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Katholiken, Sex und Journalisten – der Sonntag in der LVZ-Autorenarena

Leipziger Buchmesse Katholiken, Sex und Journalisten – der Sonntag in der LVZ-Autorenarena

Am Buchmesse-Sonntag füllte sich die LVZ-Autorenarena ein letztes Mal für 2016. Mit dabei waren jede Menge unterhaltsame Autoren. Unter anderem las Kabarettistin Tatjana Meissner Geschichten rund um Liebe, Sex und eheliche Pflichten. Clemens Meyer und Claudius Nießen gaben Tipps zu Filmen, die man besser liest.

Clemens Meyer (l.) und Claudius Nießen (r.) empfehlen "Irre Filme, die man besser liest". Norbert Wehrstedt hat sie in der LVZ-Autorenarena dazu befragt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Das Finale startet mit einem Aufruf zur Revolte. Christoph Türcke (67) ist der Anstifter. Jedem Kind seins – Individualität ist das Stichwort der neuen Lernkultur. Mit der geht Türcke in „Lehrerdämmerung“ hart ins Gericht. Die Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, die der Neoliberalismus brachte, meint er, werde nun auf die Schulen übertragen. Selbstständigkeit wird groß geschrieben. „Dabei geht es aber nicht um Autonomie und Emanzipation“, erklärt Türcke. Vor diesem Hintergrund scheint der Lehrer obsolet, er werde zum „Lernbegleiter“ degradiert. Der Philosophie-Professor kritisiert diese Entwicklungen in seiner Streitschrift heftig: „Selbstständigkeit ist nicht von Anfang an da, sie muss erarbeitet werden. Lehrer sollten dabei helfen und als Vorbild wirken.“ Die schöne neue Lernkultur aber verhindere die Selbstständigkeit. Und das sei sogar gewollt. Deshalb ruft Türcke die Lehrer auf, Rückgrat und Haltung zu zeigen, sich das nicht gefallen zu lassen.

Lars Niedereichholz , geboren 1968, geht in der Autorenarena erst mal auf Schmusekurs mit dem Publikum. „Ich liebe Leipzig“, ruft der eine Teil des Komiker-Duos Mundstuhl versöhnlich in die Menge. „Mofaheld“ heißt sein Roman, der im April 1986 spielt. Mark wäre gern ein Held, hat aber nur ein Nicht-Mofa, das er so frisiert, dass es sogar noch langsamer wird. Weil Mark Koordinationsprobleme hat, schicken ihn seine Eltern zu allem Übel zum Voltigieren. „100 Prozent Mädchensport – es ist ja auch grauenhaft, Ballettfiguren auf dem Pferd zu machen“, weiß Niedereichholz aus eigener Erfahrung. Eine lustige Geschichte zwischen geil und oberaffentittengeil. Auch das wird im Buch erklärt.

Samuel Beckett lässt in seinem Theaterstück offen, wo dieser Godot eigentlich abgeblieben ist. Marion Brasch (55) hat in „Die irrtümlichen Abenteuer des Herrn Godot“ eine Antwort parat. „Er war einfach da“, begründet Brasch, die den Mann mit dem zerschlissenen Anzug und dem verbeulten Hut auf seiner absurden Reise begleitet, in der es Hunde und Katzen regnet, auch Werte. Klingt nach Gesellschaftskritik – soll es laut Brasch aber nicht sein: „Ich habe ihn einfach laufen lassen, so wie meine Gedanken.“ Auch Schafe und Lackaffen spielen eine Rolle – herrlich absurd.

Am Buchmesse-Sonntag füllte sich die LVZ-Autorenarena ein letztes Mal für 2016. Mit dabei waren jede Menge unterhaltsame Autoren.

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Wie geht Sex? Ratschläge gibt Tatjana Meissner (54) in „Du willst es doch auch“ . Und was es da alles gibt: Fetischsex, Dildopartys und und und. „Das Buch ist ganz herzlich. Außerdem habe ich als Kabarettistin festgestellt, dass sich bei gesellschaftlichen Problemen die Lacher in Grenzen halten. Bei Sex lachen alle“, erklärt Meissner und gesteht: „Früher hatte ich Sex, weil es verboten war.“ Aber auch da gab es schon Spielzeug. Gezuckerte Kondensmilch etwa. Dem Akt wohnt eben auch eine Komik inne. Die Episoden, die sie in ihrem „Sachbuch“ schildert, stammen größtenteils von Facebook-Freunden. „Es ist nichts erfunden, nur eben mit meiner speziellen Wahrnehmung versehen. Ihr Ratschlag: Beim Sex nie „Applaus, Applaus“ von den Sportfreunden Stiller spielen.

