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LVZ-Autorenarena am Freitag: Von scheiternden Viererbeziehungen und dem Fremdsein

Buchmesse LVZ-Autorenarena am Freitag: Von scheiternden Viererbeziehungen und dem Fremdsein

Wie Schriftsteller von den tiefen Abgründen des Menschlichen berichten, von Komik und wie Grundsatzdiskussionen entstehen - das war der Freitag in der LVZ Autorenarena.

Volles Haus in der LVZ-Autorenarena.

Quelle: Wolfgang Zeyen

Leipzig. Jung, frisch und selbstkritisch geht Ronja von Rönne (24) gleich zu Beginn des zweiten Tages in der LVZ-Autorenarena mit dem Zeitgeist ins Gericht. Bei Polyamorie würden wohl die meisten Eltern laut aufschreien. Dabei geht es bei „Wir kommen“ gar nicht um Sex, sondern um den Weg ins eigene Unglück. Um eine Generation Mitte 20, die in der Großstadt lebt, sich ausprobiert und scheitert. „Soll ich eure Stimme sein? Ich maße mir nicht mal an, über mich selbst zu sprechen“, verneint von Rönne den Anspruch.

Volle Reihen auch am Freitag: Bei der LVZ-Autorenarena waren auch am zweiten Tag wieder zwölf Autoren zu Gast und stellten sich den Fragen der LVZ-Redakteure.

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In ihrer Nicht-Liebesgeschichte geht es um eine Viererbeziehung, erzählt aus der Sicht von Nora, die alle Gedanken in einem Tagebuch für ihren Therapeuten festhält. „Die Leute hängen in ihrer Selbstreflexion fest und warten, dass etwas passiert“, sagt die Autorin. Narzissmus auf die Spitze getrieben.

Die eigene Geschichte eins zu eins zu Papier zu bringen, wäre auch für Birgit Vanderbeke (59) zu langweilig. Dennoch sind Parallelen zur ihrer Kindheit in Frankfurt am Main erlaubt. Die hatte Moderator Armin Görtz zuvor ausgemacht. „Ich freue mich, dass ich geboren bin“ ist grotesk und komisch zugleich. Hauptakteur ist ein siebenjähriges Mädchen, das kreativ die Realität bewältigt. Eine, die geprägt ist von Missbrauch und der Ignoranz der Umwelt. So wie heute auch, befindet Vanderbeke: „Pausenlos schauen die Leute zu, wie Leute im Mittelmeer ersaufen.“

Thematisch setzt genau da Katja Kipping , die Parteivorsitzende der Linken an. „Wer flüchtet schon freiwillig?“ lautet der Titel ihres Buches. Anlass dafür war die Unzufriedenheit über die mediale Verknappung des Themas. „30 Sekunden oder 140 Twitter-Zeichen reichen nicht aus“, begründet die 38-Jährige, die aufzeigt, dass Flüchtlinge für Deutschland gut sein können. Danach schwenkt Moderatorin Anita Kecke auf die Wahlschlappe der Linken in Sachsen-Anhalt über. „Wir nehmen die Angst der Leute ernst, aber nicht die rassistischen Deutungen dahinter. Wer garantiert Problemlösungen, wenn Mauern hochgezogen werden?“ Eine grundlegende Solidarität muss ihrer Meinung nach dem Neoliberalismus entgegengestellt werden.

Künstlername Berner – das steht in seinem Ausweis. Mit 19 hatte ein Filmregisseur Erwin empfohlen, seinen Nachnamen zu ändern. Warum? Der Last und Erwartungen wegen, weil die Eltern des 62-Jährigen Eva und Erwin Strittmatter waren. In „Erinnerungen an Schulzenhof“, arbeitet Berner seine Kindheit auf, die sich bis zum 14. Lebensjahr in Neuruppin bei der Großmutter abspielte und von einer Sehnsucht zu den 30 Kilometer entfernten Eltern auf dem Hof geprägt war. Damit erklärt Berner vor Strittmatter-Kenner Karim Saab auch, warum er sich von dem belastenden Namen abgewendet hat. Der Grund ist das von seiner Mutter installierte System, in dessen Mittelpunkt allein das Schaffen Erwin Strittmatters stand. Alles, was ihn von seiner Arbeit ablenken hätte können, wurde ferngehalten. So auch Sohn Erwin, der folgerichtig in Opposition zu seinem Vater ging – eine Hassliebe.

„Jeder hat ’ne Macke“ führt Mark Daniel in Werner Goosens Buch „Förster, mein Förster“ ein. „Macke würde ich es nicht nennen, eher Probleme“, antwortet der 49-Jährige. In der Tragikkomödie geht es um einen Mann, der kurz vor seinem 50. Geburtstag steht. Einen Freund, mit dem er sich immer streitet, eine demente Saxofonspielerin und einen Trip ans Meer. Hier aber schwebt der VfL Bochum über allem. Fußball stresst den Kabarettisten deutlich mehr als das Schreiben.

