Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Bei Katharina aus Grimma wird Heiratsmuffel Martin schwach

Vierte Etappe Bei Katharina aus Grimma wird Heiratsmuffel Martin schwach

Luther läuft – besonders im Lutherjahr 2017! In Sachsen und Thüringen hat der Reformator viele Spuren hinterlassen. Wir wollen sie finden. Und Neues, Spannendes, Witziges am Wegesrand entdecken. LVZ-Mitarbeiter haben die Wanderschuhe geschnürt und gehen auf Pilgertour. 4. Etappe: Von Trebsen über Grimma und Nimbschen nach Colditz.

In der Klosterkirche Grimma ist ein Fenster mit Martin Luther (r.) und Philipp Melanchthon eingearbeitet – wobei bei der Körpergröße Melanchthons etwas geschönt wurde – der Philosoph war deutlich kleiner als der Reformator. Luther predigte mehrmals in der Kirche, die zum Augustinerkloster gehörte.
 

Quelle: Andreas Döring

Trebsen/Grimma/Nimbschen/Colditz.  Luther läuft – besonders im Lutherjahr 2017! In Sachsen und Thüringen hat der Reformator viele Spuren hinterlassen. Wir wollen sie finden. Und Neues, Spannendes, Witziges am Wegesrand entdecken. Wir haben die Wanderschuhe geschnürt, den Rucksack gepackt und gehen auf Pilgertour – auf dem Lutherweg zwischen Dübener Heide, Osterland, Döbeln und Muldental. 4. Etappe: Von Trebsen über Grimma und Nimbschen nach Colditz.

Die vierte Etappe unserer Luthertour hat eine Gesamtlänge von 24,4 Kilometern.

Die vierte Etappe unserer Luthertour hat eine Gesamtlänge von 24,4 Kilometern.

Quelle: Patrick Moye

Luther Stationen

  • Grimma/Nimbschen: Martin Luther, der die Ehe als „Gottgewolltes“ predigte, war selbst nicht gerade heiratswillig. Doch als er half, die neun aus dem Kloster Nimbschen geflohenen Nonnen zu verheiraten, fiel ihm eine, Ave von Schönfeld, ins Auge. Da er sich jedoch nicht entscheiden konnte, nahm sie einen Arzt zum Gemahl. Die letzte der Nonnen war Katharina von Bora, die sich für keinen Mann entscheiden wollte, bis sie eines Tages Luther ihre Zuneigung gestand. Nach reiflicher Überlegung heiratete der 42-jährige Junggeselle die 26-jährige Katharina 1525 im engsten Kreis.
  • Luther selbst weilte mehrmals im Grimmaer Kloster der Augustiner Chorherren und predigte in der Kloster- und Nicolaikirche.
  • Colditz: Wenzeslaus Linck, 1483 als Sohn eines Ratsherrn in Colditz geboren, traf früh mit Luther zusammen. Er unterstützte ihn mit Materialien bei der Disputation mit Johannes Eck in Leipzig und beim Verhör durch Kardinal Thomas Cajetan. Als er 1520 die Führung des deutschen Augustinerordens übernommen hatte und Luther unter Bann gestellt wurde, hielt Linck weiter zum Reformator. 1523 traute Luther seinen Freund – inzwischen Pfarrer in Altenburg – mit der Tochter eines Altenburger Juristen.

Quelle: Bernd Görne, Andreas Schmidt: Der Lutherweg in Sachsen. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 141 Seiten.

1. Von Trebsen nach Hohnstädt:

Als Luther die Ewige Stadt sah, warf er sich zu Boden: „Sei gegrüßt, du heiliges Rom, wahrhaftig heilig von den heiligen Märtyrern, von deren Blut es trieft.“ Ein Hauch Italien weht auch zwischen Trebsen und Grimma. Nahe Schmorditz erinnert ein Kreuz an acht italienische Soldaten. In den letzten Kriegstagen 1945 wurden sie von Amerikanern versehentlich erschossen.

5e61523a-3658-11e7-a1a0-d0c5f561ac51

Vierte Etappe der LVZ-Serie „Luther läuft“: Auf den Spuren des Reformators zwischen Trebsen, Grimma, Nimbschen und Colditz.

