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Ein „Nein“ rettete Leben: Zwei Männer kämpften in der Dresdner Uni-Klinik gegen den Räumbefehl

Ein „Nein“ rettete Leben: Zwei Männer kämpften in der Dresdner Uni-Klinik gegen den Räumbefehl

Im August 2002 wuchsen viele Menschen über sich hinaus und wurden zu Helden. Zwei Männer bewiesen besonderen Mut: Prof. Gerhard Ehninger, Direktor der Medizinischen Klinik und Poliklinik I am Uniklinikum, und Heinrich Hofmeister, Ehrenwehrführer der Freiwilligen Feuerwehr des Dörfchens Welmbüttel in Schleswig-Holstein.

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2002 stand die Dresdner Uniklinik nahezu "in" der Elbe.

Quelle: Archiv

Dresden. Durch ihren Ungehorsam retteten sie Menschenleben.

Sie widersetzten sich der angeordneten Räumung der Uni-Klinik. Von  Rund 220 Feuerwehrleute aus Schleswig-Holstein und Kräfte der Dresdner Berufsfeuerwehr kämpften damals drei Tage lang auf dem Klinikgelände gegen das steigende Grundwasser. Am 15. August ordnete der Krisenstab der Stadt die Evakuierung der Klinik an. Eine noch heute umstrittene Entscheidung. Denn bereits nach der ersten Flutwelle der Weißeritz waren alle Patienten nach Hause entlassen worden, die nicht zwingend stationär behandelt werden mussten.

Rund 500 wurden in Eigenregie in nicht betroffene Regionen verlegt. In Ehningers Klinik lagen noch einige, die gerade erst eine Knochenmarktransplantation hinter sich hatten. „Mit diesen Patienten gehen wir hier nicht raus“, hatte Ehninger den Einsatzkräften damals entgegen gehalten. Eine Verlegung hätte Lebensgefahr bedeutet. Er weigerte sich, mit ihnen die Klinik zu verlassen. Dafür sind ihm seine damaligen Patienten noch heute dankbar.

Auch zehn Jahre später bezeichnet Prof. Ehninger den Rückzugsbefehl als Fehlentscheidung. „Unser Krankenhaus war damals das einzige, das noch funktionsfähig war. Die Krankenversorgung war zu jeder Zeit möglich“, ist er überzeugt. „Ingolf Roßberg als Chef des Krisenstabes war übernächtigt und total überfordert. Er konnte die Situation im Krankenhaus nicht einschätzen. Ich musste so handeln. Ich habe für meine Patienten gekämpft und für die Stadt. Die brauchte gerade in dieser Situation ein funktionierendes Krankenhaus.“

Die Klinik war gut gerüstet

Auch der Feuerwehrmann Heinrich Hofmeister ignorierte – auf das eigene Urteil vertrauend – den Rückzugsbefehl. Er weigerte sich, mit seinen Leuten die Klinik zu verlassen und pumpte weiter Wasser aus den Kellern des Krankenhauses ab. Hätte er das nicht getan, wäre die Klinik im wahrsten Sinne des Wortes abgesoffen. Das brachte ihm zwar Ehningers Dank, aber zunächst auch herbe Kritik seiner Vorgesetzten ein.

Wenn etwas schief gelaufen wäre, hätte er die Verantwortung übernehmen müssen. Aber sein standhaftes „Nein“ rettete die Klinik vor der Flut. „Die Entscheidung war richtig“, sagt Hofmeister noch heute. „Ich bin nach Dresden gefahren, um zu helfen. Wenn ich in einen Einsatz gehe und merke, dass ich Erfolg hab, breche ich nicht ab. Da müsste ich ja gar nicht erst hingehen. Ein gewisses Risiko geht man fast immer ein, da kann man aber keinen Rückzieher machen. Man muss die Gefahren kennen und sie richtig einschätzen. Natürlich schluckt man erst mal, wenn es heißt, dann übernimmst Du jetzt die Verantwortung. Aber ich würde wieder so entscheiden“.

Was den Krisenstab zu der Entscheidung bewogen hatte, kann Hofmeister nur vermuten. „Da haben sicher einige überreagiert. Die Klinik war gut gerüstet. Der Technische Direktor, Herr Göbel, konnte irgendwie zaubern. Und Prof. Ehninger hat sich permanent eingesetzt. Es wäre besser gewesen, wenn sich die Verantwortlichen vor Ort von der Situation überzeugt hätten. Aber es ist häufig so: Man fragt nicht die Praktiker, sondern die Theoretiker. Da werden von Professoren Gutachten erstellt, die meist den Auftraggeber befriedigen, aber der Fachmann vor Ort, zum Beispiel der Feuerwehrmann mit seinen praktischen Erfahrungen, wird nicht gefragt.“

Nachlässigkeit rächt sich

Es habe damals massive Abstimmungsprobleme gegen, sind sich Arzt und Feuerwehrmann einig. Damit sich das nicht wiederholt, gibt es inzwischen einen konkreten Ansprechpartner, der sich im Katastrophenfall um die Belange der Uni-Klinik kümmert, berichtet Prof. Ehninger. Aber auch das Klinikum selbst hat vorgesorgt und verfügt jetzt über einen detaillierten Krankenhaus-Einsatzplan. Zudem gab es bauliche und technische Veränderungen für den Ernstfall.

So wurden elektrische Leitungen verlagert und eigene Pumpen und Hebewerke angeschafft. „Wir sind durch die Veränderungen gut aufgestellt und können uns im Ernstfall lange in Eigenregie behelfen und selbst entscheiden. Wenn bei einer Großkatastrophe der Ausnahmezustand ausgerufen wird, müssen wir uns aber natürlich dem Notfallplan der Stadt unterwerfen“, betont Konrad Kästner, Sprecher der medizinischen Fakultät.

Auch Feuerwehrmann Hofmeister sieht den Hochwasserschutz auf einem guten Weg. „Es ist gut, dass Dresden jetzt die Deiche erhöhte und Flutschutzmauern gebaut hat. Jede Stadt an einem Fluss sollte auf den Hochwasserschutz achten. Auch wenn es lange keine Probleme gibt: Nachlässigkeit rächt sich irgendwann.“

Monika Löffler

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