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Dresden: Wiederaufbau des Straßen- und Schienennetzes dauerte bis 2011

Dresden: Wiederaufbau des Straßen- und Schienennetzes dauerte bis 2011

„Ich weiß noch, wie ich damals aus einem Rathausfenster geschaut habe“, erinnert sich Reinhard Koettnitz. Der Leiter des Dresdner Straßen- und Tiefbauamts gehörte in jenen verhängnisvollen Augusttagen des Jahres 2002 zum Katastrophenstab.

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Wie bei diesen Gleisen hatte das Hochwasser auf zahlreichen Straßen und Schienen gewütet.

Quelle: dpa

Dresden. „Überall war Wasser auf der St.-Petersburger Straße“, erzählt er.

Dann sei ein Schlauchboot gekommen und am Georgplatz in die Bürgerwiese abgebogen, als sei es das Normalste der Welt. „Hätte nur noch gefehlt, dass es an der Ampel anhält“, beschreibt Koettnitz diese irreal wirkende Szene. Heute, zehn Jahre später, hat er sie noch ganz exakt vor Augen. Genau wie die Müllberge, die sich nach dem verheerenden Hochwasser meterhoch an Dresdens Straßenrändern türmten.

Eine Mammutaufgabe sei es gewesen, die Straßen und Wege wieder freizuräumen. Dann erst kam sie in vollem Ausmaß zum Vorschein, die bitterböse Realität. Vielerorts waren an den Straßen enorme Schäden entstanden.

Mehrere Tatras als Totalverlust

Das Wasser auf der St.-Petersburger Straße kam von der Weißeritz und strömte aus dem Hauptbahnhof heraus auf den Wiener Platz. Der Tunnel lief bis dort unter die Decke voll. Ganze Züge der Deutschen Bahn standen komplett im Wasser. Auch die Dresdner Verkehrsbetriebe wurden überrumpelt. Weil das Wasser der Weißeritz so plötzlich über Nacht an völlig unerwarteten Orten zu Tage trat, war keine Zeit mehr, einige wegen des Stromausfalls stehen gebliebene Straßenbahnen wegzuschleppen.

„Mehrere Tatrawagen auf der St.-Petersburger mussten wir als Totalverlust verbuchen“, blickt DVB-Finanz- und Technikvorstand Reiner Zieschank zurück. „Und auf der Freiberger Straße hat es einfach die Gleise weggespült“. Begonnen hatte die Katastrophe mit starken Regenfällen und dem dramatischen Anschwellen der Weißeritz zu Beginn der Flutwoche. „Du, Papa, deine Brücken lösen sich gerade auf“, habe seine Tochter am Telefon zu Koettnitz gesagt. Am nächsten Morgen sei die Weißeritzbrücke in Altplauen weg gewesen. Die an der Bienertstraße war schwer beschädigt.

Überall, wo die Weißeritz gewütet hatte, habe es einfach nur schrecklich ausgesehen. Schnell war klar: Die komplette Wiederinstandsetzung des Verkehrsnetzes in Dresden, seien es städtische Straßen, DVB-Gleise oder Eisenbahnanlagen, wird einige Jahre dauern. Um den Wiederaufbau stemmen zu können, schnürten Landes- und Bundesregierung ein riesiges Förderpaket. Ab Oktober 2002 konnten Fördermittel beantragt werden. Sachverständige und Gutachter prüften, ob es sich um Hochwasserschäden handelt. Dann öffneten sich die Töpfe.

Allein die Stadt erhielt im Laufe der Jahre etwa 145 Millionen Euro zur Beseitigung der Flutschäden auf den Straßen. Rund 20 Millionen Euro flossen in die Leipziger Straße, die unter anderem in ihrem Trachauer und Kaditzer Abschnitt von der normalerweise einen Kilometer entfernten Elbe überspült war. Weitere zehn Millionen Euro kamen der Pillnitzer Landstraße zugute und fünf Millionen dem Tunnel Wiener Platz, wo die ganze Technik erneuert werden musste. Die Weißeritzbrücken, insbesondere jene in Altplauen für 3,5 und die im Zuge der Löbtauer Straße für fünf Millionen Euro, wurden so umgebaut, dass sie eine nachhaltige Verbesserung des Hochwasserschutzes bewirken.

