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„Wir dürfen uns die Ablehnung gegen Pegida nicht zu leicht machen“

Überforderte Ostdeutsche „Wir dürfen uns die Ablehnung gegen Pegida nicht zu leicht machen“

Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz fordert einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut in Dresden. Im LVZ-Interview spricht er sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Nicht jeder, der den rechten Parolen lauscht, sei in seinen Augen ein Rechtsextremer.

Psychologe Hans-Joachim Maaz

Quelle: LVZ

Leipzig. Der Hallenser Psychiater Hans-Joachim Maaz fordert einen ernsthaften Umgang mit dem Unmut in Dresden. Im LVZ-Interview spricht er sich gegen eine Pauschalisierung von Pegida aus. Nicht jeder, der den rechten Parolen lauscht, sei in seinen Augen ein Rechtsextremer.

LVZ: Herr Maaz, 1990 haben Sie Ihr Buch „Der Gefühlsstau“ veröffentlicht, eine Analyse über die Folgen der SED-Herrschaft für die Psyche der Ostdeutschen. Bricht sich jetzt, 25 Jahre später, dieser Gefühlsstau Montag für Montag in Dresden Bahn?

Hans-Joachim Maaz: Ich halte nichts von pauschalen Erklärungen des Phänomens Pegida. Es ist ein komplexes Gemisch aus Motiven, das die Menschen auf die Straße treibt. Persönliche Probleme, aber auch spezifisch ostdeutsche Verlusterfahrungen – ebenso wie Unbehagen an ungelösten politischen Fragen wie in der Asylpolitik und eine allgemeine Kapitalismuskritik.

Und doch sind es Galgen, Hitlerbärtchen und krude Ausführungen zu KZs, die das Bild von Pegida prägen. Hat Vizekanzler Gabriel etwa Unrecht, wenn er Pegida als rechtsextrem bezeichnet?

Nur wenige all jener, die bei Pegida mitlaufen, sind Rechtsextremisten. Nachdem ich mal einen Vortrag bei der Dresdner Landeszentrale für politische Bildung gehalten habe, erhalte ich viel Post von Demonstranten. Vielen ist unangenehm, was sich montags auf der Bühne ereignet, sie schämen sich. Es überwiegt jedoch das Bedürfnis, ihren Unmut zum Ausdruck zu bringen.

Warum sind die Menschen denn so sauer?

Es liegt an der Geschichte der Ostdeutschen, dass sie besonders sensibel sind für Manipulationen durch Politiker und Fehler sowie Schwächen des politischen und wirtschaftlichen Systems. Vieles davon haben sie persönlich erfahren, etwa beim Verlust des Arbeitsplatzes und den Schwierigkeiten auf der Suche nach einem neuen. Aber selbst unter jenen, die Arbeit haben und besser verdienen, gibt es viele, die unter dem westlichen Lebensmodell leiden; daran, dass sie sich stets gut verkaufen müssen, gut drauf sein müssen. Was die westliche Konkurrenzgesellschaft den Menschen abverlangt, ist für viele sehr stressbesetzt. Dass sie in ihrer Überforderung nicht ernst genommen werden, steigert nur ihren Unmut.

Sie meinen, die Empörung über Pegida macht Pegida stärker?

Wer hier von „Pack“ spricht, verletzt und kränkt die Menschen und bestätigt sie in ihrer Enttäuschung und in ihrem Eindruck, dass sie nicht verstanden werden.

Ist es von Demokraten nicht zu viel verlangt, die menschenfeindlichen Forderungen, die die Pegidisten auf ihren Transparenten kundtun, ernst zu nehmen?

Ja, es fällt schwer. Und doch sollte man sich von den Transparenten nicht in die Irre führen lassen. Wann immer das Ausmaß der Erregung nicht zum Anlass passt, weiß man als Psychotherapeut: Da steckt was ganz anderes hinter.

Und was steckt hinter der zur Schau gestellten Feindseligkeit gegenüber Flüchtlingen und Muslimen? Zumal der Pegida-Schauplatz Dresden ja nicht gerade eine Migrantenhochburg ist.

In Deutschland gab es auch Proteste gegen die Abholzung des Regenwaldes, obwohl es hier keinen Regenwald gibt. Seit dem 11. September 2001 ist islamistischer Terror eine reale Bedrohung für die westliche Welt. Und auch das Thema Einwanderung zählt zu den großen Fragen unserer Zeit, das sehr viele Menschen umtreibt. Pegida benutzt diese Themen als Aufmerksamkeitsgenerator. Sie wissen, dass sie mit dem Thema Islam mehr Interesse wecken als mit Kritik an der Wiedervereinigung. Zudem kommt es durch den Andrang der Flüchtlinge zu realen Konflikten, und die mühevoll erarbeiteten, neu gewonnenen Stabilitäten scheinen plötzlich infrage gestellt. Ich sehe in Pegida keine rechtsextreme Bewegung. Es ist eine außerparlamentarische Protestbewegung, nur diesmal nicht links, sondern konservativ; getragen von Motiven, die mit DDR-Vergangenheit, Wiedervereinigung, Asylpolitik und Kapitalismuskritik zu tun haben.

Das mögen ja alles lautere Protestmotive sein. Nur: Delegitimieren die Unzufriedenen nicht ihre Anliegen, wenn sie Hetzern wie Lutz Bachmann hinterherlaufen?

Aber selbst wenn sie fortan montags zu Hause blieben, muss man doch fragen: Was machen die Menschen mit ihrem Bedürfnis zum Protest, wohin tragen sie ihren Unmut? Wir dürfen es uns in unserer Ablehnung gegenüber Pegida nicht zu leicht machen. Vorwürfe verhärten die Fronten, die Dämonisierung muss enden.

Was sagt die „Dämonisierung“ von Pegida über unsere Gesellschaft aus?

Der Reflex zur Gegenbewegung kaschiert die Probleme. Pegida-Demonstranten und Gegendemonstranten erinnern mich an Geschwister, die sich gegenseitig die Köpfe einschlagen, weil sie schlechte Eltern haben – anstatt sich gegen diese zu verbünden. Wir müssen reden über das Versagen Europas in der Flüchtlingsfrage, über die Gefahren unseres Wirtschaftssystems.

Misstrauen Sie der Willkommenskultur?

Sehr viele Menschen wissen oder ahnen zumindest, dass unsere Lebensweise nicht in Ordnung ist. Dass wir mitschuldig sind an weltweiter Armut, Ungerechtigkeit und Klimakatastrophen. Diese Ahnung einer erneuten deutschen Mitschuld an gravierenden Fehlentwicklungen führt dazu, dass man sich versichern will: Ich bin doch ein Guter. Die Willkommenskultur ist eine Reaktion auf das Wissen, dass da Flüchtlinge kommen, an deren Schicksal auch wir Schuld tragen.

Von Marina Kormbaki

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