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Nora Milenkovic – Dienstleisterin am Bücherberg

Buchhandel Nora Milenkovic – Dienstleisterin am Bücherberg

Sie mag Loriot, Lobbyarbeit und Literatur: Nora Milenkovic ist Geschäftsführerin im Landesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels. Das ist nicht immer leicht, aber immer wichtig – und es macht (fast) immer Spaß.

Nora Milenkovic (40) ist seit 2014 Geschäftsführerin im Börsenverein-Landesverband für Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Sie sei es nicht gewohnt, in der Öffentlichkeit zu stehen, sagt Nora Milenkovic zur Begrüßung. Wobei der Satz eher souverän wirkt als schüchtern. Nach dem Gespräch ist sicher: Sie braucht kein Scheinwerferlicht, weil sie ihre Aufgabe mag, hinter den Kulissen zu wirken.

Diese Kulissen bestehen aus Büchern. Seit Sommer 2014 ist Nora Milenkovic Geschäftsführerin des Börsenverein-Landesverbands Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen. So sperrig wie das klingt, so üppig ist das Regal mit Aktenordnern hinter ihrem Schreibtisch im Leipziger Haus des Buches. Natürlich würden Buchrücken schöner wirken, doch „manchmal ist es nicht schlecht, wenn man in der Vergangenheit lesen kann“. Noch ist nicht alles aus den zurückliegenden 26 Jahren digital dokumentiert.

Noch älter sind die Stühle um den runden Besuchertisch, 70er-Jahre-Flair. Auch die wollte sie „unbedingt behalten“, sie stammen ebenfalls von ihrer Vorgängerin Regine Lemke. Milenkovic muss also weder ihr Amt neu erfinden noch mit Chefmöbeln ihr Büro aufledern. Sie arbeitet, wie man so sagt, an der Basis. Das sind regionale Buchhandlungen, Verlage und der Arbeitgeberverband. Und hier liegt der Unterschied zum alles überdachenden Bundesverband des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, dessen Aufgabe es ist, sich um die vor allem politische Lobbyarbeit und die verbandspolitischen Themen zu kümmern.

Pubertät und Papier

Auf dem Tisch wartet ein Teller mit Gebäck, dazu reicht die Geschäftsführerin spontan ein Loriot-Zitat: „Noch Tietze, Frau Kekse?“ Um gleich wieder ernst zu werden: Sie ärgert sich über mangelnde Aufmerksamkeit. Für den Vorlesewettbewerb zum Beispiel, den es nun schon seit 57 Jahren gibt, der aber über die teilnehmenden Schulen hinaus viel zu wenig wahrgenommen werde. Genügt das nicht? Nein, findet die 40-Jährige, in Serbien geboren und in Hanau aufgewachsen – „Geburtsstadt der Gebrüder Grimm“. Natürlich hinge das auch von der Bevölkerungsdichte der jeweiligen Bundesländer ab, doch es könnten sich noch viel mehr Schulen beteiligen, gerade in Sachsen-Anhalt oder Thüringen, weil „es wichtig ist, Kindern immer und stetig und unermüdlich das Buch nahezubringen“. Das Lesen überhaupt, aber auch das Buch in der gedruckten Form.

Die Aktion richtet sich an sechste Klassen, „genau das Alter, in dem man noch Spaß an Wettbewerben hat, bevor mit der Pubertät andere Themen wichtiger werden“. Milenkovic hängt am bedruckten Papier: „Das finde ich einfach schön. Es ist bunt, man sieht, was man liest.“ Sie mag es, bei in der Öffentlichkeit lesenden Menschen einen Blick auf das Cover zu erhaschen. Sie empfindet es sogar als „Bekenntnis, wenn andere sehen, was ich lese. Das ist ein bisschen wie angeben.“ Zum Anspruch, das ihren zwei- und neunjährigen Söhnen zu vermitteln, gehört die Lust, für Literatur Geld auszugeben.

Beim Bücherkauf lässt sie sich gern inspirieren, auch überraschen. Dabei vertraut sie den Händlern. Es dürfen durchaus Krimis oder Bestseller sein. Gerade liest sie Volker Weidermanns „Ostende. 1936, Sommer der Freundschaft“, Tilmann Lahmes „Die Manns. Geschichte einer Familie“ wartet schon. „Ich habe während des Studiums gern Thomas Mann gelesen, manches von ihm auch schon zwei Mal“, erzählt sie. Um das Studium der Germanistik, Hungarologie und vergleichenden Literaturwissenschaft in Berlin an Humboldt-Uni und TU zu finanzieren, hat sie in der Buchhandlung Kiepert gearbeitet. Als die, Milenkovic war von einem halbjährigem Paris-Aufenthalt zurückgekehrt, von einer Buchhandelskette übernommen worden war, erlebte sie unmittelbar, „wie unterschiedlich es ist, in einem inhabergeführten Buchhandel oder bei einem Filialisten zu arbeiten“.

