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«Auch ohne Glauben glücklich»: Atheisten und der Katholikentag in Leipzig

Religionsfrei «Auch ohne Glauben glücklich»: Atheisten und der Katholikentag in Leipzig

Glücklich ohne Gott. Beim Katholikentag im kirchenfernen Leipzig prallen Welten aufeinander. Viele Leipziger stehen der Veranstaltung skeptisch gegenüber. Und doch entdecken Christen und Konfessionslose Gemeinsamkeiten.

In Leipzig gibt es nur gute 16 Prozent Christen. Viele Bürger sind dem Katholikentreffen in der Stadt gegenüber skeptisch eingestellt. Auch wird Kritik an den öffentlichen Zuschüssen für das Kirchenfest laut.

Quelle: Dirk Knofe

Leipzig. Die Geschichte ist überliefert: Studenten befragen für ein Forschungsprojekt junge Leute, ob diese eher atheistisch oder eher christlich seien. «Keines von beiden, normal halt», antwortet einer der Befragten in Leipzig. Eberhard Tiefensee erzählt die witzige Begebenheit bei einem Diskussionsforum auf dem Katholikentag. Der Religionsphilosoph und Professor der Universität Erfurt beschäftigt sich quasi berufsmäßig mit Fragen wie «Kann man ohne Religion leben?»

Die wenigsten wird es überraschen, dass die Frage gerade in Leipzig, aber auch andernorts im Osten, wo sich die Menschen unter dem Druck der Staatspartei SED über mehrere Generationen immer mehr von der Kirche entfernt haben, ohne weiteres mit «Ja» beantwortet wird. Und da liegen sie, wissenschaftlich gesehen, richtig. «Man kann auch ohne Gott gut leben», stellt Tiefensee fest. Und keiner seiner Zuhörer, es mögen 500 sein, widerspricht. Es sind nicht nur Katholiken darunter.

Tiefensee, übrigens selbst katholischer Priester, sagt Sätze wie «Jeder Europäer ist christlich und atheistisch zugleich» oder «In jedem Atheisten lebt ein kleiner Christ». Viele christliche Werte - man kann etwa an Solidarität mit den Schwachen oder den Wert eines jeden Individuums denken - seien in der heutigen Gesellschaft allgemein anerkannte humanistische Werte. «Es geht auch ohne Kirchen als Werteagentur», so der Experte. Christen unterschieden sich in ihren Moralvorstellungen nicht von Menschen ohne Konfession.

Bodo Ramelow, der als gebürtiger Westdeutscher Ministerpräsident im Ost-Bundesland Thüringen sowie gleichzeitig Linker und bekennender Christ ist, sieht das ähnlich. Wenn alle, momentan gerade im Hinblick auf Flüchtlinge, darüber nachdächten «Was bedeutet Humanismus, was bedeutet Menschlichkeit?», seien neue Verbindungen zwischen Gläubigen und konfessionslosen Menschen möglich. Ramelow erinnert an das Massaker im Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002, als ein Amokläufer 16 Menschen und dann sich selbst erschoss. Wenn damals nicht die Kirchen geöffnet hätten, wäre es nicht möglich gewesen, «die wunden Seelen berühren zu können».

Und die Katholikentagsbesucher? «Ich glaube schon, dass man auch ohne Glauben leben kann», sagt der gehbehinderte Thomas Kiefer aus der der Diözese Speyer. Aber für sich möchte er Gott nicht missen. «Die christliche Botschaft sagt mir: "Du bist was wert." Das macht mich seit 50 Jahren stark.» «Ich fühle mich geführt, getragen», meint die bayerische Katholikin Elisabeth Löhlein aus Ingolstadt. «Ich habe auch meine Päckchen zu tragen, aber mein Glaube gibt mir Kraft und Hoffnung.» Clemens Olesch, ein Student aus dem sächsischen Riesa, sagt: «Der Glaube ist für mich etwas Sinnstiftendes, Haltgebendes.»

Mit Religion nichts am Hut

Viele konfessionslose Leipziger beobachten das bunte Treiben der Katholikentagsbesucher, die mit ihren grünen Schals die Innenstadt bevölkern, eher distanziert pragmatisch. «Mir gibt meine Familie Halt», sagt etwa Klaus Jung, der am Freitag beim Wochenmarkt am Augustusplatz nach Tomaten Ausschau hält, während ein Knabenchor auf einer Katholikentagsbühne nebenan fröhliche Lieder singt. Nein, mit Religion habe er nichts am Hut. Trotzdem sei es schön, wenn so viele Gäste kämen. Das hört man oft in diesen Tagen.

Die Veranstalter haben im kirchenfernen Leipzig ein spezielles Programm für Menschen ohne christlichen Glauben auf die Beine gestellt. Beim Projekt Off Church etwa sollen Christen und Nichtchristen auf Kirchenbänken, die in der Stadt verteilt sind, ins Gespräch kommen. Wem das dort nicht gelingt oder bei einem Diskussionsforum oder im Café, hatte zum Beispiel beim stimmungsvollen «Light of Christ»-Nachtgebet am Donnerstagabend Gelegenheit: Viele der 12 000 Teilnehmer hatten brennende Kerzen in der Hand und genossen in diesem Moment Besinnlichkeit und Gemeinschaft - an was auch immer sie glauben.

Stefan Kruse

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