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Von Amman bis Ziegler: Zwölf Autoren am ersten Buchmesse-Tag in der LVZ-Autorenarena

Aus Liebe zur schönen Sprache Von Amman bis Ziegler: Zwölf Autoren am ersten Buchmesse-Tag in der LVZ-Autorenarena

45 Autoren an vier Tagen, 22,5 Stunden Lesung: Die LVZ-Autorenarena ist gestartet. Am ersten Tag waren gleich viele bekannte Autoren mit dabei, auch Lokalmatador Clemens Meyer.

Jean Ziegler im Gespräch mit Matthias Wöbking.

Quelle: Kempner

Leipzig. 45 Autoren an vier Tagen, 22,5 Stunden Lesung. Punkt 11 Uhr fällt der Startschuss für die LVZ-Autorenarena 2017 mit dem Lokalmatador Clemens Meyer . Der will ohne große Umschweife über sein Buch reden. Unter dem Titel „Die stillen Trabanten“ hat Meyer neun Erzählungen gesammelt, durch drei „Miniaturen“ in drei Teile gebrochen. „Alle Geschichten sind für den Band entstanden, nichts davon hat in der Schublade gelegen“, erklärt Meyer den Schreibprozess, während LVZ-Redakteur Peter Korfmacher die Präzision lobt, mit der der Autor Probleme der Gesellschaft beschreibt, ohne sie explizit beim Namen zu nennen.

Dieser präzise Blick aufs „normale“ Leben zeichnet auch Horst Evers aus, obgleich das Ergebnis einen anderen Nerv trifft. Moderator Mark Daniel bringt den Unterschied auf den Punkt: „Ich lache selten laut bei der Lektüre. Bei Horst Evers gelingt es.“ Dessen neues Buch trägt den Titel „Der kategorische Imperativ ist keine Stellung beim Sex“ und berichtet mit sicherem Gefühl für Pointen von vermeintlich alltäglichen Begegnungen. Thematische Beschränkung ist für Evers ein Fremdwort. Im Gespräch springt er von der Begegnung mit einer „wunderschönen“ Polizistin zum Berliner Flughafen. Daniel bremst den Autor nicht und bemerkt lapidar: „Meine Fragen hebe ich fürs nächste Mal auf“.

Apropos überholte Fragen. Die kennt auch Walther Plathe , denn Landarzt bleibt Landarzt. Um seine Paraderolle kommt er auch im Dialog mit Kerstin Decker nicht herum. Dass er mehr als das zu bieten hat, beweist „Ich habe nichts ausgelassen“, eine Autobiografie, in der Plathe von seiner Kindheit und erstmals auch von Liebesbeziehungen zu Männern berichtet. Er ist um klare Positionen nicht verlegen und bricht eine Lanze für sich und seine Kollegen aus der DDR: „Wir haben eine gute Ausbildung, wissen, was wir machen und warum wir manche Dinge nicht machen.“

Die Liebe zu schöner Sprache hat Plathe mit Laurynas Katkus gemeinsam, der unter anderem in seiner Muttersprache Litauisch, Russisch, und Deutsch kommunizieren kann. Katkus hat in den 90ern in Leipzig studiert, schwärmt auch heute noch: „Leipzig hat sich nicht so sehr verändert“, sagt Katkus über seine Rückkehr im Rahmen der Buchmesse. Passend: Das Schwerpunktland der Bücherschau ist seine Heimat Litauen. Das Land sei, so Katkus, im Zuge der Transformation mit der Hürde „gelebte Demokratie“ und anhaltender Landflucht konfrontiert. In seinem autobiografischen Essay „Moskauer Pelmeni“ beschreibt der Autor das Verhältnis zum großen Nachbarn Russland und wirft unter anderem einen Blick zurück in seine Kindheit und Jugend: „Es war nicht nur idyllisch bei uns, sondern stark durch das sowjetische System geprägt.“

Auch Alfred Grosser , den Moderator Kostas Kipuros als „Werber für das deutsch-französische Verhältnis“ beschreibt, blickt auf komplizierte Verhältnisse. Mit seinem Werk „Le Mensch. Die Ethik der Identitäten“ versucht er einem fehlerhaften Umgang mit dem Begriff Identität entgegenzuwirken: „Es ist gefährlich, dass sich jemand nur mit einer Identität identifiziert. Das führt zu einem Wir-und-die-Anderen-Denken, was wiederum Verachtung zur Folge hat“, erklärt Grosser.

