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Teil 1 - Was von damals übrig blieb

Gert Natschinski und Guido Masanetz waren nicht die Einzigen Teil 1 - Was von damals übrig blieb

2015 war eine Zäsur für den Erbbestand in der DDR entstandener Operetten und Musicals: Am 4. August starb Gerd Natschinski im Alter von 87 Jahren, am 3. November folgte Guido Masanetz mit 101. Das kommt dem verzögerten Ende einer Epoche gleich, die Leipzig intensiv mitgestaltete.

100 Jahre Haus Dreilinden: Zum Jubiläum gab es eine Zeitreise durch Operette und Musical.

Quelle: Leipzig report

Leipzig. 2015 war eine Zäsur für den Erbbestand in der DDR entstandener Operetten und Musicals: Am 4. August starb Gerd Natschinski im Alter von 87 Jahren, am 3. November folgte Guido Masanetz mit 101. Das kommt dem verzögerten Ende einer Epoche gleich, die Leipzig intensiv mitgestaltete: Hier ist Natschinskis „Mein Freund Bunbury“ im Repertoire der Musikalischen Komödie, hier gab es im Juni 2015 als späte Hommage zu Masanetz’ 100. zwei Aufführungen von „In Frisco ist der Teufel los“. 1965 gelangten in Lindenau diese Paradewerke der Gegenwartsoperette und des Musicals im Abstand von nur sechs Wochen zur Leipziger Erstaufführung.  Anlass also zur Spurensuche auf einem vernachlässigtem Areal der DDR-Kultur: Unser Mitarbeiter Roland H. Dippel beschäftigt sich intensiv mit dem Thema und stellt in mehreren Folgen Geschichte und Idee des Heiteren Musiktheaters der DDR vor.
 Überregional schaut es mit der Werkgruppe von Operetten und Musicals Made in DDR heute mau aus. Das ist für die kulturgeschichtliche Dokumentation eine ebenso große Lücke wie für die Geschichte des Musiktheaters im 20. Jahrhundert generell: Das DDR-Schaffen in Bildender Kunst, Literatur und Oper wurde nach 1989 erforscht  -  Operette und Musical nicht.
 Es bedarf erst einmal der Überprüfung dieser Werke für den theatralen Gegenwartswert. Hier zeigt sich Ignoranz aus Arroganz („künstlerisch minderwertig “), Schwellenangst („geht heute nicht mehr “) und (falscher) Scham („Tendenzkunst “), vor allem aber Unkenntnis aufgrund mangelnder Informationsangebote.
 Die Erschließung von Operette und Musical der DDR als Zeitphänomen kam nach 1989 nie richtig in Gang. Dieses Versäumnis ist mit immer größerem Zeitabstand kaum zu korrigieren, die Augenzeugen werden weniger. Beim Schreiben dieser Zeilen geht die Meldung vom Tod Heinz Schröders ein, der als Intendant am Theater Gera die Musicals „Karambolage“ (1969) und „Heinrich der Sexte“ (1973) zur Uraufführung bringen ließ.

