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Teufelsstein, Höllenfurt und der Fladenkrieg von Wurzen – nichts für schwache Nerven!

Dritte Etappe Teufelsstein, Höllenfurt und der Fladenkrieg von Wurzen – nichts für schwache Nerven!

Luther läuft – besonders im Lutherjahr 2017! In Sachsen und Thüringen hat der Reformator viele Spuren hinterlassen. Wir wollen sie finden. Und Neues, Spannendes, Witziges am Wegesrand entdecken. LVZ-Mitarbeiter haben die Wanderschuhe geschnürt und gehen auf Pilgertour. 3. Etappe: Von Schildau über Wurzen und Neichen nach Trebsen.

Horst Schulze (82), Wurzener Superintendent i.R., im historischen Gewand eines Alt-Domherren. Luther war nie in Wurzen, wirkte aber Frieden stiftend für die Stadt des einstigen Bischofssitzes.
 

Quelle: Andreas Döring

Schildau/Wurzen/Neichen/Trebsen.  Luther läuft – besonders im Lutherjahr 2017! In Sachsen und Thüringen hat der Reformator viele Spuren hinterlassen. Wir wollen sie finden. Und Neues, Spannendes, Witziges am Wegesrand entdecken. Wir haben die Wanderschuhe geschnürt, den Rucksack gepackt und gehen auf Pilgertour – auf dem Lutherweg zwischen Dübener Heide, Osterland, Döbeln und Muldental. 3. Etappe: Von Schildau über Wurzen und Neichen nach Trebsen.

Die dritte Etappe unserer Luthertour hat eine Gesamtlänge von 29,5 Kilometern.

Die dritte Etappe unserer Luthertour hat eine Gesamtlänge von 29,5 Kilometern.

Quelle: Patrick Moye

Luther-Stationen

  • Wurzen: Über Wurzen wurde nach der Leipziger Teilung (1485) die Schutzherrschaft durch beide Linien des Hauses Wettin – die Albertiner und die Ernestiner – ausgeübt. Zum Konflikt kam es, als man sich über die Verwendung dort eingetriebener Steuergelder und die Finanzierung der Türkenkriege (Türkensteuer) uneins war. Der Landgraf Philipp von Hessen bat Martin Luther um Unterstützung bei der Streitschlichtung. Und als sich die Situation zwischen dem Kurfürsten Johann Friedrich und dem Herzog Moritz zuspitzte, ermahnte Luther beide Herrscher in einem Schreiben an ihre vorrangige Pflicht, sich für den Frieden einzusetzen.
  • Trebsen: Martin Luther kam mit der Adelsfamilie von Minckwitz in Kontakt, die sich alsbald für die Gedanken der Reformation begeisterte. So unterstützten sie die Bewegung dadurch, dass bereits in den frühen Reformationsjahren 1521 der erste evangelische Pfarrer Caspar Zeuner die Trebsener Kirchgemeinde betreute.

Quelle: Bernd Görne, Andreas Schmidt: Der Lutherweg in Sachsen. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, 141 Seiten.

1. Von Schildau nach Wurzen

Willkommen in Frauwaldes wilden Wäldern! In der Höllenfurt gilt es den Teufelsstein zu entdecken. Der sagenumwobene Findling aus skandinavischem Granit – ein Jahrtausende alter Kultort. „Bauern riefen hier die Götter an. Sie erbaten reiche Ernten und gesundes Vieh“, sagt Heimatforscher Erwin Heinze. Die Kirche habe versucht, die heidnischen Mysterien zu zerstören – etwa mit einem teuflischen Pferdefuß, den man in den Stein hauen ließ. Nichts für schwache Nerven. Und erst recht nichts für Martin Luther, der Tintenfässer nach Teufeln warf. Seine Kutsche ratterte hier immer besonders schnell über Stock und Stein.

Gunther Vieweg fürchtet sich vor nix. Er ist gern im Wald. In aller Seelenruhe zeigt der Mann vom Heimatverein die Hügelgräber aus der mittleren bis jüngeren Bronzezeit. Warum große Holzpfähle mit roter Markierung in den Haufen stecken? „Als Warnhinweis. Arglose Leute hatten sich hier mal mit Erde bedient, fuhren die einfach mit der Schubkarre ab.“

Unterwegs nach Heyda lohnt ein Abstecher durch Falkenhain. In der Karl-Marx-Straße 10 wurde zwar nicht die Bibel übersetzt. Dafür verbrachte der geistreiche Kinderbuchautor Erich Kästner dort seine ersten großen Ferien: „Wir wanderten bis nach Schildau, wo bekanntlich die Schildbürger herstammen. Und in der Dachkammer weinte ich meine ersten Heimwehtränen“, notierte der Dreikäsehoch. In der Dachkammer schrieb er seine allererste Postkarte und tröstete seine Mutter. Sie brauche sich nicht zu sorgen. In Falkenhain gäbe es keine Straßenbahnen, sondern ab und zu höchstens einen Mistwagen, und vor dem nähme sich der Junge schon in acht.

