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Der Leipziger Experte Christian Heermann über Karl May und die Schauplätze seiner Handlungen

Die Rocky Mountains von Sachsen Der Leipziger Experte Christian Heermann über Karl May und die Schauplätze seiner Handlungen

Als Karl May seine großen Reiseerzählungen schrieb, die in aller Herren Länder spielen, hatte er noch nichts von der Welt gesehen. Die Storys entstanden am Schreibtisch, und der Autor brauchte viel Fantasie, um den Leser in ferne Zonen zu entführen. „Er hat 32 Jahre seines Lebens in Radebeul verbracht“, konstatiert der Leipziger May-Experte Christian Heermann.

Die Felsformation „Bastei“ in der Sächsischen Schweiz regte Karl May zur Beschreibung der Rocky Mountains in seinen Büchern an. 

Quelle: dpa

Leipzig. Als Karl May (1842 – 1912) seine großen Reiseerzählungen schrieb, die in aller Herren Länder spielen, hatte er noch nichts von der Welt gesehen. Die Storys entstanden am Schreibtisch, und der Autor brauchte viel Fantasie, um den Leser in ferne Zonen zu entführen. „Er hat 32 Jahre seines Lebens in Radebeul verbracht“, konstatiert der Leipziger May-Experte Dr. Christian Heermann. Und da liege es nahe, dass er die meisten Anregungen aus der näheren Umgebung gewann. May wanderte viel, quasi vor seiner Haustür begann der Lößnitzgrund, den er nach Heermanns Worten „oft bis zu zehn Kilometer hinaufmarschierte“. Aber auch die nähere sächsische Heimat durchmaß der Autor auf Schusters Rappen, ließ Berge, Flüsse und Seen auf sich wirken und reicherte seine Beobachtungen mit Fakten aus Büchern an.

Zwar besaß der Schriftsteller, der bis 1892 in relativer Armut lebte, zunächst keine große eigene Büchersammlung, das kam erst später, aber er besuchte regelmäßig die Königliche Bibliothek in Dresden. Sie verfügte damals schon über 500 000 Bände und 20 000 Landkarten. Und auch in der Rüstkammer in Dresden – heute im Residenzschloss –, die eine der weltweit bedeutendsten Sammlungen von Waffen beherbergt, ging May aus und ein. Um die Inspiration, die er aus seiner Umgebung gewann und die er mit Hilfe von Baedeker-Reiseführern und anderen Ratgebern in die Rocky Mountains und von dort in seine Bücher transferierte, geht es heute in den „Plaudereien über Karl May“.

Herr Dr. Heermann, als Karl May 1874 in Waldheim aus der Haft entlassen wurde, sagte er: „Ich gehe nach Amerika.“ Obwohl er tatsächlich  erst 1908 die USA bereiste, musste das keine Lüge sein.

Nein, tatsächlich nicht, denn nahe der Stadt Penig gibt es das Dorf Amerika, seit 1876 sogar mit Bahnstation. Karl May flunkerte gern und wanderte viel, seit den 1880er-Jahren gehörte die Sächsische Schweiz zu seinen  beliebtesten Ausflugszielen. Wichtigste Station war hier immer wieder die Felsformation „Bastei“.  Mays Verleger Euchar Albrecht Schmid (1884 – 1951) hat später Bildervergleiche von Landschaften in der Sächsischen Schweiz und in Arizona angestellt und verblüffende Ähnlichkeiten registriert. Sicher ist die Natur in Nordamerika viel gewaltiger als hier, aber das schmälert die Stimmigkeit nicht, wenn man etwa den Blick über den hiesigen Wehlgrund mit dem über den Grand Canyon in Arizona vergleicht. Oder wenn man die Gedanken von dem freistehenden Felsen „Falkenstein“ bei Bad Schandau hin zum „Mount Winnetou“ („Winnetous Erben“, Band 33) schweifen lässt oder von der hiesigen Felsengruppe „Schrammsteine“ zum „Devils Head“ in „Old Surehand II“. Aber Karl May hat die Eindrücke aus der Heimat nicht etwa benutzt, um ihm unbekannte Felspartien in Amerika zu beschreiben, sondern er ließ sich einfach von der bizarren Natur hier zum freien Fabulieren über den fernen Westen inspirieren.

Gilt das auch für die Abenteuererzählung  „Der Schatz im Silbersee“?

