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Vier Pfeiler und ein Stahlbogen - Pöppelmannbrücke wieder begehbar

Vier Pfeiler und ein Stahlbogen - Pöppelmannbrücke wieder begehbar

Lichter strahlen über der Mulde. Nach dreijähriger Bauzeit ist der Wiederaufbau der Pöppelmannbrücke vollbracht „Zehn Jahre nach dem Hochwasser ist nun die letzte Wunde nach der Katastrophe geschlossen", sagte Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos).

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Antik anmutende Laternen tauchen die Pöppelmannbrücke und das Schloss am Muldeufer in warmes Licht.

Quelle: Frank Schmidt

Grimma. Das Bauwerk wird heute von den ausführenden Baufirmen an die Stadt zur Nutzung übergeben.

Noch sperren Bauzäune den Zugang zur Brücke. Aber bis auf kleine Restarbeiten wie farbliche Ausbesserungen am Geländer und Begradigungen am Ufer ist die Pöppelmannbrücke bereit, Fußgängern und Radfahrern den Weg wieder über die Mulde zu bahnen. Experten der Brückeninspektion haben das neue Bauwerk bereits unter die Lupe genommen. „Zentimeter für Zentimeter sind sie abgefahren, haben auch unter die Brücke geschaut", erzählt Thomas Imhof, Bauingenieur im Planungsteam für die Prestigebaustelle.

Dabei werde auf Risse, Verformungen, Anschlüsse geachtet. Das Prozedere sei vergleichbar mit dem TÜV für ein Auto, ergänzt Chefplaner Andreas Apelt. Das Protokoll über den Zustand des Bauwerkes bestätigt den Bauleuten, dass gegen die Verkehrsfreigabe keine Einwände bestehen. Aber darin waren sich die sächsischen Ingenieure ohnehin einig: „Das Tragwerk ist sicher." Der Niedergang Zehn Jahres ist es her, dass die schwere Flut der Jahrhunderte alten Brücke buchstäblich die Füße weggezogen hat. Imhof, gebürtiger Grimmaer und beheimateter Colditzer, und Apelt, in Nerchau zu Hause, fachsimpeln heute noch, welche Kräfte damals wirkten, als die Brücke nachgab. Für den Laien hört sich das ein Jahrzehnt später so an: Ein Pfeiler war derart unterspült, dass er wegsackte.

Damit war das Kräfteverhältnis in den aus rotem Porphyr gemauerten Bögen gestört. Die Konstruktion kippte. Um die Brücke zu retten, war das gesamte Bauwerk mit Stangen gesichert worden. Dort verfing sich Treibgut. Aus Angst vor erneutem Hochwasser entschied sich die Stadt, den Weg für die Mulde freizusprengen. Einer der sechs Pfeiler fiel. Die Brücke blieb gesperrt. Dass die östlich gelegenen Stadtteile künftig wieder enger an die Altstadt von Grimma angebunden sind, ist nicht nur der Hartnäckigkeit der Stadt Grimma, sondern auch sächsischer Ingenieurskunst zu verdanken. Anders als zu Pöppelmanns Zeiten mussten die Planer Hochwasser- und Denkmalschutz in Einklang mit einem schmalen Baukostenbudget bringen. „Allein die Genehmigungsverfahren haben sich über Jahre hingezogen", erinnert sich Apelt von der GUB Ingenieur AG, einem Anfang der 90er Jahre in Zwickau gegründeten Ingenieurbüro mit Standort in Leipzig. Wegen des engen Durchlasses für die Mulde schied der originalgetreue Aufbau der Pöppelmannbrücke aus.

In einem hydraulischen Modellversuch an der Technischen Universität Dresden spielten Wissenschaftler sogar verschiedene Hochwasserszenarien bei unterschiedlichen Brückenentwürfen durch. Mit diesen Erkenntnissen entstand auf Papier die heutige Brücke. Aus ehemals sechs Pfeilern wurden vier. Ein riesiger Stahlbogen von 71 Metern Länge überspannt die Hauptpfeiler. Nach hartem Ringen – der Wiederaufbau der Steinbrück war in Grimma nicht unumstritten – und einer Investitionszusage des Freistaates in Höhe von 6,4 Millionen Euro setzten sich Ende September 2009 die Bagger in Bewegung. „Da begann ein Abenteuer", erinnert sich Imhof. Für den Wiederaufbau habe es keinen Prototyp gegeben. So wandelten Bauleiter und Arbeiter ständig auf dem schmalen Grat zwischen dem Rückbau geschädigter Bausubstanz und der Erhaltung von tragfähigen Elementen. „An der gesamten Brücke sind alte Steine verbaut", sagt der Bauingenieur und zeigt auf den roten Porphyr, der wie einst die Pfeiler und Mauern nach der grundhaften Sanierung wieder umhüllt.

Der Bau, der ursprünglich zwei Jahre dauern sollte und durch mittlere Hochwasser und Ruhephasen zur Laichzeit verzögert wurde, hat die Grimmaer immer wieder an die Mulde getrieben. Beispielsweise an jenem Tag im September 2010, als in einem spektakulären Kraftakt der erste Teil des Brückenbogens auf den Pfeiler gesetzt wurde. Für den Einhub war Europas größter Mobilkran, ein Liebherr LGD 1750, auf die Baustelle gerollt. Der Aufbau Später schickten Taucher mit spezieller Schweißtechnik Lichtbögen aus der Mulde, wie sie sonst nur in außergewöhnlichen Inszenierungen vor Publikum zu sehen sind. Der aus Gussasphalt bestehende Belag, der durch Gittertechnik in Pflasteroptik umgewidmet wurde, soll künftig für Kreativität sächsischer Ingenieursarbeit stehen – diese Technik ist erstmals in Sachsen und Ostdeutschland angewendet worden.

Der letzte Baggerbiss in den fünften Pfeiler, der während des Wiederaufbaus als Behelfspfeiler diente, deutet vor wenigen Wochen das Ende eines weiteren Kapitels in der Geschichte der 1719 erbauten Pöppelmannbrücke an. Wenn die Grimmaer am Sonntag erstmals wieder über ihre Brücke laufen, dann wird es wieder so sein, wie es mal war, aber auch anders. Die Pöppelmannbrücke hat einen Buckel bekommen und wird Radfahrer provozieren, in die Pedale zu treten. Die ins Geländer eingelassenen Kanzeln sind mit 1,20 Meter etwas höher gemauert, damit Biker nicht über Bord gehen. Zahlreiche antik anmutende Laternen sorgen dafür, dass der Übergang über die Mulde künftig auch nachts sicher ist. Sogar der Wappenstein, der wieder auf seinem Sockel Richtung Altstadt platziert wurde, präsentiert sich nach der Restaurierung in frischen Farben. Der Innenschrift jedoch hatten die Wiedererbauer nichts hinzuzufügen. Pöppelmann meinte einst: „Für die Ewigkeit sei das Bauwerk errichtet."

Birgit Schöppenthau

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