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Die Dresdner Kunstsammlungen: die Flut und ihre Folgen

Die Dresdner Kunstsammlungen: die Flut und ihre Folgen

28 Millionen Euro Schaden meldeten die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD) dem Sächsischen Kunstministerium nach der Flutkatastrophe im August 2002. Gefräßig hatte das Wasser nach den Kunstbeständen gegriffen, Wertvollstes bedroht, Gebäude und Technik zerstört.

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Der Zwinger mit der weltberühmten Gemäldegalerie - 2002 war er in Teilen unter Wasser.

Quelle: dpa

Dresden. DNN-Redakteurin Kerstin Leiße befragte Dirk Burghardt, den kaufmännischen Direktor der SKD, und Prof. Marlies Giebe, die Leiterin der Gemälderestaurierung der Galerien Alte und Neue Meister.

An was erinnern Sie sich am eindringlichsten, wenn Sie an die Tage im August 2002 zurückdenken?

Dirk Burghardt:

An die Menschen aus den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden, dem Sächsischen Staatsministerium für Wissenschaft und Kunst und dem Landeskriminalamt, die innerhalb von drei Stunden die Gemälde aus den Kellerdepots der Gemäldegalerie Alte Meister nach oben transportierten. An vier in Folge verbrachte Nächte in der Gemäldegalerie. Und an Gesichter, die von Entsetzen, aber auch von Einsatzwillen geprägt waren. An vier Tage langes Hubschrauberdröhnen über der Stadt.

Haben die Einsatzkräfte damals alles richtig gemacht, und welche Lehren haben Sie aus den Ereignissen gezogen?

Dirk Burghardt:

Den aus ganz Deutschland gerufenen Einsatzkräften gebührt noch heute großer Dank! Sowohl die Feuerwehren als auch die Hilfsorganisationen – speziell das THW – haben Übermenschliches geleistet. Als Lehre aus den damaligen Ereignissen gibt es heute spezielle Pläne zu technischen und baulichen Maßnahmen gegen Oberflächenwasser, rückstauendes Kanalwasser und aufsteigendes Grundwasser.

Diese Instrumente werden in Abhängigkeit der jeweiligen Pegelstände nach einem Hochwassermanagementplan eingesetzt. Es ist also vorgedacht und aufgeschrieben, welche Maßnahme bei welchem Pegelstand zum Einsatz kommt.

Ist 2002 etwas irreparabel verloren gegangen?

Marlies Giebe:

Etwa 99 Prozent der im Semperbau und im Albertinum in den Depots gelagerten Gemälde der Gemäldegalerie Alte Meister (GGAM) und der Galerie Neue Meister (GNM) konnten mit Hilfe der Notbergung vor den Fluten geborgen werden. Sie wurden in höher gelegenen Ausstellungssälen zwischengelagert. Das waren insgesamt 2690 Gemälde und 250 Gemälderahmen der Rahmensammlung. Für diese Bestände waren plötzlich keine Depots mehr vorhanden. Deshalb war die Schaffung von Depots eine der unmittelbaren Flutfolgen. Zuerst wurden Interimsdepots zum Beispiel auf der Marienallee ausgebaut, dann der Neubau im Albertinum errichtet.

Welche Schäden entstanden am Baubestand?

Marlies Giebe:

Das Wasser der Flut hatte auch die Haustechnik in der Sempergalerie, die unterirdisch untergebracht war, vollständig zerstört, so dass auch der hängende Bestand der Galerie Alte Meister und die in den Sälen gelagerten Depotbestände im Semperbau durch Ausfall der Elektrik und der Klimatechnik bedroht waren. Auch hier mussten umfassende bauliche Reparaturen erfolgen. Teile der Restaurierungswerkstatt der Gemäldegalerien im Zwinger, die Holzwerkstatt und die Rahmenrestaurierung, waren durch das Hochwasser ebenfalls zerstört.

Sechs großformatige Gemälde und 17 Bilder auf Gemäldetrommeln konnten wegen ihrer Größe, und weil der Aufzug hochwasserbedingt außer Betrieb war, nicht vor dem Hochwasser aus dem Kellerdepot herausgebracht werden...

Marlies Giebe:

Sie wurden an den höchsten Punkten der Depots montiert, kamen zwar nur teilweise mit Wasser in Kontakt, waren aber insgesamt mehrere Wochen fast 100 Prozent Luftfeuchte ausgesetzt. Über 300 Bilderrahmen mussten leider in den Tiefdepots des Außenbauwerks zurückgelassen werden und waren tagelang unter Wasser.

Waren sie wiederherzustellen?

Marlies Giebe:

Die Gemälde wurden bis 2007 umfassend konserviert und restauriert. Zirka 80 Restauratoren haben an der Beseitigung der Flutfolgen mitgearbeitet. Die Ausstellung „Gerettet – Die Restaurierung der großen Formate nach der Flut 2002“ im Semperbau 2007/8 stellte die Ergebnisse umfassend der Öffentlichkeit vor.

Welche Summen waren dafür notwendig?

Marlies Giebe:

Für Notbergung, Konservierung und Restaurierung von geschädigten Gemälden und Rahmen beider Gemäldegalerien der SKD wurden zwischen 2002 und 2007 insgesamt 1,9 Millionen Euro ausgegeben. 30 Prozent der Mittel waren Spendengelder.

Hatten die Galerien auch Verluste zu verzeichnen?

Marlies Giebe:

Es sind bei der Flut keine Gemäldeverluste eingetreten. Von der Rahmensammlung konnten nur Galerierahmen des 18. Jahrhunderts und einzelne wichtige Rahmen restauriert werden. Viele Rahmen sind sehr stark beschädigt. Sie wurden nur gesichert und eingelagert. Eine Restaurierung war sachlich nicht vertretbar.

Hat die Verlagerung der Depots in das Albertinum nun Sicherheit für alle Kunstwerke in einem ähnlichen Fall gebracht?

Marlies Giebe:

Das neue Zentraldepot für die Sammlungen der GGAM und GNM in der Arche im Albertinum hat durch seine Höhe von 17 Metern kein Flutrisiko mehr. Trotzdem bleiben bei der Bewahrung von so bedeutenden Depotbeständen die Notfallplanung, die Schulung des Personals, das Training des Risikomanagements eine immerwährende Aufgabe mit hoher Brisanz. Die Flut 2002 und ihre Folgen haben allen beteiligten SKD-Mitarbeitern dafür ein hohes Bewusstsein vermittelt.

Im vergangenen Jahr wurde der Dresdner Notfallverbund gegründet, was bedeutet das, wer gehört ihm an und was kann er bewirken?

Dirk Burghardt:

Dem Notfallverbund gehören zwölf Dresdner Institutionen, darunter Museen, Archive und Bibliotheken an. Er hat zwei Ziele: Erstens die Netzwerkbildung, den Erfahrungsaustausch und die Institutionalisierung der bereits seit zehn Jahren gut funktionierenden Zusammenarbeit. Zweitens die Vereinbarung von praktischen Hilfen für betroffene Einrichtungen im Notfall. Die gegenseitige Unterstützung in Katastrophenfällen ist ein Meilenstein für den Schutz von Kulturgütern.

Kerstin Leiße

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