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„Du schickst als Taucher mich ins Meer hinab“

Plaudereien über Karl May „Du schickst als Taucher mich ins Meer hinab“

Der Leipziger Experte Christian Heermann über den Künstlerkreis um Karl May.

Karl May im Kreis der Künstlerfreunde: Sascha Schneider, Selmar Werner, Wilhelm Kreis ( von links um 1904). Foto erhalten von: Bernhard Schmid, Karl-May-Verlag GmbH.

Quelle: Karl-May-Verlag Bamberg

Leipzig. Karl May, der Autor aus Sachsen mit den Millionen-Auflagen, hat sein Leben lang gegen das ihm anhaftende Image als „Jugendschriftsteller“ und Verfasser von Räuberpistolen angekämpft. 1842 in dem erzgebirgischen Heimweber-Städtchen Ernstthal „als ein Lieblingskind der Not, der Sorge, des Kummers“ geboren, schaffte er schreibend den Aufstieg nach Dresden und traf dort schließlich auf Menschen, die in ihm auch den Künstler, den Dichter, den Autor sahen: Der Kunstmaler Sascha Schneider (1870 – 1927), der Bildhauer Selmar Werner (1864 – 1953) und der Architekt Wilhelm Kreis (1873 – 1955) gehörten kurz nach der Jahrhundertwende zu jenem Zirkel, der ihn inspirierte und akzeptierte. In der Folge „Plaudereien über Karl May“ mit dem Leipziger May-Experten Dr. Christian Heermann (79) geht es heute um die Künstlerfreunde des Schriftstellers, der seit Ende 1895 in Radebeul die Villa „Shatterhand“ bewohnte.

Herr Dr. Heermann, wie wichtig waren für May die Begegnungen mit dem Trio „Schneider & Co.“ in Radebeul?

Noch vor Schneider, Werner und Kreis möchte ich Thea von Harbou (1888–1954) nennen, die heute kaum noch jemand kennt. Dabei war die spätere Ehefrau von Fritz Lang (1890 – 1976) eine der wichtigsten deutschen Drehbuchautorinnen. Sie hat rund 60 Filmmanuskripte verfasst, darunter das für den wohl bedeutendsten deutschen Stummfilm „Metropolis“, bei dem Lang Regie führte und der sein Meisterwerk wurde. Thea von Harbou wuchs im heutigen Radebeuler Stadtteil Niederlößnitz auf und hat als Backfisch Karl May sehr verehrt. Im Februar 1907 schrieb sie ein romantisches Gedicht, das ich in Kopie besitze, und das sie „meinem verehrten Lehrmeister Herrn Dr. Karl May“ nach einem Besuch in der Villa „Shatterhand“ widmete. Es beginnt: „Du schickst als Taucher mich ins Meer hinab, dass ich nach Perlen suche in der Tiefe…“

Ein Teenager, der dahinschmilzt.

Nicht nur das. Er hat sie auch künstlerisch inspiriert, das hat sie später mehrfach berichtet. So zum Beispiel, als sie den Abenteuerroman „Das indische Grabmal“ schrieb, der drei Mal verfilmt wurde. Thea von Harbou verließ Niederlößnitz als junge Frau, ging später nach Berlin, wurde dort zwei Mal ausgebombt und rettete immer in einem Köfferchen ihre 22 Karl-May-Bände. Ich habe zur Beziehung May-Harbou ein 30-Seiten-Manuskript verfasst, das Ende des Jahres in einer Anthologie im Karl-May-Verlag Bamberg erscheinen wird.

Wir sind gespannt, aber nun zu den Männern. Wie kam es, dass Sascha Schneider, für den der berühmteste Vertreter des deutschen Sym­bolismus, Max Klinger (1857–1920), Vorbild und Mentor war, zu Karl May fand oder umgekehrt?

