahmen haben alle kommunalen Verwaltungschefs das Richtige getan, obwohl mit einer solchen Ausnahmesituation vorher keiner vertraut war.

Sachsen erlebte in der Flut auch eine Flut der Hilfsbereitschaft...

Richtig, eine Ellbogengesellschaft habe ich nicht erlebt. Das fing von den Nachbarn an, die sich gegenseitig halfen, über die Feuerwehrkameraden im Dauereinsatz, der Polizei und den Hilfsorganisationen bis zu den vielen Helfern aus ganz Deutschland. Auch die Bundeswehr und der Bundesgrenzschutz haben enormen Anteil an der schnellen Hilfe. Zum Glück war sie damals mit vielen Standorten noch sehr präsent in Sachsen, heute wäre ein so umfassender Einsatz kaum noch möglich. Wir haben damals die deutsche Einheit mit einer unglaublich großen Welle der Solidarität in Sachsen gespürt. Dafür bin ich noch heute dankbar.

Trotzdem waren viele Flutopfer damals zunächst schockiert und sahen ihre Mühen nach 1989 zerstört. Drohte eine große Resignation?

Die galt es abzuwenden, durch schnelles Handeln und Ermutigung. Meine größte Sorge war damals, dass die Wirtschaft einbricht. Die zerstörten Betriebe mussten schnell wieder ins Laufen kommen und am Markt präsent sein, sonst wären Pleiten und Massenentlassungen unausweichlich gewesen. Auch hier gab es ungeahnte Solidarität: Andere Firmen nutzten die Notlage der Konkurrenten nicht, aus sondern halfen mit Maschinen aus. Auch die Medien spielten eine gute Rolle und verzichteten auf Sensationsgier. Durch ihre verantwortungsvolle Berichterstattung wurde die Spendenbereitschaft bundesweit deutlich verstärkt.

Sie haben in Kloster Nimbschen einen Satz gesagt, der vielen Bürgermeistern und Landräten Mut gemacht hat?

Ich sagte damals: "Fangt sofort an! Um das Geld kümmert sich der Freistaat" - ohne schon zu wissen, wie ich mein Versprechen würde einhalten können. Aber es war wichtig, dass die Menschen und die Behörden sofort mit dem Wiederaufbau begannen. Jedes Warten wäre fatal gewesen. Wir haben damals versprochen, die Geschädigten nicht finanziell allein zu lassen, aber sie müssten mit Mut vorangehen. Nur so konnten wir die Stimmung drehen. Und wir haben auch Wort gehalten.

Gab es für Sie Momente, in den sie nicht weiter wussten?

Auch die gab es. Aber wer oben steht, darf sich so etwas nie anmerken lassen. Die Menschen erwarten zu Recht, dass in der Not eine ordnende Hand da ist. Als Chef an der Spitze geht man natürlich dabei Risiken ein, da muss man durch, aber Angst oder Unentschlossenheit zu zeigen, das geht nicht. Mir half, dass ich früher ein wenig mit Katastrophenmanagement zu tun hatte und die Grundtechniken kannte.

Die Zeit des Wiederaufbaus war für Sachsen eine zweite Nachwende-Zeit?

Ja, es war eine zweite Aufbruchszeit, und so haben es auch die Bürgermeister und Landräte empfunden. Der Wiederaufbau kam bei aller Dramatik der Hochwasser-Katastrophe für Sachsen auch zur richtigen Zeit, da wir Anfang der 2000er Jahre wirtschaftlich eine Flaute durchmachten. Die Flut brachte uns einen Wachstums- und Modernisierungsschub. Denn wenn man Maschinen oder Infrastruktur erneuern musste, entsprachen diese dem neuesten Stand. Beim Wiederaufbau der Straßen wurden die alten Schlaglöcher ja nicht wiederhergestellt. Heute steht Sachsen moderner und entwickelter da als ohne Flut.

Hat Sachsen beim Hochwasserschutz die richtigen Lehren gezogen?

Ich denke schon. Wir haben beispielsweise ein damals gerade neu entstandenes Bebauungsgebiet im Überflutungsbereich der Elbe abgerissen, Kommunale Bebauungs- und Flächennutzungspläne wurden geändert. Dämme erneuert oder verlegt, Ausweichflächen für Flüsse und neue Rückhaltebecken im Gebirge geschaffen. Durch die Erfahrungen bei der Flut wurden Notfall-Koordination verbessert, Meldeketten beschleunigt sowie Prognosesysteme verbessert, längere Vorwarnzeiten erreicht und Evakuierungspläne angepasst. Auch die meisten privaten Hauseigentümer und die Unternehmen sind auf eine erneute Flut besser vorbereitet und haben Vorsorge getroffen, in dem sie zum Beispiel die Keller anders nutzen und nicht unbedingt Öltanks oder teuerste Elektronik dort installiert haben.

Bleibt für Sie ein Gefühl der Demut vor Naturereignissen zurück?

Ganz sicher. Es ist ein Irrglauben des modernen Menschen, mit dem technischen Fortschritt bekämen wir die Natur absolut in den Griff. Schauen Sie sich an, wo im Mittelalter Kirchen gebaut wurden: Die standen 2002 oft nicht unter Wasser, unsere Vorfahren wussten also, was auf sie zukommen konnte. Nein, der Mensch ist auch heute weiter ein Teil der Natur und nicht ihr Herrscher. Große Flutereignisse, wie das im Jahre 2002, sind zwar selten, aber in der Natur etwas Normales. Zu großen Schadensereignissen werden sie erst durch die Handlungen der Menschen, insbesondere durch eine zu weit gehende Nutzung von Flusstälern und durch die Art der Bebauung und falsche Infrastrukturentscheidungen.

Interview: Olaf Majer

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