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Hausprojekt zur DDR-Zeit: Viel Schweiß für schöneres Wohnen

Leipziger Heimwerker Hausprojekt zur DDR-Zeit: Viel Schweiß für schöneres Wohnen

Heute nennt man es Do-It-Yourself, in der DDR war es schlichte Notwendigkeit: Wie die Mieter der Nonnenstraße 32/34 Anfang der 1970er ihre Häuser renovierten und sich in ihrer Freizeit mit tausenden Arbeitsstunden selbst lebenswerten Wohnraum schufen.

Hausprojekt zu DDR Zeiten: Die Nonnenstraße 32/32

Quelle: Archiv Manfred Ullrich

Leipzig. Am Ende der Mühen musste Familie Ullrich im Winter keine Kohlen mehr schleppen. Sie hatten jetzt eine Gasheizung. Nächtliche Gänge zur Toilette führten nicht mehr durch den Hausflur eine halbe Treppe hinab. Stattdessen gab es ein eigenes Badezimmer samt Klo, fließend warmes Wasser aus dem Durchlauferhitzer inklusive. Was heutzutage selbstverständlich ist, war in einem Leipziger Altbau Ende der 1970er äußerste Seltenheit. Familie Ullrich und die anderen Bewohnern der Hausgemeinschaft Nonnenstraße 32/34 in Plagwitz mussten sich ihren Wohnkomfort selbst erarbeiten. Für das Leipzig-Album hat Manfred Ullrich, viele Jahre Leiter der Mietergemeinschaft, die Chroniken und Fotos herausgesucht.

Eine kleine Katastrophe löste im Januar 1972 den ersten gemeinsamen Einsatz aus. Wasser aus der defekten Kanalisation hatte den Hof überflutet, Ratten rannten umher. Wohl oder übel griffen mehrere Mieter selbst zu Hacke und Spaten, um den Schaden zu reparieren. Einmal an der Arbeit rissen sie dann auch die maroden Holzschuppen im Hof zwischen den Häusern ab.

Viel Arbeit schweißt zusammen: In tausenden Arbeitsstunden sanierten die Mieter der Nonnenstraße 34 und 32 Hinterhof und Häuser. Ihre Fortschritte feierten sie bei Hof- und Kinderfesten.

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Als Manfred Ullrich und seine Frau Ingeborg mit dem einjährigen Sohn Mitte des Jahres einzogen, war die Renovierung bereits im Gang. „Die Mieter hatten alle die Nase voll und haben sich zusammengetan“, erzählt Ullrich heute. Seine Frau erinnert sich: „Es war nicht nur das Gemeinschaftsgefühl, dass damals aktiviert wurde. Man wollte einfach nicht so leben.“

In den beiden Häusern, die sich damals eine gemeinsame Einfahrt teilten, wohnten rund 30 Mietparteien. Die Mieter der Nummer 34 waren vor allem junge Familien mit kleinen Kindern, wie die Ullrichs. Dass sich alle gut miteinander verstanden, war ein glücklicher Zufall. Da die Wohnungen von der Gebäudewirtschaft zugewiesen wurden, hatten die einzelnen Mieter keinen Einfluss auf die Wahl ihrer Nachbarn.

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Die Ullrichs selbst hatten lange gesucht. Zuvor lebten sie beengt bei den Schwiegereltern in Leutzsch. Andere Behausungen, die man ihnen anbot, hatten oftmals undichte Dächer. Die Buntgarnwerke, Ingeborg Ullrichs Betrieb, halfen schließlich. In der Nonnenstraße bekam die Familie eine 43 Quadratmeter-Wohnung im dritten Stock. Die Stube war klein, die Küche gerade groß genug, dass eine Person darin kochen konnte. Auch das Schlafzimmer erforderte kreative Ideen. „Wir haben ein Klappbett eingebaut. Anders ging das nicht, so winzig wie das war“, erinnert sich Manfred Ullrich.

Um die eigene Situation zu verbessern, packten alle Bewohner gemeinsam an. Ullrich, unterstützt von Manfred Jahn, dem zweiten Vorsitzenden, verhandelte mit dem VEB Gebäudewirtschaft, wie das Haus modernisiert werden könnte. Schließlich willigten die Mieter ein, so viel wie möglich in Eigenregie zu übernehmen, wenn dafür das Material gestellt wird.