May besuchte 1902 in ­Dresden eine Kunstausstellung und sah das zwölf Meter breite und vier Meter hohe monumentale Tafelgemälde „Um die Wahrheit“ von Schneider und war total begeistert. May möchte ihn kennenlernen und ein Jahr später klappt es mit einer ersten Visite in Schneiders Atelier in Meißen. Danach entwickelt sich ein reger schriftlicher und mündlicher Gedankenaustausch. Schneider brauchte auch immer Geld, suchte Aufträge und May gab ihm welche, zum Beispiel für ein großes Wandbild in der Villa „Shatterhand“. May suchte die Nähe zu den Künstlern, weil er sich immer noch dem Vorwurf der Schundliteratur ausgesetzt sah und um Ansehen und Anerkennung als Literat kämpfte.

Und da entstand die Idee, den Sym­bolisten Sascha Schneider die Bilder für die Buchdeckel malen zu lassen.

Ja, May dachte, mit ­dieser künst­lerischen Umsetzung würde die Welt Kopf stehen. Das würde seine Bücher stark aufwerten. Sein Verleger Friedrich Ernst Fehsenfeld (1853 – 1933) aus Freiburg im Breisgau war da realistischer. Er ließ zwar 25 Buch­deckel mit Schneiderbildern ausstatten, aber nur eine kleine Teilauflage davon drucken.

Heute werden für diese Originalausgaben im Internet bis zu 800 Euro pro Buch aufgerufen. Warum floppte das damals?

Es passte einfach nicht zu­sammen. Bei May geht es um handfeste Abenteuer und bei Schneider um Bilder, die stark religiös, auch mystisch und allegorisch geprägt sind. Das regt keinen Leser an, der Aktion und Spannung er­wartet. Die Bücher ver­kauften sich damals sehr schlecht, heute sind May-Liebhaber hinter ihnen her.

Sascha Schneider war homosexuell, floh später aus Angst vor Denunziation von Weimar nach Italien. Spielte das in der Beziehung zu Karl May eine Rolle?

Nein, nach meinen Recherchen hat May erst wenige Wochen, bevor Schneider wegging, überhaupt davon erfahren. Es gibt ein Foto,das anderes vermuten lässt, da legt der Ältere seine Hand auf die des Jüngeren. Aber nach allem, was wir heute wissen, war May nicht homosexuell veranlagt und verehrte Schneider als Künstler und nicht als Mann im erotischen Sinne.

Bleiben im Künstlerkreis noch Selmar Werner und Wilhelm Kreis.

Wie gesagt, sie waren alle wesentlich jünger als May, und er trat in gewisser Weise auch als Förderer auf. Die Unternehmerwitwe Klara Plöhn wollte für ein Halbrelief am Grabmal ihres verstorbenen Mannes Richard den großen Max Klinger beauftragen. Auf Drängen von Karl May, dessen zweite Ehefrau sie bald wurde, engagierte Klara dann Selmar Werner. Das war dessen erste größere Arbeit. Später schuf er das 1913 eingeweihte Schillerdenkmal am Albertplatz in Dresden und andere große Werke. Er fertigte dann auch Büsten von Karl May und „Winnetou“ an und malte ein May-Porträt in Öl. Das ziert heute den Buchdeckel der Autobiografie „Ich“ (Band 34).

Wilhelm Kreis hatte schon als begabter Student 1896 den 1. Preis im Wettbewerb um das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig gewonnen und erhielt dann ab 1902 eine Professur an der Kunstgewerbeschule Dresden. Wie stand May zu ihm?

Der Umgang, den May mit dem jüngeren Wilhelm Kreis pflegte, war locker und freundschaftlich. So reimte May beispielsweise eine Einladung vom 27. August 1903:

„Wenn unser Kreis in unserem Kreise sitzt,

ist unser Kreis von unserem Kreis ­begeistert,

Wir hoffen, dass es Sonntag wieder blitzt,

Und auch Frau Kreis, den Weg zum Kreis bemeistert.“

Interview: Jan Emendörfer

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