Zur Bildergalerie

60 Jahre lang kümmerte sich Dorfbewohnerin Margarita Kunath mit der Gießkanne „bewaffnet“ um das üppig bepflanzte Italienergrab. Als erste Frau Sachsens wurde sie 1992 mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. Ein Jahr später erhielt sie das Ritterkreuz des Verdienstordens der Republik Italien. Mittlerweile pflegen Andrea und Wolfgang Mohr das Grab. So bleibt die kleine (Straßen)-Randerscheinung auch weiter ein Prediger für den Frieden. Ganz in Luthers Sinne.

Luther, Schiller, Göschen – alle waren da

In Golzern geht es über die Muldenbrücke nach Bahren. Anders als das ferne Istanbul kann das Dorf sogar zwei „Kontinente“ auf nur einer Flussseite vorweisen: das Oberdorf und die Kolonie Kamerun. Direkt am Ufer schlängelt sich der Weg vorbei an der legendären Prinzengrotte. Das königliche Wappen an der Felswand verrät: Hier spielte sich sächsische Geschichte ab. Der Überlieferung nach fanden die Prinzen Maximilian und Anton in der Grotte Unterschlupf, als sie bei einer Bootsfahrt mit dem Böhlener Rittergutsbesitzer in ein Unwetter gerieten.

Im wunderschönen Grimmaer Vorort Hohnstädt wandeln wir leicht erhöht auf den Spuren von Friedrich Schiller. Der Dichterfürst besuchte hier am 16. September 1801 seinen Freund und Verleger Georg Joachim Göschen. Haus und Garten sind noch immer zu besichtigen. Ein Stück Weimar mitten in der Provinz!

2. Von Grimma nach Nimbschen:

Herzlich Willkommen in Grimma, der Perle des Muldentals. Gästeführer Bernd Voigtländer ist das wandelnde Lexikon der Stadt. Auf der Grünen Woche in Berlin mimte er zuletzt Luther höchstpersönlich. Er beginnt seinen Rundgang an der Frauenkirche, wo neben einer Lutherbüste die riesige Platane fast an einen Urwaldriesen erinnert. „Der Baum wurde 1883 zu Luthers 400. Geburtstag gepflanzt und hat beste Voraussetzungen, um an Nährstoffe zu gelangen“, witzelt Voigtländer und verrät augenzwinkernd und hinter vorgehaltener Hand, dass der Platz einst Friedhof war.

Bernd Voigtländer (66), Grimmaer Stadtführer, steht in der Klosterkirche, die dank neuer Dachkonstruktion vor dem Verfall gerettet wurde

Bernd Voigtländer (66), Grimmaer Stadtführer, steht in der Klosterkirche, die dank neuer Dachkonstruktion vor dem Verfall gerettet wurde.

Quelle: Andreas Döring

Luther war oft in Grimma. An Besuche bei seinen Klosterbrüdern erinnern noch vier Lutherrosen am Portal des heutigen Gymnasiums „St. Augustin“. Mehrmals predigte Luther in der Klosterkirche. Wegen der schwierigen Akustik bezeichnete sie der Reformator als „Brustbrecher“. 1529, und damit schon vergleichsweise früh, wurde das Augustinerkloster aufgelöst und in unmittelbarer Nähe eine Mädchenschule gegründet. Die Schule befand sich auf dem Grundstück des heutigen Kreismuseums. In guter Tradition ist hier immer noch eine Frau der Chef: Museumsleiterin Marita Pesenecker.

Katharina von Bora

Katharina von Bora

Quelle: Lucas Chranach

„Eine der Nonnen, die 1523 aus Kloster Nimbschen flüchteten, hieß Magdalena von Staupitz. Sie war die erste Leiterin der Mädchenschule und damit sicher die erste Schulleiterin Sachsens. Auch später standen der Schule immer Damen vor“, sagt Voigtländer. Das Museum zeigt einige Nimbschener Schätze: das Weihwasserbecken, den steinernen Kopf eines schlafenden Jüngers, den Schuh, den Katharina von Bora, die spätere Frau Luthers, bei ihrer Flucht verloren haben soll, sowie eine originale Flugschrift, in der sich Luther als Fluchthelfer outet. Keine Selbstverständlichkeit, es hätte ihn den Kopf kosten können. Na dann, auf nach Nimbschen!