Ullrich, der als Ingenieur im Blechverformungswerk arbeitete, schuftete wie die anderen nach Feierabend und an den Wochenenden. Zunächst wurde der Hof entrümpelt und neu gepflastert, außerdem neue Garagen gebaut. Vorne und hinten kopften die Bewohner den alten Putz von der Fassade herunter. Das war mühsam, denn das Gerüst, das man sich organisiert hatte, deckte nur einen Teil der Hausbreite ab. Drei Mal musste es pro Seite umgesetzt werden, zwei Jahre dauerte das. Den neuen Putz trugen am Ende Profis auf.

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1972 leisteten die Bewohner 6500 Arbeitsstunden, rechnete Ullrich der Gebäudewirtschaft vor. Im Jahr darauf folgten 1158 Stunden, 1974 noch 587. Als eine der drei Mietparteien auf Ullrichs Etage auszog, teilten sich die verblieben beiden die dritte Wohnung untereinander auf. Wände wurden herausgerissen, das Badezimmer eingebaut und das Kinderzimmer vergrößert.

Ein Problem war immer der Mangel an Material. Man musste bei den Verantwortlichen den richtigen Ton treffen, erinnert sich Ullrich. „Ich war nie in der Partei. Ich musste aber mit dem Parteisekretär von Plagwitz Kontakt halten“, erzählt er. So konnte die Familie nach und nach alle wichtigen Gerätschaften zusammenbekommen, etwa die Gasthermen für Warmwasser und Heizung. Wirklich schwierig sei es gewesen, die Betonelemente für die Schornsteine zu bekommen, sagt er. „Selbst mit guten Beziehung gab es da erst überhaupt keinen Weg. Monatelang ging der Schriftverkehr hin und her.“ Am Ende aber bekamen die Mieter das benötigte Material und bauten es selbst ein. Ullrich erinnert sich dabei bis heute an Herbert Flor und Manfred Winzer, zwei Bewohner aus der Hausnummer 32, die immer anpackten.

Manfred und Ingeborg Ullrich mit zwei von vielen Auszeichnungen, die die Hausgemeinschaft Nonnenstraße 32/34 früher erhielt.

Manfred und Ingeborg Ullrich mit zwei von vielen Auszeichnungen, die die Hausgemeinschaft Nonnenstraße 32/34 früher erhielt.

Quelle: Clemens Haug

Die sozialistische Presse war begeistert. LVZ, Union und Abendzeitung erklärten die Mieter der Nonnenstraße 32-34 zum gesellschaftlichen Vorbild. Es gab Auszeichnungen, wie die Mach-Mit-Plakette. Die Gebäudewirtschaft revanchierte sich für die geleisteten Arbeitsstunden mit Sachpreisen. Die Hausgemeinschaft bekam eine Wäscherolle, eine elektrische Tischbügelmaschine, Werkzeug und sogar eine Tischtennisgarnitur. Einmal wurde ein Gemeinschaftsausflug in die Tschechoslowakei spendiert. Dafür lieh man den Bewohnern mehrere Wartburgs aus. Das prominente Vorzeigehaus erhielt sogar das Banner der Arbeit, eine der höchsten Auszeichnungen der DDR. Manfred Ullrich ist immer noch sehr stolz darauf.

Zum Verhängnis wurde der Gemeinschaft aber, dass sie keine Kontrolle darüber hatte, wer einzog. Die ursprünglichen Bewohner waren durch die gemeinsame Arbeit zu engen Freunden geworden, Aber als Mitte der 1980er einige Mieter fortzogen, kamen andere, die den Komfort genossen, aber selbst nichts beitragen wollten. „Sie haben die soziale Struktur mächtig durcheinander gebracht“, sagt Ingeborg Ullrich. Im Haus zerfiel der Gemeinsinn.

Nach der Wiedervereinigung wurde die Nonnenstraße 34 schließlich der Erbengemeinschaft zurückgegeben, die das Haus schon zu DDR-Zeiten besessen hatte. Bis 1998 lebten Ullrichs noch dort. Dann wollten die neuen Eigentümer noch einmal von Grund auf sanieren. Alle mussten ausziehen. Trotzdem war das Ehepaar Ullrich nicht traurig. Heute haben sie ein schönes Haus im Grünen im Leipziger Umland. Sie sind sich aber sicher: „Die Arbeit von uns Mietern hat den Erben das Haus gerettet. Sonst wäre es völlig verfallen.“

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Hinstorff und die LVZ suchen für den zweiten Band des Leipzig-Albums wieder private Fotoerinnerungen an Leipzig. Senden Sie Bilder per E-Mail an an leipzig-album@lvz.de oder per Post an Leipziger Verlags- und Druckereigesellschaft mbH & Co. KG , Vertrieb & Marketing , „Leipzig Album“ , Peterssteinweg 19 , D-04107 Leipzig.

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