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Zwölf Autoren und ihre Bücher: Das war der Donnerstag in der LVZ-Autorenarena

Leipziger Buchmesse 2016 Zwölf Autoren und ihre Bücher: Das war der Donnerstag in der LVZ-Autorenarena

Mal lustig, mal spannend, mal politisch: Der erste Tag der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse bot dem Publikum ein abwechslungsreiches Programm. Den Auftakt machten unter anderem Christoph Hein, Horst Evers, Howard Carpendale und Sahra Wagenknecht.

Blick in die LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse am 17.03.2016.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Die Arena ist eröffnet. Zwölf Autoren haben am Donnerstag vor proppenvollen Rängen in der LVZ-Autorenarena auf der Leipziger Buchmesse ihre neuesten Werke vorgestellt. Den Anfang machte der Schriftsteller und Essayist Christoph Hein (71) mit seinem Roman „ Glückskind mit Vater “.

Ist Konstantin ein Glückskind? Der Sohn eines hingerichteten Kriegsverbrechers, den die Vergangenheit immer wieder einholt. Ist es nicht irgendwann einmal genug? Genug der Vorwürfe, der Widerstände im Leben? Geht es nach Hein, ist das Schicksal eines jeden Menschen vorherbestimmt. „Es ist festgelegt, obwohl jedes Kind unschuldig auf die Welt kommt“, antwortet der in Bad Düben aufgewachsene Autor. „Es wird sich maßgeblich unterscheiden, wenn es in Syrien zur Welt kommt, oder in den USA“. Und damit ist der Stoff seines Romas aktueller denn je. „Die Akte überlebt uns alle“, erklärt Hein. Prädikat von Moderator Olaf Majer: Lesen!

Die Höhepunkte der LVZ-Autorenarena am Donnerstag im Video (Kurzfassung):

Wie gut Jan Weiler die Sprache der Jugend verinnerlicht hat, beweist sein Einstieg ins Gespräch mit Nina May. „Ich bin weggeflasht, dass nicht alle reinkönnen“, sagt der 48-Jährige, der ganz aufmüpfig sogar die Treppen der Arena mit Zuhörern besetzen möchte. Dabei klingt der Forscher im „ Reich der Pubertiere “ fast wie sein Beobachtungsgegenstand – Heranwachsende. Und zwar die eigenen, nur eben überspitzt dargestellt. Wobei sich Männlein und Weiblein grundlegend unterscheiden, vor allem bei der Kommunikation. Der Jüngling ist der Meister der Einwortsätze, sein weiblicher Gegenentwurf feiert lieber, chattet und kritisiert. „Ich habe das Gefühl, wir waren schon mal weiter“, konstatiert der Kolumnist, der sich schon darauf freut, bei Studentenfeten in Leipzig mit den Freunden der Kinder Weltdiskussionen in der Küche zu führen.

Noch bekannter ist  Sky du Mont , der gern bei Stars Wars dabei wäre – der Kinder wegen. „Gern auch als Rakete“, sagt der dreifache Vater, der zum Kinobesuch eine Erkältung vorgetäuscht hat. Eigentlich geht es in seinem Buch „ Steh ich jetzt unter Denkmalschutz? Älterwerden ist nichts für Spaßbremsen “ neben dem Altern auch ums Heranwachsen. „Das ging schon los, als ich mich das erste Mal für Mädels interessiert habe“, gesteht du Mont. Dabei sei der „Ratgeber“ keine Autobiografie, auch wenn darin Dinge beschrieben werden, die er selbst am eigenen Leib erfahren hat. „Ich empfinde und beobachte“. Ein nonchalantes Gespräch zwischen Norbert Wehrstedt und Sky Du Monte.