Auf dem Weg dorthin würdigt Stadtführer Klaus Büchner die Erfindung des Buchdrucks. „So erfuhren auch die Nonnen von Luthers Idee und wandten sich mit einem Schreiben an ihn.“ Leonhard Koppe, Ratsherr zu Torgau, Großhändler und Luthergetreuer, ermöglichte ihnen in der Osternacht die Flucht. „Hartnäckig hält sich das Gerücht, er habe die Nonnen in Heringsfässern versteckt“, holt Büchner aus: „Tatsächlich aber drängten sich die Ordensschwestern auf seinem Planwagen dicht an dicht – eben wie Heringe in Fässern.“ Viel Lob bekommt Hotelier Fred Urban. „Auf eigene Kosten ließ er in Sichtweite der Klosterruine eine Kapelle bauen – einen passenderen Ort für Trauungen gibt es nicht“, findet Büchner.

3. Schlussetappe nach Colditz:

Für einen Abstecher ins „Dorf der Sinne“ setzt man mit der Fähre nach Höfgen über. Oder man geht einfach weiter Richtung Kleinbothen und spart sich die Zeit. Die braucht man, um in Großbothen die einstige Wohn- und Arbeitsstätte von Wilhelm Ostwald, des ersten sächsischen Chemie-Nobelpreisträgers, zu besichtigen. Es lohnt sich! Simone Eichler und Katy Reimelt vom Museum führen zum Koffer des Forschers, mit dem er womöglich sogar 1909 zur Preisverleihung nach Stockholm reiste. Übrigens, nach dem Begründer der Physikalischen Chemie ist auf dem Mond ein Krater benannt.

Kirchenhistoriker und Pfarrer im Ehrenamt Michael Beyer (65) vor einer Schautafel für Pfarrer Johann Stumpf in Schönbach

Kirchenhistoriker und Pfarrer im Ehrenamt Michael Beyer (65) vor einer Schautafel für Pfarrer Johann Stumpf in Schönbach.

Quelle: Andreas Döring

Nächste Station: Schönbach. Das Postkartendorf liege mit Fug und Recht am Lutherweg, merkt Michael Beyer an: „Der Ort steht beispielhaft für die Reformation auf dem Lande, die eben nicht nur städtisches Ereignis war“, sagt der Kirchenhistoriker, der im Pfarrhaus wohnt. Mitten durch den Pfarrgarten führt der öffentlich gewidmete Johann-Stumpf-Weg als Verbindung von Lausicker Straße zum Friedhof. Der 1482 in Schneeberg geborene Johann Stumpf trat 1519 seine Pfarrstelle in Schönbach an.

Als einer der ersten im Amt Colditz predigte er in evangelischem Geist. Zu seinen Gottesdiensten kamen die Menschen aus einem Umkreis von 80 Kilometern. Absoluter Tabubruch und Thema auch überregional: Stumpf hatte geheiratet. Das kam Bischof Adolf von Merseburg zu Ohren, der den Abtrünnigen genauso wie dessen gleichgesinnten Amtsbruder Franciscus Klotzsch aus Großbuch bei Otterwisch zu sich zitierte. „Stumpf knickte beim Verhör an jenem 25. August 1523 nicht ein, sondern empfahl dem Bischof, ebenfalls zu heiraten.“

Luthers Freund Wenceslaus Lick

Bis Colditz ist es nur noch ein Katzensprung. Christina Schindler, Leiterin des Altenheimes „Wenceslaus Linck“, präsentiert im Atrium voller Stolz die Porträts von Martin Luther und Namenspatron Wenceslaus Linck. „Er ist wohl meiner liebsten Freunde einer auf Erden.“ Das sagte Martin Luther über Linck, einen Colditzer. Theologe und Reformator Linck galt als enger Vertrauter Luthers und rühmte sich bis zuletzt seiner Geburtsstadt.

Obwohl er Colditz schon als Zehnjähriger verließ, unterzeichnete er seine Schriften, zu denen Luther meist das Vorwort verfasste, gewöhnlich mit „Wenceslaus Linck aus Colditz“. Als Dekan der Theologischen Fakultät in Wittenberg unterstützte er den gleichaltrigen Luther, als der 1512 seinen Doktor machte. Zu Linck forscht die japanische Wissenschaftlerin Chieko Shinbuchi, die sich 2013 in Colditz auf Spurensuche begab und so auch die Gedenktafel in der Stadtkirche entdeckte. In der Alten Knabenschule, die Linck als Kind besuchte, wohnt inzwischen Dieter Hofffmann. Er ist ein Spaßvogel: „Hofffmann mit drei ,f’. Das dritte ,f’ steht für Feuerwehr, ich bin schon seit 60 Jahren dabei.“

