Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Ein Hiob der Gegenwart: Der unfassbare Weg des Manfred Weber

100. Katholikentag Ein Hiob der Gegenwart: Der unfassbare Weg des Manfred Weber

Ein Bekannter hat ihm vor einiger Zeit die Frage gestellt, etwas ungläubig wegen der Unerschütterlichkeit, die Manfred Weber ausstrahlt: „Haben Sie überhaupt keine Angst vor dem Tod?“ Weber antwortete per Gegenfrage: „Haben Sie Angst, wenn Sie heimgehen?“

Manfred Weber hat ein besonderes Credo: „Ich bin positiv.“

Quelle: privat

Leipzig. Ein Bekannter hat ihm vor einiger Zeit die Frage gestellt, etwas ungläubig wegen der Unerschütterlichkeit, die Manfred Weber ausstrahlt: „Haben Sie überhaupt keine Angst vor dem Tod?“ Weber antwortete per Gegenfrage: „Haben Sie Angst, wenn Sie heimgehen?“ Eine Reaktion, die charakteristisch für den Mann ist, der von heute an zu den Teilnehmern des 100. Katholikentages in Leipzig gehört. Charakteristisch für die Tiefe seines Glaubens, für seine Gelassenheit und den Umgang mit dem, was für ihn vorgesehen ist.

Bald wird Manfred Weber heimgehen, wie er es nennt. Der Krebs breitet sich aus, entlang seiner Wirbelsäule, an seinen Lymphknoten. Doch er beklagt sich nicht. Den Satz „Es geht mir gut“ meint er so, obwohl er permanent starke Schmerzen hat. Morphium lehnt er ab, weil er sich nicht in eine schleichende Abhängigkeit begeben will.

Ein Mensch mit aufmerksamem, manchmal schelmischem Blick aus einem Gesicht, in das sich das Leben geschrieben hat. Erfährt man nur ansatzweise, was hinter dem 65-Jährigen aus dem bayerischen Thalfingen liegt, scheinen die Unerschrockenheit, die Energie, das Sonnige in ihm umso weniger fassbar – und doch haben nicht zuletzt die Gewichte aus schweren Jahrzehnten für die Aktivierung einer Kraft gesorgt, die sich vor allem aus dem Glauben an Gott speist.

Die Ballung der Schicksals-, Nacken- und Rückschläge in Webers Biografie reicht aus, um einer Handvoll Lebensläufen einen Bruch zu geben, von dem man sich nicht mehr erholt. Nur: Im Bereich des Normalen angesetzte Maßstäbe gelten nicht für diese Geschichte. 1980, Weber ist 29 Jahre alt, stirbt eines seiner drei Kinder mit knapp 16 Monaten an einer Gehirnentzündung – zu einem Zeitpunkt, als Webers Frau in einer Klinik lag. Neben diesen Belastungen drücken Schulden wegen des neu gebauten Hauses. „Für das Begräbnis musste ich einen Kredit aufnehmen“, so Weber, der sich damals unendlich allein fühlt. Nachts, wenn das Echo eines Verzweiflungstages ihn nicht schlafen lässt, geht er in den Wald, blickt in das Dunkel und in die Baumwipfel.

Sieben Jahre später infiziert sich der verheiratete Vater insgesamt dreier Kinder mit dem HIV-Virus. Über die Ursache möchte er deshalb nicht reden, weil er weder zum Lager der Selbstverschuldeten noch dem der unschuldigen Opfer gerechnet werden möchte. „Es ist passiert, basta.“ Von der Infektion erfährt er nach einer Blutspende. Donnerstag, 2. März 1989, 9.30 Uhr – der Zeitpunkt der Schocknachricht hat sich eingebrannt.

Der Gang durchs Leben schwankt, wenn der Boden unter den Füßen verschwindet. Doch Weber entschließt sich, das Schicksal anzunehmen und offen damit umzugehen. Auf Gespräche mit Freunden und Familie folgt – einige Krankschreibungen und einen Krankenhausaufenthalt später – die Erklärung vor dem Arbeitgeber. Der Chef lässt ihn wortlos im Türrahmen stehen. Verwandte wenden sich ab. Nicht der einzige Gegenwind, der die Existenz wie ein Kartenhaus umbläst: Es kommt zur Trennung von seiner Frau. Einzig die beiden Kinder, heute 40 und 35, bleiben loyal, bis heute ist das Verhältnis herzlich.

1994 die erste Krebs-Operation, ein bösartiger Tumor an der Ohrspeicheldrüse. Die Krankheit nimmt ein gutes Ende. Inzwischen ist Weber wegen Erwerbsunfähigkeit frühverrentet, hält Vorträge zur Prävention von HIV in Schulen, Pfarrgemeinden, karitativen Einrichtungen. Andere Infizierte, kennengelernt durch die Mitarbeit bei der Aidshilfe, sieht er sterben. Mit dem damals einzigen Medikament auf dem Markt kann sich Weber nicht anfreunden, die Nebenwirkungen sind ihm zu heftig. Sein Überleben verläuft entlang des pharmazeutischen Fortschritts. 1996 sind seine Blutwerte so schlecht, dass er sich sagt: „Jetzt ist es egal, ob ich an den Nebenwirkungen oder an Aids sterbe“ – und steigt gleich mit einer Dreier-Tabletten-Kombination ein. Sein Überleben verläuft entlang des pharmazeutischen Fortschritts.

