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Dresdner Katastrophenkino an den Filmnächten - Leinwand unter Wasser

Dresdner Katastrophenkino an den Filmnächten - Leinwand unter Wasser

Als im August 2002 die wild gewordenen Fluten der Elbe ihr grausames Werk verrichteten, waren die Wunden, die sie schlugen deshalb so tief, weil niemand mit einer Katastrophe solchen Ausmaßes gerechnet hatte.

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So sah es im August 2002 auf dem Filmnächte-Areal aus.

Quelle: Archiv

Dresden. Als Veranstalter der Filmnächte am Elbufer hatte Jörg Polenz zwar schon so einiges an Wetterkapriolen durchlebt. Doch was sich zwischen dem 12. und dem 17. August 2002 zutrug, „das übertraf alles bis dahin Vorstellbare“, so Polenz rückblickend im Interview mit den DNN knapp zehn Jahre später.

Zehn Jahre sind eine lange Zeit, und die Zeit heilt bekanntlich so manche Wunde. Heute kann Polenz halbwegs gelassen auf jene furchtbaren Tage zwischen anfänglicher Beachparty-Atmosphäre und dem totalen Chaos zum Ende hin schauen. Nach tagelangen sintflutartigen Regenfällen waren Gebirgsflüsse wie Weißeritz und Müglitz

zu tosenden Strömen angeschwollen. Da die Elbe jedoch in den Mittagsstunden des 12. August bei 5,80 Metern zu verharren schien, war zunächst feuchtfröhliches Durchhalten angesagt:

„Tag und Nacht hatten unsere Leute geschuftet, damit die Filmnächte weiterlaufen konnten. Wir räumten die Bestuhlung unterhalb der Tribüne weg und versuchten, Equipment aus der Gefahrenzone zu bringen“, blickt Polenz zurück.

Wie ernst die Lage da bereits war, dass kaum sieben Stunden später der Untergang seinen Lauf nehmen würde, das überschaute keiner. Noch zwei Tage zuvor waren 2000 mit Picknickdecke und Grill Bewaffnete an die Elbwiesen gepilgert, von denen stündlich ein paar Zentimeter mehr im Elbewasser verschwanden.

Die Filmnächtemacher wiederum nahmen, was zunächst wie ein rein wirtschaftliches Desaster daherkam, mit Galgenhumor: „Kino mit Enten füttern“ war angesagt – auch für den Abend des 12. August. „Nicht gefährdet“ seien die Filmnächte, davon gingen zu diesem Zeitpunkt noch alle einhellig aus. Und so lobte man trotzig freien Eintritt für alle aus, die mit dem Paddelboot kämen und vor der Leinwand kreuzten.

Aus dem Spaß wurde urplötzlich Ernst. „Aus der Mitte entspringt ein Fluss“ hieß der Film, der damals auf dem Programm stand – ein Titel, im Nachhinein betrachtet von fast schon unheimlicher prophetischer Strahlkraft. Aus dem Filmvergnügen wurde nichts, denn gegen 19 Uhr lief die Talsperre Malter über, und Millionen Kubikmeter Wasser stürzten durch das Tal der Weißeritz gen Elbe, rissen Autos und sogar ganze Häuser mit sich wie nichts, löschten Menschenleben aus.

„Das alles kam urplötzlich“, so Polenz, der damals ohnmächtig zusehen musste, wie sein Filmnächteareal für eine Woche fast völlig in den Fluten versank. Verzweifelte Rettungsversuche wurden aufgrund der Gefahren für Leib und Leben alsbald eingestellt. Angesichts der 21 Toten und über 100 Verletzten, die den Fluten in der Sachsen zum Opfer fielen, hatten die Filmnächte-Leute mit blauen Flecken und ein paar gebrochenen Rippen noch Glück im Unglück.

Als die braune Brühe schließlich wich, wurde das Ausmaß der Schäden offenbar. „Von der Technik war das meiste hinüber, die Bühne komplett zerstört“, so Jörg Polenz. „Für uns war es trotzdem nie ein Thema, aufzugeben. Seit 1991 ging alles gut, jetzt war es eben mal schief gegangen. Wir wollten diese Herausforderung annehmen und kämpfen.“

Und die war gewaltig: Ein Loch von 300.000 Euro klaffte in der Filmnächte-Kasse, und auch die Risikovorsorge würde künftig eine ganz andere sein müssen. Dennoch gab es bereits im Jahr darauf wieder ein Freilichtkino vor historischer Kulisse – gewappnet nicht nur mit einer neuen Bühnenkonstruktion, die sich bei Sturm „einklappen“ lässt, sondern auch mit engmaschigen Notfallplänen, die die komplette Beräumung des gesamten Areals innerhalb von nur 24 Stunden vorsehen. Rund 80.000 Euro für einen Komplettabbau im Notfall sind seither jährlich im Veranstaltungshaushalt eingestellt.

Nun, da man sich einmal dem Veranstaltungsort verschrieben habe, sei dieser alternativlos, sagt Jörg Polenz. „Wir müssen uns dem Risiko demütig beugen und damit leben.“ Absoluten Schutz gebe es nicht, das Mögliche habe man möglich gemacht. Gelegenheit, dies zu erproben, habe es in den vergangenen Jahren, etwa bei den Hochwassern 2006 und 2010, zur Genüge gegeben.

„Dies ist dann die positive Seite dieser Medaille“, meint Polenz optimistisch: „Wir haben uns durch die Flut auch erheblich weiterentwickelt.“ Dass die Filmnächte nicht vollständig zum Opfer der Jahrhundertflut wurden, war aber auch dem beispiellosen Sturm der Hilfsbereitschaft zu danken. Die Jenaer Kulturarena etwa gab ein Benefizkonzert, um den gebeutelten Filmnächte-Organisatoren unter die Arme zu greifen.

Nach der notdürftigen Instandsetzung der Leinwand zeigten die Filmnächte vom 25. August bis zum 1. September 2002 ein Benefizprogramm, bei dem zwei Euro von jeder verkauften Karte in den Spendentopf flossen. Und am 27. August entsprang dann doch noch „aus der Mitte ein Fluss“ – diesmal aber wirklich nur auf der Leinwand.

Jane Jannke

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