"Casanova" und "Mein Freund Bunbury" werden Erfolge
 Die DDR-Regierung nahm die Weiterentwicklung von Operette und Musical nach dem Zweiten Weltkrieg viel  ernster  als die Bundesrepublik oder andere sozialistischen Staaten. Dieser Anspruch war der Versuch einer substantiellen Aufwertung der Genres. Wenn auch das Bemühen um Qualität und Humor manchmal zum Krampf wurde, Flops und Banalitäten in die Archive wanderten.  So schrieb die Sopranistin Evelyn Schildbach über die Operette „Die Schweinehochzeit“ (auch „Die Schweinekirmes“) am Theater Schwerin noch 1993: „Sowohl die Handlung als auch die Musik sind sehr dürftig und unbedarft. Trotzdem gaben wir uns die größte Mühe.“. Die Musik stammte von Eberhardt Schmidt, dessen „Bolero“ 1952 eine der ersten DDR-Operetten mit Traditionsbezug und dem ersehnten sozialistischem Zukunftspotential war. Erwähnt wurde er in den DDR-Nachschlagewerken allerdings nur als Schöpfer des „Thälmann-Lieds“.
 Eintagsfliegen kommen in allen Bühnenformaten vor, immer wieder. Neben bekannten Titeln - zumeist von Natschinski - gab es gar nicht so wenige Erfolge: von Herbert Kawan, Conny Odd, Rolf Zimmermann, Gerhard Honig... Natschinskis Stücke schafften es recht schnell in den Westen:  „Casanova“ ans Gärtnerplatztheater München 1979. „Mein Freund Bunbury“ führte nach 1989 ein bewegtes Bühnenleben von Annaberg bis Wittenberg, aber nur in den Neuen Bundesländern.
 Der entscheidende Anstoß zur Vergegenwärtigung von „Messeschlager Gisela“ kam nach der Wende aus dem Westen, 1998 von der Neuköllner Oper. Aus dem 60er Sound machte Frank Schwemmer eine freche Kammerversion und den ersten Kiez-Hit der beginnenden Ostalgie-Welle: Mode und Intrigen im halbernsten Ost-West-Clinch. Außer Chemnitz und Cottbus zogen keine Subventionstheater mit „herkömmlichen“ Produktionen nach. Das Theater Annaberg und das Volkstheater Rostock wagten um 2006 noch Natschinskis musikalisches Lustspiel „Servus Peter“.
 Daneben hätten andere bekannt Werke für Revivals zur Auswahl gestanden. Mehrere Stücke brachten es in der DDR auf mehr als ein Dutzend Inszenierungen: etwa  Gerhard Kneifels „Bretter, die die Welt bedeuten“ (1971), „Verlieb dich nicht in eine Heilige“ (1969), das sozialistische Läuterungsspiel um Burgenromantik contra Realitätssinn, oder das Musical „Karambolage“ (1969) nach dem DEFA-Spielfilm „Geliebte weiße Maus“.
 Die DDR durchlief in nur geringfügiger Zeitversetzung die gleichen Trends wie Bundesrepublik: Zeit-Operette, Singspiel, Musikalisches Lustspiel, Kabarettistische Minioperette, Rockmusical, Jugendstück, großes Musical, Studiomusical. Mit Musical-Vorläufern wie „Alarm in Pont L’Evèque“ (1958) war sie dem Westen einen Schritt voraus.
 „Mein Freund Bunbury“ (1964) hier spielte in der gleichen Erfolgsliga wie Paul Burkhards „Das Feuerwerk“ (1950) da. Mit oberflächenpolierter Inszenierung von Glanz und Gloria tat man sich in der DDR bekanntermaßen schwer, was zur viel deutlicheren Durchdringung von hierarchischen und persönlichen Situationspositionierungen führen konnte. Gerade durch die unausgesprochene Analogie zwischen den gesellschaftlichen Masken im Stück und den Vermeidungsstrategien in der Realität wurde „Mein Freund Bunbury“ zum unanfechtbaren Erfolg bei zwei Generationen.

Operette als Aufgabe
 Mit Arthur Maria Rabenalts Schrift „Operette als Aufgabe“ (1948) gab es nach 1945 unverzüglich theoretische Bemühungen um eine Erneuerung der Operette und ihre Ehrenrettung aus dem Sumpf nationalsozialistischer Abstumpfung. Das blieb im Westen bis zur überfälligen wissenschaftlichen Aufwertung durch Volker Klotz („Operette. Porträt und Handbuch einer unerhörten Kunst“, 1991) lange unberücksichtigt. Ebenso wie in der aktuellen Forschung um Kevin Clarke, der die einst kritisierte „Dümmlichkeit“ der Handlungen als verkannt glamouröses, ironisches, selbstreferentielles Alleinstellungsmerkmal herausstreicht - und bestätigt wird im Operetten-Zyklus der Komischen Oper Berlin.
 Über 200 Titel des „Heiteren Musiktheaters“ sind eine stattliche Zahl. Von 1949 bis 1989. In der DDR gab es keine kommerziellen Musiktheaterformen, aber drei Repertoire-Theater für Operette und Musical (Metropoltheater Berlin, Staatsoperette Dresden, Musikalische Komödie Leipzig). Andere Bühnen wie in Erfurt und Rostock machten die Genres zu ihrer Angelegenheit - freiwillig.
 Anders als bei der Oper ist die Grauzone in der Rezeption des Heiteren DDR-Musiktheaters riesig: Zwischen politischem Anspruch und realem Erfolg, zwischen theoretischer und praktischer Lebenswirklichkeit hatten neue Operetten und Musicals als geerdete Unterhaltung, von der DDR-Regierung dem Theaterverband zugeschlagen, die Verankerung im Alltag zum Ziel. Dieser Kunststrang zwischen Sozialgeschichte, Kultur und Utopie ist Teil einer sich verflüchtigenden Identität. Auch um das geht es in den nächsten Folgen.

Von Roland H. Dippel

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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