Die Höhepunkte der LVZ-Autorenarena am Donnerstag in 30 Minuten:

Gojko Schulz ist Berliner, 36, Bummelstudent. Gleichzeitig der einzige, der in „ Alles außer irdisch “ von Horst Evers die Welt retten kann. In einer Zeit, in der der Berliner Flughafen tatsächlich eröffnet wird. Das Genre ist klar: Science Fiction, schließlich zerstört nach sieben Sekunden ein Raumschiff den schönen Airport, indem es einfach drauf fällt. „Völlig nüchtern“, beteuert Horst Evers vor Gesprächspartner Mark Daniel, habe er diesen Stoff zu Papier gebracht. Es geht um mehr: Ist die Gegenwart eine Erfindung? Wie gefährlich ist die Gute-Laune-Mentalität? Zumindest sind die Außerirdischen, die die Erde schon lange online über die Finanzmärkte erobert haben, schon wieder angewidert von deren Bewohnern. Doch deren absurde Doofheit ist das einzelne Mittel, die Außerirdischen zu überlisten. „Den Untergang erledigen wir selbst.“ Wachstumsdruck, Kapitalismusdruck. Der Dampf muss vom Kessel. „Wir machen die Probleme größer, als sie sind“, gibt Evers allen mit auf den Weg.

Von fremden Welten in die Realität: Zu Hecken, die sich nachts zu unüberwindbaren Mauern auftürmen. Zur Kälte, die in jede Ritze kriecht als Thomas und Astrid auf der Veranda sitzen. Und drinnen die Kinder. Das Haus als Verlies – so klingt die Einführung von Peter Stamms (53) Roman „ Weit über das Land “. Aus dieser Welt bricht Thomas aus und verschwindet, der Putz der heilen Welt bröckelt. „Wenn wir uns trennen, bleiben wir uns“, erklärt Stamm das Motto seines Werks. Bricht Thomas aus, oder ist es nur eine Idee?

Sky du Mont setzt sich in "Steh ich jetzt unter Denkmalschutz?" humorvoll mit dem Thema Älterwerden auseinander. Jan Weiler erzählt in "Im Reich der Pubertiere", wie der Wahnsinn in der Familie aus seinem Bestseller "Das Pubertier" weitergeht. Und Sänger Howard Carpendale schaut in seiner Autobiografie auf sein Leben und seine Karriere zurück.

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Das Gefängnis ist nicht geeignet, um die Kriminalität in den Griff zu bekommen. Die Ansicht von Thomas Galli (42), der seit 15 Jahren im Gefängnis arbeitet, hat schon vor der Veröffentlichung von „ Die Schwere der Schuld. Ein Gefängnisdirektor erzählt “ für Wellen gesorgt. „Jemanden aus der Gesellschaft zu nehmen, um ihn zu resozialisieren, funktioniert nicht“, beschreibt Galli den Widerspruch. Auch, wenn in jedem von uns der Gedanke verwurzelt ist, dass Strafe sein muss. Das Bedürfnis nach Vergeltung bleibt. Galli plädiert dagegen für vernünftige Lösungen, gemeinnützige Arbeit etwa und Einzelfalllösungen. Langfristiges und präventives Denken könnte die Kriminalität mindern, aber Straftaten nicht in Gänze verhindern. „Das System Gefängnis ist nur bis zu einem gewissen Grad reformierbar.“

Die Werte, die Europäer verbinden, existieren nicht erst seit der Französischen Revolution. Das Prinzip der Gewaltenteilung ist viel älter. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers, Gott was Gottes ist“, holt Heinrich August Winkler (77), für seine „ Geschichte des Westens “ gerade mit dem Leipiger Buchpreis zur Europäischen Verständigung ausgezeichnet, mit einem Jesus-Zitat aus. Wiederkehrend und prägend ist dieser Wertekanon. Und Winkler ist sich sicher: Die Idee des Westens überlebt. Aber die Verinnerlichung von Ideen, wie den unveräußerlichen Menschenrechten, der Gewaltenteilung, der Volkssouveränität und der Herrschaft des Rechts ist ein steter Prozess. Auch heutzutage, wenn das Konzept Europa in Frage gestellt wird. „Altdeutsche Vorbehalte, die Demokratie als undeutsches System mit Kampfbegriffen von damals definieren, das ist eine zutiefst rückständige Bewegung“, beschreibt er den „Salto mortale“ rückwärts, dem mit langem Atem und Entschiedenheit entgegenzugetreten sei. Es bleibt eine Aufgabe der Gesellschaft, für Werte wie Menschenrechte zu streiten.