Pilger-Service: Das müssen Sie wissen

  • Unterkunft: Höfgen – Erlebnishotel „Zur Schiffsmühle“ mit Restaurant täglich von 11 bis 24 Uhr
  • Sehenswürdigkeiten: Grimma – Klosterkirche, Klosterstraße, Besichtigungen und Führungen über Stadtinformation Grimma. Geöffnet auch zum Frischemarkt jeden dritten Sonnabend im Monat, 8 bis 12 Uhr
  • Tipp: Hohnstädt – Museum Göschenhaus mit Seume-Gedenkstätte, Schillerstraße 25, Mittwoch bis Sonntag 11 bis 16 Uhr, Führung jeweils zur vollen Stunde; Grimma – Kreismuseum, Paul-Gerhardt-Straße 43, Dienstag bis Freitag und Sonntag 10 bis 17 Uhr, Führungen zur Reformation im Haus und im Kloster Nimbschen möglich (Tel. 03437/911132); Großbothen – Wilhelm Ostwald Park, Grimmaer Straße 25, täglich 10 bis 17 Uhr, Donnerstag bleibt das Museum geschlossen; Colditz – Tourismusverein Colditzer Muldenland, Markt 11, Dienstag bis Freitag 10 bis 17 Uhr, Wochenende und Feiertag 13 bis 17 Uhr
  • Einkehr: Bahren – Gasthaus zur Loreley, Straße des Kindes 1, Dienstag bis Freitag ab 17 Uhr, Sonnabend ab 11 und Sonntag ab 10 Uhr; Colditz – Schlosscafé Landbäckerei Dietrich, Markt 12, Montag bis Sonnabend 7 bis 18 Uhr, Sonntag 13 bis 18 Uhr

In der Serie „Luther läuft“ erscheinen folgende Etappen:

1. Leipzig-Eilenburg-Löbnitz-Bad Düben

2. Bad Düben-Torgau-Schildau

3. Schildau-Wurzen-Trebsen

4. Trebsen-Grimma-Kloster Nimbschen-Colditz

5. Colditz-Mügeln-Kloster Sornzig-Leisnig

6. Leisnig-Kloster Buch-Döbeln-Waldheim

7. Waldheim-Kriebstein-Mittweida-Kloster Wechselburg-Zwickau

8. Zwickau-Crimmitschau-Altenburg-Gnandstein

9. Gnandstein-Borna-Neukieritzsch-Leipzig

Die große Serie - alle Teile hier!

Von Haig Latchinian

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Luther läuft
  • Zeitung in Schulen

    Herzlich willkommen bei den Schulprojekten der Leipziger Volkszeitung und ihrer Regionalausgaben. mehr

  • LVZ-Fahrradfest 2017
    Logo LVZ-Fahrradfest

    Das 13. LVZ-Fahrradfest lud am 14. Mai 2017 wieder Radler ein, gemeinsam in die Pedalen zu treten. Fotos, Videos und Infos finden Sie in unserem Sp... mehr

  • Zeitungsküken 2017 gekürt

    Zum elften Mal suchte die Delitzsch-Eilenburger Kreiszeitung das Zeitungsküken. Mit der Aktion steht der Nachwuchs der Region im Fokus. Sehen Sie h... mehr

  • LVZ-Sommerkino im Scheibenholz
    LVZ Sommerkino im Scheibenholz: Alle Infos zu Filmen, Ticketverkauf und dem Rahmenprogramm.

    Das LVZ-Sommerkino lud wieder zu unterhaltsamen Filmabenden ins Scheibenholz ein. Sehen Sie hier einen Rückblick in Fotos und Geschichten. mehr

  • Schau! Das Leipziger Museumsportal
    Schau! Das Leipziger Museumsportal

    Alle Informationen zu den Museen in Leipzig, ihren Ausstellungen und Events auf einen Blick im Special der LVZ. mehr

  • Schlingel - Familienmagazin
    Schlingel - Das Familienmagazin der LVZ

    Das Familienmagazin der LVZ. Wir richten uns an Eltern und Kinder, die in Leipzig und Umgebung zu Hause sind. Ihnen möchten wir ein nützlicher, unt... mehr