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Phönix aus der Flut - Hochwasser hat Dresdens Kunstschätze bedroht

Phönix aus der Flut - Hochwasser hat Dresdens Kunstschätze bedroht

Die Flut von 2002 war die größte Katastrophe, die Sachsen in der Nachkriegszeit erlebt hat. Verzweifelt versuchten Tausende, Hab und Gut zu retten. Betroffen waren auch die Kultureinrichtungen im Freistaat.

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Wie in einem großen See war die Semperoper vom Wasser eingeschlossen.

Quelle: dpa

Dresden. Geht es um schöpferischen Geist, wie ihn Künstler besitzen, gibt es nichts, was nicht vorstellbar ist. Kunst und Fiktion bietet das 21. Jahrhundert in Dimensionen, die keine Grenzen zu haben scheinen. Und dennoch: Der August 2002 ließ in Dresden in unglaublicher Vehemenz eine bis dahin noch nicht einmal gedachte Fiktion real werden. "Es war Horror", sagte damals Volker Butzmann, Technischer Direktor der Semperoper.

Es ist der Abend des 12. August 2002, als das Flüsschen Weißeritz nach üppigen Regenfällen zum reißenden Strom wird, in Dresden das ihm aufgezwungene Bett verlässt und sich mit unaufhaltsamer Wucht alte Wege mitten durch die Innenstadt und um den Zwinger herum Richtung Elbe sucht.

Die dreckige Brühe bringt den Zwingerteich zum Überlaufen und gestaltet Theaterplatz, Zwinger, Semperoper in eine surreale Seenlandschaft um. Als die Dresdner schließlich glauben, aufatmen zu können, steigt das Nass drohend und unaufhaltsam von der anderen Seite an. Die Elbe frisst Landschaft und Gebäude; erst am 17. August bei einem Pegelstand von 9,40 Meter hat die Natur ein Einsehen. Der Scheitelpunkt ist erreicht.

Der feuchte Angriff auf geborgen Geglaubtes in den Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (SKD), auf den sächsischen Staatsschatz, setzt aber auch andere Kräfte frei: Es beginnen die Stunden des großen Zusammenhaltes. Hunderte Menschen - von der Sekretärin über den Restaurator oder die Aufsichtskraft bis zum Direktor, Feuerwehrmänner und Polizisten, Bundeswehrsoldaten, Freiwillige aus dem Kunstministerium - arbeiten Hand in Hand und Stunde um Stunde, zeitweise knietief im Wasser stehend: Es gilt, 2690 Gemälde der Galerien Alte und Neue Meister aus den Depots im Semperbau und im Albertinum zu bergen, auch historische Rahmen. Sie werden in höher gelegene Ausstellungssäle gebracht.

In den nachfolgenden Stunden und Tagen müssen zahllose weitere Kunstwerke aus ihren angestammten Quartieren geholt und trocken gelagert werden. Da stehen, hängen und liegen sie nun, die kostbaren Meister, Skulpturen, einzigartigen Gipsabgüsse, wertvolles Porzellan, Exponate des Mathematisch-Physikalischen Salons, der Rüstkammer sowie aus dem in den Fluten versinkenden Pillnitzer Schloss - in einem Über- und Nebeneinander, das die Fachleute das Grausen lehren könnte, für diesen einen Moment aber, ja, glücklich macht. Denn: Die Museumsbestände sind gesichert.

Eine kurze Freude mit aufsteigender Sorge, denn als das Wasser weicht, der Schlamm trocknet, wird das Ausmaß der Katastrophe sichtbar. Die Schadensumme für die SKD wird einige Zeit später mit 28 Millionen Euro beziffert. Vollständig zerstört sind die Haustechnik der Sempergalerie und die Materialbasis für die Restaurierungswerkstätten, Elektronik funktioniert nicht mehr, die Klimatechnik ist bedroht. "Wir haben das Hinterland verloren", beschreibt Generaldirektor Martin Roth.

Es folgen Fragen, den Fragen Forderungen: Eine Rückkehr der Kunstwerke in die alten Depots lehnt Roth kategorisch ab. Denn die Katastrophe hat die Grenzen des Bisherigen aufgezeigt. Sie löst aber auch eine Welle der Solidarität aus: Private Spenden in Millionenhöhe aus dem In- und Ausland, Sammlungsaktionen auswärtiger Museen und Kultureinrichtungen und öffentliche Gelder. 3,4 Millionen Euro steuert eine Auktion bei, in die 45 Künstler Werke geben, darunter der gebürtige Dresdner Gerhard Richter seinen "Fels". Ein anonymer Sammler ersteigert das Werk für 2,6 Miollionen Euro und schenkt es Dresden.

Die Flutbilanz des Freistaates Sachsen ist immens, für die Kultureinrichtungen in staatlicher und kommunaler Trägerschaft beläuft sich das Gesamtvolumen nach Ministeriumsangaben auf insgesamt 114,6 Millionen Euro. Aus dem Kulturellen Hilfsprogramm (KHP), einem bund- und länderfinanzierten Förderprogramm im Rahmen des Fonds Aufbauhilfe, erhält Sachsen 85,5 Millionen Euro. Matthias Rößler (CDU), gestresster Kunstminister dieser Tage, betont, er sei "den Thüringern und Bayern sehr dankbar, dass sie auf ihren Anteil zu Gunsten Sachsens und Sachsen-Anhalts verzichtet haben", als er mit dem Geld aus Berlin zurückkommt.

Mit welchen Nöten die betroffenen Einrichtungen zu kämpfen haben werden, ist zum Zeitpunkt endlich sinkender Wasserstände noch nicht absehbar. Die Sächsische Staatsoper gerät durch Einnahmeverluste nach der Flut auf Jahre in eine finanzielle Schieflage, etliche Museen können erst nach und nach wieder zugänglich gemacht werden - und da ist noch die Frage eines neuen Zentraldepots. Kompromisslosigkeit kreiert schließlich eine Vision: Über dem Innenhof des Albertinums soll in 17 Metern Höhe eine "Arche" hängen. 2010, zum Jubiläum 450 Jahre Dresdner Kunstsammlungen, kann nach einem 51,2 Millionen Euro teuren Umbau das Albertinum mit einer kühnen Brückenkonstruktion wiedereröffnet werden. Auf 1130 Quadratmetern beherbergt das neue Depot rund 6000 Gemälde.

"Bei der Bewahrung von so bedeutenden Beständen bleiben die Notfallplanung, die Schulung des Personals, das Training des Risikomanagements eine immerwährende Aufgabe mit hoher Brisanz", konstatiert Marlies Giebe, Leiterin Gemälderestaurierung, heute. "Die Flut 2002 und ihre Folgen hat allen beteiligten Mitarbeitern der Kunstsammlungen dafür ein hohes Bewusstsein vermittelt." Und es schweißt die Institutionen enger zusammen: Am 23. September 2011 unterzeichnen elf Dresdner Kultureinrichtungen erstmals eine "Vereinbarung zur gegenseitigen Unterstützung in Notfällen".

Kerstin Leiße

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