Mathias Enard sieht in seinem Roman „Kompass“ in erster Linie eine Liebesgeschichte, die auch von humorvollen Szenen geprägt ist. Im Gespräch mit Kostas Kipuros wirft er trotzdem einen ernsthaften Blick auf die höhere Eben seines Werks: die Spannungslinien zwischen Orient und Okzident. Durch Terror und Krieg sei das Bild des Orients negativ gefärbt. Menschen müssten über den Tellerrand schauen, um einen realistischen Eindruck zu erhalten. Europa komme auf diesem Weg eine wichtige Rolle zu. Jedoch müsste auch die eigene Identität hinterfragt werden: „Wir sind in einem gefährlichen Moment für die Europäische Union und brauchen ein neues Projekt, damit sich die Menschen wieder mehr für Europa interessieren.“

Als „kleine Geschichtsstunde mit einem sehr kompetenten Gast“ kündigt Tom Mayer sein Gespräch mit der Buchpreisträgerin Barbara Stollberg-Rilinger an. Die Historikern hat sich in „Maria Theresia – Die Kaiserin in ihrer Zeit“ mit „der“ österreichischen Herrscherin befasst. Trotz der intensiven Arbeit habe sich keine positive Bindung entwickelt: „Ich bin kein Fan von ihr“, gesteht die Geschichts-Professorin. Maria Theresia habe zwar den damaligen Herrschaftsvorstellungen entsprochen, dürfe aber wegen ihres ambivalenten Charakters nicht mehr wie im 19. Jahrhundert als Heldin gefeiert werden.

Richtig verstanden werden, möchte Autorin Doris Knecht . Ihr Werk „Alles über Beziehungen“, sei kein Ratgeber, sondern Fiktion. Für den Roman schlüpft die Österreicherin „mit großer Freude“ in die Rolle eines fast 50-jährigen Theaterregisseurs und vermeintlichen Siegertyps, der gebunden an zwei Exfrauen, eine Partnerin und fünf Kinder, sein Wohl im Sex mit noch mehr Frauen sucht. Die Frage, ob sie selbst Treue von Menschen erwarte, wolle sie nicht beantworten, sagt Knecht: „Ich möchte keine Untreue propagieren, sondern stelle Denkmöglichkeiten auf.“

„Jedes Kind, das heute an Hunger stirbt, wird ermordet“ – Jean Ziegler schreckt nicht vor harter Kritik zurück und stellt dies auch in seinem neuen Werk „Der schmale Grat der Hoffnung. Meine gewonnenen und verlorenen Kämpfe und die, die wir gemeinsam gewinnen werden“ unter Beweis. Moderator Mathias Wöbking beschreibt das Buch als „Bericht über Ungerechtigkeiten auf der ganzen Welt. Hoffnungen setzt der Schweizer Soziologe und Politiker Ziegler dabei einzig in starke Zivilgesellschaften.

Im Anschluss stellt Stephan Lohse seinen Debütroman „Ein fauler Gott“ vor. Er beschreibt zwei Brüder, von denen der Jüngere bei einem Unfall stirbt. „Ursprünglich wollte ich ein Buch über Freiheit und nicht über ein totes Kind schreiben und schon gar nicht über die Trauer der Angehörigen“, gesteht Lohse.

Journalistin Melanie Amann bezieht in „Angst für Deutschland. Die Wahrheit über die AfD“ klar Stellung: „Die Partei verroht unter dem Deckmantel der Meinungsfreiheit die politische Debatte! Im Gespräch weist Amann auf die extreme Entwicklung der Partei hin: „Die heutige Menschenfeindlichkeit der AfD wäre in der Anfangszeit unter Bernd Lucke nicht möglich gewesen.“

Zum Abschluss des ersten Tages stellt Feridun Zaimoglu in der LVZ-Autorenarena passend zum Jubiläumsjahr 2017 sein Buch „Evangelio. Ein Luther-Roman“ vor. Aus der Ich-Perspektive des Landsknechts Burkhard, der Luther zur Seite gestellt ist, beschreibt er das Wirken des Reformators. „Ich musste das heutige Sprechen vergessen, um die damalige Zeit richtig zu verstehen“ beschreibt er seine Vorarbeit. Die heutige Kritik an Luther sei zwar berechtigt. Dennoch sei er „ein großer Deutscher“ gewesen.

Von Anton Zirk

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Buchmesse auf einen Blick

Öffnungszeiten:
23. bis 26. März 2017, täglich 10 bis 18 Uhr

Tickets:
Tageskarte im Vorverkauf 16,50 Euro (ermäßigt 13 Euro)
www.leipziger-buchmesse.de/ticket

Programm:
Das Programm zu Leipzig liest ist hier online verfügbar.

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