Zu beiden Seiten der Straße nach Heyda grüßen lauter blühende Apfelbäumchen. Wie fast 40 andere Dorfbewohner hat auch Matthias Schneider für 20 Euro eine Baumpatenschaft übernommen. Zum Dank ist sein Name auf einem Schildchen zu lesen.

Vereinigung von Luther- und Jacobsweg

Vor Dornreichenbach vereinigen sich Luther- und Jacobsweg mit – Vorsicht! – der Enduro-Crossstrecke. Falls es laut und staubig wird, versöhnt ein Blick auf den Steinbruchsee, fast eine kleine felsige Meeresbucht. Wie im Urlaub!

Der Dom zu Wurzen

Der Dom zu Wurzen.

Quelle: Andreas Döring

Ein Muss: Der Besuch des Tiergeheges Dornreichenbach. Sobald der Euro im Kasten klingt, die Seele in den Himmel springt! Seidenhühner mit schwarzen Knochen, schwarzem Fleisch und fünf Zehen, Westafrikanische Zwergziegen, deren Vorfahren einst Hamburgs Zoodirektor Carl Hagenbeck bei einer Schiffspassage als Löwenfutter mit einführte, Jacobsschafe mit vier Hörnern – der 50 Mitglieder starke Verein unter Leitung von Reinhard Otto braucht den Vergleich mit anderen Tierparks nicht zu scheuen.

Von weitem grüßt die Skyline von Wurzen, einer der ältesten und schönsten Städte Sachsens. Türme über Türme. Gassen und Gaupen. Kopfsteine und Geistesgrößen. Am Dom wartet Horst Schulze, langjähriger Superintendent und Ehrenbürger der Stadt. In seinem schwarzen Umhang mit weißem Kreuz erinnert er fast an Batman. Der 82-Jährige hüpft vom Sockel des Lutherbrunnens und hat eine schockierende Nachricht: „Luther war nie in Wurzen, er durfte das Stiftsgebiet nicht betreten.“ Und doch hätten ihm die Wurzener viel zu verdanken: „Weil sich der Bischof auf Schloss Wurzen weigerte, die Türkensteuer zu entrichten, kam es Ostern 1542 fast zum Krieg zwischen Kurfürst Johann Friedrich und Herzog Moritz.

Epitaph mit Luther-Inschrift im Dom zu Wurzen

Epitaph mit Luther-Inschrift im Dom zu Wurzen.

Quelle: Andreas Döring

Vor den Toren der Stadt standen sich tausende Soldaten gegenüber. Es war Luther, der beide Seiten zur Mäßigung aufrief und somit in letzter Minute doch noch Frieden stiftete.“ Die bis auf die Zähne bewaffneten Männer konnten daraufhin abrüsten und sich am Osterfladen gütlich tun, weshalb die Wurzener Fehde auch als „Fladenkrieg“ bezeichnet wird. Altdomherr Schulze führt ins Innere des Doms.

Gleich am Eingang, an der Südwand des Schiffes, befindet sich der Grabstein von Johann Martin Luther und seiner Frau Regina. Der Urenkel des Reformators war einst Gutsbesitzer, Stiftsrat und Domherr. An der Südseite des Ostchores erinnert ein Epitaph an dessen „tief betrübte Erben“.

2. Von Wurzen nach Neichen

Weiter geht es nach Dehnitz. Auf dem Wachtelberg thront der 21 Meter hohe Bismarckturm. An Wochenenden wird er zum Wachturm. Mit Filzhut, grüner Weste und Feldstecher – so steht Naturfreund Klaus Zeibig auf der Plattform und hält Ausschau nach Naturfrevlern. Liebespaare in den Büschen, Radfahrer oder Zigarettenraucher – sie alle werden per Flüstertüte auf den Pfad der Tugend zurück geholt. Kein Wunder: Sein Revier ist Deutschlands ältestes Flächennaturdenkmal und gilt als östlichster Standort der Echten Kuhschelle in Mitteleuropa.

Verdiente Rast mit Kaffee und Plätzchen auf dem Lutherweg in Neichen

Verdiente Rast mit Kaffee und Plätzchen auf dem Lutherweg in Neichen: Redakteur Haig Latchinian spricht mit dem Neichener Küster Mike Moosdorf (49).

Quelle: Andreas Döring

Über den ehemaligen Bahndamm, inzwischen ein Radweg, geht es immer der Mulde entlang Richtung Neichen. Dort sorgt Küster Mike Moosdorf mit Kaffee und Keksen für die verdiente Stärkung. Luther, verrät er, habe das geistliche Lied wieder zum festen Bestandteil der Gottesdienste gemacht. Moosdorf erinnert an den 1840 geborenen und erst kürzlich wieder entdeckten größten Sohn des Dorfes, an Oskar Wermann. Nach ihm ist in Neichen neuerdings eine Gasse benannt.

