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"Wie an den Niagarafällen": Zehn Jahre danach hat sich Weesenstein vom Trauma erholt

"Wie an den Niagarafällen": Zehn Jahre danach hat sich Weesenstein vom Trauma erholt

Innerhalb weniger Stunden verwüstete am Abend des 12. August 2002 eine verheerende Flutwelle das malerische Müglitztal, besonders aber den kleinen Ort Weesenstein.

Weesenstein. Der halbe Dorfkern wurde hinweggespült, zwei Menschen starben in den Wassermassen. Von den rund 200 Bewohnern ist rund ein Drittel weggezogen - nach Burkhardswalde, Meusegast oder Heidenau. Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, und die Bewohner haben die Katastrophe weitgehend überwunden. Narben aber bleiben.

In der Schlossgaststätte herrscht mittlerer Betrieb. Die Gäste lassen sich Kalbsleber mit Stampfkartoffeln schmecken, hinter dem Tresen steht Annett Kamprath - resolut, aber freundlich. Und auch an diesem Tag muss sie wieder eine Frage beantworten: Wie war das eigentlich damals vor zehn Jahren, als die Flut über den Ort hereinbrach? Die Kellnerin ist das gewöhnt, hat ihre Version der Katastrophe schon dutzende Male erzählt. So macht sie das auch jetzt, kurz vor dem 10. Jahrestag. Es sind Horror-Geschichten, die Kamprath den Touristen erzählt: Dass die Flutwelle über einen Meter hoch durch den Gasthof geschossen sei; dass sich der Mülleimer aus der Küche hinterher im Damenklo befunden habe. Und auch ein Bild gibt Kamprath den Gästen mit auf den Weg: "Das Wasser kam die Hänge herunter wie an den Niagarafällen", unglaublich sei es gewesen - so unfassbar "wie das mit den Jäpels".

Das ist die Geschichte von Weesenstein. War die 200-Seelen-Gemeinde außerhalb Sachsens vor den August-Tagen 2002 bestenfalls durch das Schloss bekannt, hat sich das seit der Flut geändert - durch das Schicksal der Familie Jäpel. Die hat es besonders hart erwischt. Ihr Haus wurde weggespült, stehen blieb lediglich ein kleiner Mauerrest. Eben dieser Mauer verdanken Ronny, Silvana, Heiko und Sieglinde ihr Leben, und Weesenstein verdankt dieser Geschichte seine traurige Berühmtheit: als Symbol für die Macht entfesselter Naturgewalten und für die Ohnmacht der Menschen im Tal.

Dabei begann das Drama ganz harmlos. Unten am Fuß des Schlosses bemerkten die Anwohner gegen Mittag des 12. August, dass die sonst so brave Müglitz allmählich anzuschwellen begann. Das ist nichts Außergewöhliches, wenn man an einem Flüsschen wohnt, jedenfalls kein Grund zur Sorge. Gegen 17 Uhr aber war die Lage anders, aus dem Bach war ein Strom geworden. Der begann Häuser und Straßen zu überspülen, und dann ging alles ganz schnell. Als 15 Kilometer flussaufwärts ein Damm brach, war die Katastrophe nicht mehr aufzuhalten - eine Flutwelle rollte hinab ins Tal.

Die Jäpels trafen die Wassermassen mit voller Wucht. Vater Heiko, Großmutter Sieglinde sowie die beiden Kinder Ronny und Silvana befanden sich im Haus - und waren innerhalb weniger Minuten gefangen. Vom Wasser umtost, flüchteten die Vier in den ersten Stock, schließlich hoch aufs Dach. Als dieses wegzubrechen drohte, blieb ihnen nur noch der letzte Mauerrest, fünf Meter lang, 36 Zentimeter breit. Das war alles, was vom Haus noch stand.

Doch damit war das Drama nicht zu Ende, es folgte Teil 2. Andrea Jäpel, die Mutter, befand sich gerade auf dem Hang, rund 30 Meter über der Müglitz und musste zusammen mit ihrem zweiten Sohn Marcel hilflos zuschauen. Das war im Haus von Gisela und Günther Püschel, und die können die Nacht vom 12. auf den 13. August 2002 bis heute nicht vergessen. "Manchmal kommen mir die Tränen", sagt Gisela Püschel, dann hört sie wieder die Schreie der vier Eingeschlossenen auf der Mauer. Und selbst zehn Jahre später kann sich ihr Mann Günther noch heftig erregen: "Unglaubliche 13 Stunden hat es gedauert, bis Hilfe kam", erinnert er sich. "Drei Handys hat Andrea Jäpel leertelefoniert und ist immer nur vertröstet worden." Einmal habe die Mutter verzweifelt "Hochwasser" ins Telefon geschrien, als Antwort aus der Einsatzzentrale in Pirna aber sei nur ein lapidares "Bei uns regnet's auch!" gekommen.

Die Jäpels wurden schließlich doch gerettet, noch schlimmer aber ist es einem anderen Ehepaar ergangen, weiter unten im Tal. Das hatte bereits eilig ein paar Habseligkeiten den Hang hinauf geschafft, um dann - kein Mensch weiß, warum - wieder ins Haus zurückzukehren. Von dem Gebäude war nach wenigen Stunden nichts mehr zu sehen, ihre Leichen fanden Sicherheitskräfte schließlich Kilometer flussabwärts in der Nähe von Dohna. Haften geblieben aber ist ein Bild: Diese vier Menschen allein auf der schmalen Mauer, umtost von sintflutartigen Massen - das hat sich eingeprägt ins kollektive Bewusstsein.

Heute ist davon nur noch hier und da etwas gegenwärtig. Die Jäpels wohnen längst in Meusegast, flutsicher ein paar Kilometer entfernt. Und dort, wo einst der alte Dorfkern lag, befinden sich junge Bäume, akkurat aufgestellt in Reih und Glied. Alles nett, aber irgendwie auch unwirklich und steril. Genau das trifft die Stimmung in Weesenstein: "Wir haben uns alle von der Katastrophe wieder erholt", sagt Annett Kamprath hinter dem Tresen der Schlossgaststätte. "Aber ein komisches Gefühl ist es doch." "Uns geht es gut", meint Günther Püschel, "aber früher war's doch irgendwie schöner."

Was aber ebenso geblieben ist von dem Fiasko, sind ein paar positive Erfahrungen: die Erinnerung an die Hilfsbereitschaft der Menschen, an die vielen Leute, die gespendet oder auch selbst mit angepackt haben in den ersten Wochen und Monaten danach. Manche dieser Freundschaften existieren fort. Zu den Püschels kommt bis heute ein Fluthelfer namens Dieter, der stammt aus Abstatt bei Stuttgart und schneidet jedes Jahr die Weinreben - weil er Ahnung davon hat. Und nicht nur der besucht den Ort regelmäßig. Ebenso gebe es "den Markus" aus der Nähe von Coburg, sagt Püschel, und "den Frank". Der kommt aus Melsungen südlich von Kassel, sei Tischler und habe beim Carport geholfen. "Das sind Freundschaften, die sollte man pflegen."

Das soll auch den Jahrestag am 12. August prägen. Dann gibt es nicht nur eine Gedenkveranstaltung in Weesenstein, sondern auch Bier, Tanz und Musik. Und am Nachmittag wird eine Fahrrad-Karawane am Fuße des Schlosses erwartet. Die kommt von oben aus das Müglitztal entlang - allerdings ohne Stanislaw Tillich (CDU). Der Regierungschef radelt zwar mit, aber nur bis Schlottwitz.

Jürgen Kochinke

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