Vom Fußball zum Volk und damit zu Siegfried Suckut . Der Politologe hat mit „Volkes Stimmen“ einen Überraschungserfolg gelandet, der es bis in die Spiegel-Bestseller-Liste geschafft hat. Grundlage seines Buchs waren Briefe, die jahrzehntelang von der Stasi abgefangen wurden – von Privatleuten aus Ost und West. Suckut, Jahrgang 1945, erstellt so ein Stimmungsbild des Alltags in der DDR-Gesellschaft, ergründet Wut und Ängste der Menschen. 200 Akten hatte Suckut dafür gewälzt.

Die Reise geht weiter Richtung Osten nach Tschechien. Dass sich die Tschechen klein machen, hängt mit ihrer Geschichte zusammen, und darüber schreibt Jaroslav Rudiš (43) in „Nationalstraße“. Rudiš: „Die Geschichte steckt den Charakteren im Nacken.“ Dem Drehbuchautor geht es darum, Menschen zu demaskieren. Im Fokus steht Vandam, ein Prager, der im Plattenbau lebt und sich in einer Kneipe wohlfühlt, wo gebrochene Nasen auf der Tagesordnung stehen. Vandam ist ein Wende-Verlierer, ein Hooligan. Die Geschichte beruht auf einer Kneipen-Begegnung.

Auf einer wahren Begebenheit beruht auch „Der goldene Handschuh“ von Heinz Strunk (53) und der Faszination Kneipe. „Der Goldene Handschuh ist eine Art Vorhölle für das Buch“, sagt Strunk über sein gleichnamiges Werk. Denn in der Kiez-Kneipe wurde ihm der Stoff von Fritz Honka quasi auf dem Silbertablett serviert: ein Serienmörder, der vier Frauen dort abgeschleppt und später zerstückelt hat. Der Fall sorgte in den 70ern für Aufsehen. Emphatisch zeichnet der Titanic-Autor das Bild eines verkorksten Lebens. „Es geht um die Not in all ihren Facetten“, so der 53-Jährige. Die Geschichte komme auf die Bühne und werde verfilmt, berichtet er.

Wie ein Ziegelstein liegt Guntram Vespers Werk „Frohburg“ in der Hand. Und genauso wichtig wie dieser im Mauerwerk ist der Roman für den Leipziger Buchpreisträger. Es ist ein Lebenswerk, das auf seinen Erinnerungen aus der Kindheit, später seiner Sehnsucht nach der Heimat beruht. „Die Anekdoten habe ich im Kopf, kann sie im Schlaf erzählen“, sagt der 74-Jährige. Das Buch ist aber mehr als eine persönliche Erinnerungsreliquie, es ist eine Geschichte über Deutschland. Mehr als sechs Jahre hat Vesper an diesem Roman gearbeitet. Weil er nicht wollte, dass all die „Partikel“ des Erlebten verloren gehen.

Michael Köhlmeier (66) ist noch nie so „planlos“ an ein Buch herangegangen wie bei „Das Mädchen mit dem Fingerhut“. Der Wiener hat Yiza, das Flüchtlingskind, einfach laufen lassen und ist ihr dabei gefolgt. Mit einer gewissen Distanz, in nüchterner Sprache notiert: „Mich interessiert nicht das Wie, sondern das Was“, begründet Köhlmeier die Stilwahl für die Begegnung mit dem „Wolfskind“. Eine beklemmende und aktuelle Parabel.

Frau Freitag ist Lehrerin an einer Integrierten Sekundarschule. Brennpunktschulen werden die Lehranstalten genannt. Der Blick fällt unweigerlich immer auf die Kinder, weniger auf deren Lehrkräfte. „Für mich ist auch die 6. Stunde. Überleben unter Schülern“, heißt die humorvolle „Anleitung“ von ihr, die sie mit André Böhmer in der Arena vorgestellt hat. Neben dem Drohanruf bei Eltern sei aber vor allem Lob gefragt. Tagtäglich steht dabei das Lösen von Konflikten auf der Tagesordnung, neben dem Vermitteln des Lehrstoffs.

„Was ist fremd“, steigt Moderator  Björn Meine ins Finale der Freitäglichen Autorenarena mit dem Professor für Soziologie und Herausgeber des Kursbuchs Nr. 185 mit dem Titel „Fremd sein!“, Armin Nassehi (56), ein. Erklärt wird in dem Zusammenhang, was Vertrautheit bedeutet. Denn Fremdheit ist der eigentliche Grund für Kulturleistungen, damit Vertrautheit überhaupt entstehen kann.

Alexander Bley

Neues von der Buchmesse finden Sie unter www.lvz.de/buchmesse. Per Livestream in die Autorenarena geht es unter: www.lvz.de/autorenarena. Leipzig Fernsehen berichtet am Samstag (19.30 Uhr, 21.30 Uhr) und am Sonntag (20 Uhr, 21.30 Uhr, 23 Uhr)

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Buchmesse auf einen Blick

Öffnungszeiten:
17. bis 20. März 2016, täglich 10 bis 18 Uhr

Tickets:
Tageskarte im Vorverkauf 16 Euro (ermäßigt 12,50 Euro)
www.leipziger-buchmesse.de/ticket

Programm:
Das Programm zu Leipzig liest ist hier online verfügbar.

Aktionen:
Familiensonntag: Kostenfreier Eintritt für alle Kinder bis 12 Jahre, die bis 10 Uhr mit ihrem Lieblingsbuch zur Messe kommen.