Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
"Off Church" will zum Katholikentag in Leipzig Hemmschwellen abbauen

Kirche im Feldversuch "Off Church" will zum Katholikentag in Leipzig Hemmschwellen abbauen

Er ist einer der Gastgeber und der Initiator des Projekts „Off Church“, mit dem im Verlaufe des Katholikentages Hemmschwellen gegenüber der Kirche ab­gebaut werden sollen. Ein Gespräch mit dem Leipziger Propst Gregor Giele (50).

Gregor Giele (Archivfoto)

Quelle: André Kempner

Leipzig. Er ist einer der Gastgeber und der Initiator des Projekts „Off Church“, mit dem im Verlaufe des Katholikentages Hemmschwellen gegenüber der Kirche ab­gebaut werden sollen. Ein Gespräch mit dem Leipziger Propst Gregor Giele (50).

 „Off Church“ soll die Kirche in den öffentlichen Raum öffnen. Sollte Kirche nicht grundsätzlich offen sein?

Gregor Giele: Das ist sie auch. Aber wir gehen noch einen Schritt weiter ins Offene und bringen die zentralen Orte der Kirche in die Stadt.

Wie sieht das konkret aus?

Gregor Giele: An repräsentativen Orten in der Stadt gibt es Installationen von Rico Schmitz, die sich auf sakrale Orte in der Kirche beziehen, beispielsweise auf das Allerheiligste, den Tabernakel, worin die Hostien aufbewahrt werden. „Tabernakel“ heißt auf Deutsch „Zelt“. Also haben wir vor der Deutschen Bank ein Zelt aufgebaut. Darin geht es um die Frage: Was ist mir heilig? Es gibt Kirchenbänke, wo es um Texte aus der Bibel geht, oder eine White Box, einem Beichtstuhl ähnlich, mit Eingängen auf beiden Seiten. Man kann darin jemand anderes finden oder nichts, ein Gespräch oder Stille – ein schönes Bild für die Wirklichkeit Gottes. Und eine Kanzel haben wir auch: Da kann jeder erzählen, was er möchte – so lange es akzeptabel ist. Die Orte sind so beschaffen, dass jeder eine geeignete Station findet, Extrovertierte ebenso wie Introvertierte. Das alles steht unter dem Motto: Man kann mit uns auch reden. Darum geht es letztlich.

Und an wen richtet sich diese Kirche im Offenen?

Gregor Giele: Wenn es gut läuft, fühlen sich alle angesprochen. Passanten etwa, die sich auf den Katholikentag einlassen, aber sich nichts Konkretes vornehmen. Das Programmheft mit über 600 Seiten ist ja nicht sehr einladend für einen Erstkontakt. Und wenn man dann noch ein Tagesticket kaufen soll, ist das für Unbeteiligte auch eine Hemmschwelle.

Und an wen wendet sich der Katholikentag ganz allgemein?

Gregor Giele: Zunächst ist er natürlich eine Art Familientreffen: Katholische Gläubige sind unter sich in großer Zahl. Die Leipziger wiederum präsentieren sich als Gastgeber. Der zweite Akzent liegt auf dem gottesdienstlichen Teil, bei dem wir die Möglichkeit geben, spirituelle Erfahrungen zu machen, nach denen die Menschen wieder eine große Sehnsucht haben.

Katholikentag I

Fast 2000 Veranstaltungen zum Katholikentag. Ist da was für Sie dabei?

Nun liegt Leipzig ja in der Diaspora, wie viele Katholiken gibt es in der Stadt?

Gregor Giele: Derzeit sind wir rund 28 000. Die Zahl steigt – langsam, aber kontinuierlich. Wir arbeiten an der Fünf-Prozent-Hürde. Insgesamt sind etwa 17 Prozent der Leipziger Christen.

Welche Rolle spielt Religion überhaupt für das Leben in einer Großstadt?

Gregor Giele: Das ist eine wichtige Frage, und es ist eine große Chance, diese Frage in der Stadt zu diskutieren, die wie keine andere für Diskussionskultur steht.

Es hat nicht den Eindruck, als würden sich alle auf eine solche Diskussion offen einlassen wollen – der Neubau der Propsteikirche hat nicht nur Begeisterung ausgelöst, die Unterstützung des Katholikentags seitens der Stadt schon gar nicht ...

Gregor Giele: ... und Sie könnten den Blick noch weiten: Ob es um den Moschee-Bau geht, die Uni-Kirche oder unseren Kirchenbau: Es sind immer die gleichen Fragen: Welche Rolle soll, darf, kann und muss Religion in einer Stadt spielen. Beunruhigung tritt jeweils dann verstärkt auf, wenn Religion sich in einem Projekt manifestiert, egal, ob es um einen Bau geht oder um ein Fest. Die weitaus meisten nicht konfessionell Gebundenen stellen sich allerdings auf den Standpunkt: Kirche ist wichtig, es soll sie geben, ich allerdings verhalte mich neutral und lasse mich nicht weiter darauf ein. Denen müssen wir zeigen, dass wir aus sozialen Gründen unverzichtbar sind, zukunftsorientiert und eine verlässlich kritische Stimme.