Das Lutherfenster in der Kirche Neichen

Das Lutherfenster in der Kirche Neichen. Gestiftet von Max Kupfer 1917.

Quelle: Andreas Döring

„Oskar Wermann war 30 Jahre Kreuzkantor in Dresden. 2015 wurde sein ,Vater Unser’ in der Frauenkirche gespielt, aus Anlass des 70. Jahrestages der Bombardierung Dresdens.“ Klar sind die Neichener da stolz wie Oskar. Der Küster zeigt im Altarraum das farbenfrohe Lutherfenster: Thesenanschlag zu Wittenberg. „Der Neichener Bauer Max Kupfer stiftete das Fenster vor 100 Jahren. Einer seiner Vorfahren war unser erster evangelischer Pfarrer. Hier, auf dem Gemälde ist er verewigt“, sagt Moosdorf.

3. Schlussetappe nach Trebsen

Auf der anderen Muldenseite erwartet uns die Mittelalterhochburg Trebsen. Wenn Luther von Wittenberg aus nach Süden reiste, nutzte er die Furt. Wir dagegen spazieren über die Brücke und sehen das Schloss. Hans von Minckwitz residierte dort ab 1516. Er kannte den Reformator persönlich und dürfte ihn mehrfach empfangen haben. „Wahrscheinlich war es auch Luther, der seinen Schüler Caspar Zeuner als Pfarrer nach Trebsen vermittelte.

Kirchenhistoriker Dr Heiko Jadatz steht in der Kirche Trebsen vor der Altarplatte aus der Klosterkirche Grimma, die auch von Luther aufgesucht wurde

Kirchenhistoriker Dr. Heiko Jadatz steht in der Kirche Trebsen vor der Altarplatte aus der Klosterkirche Grimma, die auch von Luther aufgesucht wurde.

Quelle: Andreas Döring

Schon 1521 predigte er hier in seinem Geiste“, sagt Kirchenhistoriker Heiko Jadatz, einst selbst Trebsener. Für Aufsehen habe die Heirat Zeuners mit Catarina Buchner gesorgt: „Bischof Adolf von Merseburg bestellte Zeuner 1524 nach Grimma ein und enthob ihn seines Amtes. Ohne Erfolg. Zeuner blieb weitere zehn Jahre in Trebsen.“

Und dann hat Heiko Jadatz noch ein Schmeckerchen. Er strebt dem Altar zu und streicht so sanft über den Tisch aus Rochlitzer Porphyr, als sei es das samtene Fell seiner Lieblingskatze: „Luther hatte an dieser Platte gepredigt. Sie stammt aus der Grimmaer Klosterkirche, wo er nachweislich einen Gottesdienst gehalten hatte. Weil die Klosterkirche in den 1980er-Jahren beinahe zur Ruine wurde, kam die Altarplatte nach Trebsen.

Pilger-Service: Das müssen Sie wissen

  • Sehenswürdigkeiten: Wurzener Dom, Neichener Kirche, Marienkirche Schildau, Schloss Trebsen
  • Tipp: Museum der Schildbürger, Ringelnatzhaus Wurzen, Tiergehege Dornreichenbach
  • Einkehr: Frauwalde: „Haus am Dammühlenteich“, Hauptweg 10, Mittwoch und Donnerstag 11.30-14 Uhr und 17 -20 Uhr; Freitag 17-20 Uhr; Samstag, Sonntag, Feiertag 11.30-20 Uhr Frauwalde: „Zu den Schildbürgern“ , Lindenweg 2, täglich 11-21 Uhr Dornreichenbach: Café Eisprinzessin, Philipp-Müller-Platz 3, Mittwoch-Sonntag 12-19 Uhr (Sommer) Wurzen: Schloss Wurzen, Amtshof 2, täglich 11-22 Wurzen, Ortsteil Dehnitz: Landgasthof Dehnitz, Am Wachtelberg 9, Montag-Freitag ab 17 Uhr; Sonnabend/Sonntag ab 11 Uhr; Donnerstag Ruhetag Trebsen: Hotel Schloßblick Trebsen, Markt 8, täglich 11-14 Uhr und 17-21 Uhr, Wochenende 11-21 Uhr
  • www.tourismus-wurzen.de

In der Serie „Luther läuft“ erscheinen folgende Etappen:

1. Leipzig-Eilenburg-Löbnitz-Bad Düben

2. Bad Düben-Torgau-Schildau

3. Schildau-Wurzen-Trebsen

4. Trebsen-Grimma- Kloster Nimbschen-Colditz

5. Colditz-Mügeln-Kloster Sornzig-Leisnig

6. Leisnig-Kloster Buch-Döbeln-Waldheim

7. Waldheim-Kriebstein-Mittweida-Kloster Wechselburg-Zwickau

8. Zwickau-Crimmitschau-Altenburg-Gnandstein

9. Gnandstein-Borna-Neukieritzsch-Leipzig

Die große Serie - alle Teile hier!

Von Haig Latchinian

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