„Beratung ist alles“

Nach fast drei Jahren beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels, einem Weg, der über Frankfurt am Main und Berlin in den Leipziger Gerichtsweg geführt hat, ist es nun ihre Aufgabe, gemeinsam mit dem Vorstand des Landesverbandes Buchhändler und Verlage in Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen zu unterstützen auf deren Wegen zu den Lesern und Partnern.

Dem Buchhandel gehe es viel besser, als es manche vermuten, sagt sie. Zahlreiche inhabergeführte Buchhandlungen feiern in diesem Jahr Jubiläum, haben sich 25 Jahre halten können. Das war und ist nie leicht. Trotz aller Unkenrufe in den vergangenen Jahre aber ist der stationäre Buchhandel der stärkste Vertriebsweg im vergleich zu online-Angeboten. Neugründungen gebe es heute selten, meist seien es Übernahmen. Wer es wagen will, bekommt Beratung vom Börsenverein. Man müsse die Buchhandlung nicht neu erfinden. Sie selbst habe zwar noch „nicht ernsthaft“ mit einem eigenen Laden geliebäugelt, ist sich aber sicher: „Wenn ich eine aufmachen würde, würde ich Perlen reinnehmen, versuchen, das Sortiment öfter zu wechseln.“ Es sei nicht wesentlich, die „Spiegel“- Bestsellerliste zu stapeln. „Ich glaube, Beratung ist alles. Beratung und Kontakt zu den Kunden.“

Nora Milenkovic ist begeistert vom Buchhandlungspreis, den Staatsministerin Monika Grütters seit 2015 vergibt. Sie betont, dass die Initiative von Leipzig ausging, von der Kurt Wolff Stiftung nämlich im Zusammenspiel mit dem Börsenverein. Diese gemeinsame fördernde Lobbyarbeit gehört zu ihren Aufgaben. „Ich sehe mich auch als Dienstleister.“ Was mitunter fehle, sei das Interesse für die Verlage der Region. Rund 200 sind es in Sachsen, 44 in Sachsen-Anhalt und 95 in Thüringen.

Stärke nicht bewusst

Die präsentieren sich bei den Thüringer Buchtagen oder auf der Sächsischen Bücherschau, doch in den Verkaufsregalen sind ihre Titel nur zum Teil zu finden. „Vielleicht ist manchen Händlern nicht bewusst, dass auch das zur Stärkung der Region gehört“, sagt Milenkovic. „Es gibt eine Menge Verlage hier, die sehr gute Bücher machen, natürlich – neben Belletristik-Verlagen wie Voland & Quist oder Open House – oft mit dem Schwerpunkt auf Regionalia. Die aber sind sehr beständig, diese Spezialisierung ist und bleibt auch in Zukunft stabil.“ Kurzfristige Reaktionen auf das Weltgeschehen sind da eher selten. Dem Klett Kinderbuch Verlag ist es mit der Flucht-Geschichte „Bestimmt wird alles gut“ gerade gelungen.

Wenn Händler, Verlage und Publikum zusammenfinden, heißt das Buchmesse. Im Herbst soll in Frankfurt am Main endlich ein sächsischer Gemeinschaftsstand Realität werden, in Leipzig wird der Landesverband in dieser Woche Sachsens Kulturministerin Eva-Maria Stange und andere Minister auf Messe-Rundgängen begleiten. Dann geht es darum, die Interessen der Mitglieder an die Politik heranzutragen. Dann wird Nora Milenkovic in der Öffentlichkeit stehen. Doch wenn es die Zeit erlaubt, taucht sie ein ins Publikum. Eine Lesung mit Reinhard Jirgl würde sie gern erleben. Er stellt seinen neuen Roman vor. „Oben das Feuer, unten der Berg“ heißt er – ein Titel, der auch Lobbyarbeit ganz gut beschreibt.

Der Landesverband auf der Leipziger Buchmesse: Halle 5/ Stand E 602

Von Janina Fleischer

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