Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
„Wir müssen es ausbaden“: Hartwig Seiche aus Zschieren kritisiert das Hochwasserschutzkonzept

„Wir müssen es ausbaden“: Hartwig Seiche aus Zschieren kritisiert das Hochwasserschutzkonzept

Wir sitzen mitten im Grünen bei Hartwig Seiche auf der Gartenbank. Er wohnt seit vielen Jahren an der Zschierener Elbstraße in einem mittelalterlichen Fischerhaus.

Voriger Artikel
4. Grundschule in Dresden: Im Keller stand das Wasser bis zur Hüfte
Nächster Artikel
Maler Friedemann Rößler: „Wenn man alles verloren hat, weiß man erst, was wirklich zählt“

3,10 Meter stand die Elbe im mittelalterlichen Fischerhaus von Hartwig Seiche.

Quelle: Dietrich Flechtner

Dresden. Keine 200 Meter sind es bis zum Fluss. Im Sommer vor zehn Jahren war der verwunschene Garten komplett in den Fluten versunken, die Elbe stand 3,10 Meter im Haus. Die Seiches hatten damals gerade alles denkmalgerecht saniert – bis auf den Dachstuhl. Und es stand alles unter Wasser – bis auf den Dachstuhl.

Frage:

Welche Erinnerungen haben Sie an das Hochwasser von damals?

Hartwig Seiche:

Am Sonntagabend, das war der 11. August, hab’ ich im Radio gehört, dass ungewöhnlich starke Niederschläge kommen sollen. Damals dachte ich noch so bei mir: Oh, da wirst du wohl wieder mal mit dem Boot vom Grundstück aus starten können. Das ist bei uns immer bei einem Pegel von 6,20 Metern der Fall. Dienstag stand das Wasser schon auf unserem Hof. Wir wussten natürlich nicht, was uns bevorsteht. Dann sagte ein Nachbar: Prag steht unter Wasser, dann saufen wir auch ab. Aber offiziell in den Nachrichten hat man nichts gehört.

Eingeprägt hat sich mir, als ich den Stecker aus der Steckdose ziehen musste und wir kein Telefon und auch kein Radio mehr hatten. Da war das Wasser schon im Haus drin. Wir haben die Möbel, die Bücher und auch die Familienfotos aus dem Erdgeschoss in die erste Etage getragen. Das erwies sich später als fatal, weil die Elbe nicht nur den Keller und das Erdgeschoss, sondern auch die erste Etage unter Wasser gesetzt hatte. Zehn Zentimeter waren es dort.

Wie lange haben Sie noch im Haus ausgeharrt?

Am Mittwoch, drei Tage vor dem Höchststand am Sonnabend, klopfte es dann abends an der Tür und man wollte uns evakuieren. Wir haben gesagt: Nein, wir müssen hier räumen. Doch, das sei ein Befehl, hieß es und man zerrte uns gegen unseren Willen heraus.

Wann sind Sie zurückgekehrt?

Montagvormittag. Es war, als würde ich in eine Filmkulisse hineinfahren. Überall lag dieser feine Schlamm. Im Haus war alles voller Schlamm, dreckig, der Fußboden aufgequollen. Der Schaden wurde später auf 200.000 Euro beziffert. Dann kamen die ersten Helfer. Meine Kollegen fingen an, die Seiten der Fotoalben auseinanderzuzerren und zu trocknen. Leute aus allen Ecken der Bundesrepublik kamen, um zu helfen. Die waren zum Teil noch nie in Dresden. An manchen Tagen waren 30 Helfer bei uns auf der Baustelle. Und viele Spenden haben wir bekommen – über Organisationen, aber auch von privat. Da bin ich noch heute jedem und für die Hilfe dankbar.

Mit Blick auf die Hochwassergefahr: Was haben Sie im Haus verändert?

Eine ganze Menge: Wir haben die Steckdosen nicht nur 30 Zentimeter überm Fußboden, sondern in Fensterbretthöhe angebracht. Jeder Raum im Erdgeschoss ist jetzt gefliest und verfügt über einen Abfluss. Und die Treppe aus Stahl und Holz hat abschraubbare Stufen. Das hat sich beim nächsten Hochwasser im März 2006 bewährt. 60 Zentimeter stand später das Wasser bei uns im Haus. Kein Wunder: Im Winter zuvor lag der Schnee im Erzgebirge so hoch, dass man bequem in die Vogelhäuschen auf den Bäumen gucken konnte.