Andere besonders kritische Stimmen bemühen gern das Christliche Abendland. Bezieht die Kirche da deutlich genug Stellung?

Gregor Giele: Theoretisch ja. Aber auch innerkirchlich gibt es heftig geführte Debatten. Da ist mittlerweile so etwas wie eine interne Ökumene gefragt. Denn innerhalb der Pfarreien, ja selbst innerhalb von Familien sind die weltanschaulichen Unterschiede groß. Da kommt der Kirche eine gewaltige Aufgabe zu, von der sie selbst noch keine rechte Idee hat. In Leipzig herrscht derzeit eine Patt-Situation. Denn es bewegt sich nichts. Ich finde die Gegendemonstrationen wichtig, aber sie sind keine Lösung, und es wäre eine wichtige Vermittleraufgabe für die Kirche, Lösungen zu entwickeln ohne ein­zuknicken. Da hat sich über Jahre etwas angestaut, was keiner von uns hat kommen sehen.

Kann ein Katholikentag in dieser Situation helfen?

Gregor Giele: Das wäre schön. Aber ich weiß nicht, ob das gesamte Spektrum beim Katholikentag da ist – und sich zu Wort meldet. Die Nichteinladung der AfD jedenfalls war kein gutes Signal, obwohl richtig – weil grundsätzlich keine Parteien eingeladen sind. Aber manche ziehen daraus den fatalen Schluss: Die wollen uns nicht. Tatsache jedenfalls ist: Viele AfD- und Pegida-Anhänger outen sich als bekennende Christen, und ich würde gerne mal sehen, wie die ihre Ansichten mit ihrem Christsein verbinden. Es scheint ja irgendwie zu gehen.

Davon abgesehen: Was soll er bringen, der Katholikentag?

Gregor Giele: Ganz wichtig und ganz banal: Sympathie. Wenn hinterher mehr Menschen sagen, „ich finde die katholische Kirche ganz o.k.“, dann ist das der Minimalerfolg. Nach innen wird den Teilnehmern klar, dass wir modern sind, dass wir in der modernen Gesellschaft unseren Glauben formulieren müssen: Wir leben hier, heute und in Deutschland.

Und nach außen?

Gregor Giele: Ich hoffe, dass die Menschen wahrnehmen, dass wir zu den heutigen Diskussionsprozessen mit großem Selbst­bewusstsein unseren Beitrag leisten. Christen sind bei den brennenden Fragen unserer Zeit vorne dabei.

Und spirituell?

Gregor Giele: Das ist ein großer Trend in den letzten 10, 15 Jahren. Viele suchen bei uns spirituelle Erfahrungen, der Katholikentag ist allerdings traditionell eher ein Instrument des politischen Katholizismus.

Und eines der Ökumene?

Gregor Giele: Beim Fronleichnam-Gottesdienst sind alle Konfessionen vertreten. Aber wirklich substanziell geht es mit der Ökumene wohl erst nach dem Reformationsjahr 2017 weiter. Die Konsens-Ökumene ist jedenfalls so weit gediehen, dass sie ihr Ende erreicht hat. Jetzt kommen die wirklich interessanten Fragen auf uns zu: Brauchen wir sieben Sakramente? Oder mehr? Oder weniger? Muss man das Priesteramt so hoch hängen? Das Problem bei solchen grundsätzlichen Fragen ist: Wenn einer sich bewegt, bewegen sich alle. Aber niemand will den ersten Schritt gehen. Und am Ende steht die entscheidende Frage: Wie wichtig ist es, eine Kirche für alle Christen zu haben?

 Interview: Peter Korfmacher

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Katholikentag
  • So geht Familie
    So geht Familie: Die Serie für Familien in Leipzig

    Die LVZ-Serie mit Tipps und Informationen für Leipziger Familien. Jetzt neu: Anlaufstellen für Familien in Notlagen.  mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Sehen Sie hier einen Rückblick auf das LVZ Sommerkino im Scheibenholz vom 14. Juli - 3. August 2016. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Leipzig Live
    Leipzig Live

    Kino, Konzerte, Theater in Leipzig: Mehr als 20.000 Termine im Veranstaltungskalender der Leipziger Volkszeitung. mehr

  • Schlingel - Familienmagazin
    Schlingel - Das Familienmagazin der LVZ

    Das Familienmagazin der LVZ. Wir richten uns an Eltern und Kinder, die in Leipzig und Umgebung zu Hause sind. Ihnen möchten wir ein nützlicher, unt... mehr

  • Finerio
    finerio

    Das Genussportal für Leipzig mit allen Restaurants, Cafés und Kneipen, dazu Events, Aktionen und interessante Infos rund ums Thema Essen und Trinken. mehr