Roman Kaminski ist Kutscher in Weimar, die Hauptfigur von Dominique Horwitz ’ Romanerstling „ Tod in Weimar “. Das klingt, als komme der Stoff aus dem ersten Weimarer „Tatort“. Der ist aber älter, versichert der Schauspieler, der in der in der Stadt lebt. Ein Krimi ist es dennoch. Einer über Touristen in Funktionsjacken, gespickt mit Zitaten, die entschlüsselt werden wollen, und einem Kutscher der sich unsterblich verliebt hat. In eine Frau, an die er nicht rankommt. Genauso wie im Buch funkt es zwischen Horwitz und Korfmacher auch auf der Bühne.

Howard Carpendale (70) muss Moderator Mark Daniel dem Publikum in der Arena nicht mehr vorgestellen. Und so scheint es in seinem Buch „ Das ist meine Zeit. Aus dem Leben “ auch nur konsequent, wenn er gesellschaftliche und politische Einschnitte der Zeit herausstellt. „Ich biete keine Lösungen an“, sagt der Sänger, der auch Donald Trump kennengelernt hat: „Er ist ein Prolet. Mit so einem Posten darf man nicht spielen“, lautet sein Urteil. Aber politisch ist das Buch deswegen nicht, es geht um die Karriere Carpendales, eine Bestandsaufnahme. Partner bei der Aufarbeitung war Stefan Alberti. Thematisiert wird in dem Buch auch seine schwere Depression: „Eine Taubheit, eine Ohnmacht“, beschreibt Carpendale ernst, der nach sechs Jahren die Krankheit bewältigt hat. Dabei ist seine Musik für viele seiner Anhänger auch eine Art Therapie. Das zeigte gestern auch der Andrang bei seinem Auftritt in der LVZ-Kuppel.

Schon vor der eigenen Lesung macht Bastian Pastewka hinter der Bühne alles verrückt, indem er wie ein wildes Huhn umherirrt und „Howie“ parodiert. Dabei ist der Comedian gar nicht der Urheber von „ Midlife Cowboy “, sondern der Sprecher. Schöpfer ist Chris Geletneky , Gagschreiber für Pastewka. Der Autor hat eine Leipzig-Vergangenheit, 1992 hier angefangen zu studieren und „im schönen Schönefeld“ gewohnt. Auch Pastewka trieb an der Pleiße schon sein Unwesen, vor der Wende als Tourist. Da waren die beiden noch nicht in ihrer Midlife-Krise. Das verarbeiten die zwei im Buch anhand der Person Tillmann Klein, gewohnt – humorbetont.

Dadagen beschwört Karen Duve (54) in „ Macht “ das Ende der Welt herauf. Umweltsünden haben ihren Preis, Frauen sind an der Macht. Ein Ausweg aus der ökologischen Krise ist nicht in Sicht. Zudem hält Sebastian Bürger seine Frau im Keller gefangen. Düster und zynisch geht der Ich-Erzähler mit seiner Welt ins Gericht. Nicht das Ende der Welt, aber den Kapitalismus am Ende sieht Sahra Wagenknecht (46), die den ersten Tag in der LVZ-Arena beschließt – gewohnt kritisch. „Weil es eine immer größere Konzentration von Reichtum gibt“, begründet die Linken-Politikerin. „Die wirtschaftliche Macht wird vererbt.“ In ihrem Buch „ Reichtum ohne Gier. Wie wir uns vor dem Kapitalismus retten “ schlägt sie im Gespräch mit LVZ-Chefredakteur Jan Emendörfer einen Ausweg vor – das Modell der Mitarbeitergesellschaft, in der die Belegschaft die Verantwortung trägt.

Von Alexander Bley

Die LVZ-Autorenarena ist auf der Leipziger Buchmesse in Halle 5 an Stand C 100 zu finden. LVZ.de überträgt auch am Freitag ab 11 Uhr wieder alle Gespräch im Live-Stream. Mit dabei sind beispielsweise Ronja von Rönne, Katja Kipping und Heinz Strunk.

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Buchmesse auf einen Blick

Öffnungszeiten:
17. bis 20. März 2016, täglich 10 bis 18 Uhr

Tickets:
Tageskarte im Vorverkauf 16 Euro (ermäßigt 12,50 Euro)
www.leipziger-buchmesse.de/ticket

Programm:
Das Programm zu Leipzig liest ist hier online verfügbar.

Aktionen:
Familiensonntag: Kostenfreier Eintritt für alle Kinder bis 12 Jahre, die bis 10 Uhr mit ihrem Lieblingsbuch zur Messe kommen.