Ja, die Karl-May-Forscher vermuten zumindest, dass sich der Silbersee des Autors nicht im US-Bundesstaat Utah befindet, wo es tatsächlich einen Silver Lake gibt, sondern sehr erdverbunden einige Kilometer nordwestlich von Rathen in der Moritzburger Teichlandschaft. Dort gibt es den Großteich am Fasanenschlösschen, und der lässt verblüffende Parallelen zur Beschreibung der Szenerie um den natürlich viel gewaltigeren Silbersee zu. Diese Erzählung ist übrigens ein gutes Beispiel dafür, wie May seine Werke dramaturgisch aufbaut: Es beginnt in der Regel im flachen Land, und die Handlung führt dann immer weiter hinauf in die Berge, wo es schließlich zum Finale kommt. Der „Silbersee“ beginnt am Arkansas-River (die Elbe) an Bord eines Dampfers (wie es sie damals in Dresden schon gab) und arbeitet sich dann hinauf in eine gigantische amerikanische Fantasie-Bergwelt (14 Kilometer von der Elbe lößnitzgrundaufwärts zum Großteich), bis die Handlung kulminiert. Karl May hat diese Wanderstrecke zum gewaltigen Abenteuerritt von 2000 Kilometern ausgedehnt und mit dem „Schatz im Silbersee“ (GW Band 36) eines seiner besten Bücher geschaffen…

Aber nicht immer präsentierten sich die Quellen Mayscher Inspiration so majestätisch wie die Elbe. Die Fantasie des Autors war groß genug, um vom Lößnitzbach zum Mississippi zu schweifen, den aus einem Seitental kommenden Lindenaubach „meinen Missouri“ zu nennen und die Vereinigung beider Bächlein (Flüsse) gedanklich nach Saint Louis zu verlegen…

Inspiration durch die Natur gepaart mit Wissen aus der Bibliothek – aus welchen Büchern schöpfte May?

Für die Indianer ist da auf jeden Fall der Amerikaner George Catlin (1796 – 1872) zu nennen. Von ihm erschien schon 1841 „Die Indianer Nordamerikas“ in London, 1848 dann auch in deutscher Sprache. Das ist ein sehr wirklichkeitsnaher und umfangreicher Reisebericht. Dort findet sich beispielsweise auch eine farbige Abbildung von „Wun-nes-tou“ („Weißer Büffel“), dem Medizinmann der Schwarzfuß-Indianer. Es gibt Stimmen, die sagen, von ihm habe May den Namen Winnetou   – sagen wir mal: entlehnt.

Oder nehmen Sie den Iren John Ross Browne (1817 – 1875), von ihm erschien 1871 auf Deutsch „Abenteuer im Apachenland“. Dort beschreibt er unter anderem die prachtvolle Mission San Xavier del Bac, die 1668 in der Nähe von Tucson durch Jesuiten erbaut worden ist: „ein so glänzendes Monument der Zivilisation“ in der Wildnis von Arizona. Und er erwähnt die Papagos, was so viel wie Bohnenvolk oder Bohnenindios bedeutet, weil dieser Stamm vor allem Bohnen anbaute. Und das alles findet man dann auch wieder bei Karl May, nämlich in der Erzählung „Der Ölprinz“, die 1893/94 erschien und in der  May die Papagos als „friedfertigen und arbeitsamen Stamm“ schildert. Ich selbst war 2004 dort, und es sieht fast alles noch genauso aus, wie Browne beziehungsweise May es beschrieben haben. Und was soll ich Ihnen sagen: Vor der Mission standen Indianer unter Sonnenschirmen und kochten Bohnensuppe...

In dem Band „Durch die Wüste“ (Nr. 1 GW), erschienen 1892, beschreibt Karl May aus geologischer Sicht ein großes Becken mit einer Salzkruste. Die Grundlage dafür fand er in dem Aufsatz „Das algerisch-tunesische Binnenmeer“ von dem österreichischen Geologen Dr. Joseph Chavanne (1846 – 1902). Er erschien 1880 in der „Deutschen Rundschau für Geographie und Statistik“ mit Landkarten. Man kann sagen: Was May geografisch beschreibt, stimmt zumeist, weil er mit Fakten arbeitet. Und in der Vergangenheit hieß es immer: Karl-May-Leser seien gut im Fach Geografie.

Als May dann ein erfolgreicher Autor war und gut Geld verdiente, baute er sich in der Villa „Shatterhand“ in Radebeul eine eigene Bibliothek auf. Wie ging er vor?

Seine Sammlung, die er ab 1892 bedeutend ausbauen konnte, umfasste schließlich 2500 Bände. Dabei sind ganz klare Prinzipien erkennbar: An erster Stelle kommen Reisebeschreibungen und Werke zur Völkerkunde, dann fast vier Dutzend Sprachen – Arabisch, Türkisch, Altägyptisch... –, Grammatiken, Wörterbücher etc. Die Belletristik der damaligen Zeit spielte nur eine geringe  Rolle. Autoren wie Friedrich Gerstäcker (1816 – 1872), die damals sehr aktuell waren, musste May gekannt haben. Aber sie tauchen in der Bibliothek kaum auf. Von Frederick Marryat (1792 – 1848) gibt es gerade mal einen Titel. Mays  handschriftliches Verzeichnis seiner Bücher, das als Faksimile 1995 erschienen ist, gibt Auskunft: Seite 12: „Der Orient im Allgemeinen“, Seite 26: „Amerika“, Buch Nr. 749: „Im Apachenland“. Theologie, Philosophie, Sachbücher, Nachschlagewerke – aber wenig Literatur.

Notiert von Jan Emendörfer

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