2005 häufen sich, verursacht durch die Pflege der bettlägerigen Mutter, die Schmerzen in der Wirbelsäule. Die Diagnose: Osteoporose. Die Ursache: Prostatakrebs. Eine wichtige und entscheidende Frage konnte Weber bislang kein Fachmann beantworten: Wie verhält sich Krebs im Zusammenhang mit HIV? Nach achtwöchiger Bestrahlung ist die Erkrankung nicht mehr nachweisbar. Und Weber trotzt weiteren schwer wiegenden gesundheitlichen Bedrohungen. Mehreren Thrombosen zum Beispiel. 2013 überlebte er eine Lungenembolie, im November 2014 einen Herzinfarkt – laut Arzt mit Blutwerten, bei denen andere die Augen nicht mehr geöffnet hätten.

Doch seit drei Jahren ist der Prostatakrebs zurück, in unbesiegbarer Form. Dass die Zeit auf Erden absehbar ist, hat er längst akzeptiert. Und dann benutzt Manfred Weber den doppeldeutigen Satz, der für ihn steht, seine Leben und seine Haltung: „Ich bin positiv.“ Ja, das ist er, ein HIV-Infizierter, der den Optimismus lebt, der einen geradezu ungeheuren Willen besitzt, einen bisweilen tiefschwarzen Humor und dazu einen Glauben, der ihn durch die Prüfungen trägt. Ein Hiob im 21. Jahrhundert. An Selbstmord habe er nie gedacht. „Ich habe das Leben angenommen, das Gott mir gegeben hat. Und ich möchte kein anderes haben. Der Herr wird es richten.“ Manchmal nur, wenn es arg dick kommt, „dann schimpfe ich mit meinem Chef und sage: Jetzt kannst du mal wieder langsamer machen.“

Für schwierige Entscheidungen und benötigte Ruhe zieht er sich seit 2003 mehrmals pro Jahr in die Abtei Königsmünster zurück. Das Benediktinerkloster im sauerländischen Meschede fühlt sich längst wie ein spirituelles Zuhause an. Für diesen Herbst hofft er, dort eine Oblation zu bekommen, jenes in einem kirchlichen Ritus abgelegte Gelübde also, in enger Verbundenheit mit einem bestimmten Kloster zu leben. „Das würde mir wahnsinnig viel bedeuten“, sagt er.

Ein anderes, ebenfalls mit seiner Religiosität verbundenes Ziel erreicht der Mann im Frühjahr 2015. Bereits schwer krebskrank und gerade vom Infarkt genesen, macht sich Weber auf den Jakobsweg – gegen die vehemente Warnung seines Arztes, er werde das nicht überleben. „Das wäre doch nicht schlimm“, entgegnet Weber, „es ist der direkte Weg zu Gott.“ Knapp 900 Kilometer ab dem Somport-Pass an der französisch-spanischen Grenze ist er zu Fuß 42 Tage lang unterwegs, geographisch und physisch durch Höhen und Tiefen. Wunderschöne Begegnungen voller Herzlichkeit. Auf den letzten Kilometern nimmt eine Gruppe junger Spanier Weber in ihre Mitte und trägt seinen Rucksack. Dann eröffnet eine Anhöhe den Blick auf Santiago de Compostela. Weber übernimmt sein Gepäck. Auf dem Obradoiro-Platz fallen sich alle unter Glückstränen in die Arme. Auch diesen Weg hat er geschafft, scheinbar gegen jede Chance..

Nun also ist er in Leipzig, wird beim Stand des Aktionsbündnisses gegen Aids mithelfen. Beim ökumenischen Gottesdienst am 28. Mai wird er mitwirken (18.30 Uhr im Neuen Rathaus). „Und in der Freizeit möchte ich mir die Stadt ansehen“, so weit die Kraft reicht, denn sie schwindet.

Das Leben des Manfred Weber – eine Geschichte, die man nicht zu erfinden wagen würde. „Sterben heißt Mensch werden“ steht auf dem Stein des Familiengrabes, in dem er sich schon einen Platz ausgesucht hat. Falls er wirklich stirbt. Denn glauben, wirklich glauben, kann man das nicht, wenn man ihn kennt. Weil er positiv ist.

Von Mark Daniel

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Persönliche Geschichten
  • So geht Familie
    So geht Familie: Die Serie für Familien in Leipzig

    Die LVZ-Serie mit Tipps und Informationen für Leipziger Familien. Jetzt neu: Anlaufstellen für Familien in Notlagen.  mehr

  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Sehen Sie hier einen Rückblick auf das LVZ Sommerkino im Scheibenholz vom 14. Juli - 3. August 2016. mehr

  • Angestupst
    Mikrologo Angestust

    Die aktuelle Förderrunde der Aktion „Angestupst“ von LVZ und Sparkasse Leipzig ist beendet. So haben Sie abgestimmt! mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Leipzig Live
    Leipzig Live

    Kino, Konzerte, Theater in Leipzig: Mehr als 20.000 Termine im Veranstaltungskalender der Leipziger Volkszeitung. mehr

  • Schlingel - Familienmagazin
    Schlingel - Das Familienmagazin der LVZ

    Das Familienmagazin der LVZ. Wir richten uns an Eltern und Kinder, die in Leipzig und Umgebung zu Hause sind. Ihnen möchten wir ein nützlicher, unt... mehr

  • Finerio
    finerio

    Das Genussportal für Leipzig mit allen Restaurants, Cafés und Kneipen, dazu Events, Aktionen und interessante Infos rund ums Thema Essen und Trinken. mehr