Wie geht es Ihnen, wenn es lange hintereinander stark regnet?

Das lässt mich nicht kalt. Und über viel Schnee kann ich mich auch nicht mehr wirklich freuen, denn der wird irgendwann zu Wasser. Aber ich sage mir: Lebe im Hier und Jetzt und rede über die Probleme, wenn sie da sind und nicht vorher. Auf der anderen Seite hat Hochwasser ja auch was Faszinierendes.

Inwiefern?

Man kommt zusammen. Ist Hochwasser in Sicht, rufen Freunde an, die man zum Teil schon lange nicht mehr gesprochen hat. Schade, dass dann wieder jeder seiner Wege geht. Natürlich übertreibe ich ein bisschen, wenn ich jetzt sage, dass ich mir ab und zu mal ein kleines Hochwasser wünsche.

Sie haben 2008 gemeinsam mit Nachbarn eine Bürgerinitiative gegründet. Warum?

Das Tragische ist: Wir in Zschieren, Laubegast, Hosterwitz und Stetzsch, die wir am meisten betroffen waren, haben an den Diskussionen unmittelbar nach dem Hochwasser nicht teilgenommen, weil wir damals andere Sorgen hatten. Hinterher haben wir festgestellt, dass wir nichts abbekommen haben von den zig Millionen, die im Nachgang investiert wurden und noch heute werden. Man geht beim Hochwasserschutz nicht von den Bedürfnissen der Betroffenen aus, sondern von einer technokratischen Wirtschaftlichkeitsrechnung. Die Schutzprogramme setzen nicht dort an, wo der Schutz am dringendsten gebraucht wird.

Die mit der Umsetzung des Konzeptes Betrauten verweisen immer wieder auf das beschlossene Konzept und hinterfragen es nicht mehr. Man denkt nicht menschlich und in Bedürfnissen, sondern verweist auf die Rechtslage, nach der jeder sein Grundstück selbst zu schützen hat. Ich frage mich zum Beispiel, warum sich das Congresszentrum nicht selbst schützen muss. Da sind zig Meter tief Spundwände eingebaut worden. Das ist nicht nachvollziehbar.

Was müsste denn hier in Zschieren gemacht werden zum Schutz vorm Hochwasser?

Sicher: Bei uns können nicht 3,50 Meter hohe Wände gebaut werden, die nötig wären, um unsere Häuser zu schützen. Wir hier saufen ja schon bei 6,50 Meter ab. Uns wäre aber beispielsweise schon viel geholfen, wenn man einen Damm bauen würde, der uns bis zu einem gewissen Grade schützen könnte. Auf der anderen Seite höre ich immer wieder, dass sich Städte wie Pirna und Heidenau schützen und höher bauen. Aber wo wird denn etwas abgebaggert? Diese Millionen Kubikmeter Wasser, die möglicherweise nicht mehr in die Stadt Pirna eindringen, wohin sollen die sich denn verteilen? Unsere Vorfahren hier in der Gegend, die haben auf Inseln gesiedelt. Laubegast war eine Insel, auch Zschieren. Die Elbwiesen waren früher viel niedriger. Wenn über Jahrhunderte an Tausenden Stellen in den Niederungen rund um Dresden Erde aufgefüllt wird, bekommen wir in Zschieren das beim Hochwasser mit. Und wir müssen es ausbaden.

Katrin Richter

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Dresden
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Zeitungsküken 2017 gekürt

    Zum elften Mal suchte die Delitzsch-Eilenburger Kreiszeitung das Zeitungsküken. Mit der Aktion steht der Nachwuchs der Region im Fokus. Sehen Sie h... mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Schlingel - Familienmagazin
    Schlingel - Das Familienmagazin der LVZ

    Das Familienmagazin der LVZ. Wir richten uns an Eltern und Kinder, die in Leipzig und Umgebung zu Hause sind. Ihnen möchten wir ein nützlicher, unt... mehr