In einem eher masochistischen Akt haben sich Clemens Meyer und Claudius Nießen 91 Abende lang in der Stube eingeschlossen, um sich neben Unmengen von Bier B-Movies und Action-Filme auf Videokassette reinzuziehen. Ergebnis ist das Werk „Zwei Himmelhunde – Irre Filme, die man besser liest“. Die Idee kam den beiden 2004 nach einem gemeinsamen Abend im Club Ilses Erika, am Fahrrad. Eine halbe Stunde versuchte Meyer, das eingefrorene Schloss aufzubekommen, um, nachdem der Schlüssel abbrach, festzustellen, dass es gar nicht sein Drahtesel war, das er da malträtierte. Weil die beiden sich den Sitz auf Nießens Rad teilten und fast in ein Taxi rauschten, ward der Buch-Titel geboren: Der Taxifahrer hatte die beiden als „zwei verdammte Himmelhunde“ beschimpft. Das Buch ist eine Lobeshymne auf Regisseure wie Walter Hill, der eigentlich „Mountain“ heißen müsste. Weitere Thesen: Action-Filme sind etwas für Frauen. „Wenn die so ein Sixpack von Jean Claude van Damme sehen, kreischen die“, begründet Meyer. Und Rambo ist in Wirklichkeit ein Philosoph. Bierernst springt Meyer daraufhin ins Jetzt: „Wir sind versaut durch die Syndikatisierung der Kinos. Es kommt nur Hollywood-Scheiße“, wütet Meyer, „von der Handlung her sind die noch schlechter als die Filme von damals“. Die Filmgeschichte muss neu geschrieben werden.

„Schnauze Ossi!“ – das musste mal raus. Urheber des Buches sind Mark Daniel und Jürgen Kleindienst, zwei Wessis, die sich in Leipzig eingelebt haben, aber seit der Wende immer noch die gleichen Phänomene beobachten. Beispielsweise die Servicewüste, die Daniel im Harz am eigenen Leib erfahren hat. Bei der man sich schämt, den Kaffee zurückzugeben, der nicht schmeckt. Aus Angst vor der widerborstigen Bedienung. Oder die ewig nicht totzukriegende Rockmusik der Puhdys, von Karat oder Karussell. „Die Bands machen ewig weiter, das geht bis ins siebte Glied“, stellt Kleindienst fest. Aber es gibt auch schöne Rituale. Etwa das herzliche Händeschütteln. Wer jetzt immer noch angesäuert ist, kann sich vielleicht damit beruhigen. Die Wessis wurden in der Nachwendezeit von den Ossis über den Tisch gezogen: bei der Wohnungsschau und beim Verkauf des Autos.

Was wäre dieses Land wohl ohne den ewig währenden Ost-West-Konflikt in der Bevölkerung und was erst ohne Katholiken? „Deutschland sähe heute anders aus“, sagt Holger Arning in „Hundert Katholikentage“ . Das Jubiläum wird in diesem Jahr in Leipzig groß begangen. Dass dieses Thema keineswegs dröge ist, beweist der Autor im Gespräch mit Ulrich Milde. Die beiden halten fest, dass es die soziale Marktwirtschaft so nicht geben würde. Diese beruhe auf der katholischen Soziallehre. „Weil es immer auch einen politischen Arm gab“, sagt Arning. Der reichte damals in die Zentrums-Partei. Dieser Arm existiere heute so nicht mehr. Dennoch sind Katholikentage immer noch mehr als reine Gebetsveranstaltungen.

Lügenpresse? Es gebe hierzulande keine Gleichschaltung der Medien, keine Zensur, aber einen Mainstream in der Berichterstattung, stellt der Leipziger Medienwissenschaftler Uwe Krüger fest. „Wie bei einem Schwarm Fische ist es ist sicherer, sich darin zu bewegen“, sagt er beim Finale in der Autorenarena. „Bestimmte Leute geben den Ton an und andere hängen sich dran.“ Das Buch ist kein Futter für Lügenpresse-Rufer, sondern eine fundierte Medienkritik. In „Mainstream“ macht Krüger beispielsweise eine gewisse Staatsnähe des MDR-Rundfunkrates aus. Wie weit darf Nähe zu Politikern im Journalismus gehen?

Krankheitsbedingt ausfallen mussten in der Autorenarena zwei Lesungen: „Klare Ansage. Bekundungen und Bekenntnisse“ von Andreas Schmidt-Schaller und „Elefanten treffen“ von Kristina Schilke. Am Sonntag ist die Leipziger Buchmesse mit einem neuen Besucherrekord zu Ende gegangen.

Von Alexander Bley

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Buchmesse auf einen Blick

Öffnungszeiten:
17. bis 20. März 2016, täglich 10 bis 18 Uhr

Tickets:
Tageskarte im Vorverkauf 16 Euro (ermäßigt 12,50 Euro)
www.leipziger-buchmesse.de/ticket

Programm:
Das Programm zu Leipzig liest ist hier online verfügbar.

Aktionen:
Familiensonntag: Kostenfreier Eintritt für alle Kinder bis 12 Jahre, die bis 10 Uhr mit ihrem Lieblingsbuch zur Messe kommen.