„Die Elbe war gutmütiger“, stellt Reinhard Koettnitz fest. Sie verursachte weniger akute Schäden durch ihre langsame Strömung, war aber dennoch für etliche Ausspülungen und Schlammablagerungen verantwortlich. Die Flutrinnenbrücke der Sternstraße erwies sich damals als Strömungshindernis. Folglich musste auch sie an Hochwasserbedingungen angepasst und deshalb neugebaut werden. Kostenpunkt: 3,6 Millionen Euro. Die Straßenbahn erhielt damals für 5,8 Millionen Euro als Ersatzneubau ihre Gleistrasse zum Riegelplatz.

Gros der Schäden beseitigt

Auch die Leubener Straße war abschnittsweise so gut wie gar nicht mehr zu gebrauchen, so Koettnitz weiter. 9,1 Millionen Euro habe ihr flutbedingter Neubau nach DVB-Angaben verschlungen. Über 50 weitere Bauvorhaben der Verkehrsbetriebe bekamen seit 2002 Flutschäden-Fördergelder. Die letzte Großbaustelle mit Flutmitteln war 2011 die Pirnaer Landstraße in Leuben.

Für knapp 12 Millionen Euro, davon 1,8 Millionen aus eigener Tasche, beschafften sich die DVB vier moderne Stadtbahnwagen als Ersatz für ihre auf der „Petersburger“ verlorenen Tatras. „Das Gros der Schäden ist beseitigt“, berichtet DVB-Sprecher Falk Lösch. Dennoch finden sich noch heute manchmal Folgeschäden der Flut. Deren Beseitigung noch gefördert zu bekommen, sei jedoch nahezu unmöglich.

Auch die Deutsche Bahn hatte ihre liebe Not mit der Beseitigung der Schäden. Die Instandsetzung von Bahnanlagen und Verkaufseinrichtungen allein im Dresdner Hauptbahnhof kostete letztlich etwa 70 Millionen Euro. Die plötzlich nötig gewordene Entkernung des riesigen Bauwerks – teilweise bis hinunter in den Keller – warf den damals bereits begonnenen Bahnhofsumbau um viele Monate zurück. T

ickets und Beratungen gab es 19 Monate lang nur in provisorisch eingerichteten Schaltern. Erst 2006 feierte der Bahnhof seine Wiederauferstehung, als Bahnsteighallendach und Kuppelhalle eingeweiht wurden. Auch am Güterbahnhof Altstadt gab es große Schäden. Viele Nahverkehrsstrecken im Umland, darunter die Müglitztalbahn, waren erst zwei Jahre nach der Jahrhundertflut wieder befahrbar.

So schlimm die Folgen auch waren – dem Hochwasser lässt sich zumindest hinsichtlich der städtischen Verkehrsentwicklung auch eine positive Seite abgewinnen. Die Flut sei „Fluch und Segen zugleich“ gewesen, schätzt DVB-Sprecher Lösch ein. Auf der einen Seite habe neben „sehr bedauerlichen Personenschäden und den zahlreichen persönlichen Schicksalen“ eine verkehrliche Katastrophe gestanden.

„Mit Hilfe der Bundes- und Landesunterstützung konnten aber zahlreiche Strecken erneuert und dabei manchmal gleich verbessert werden, auf deren Instandsetzung wir sonst länger hätten warten müssen“, fährt Lösch fort. DVB-Boss Reiner Zieschank resümiert: „Der Wiederaufbau der Verkehrsanlagen nach dem Hochwasser war eine gigantische Herausforderung“.

Gern denkt er heute an die ebenso große Welle der Hilfsbereitschaft seitens der DVB-Partnerunternehmen von damals zurück. Und an das gute Zeichen, das von den Verkehrsbetrieben kurz nach der Flut ausging: „Als die DVB wieder fuhren, hatte das eine Signalwirkung auf die Leute. Es geht weiter!“

Stefan Schramm

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