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„Es sei Friede“

Plaudereien über Karl May „Es sei Friede“

Der sächsische Bestsellerautor Karl May war ein gläubiger Mensch und hat sich zeitlebens mit verschiedenen Religionen auseinandergesetzt. Ein Gespräch über Mays Ansichten zum Islam und anderen Glaubensrichtungen mit dem Leipziger Experten Christian Heermann.

Der sächsische Bestsellerautor Karl May, der 1912 in Radebeul bei Dresden gestorben ist, war ein gläubiger Mensch und hat sich zeitlebens mit verschiedenen Religionen auseinandergesetzt.

Quelle: André Kempner

Leipzig. Seitdem die „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) in Dresden demonstrieren, ist der Islam hierzulande stärker ins Blickfeld gerückt. Der sächsische Bestsellerautor Karl May, der 1912 in Radebeul bei Dresden gestorben ist, war ein gläubiger Mensch und hat sich zeitlebens mit verschiedenen Religionen auseinandergesetzt. 1842 zur Welt gekommen, evangelisch-lutherisch in seinem Geburtsort Ernstthal getauft, wurde May als Knabe konfirmiert und erlebte „Vater, Mutter und Großmutter“ als „tief religiös“ vor allem dergestalt, dass es darum ging „ein guter Mensch zu sein“ („Ich“, Band 34). Daran anknüpfend versuchte May später in seinen Werken eine Art Religionen überspannendes Humanitätsideal zu entwickeln. Was May zum Islam und anderen Glaubensrichtungen sagt, darum geht es heute in den „Plaudereien über Karl May“ mit dem Leipziger Karl-May-Forscher Dr. Christian Heermann.

 

Herr Dr. Heermann, welche Rolle spielte der Islam in Karl Mays Schaffensprozess?

Erst einmal muss man festhalten, dass zu seiner Zeit nirgendwo so viel Wissen über den Islam verbreitet wurde wie in den Büchern von Karl May. In dem sechs Bände umfassenden Orient- und Balkanzyklus schildert er Rituale, wie das fünfmalige Beten pro Tag, den Fastenmonat Ramadan oder die Pilgerfahrten nach Mekka. Dabei schlägt er auch kritische Töne an, zum Beispiel im Zusammenhang mit der Rolle der Frau im Islam, aber er lässt sich überhaupt nicht zu abfälligen Bemerkungen oder gar Hassgefühlen hinreißen.

Woher nahm er sein Wissen? Als die Bücher erschienen, hatte er den Orient noch gar nicht gesehen.

May hat unheimlich viel gelesen, sich großes Wissen autodidaktisch angeeignet. Und zu seiner Lektüre gehörte natürlich auch der Koran. Er zitiert in seinen Büchern aus Suren, und er zitiert richtig.

May steigt bei seinen Erzählungen tief ein, nimmt zum Beispiel auch von den Jesiden Notiz, die heute von der Terrorgruppe Islamischer Staat als „Ungläubige“ brutal verfolgt werden und zum Teil als Flüchtlinge jetzt auch bei uns angekommen sind.

In „Durch die Wüste“ und „Durch das wilde Kurdistan“ (Bände I und II) führt der Weg des Erzählers zu den Jesiden nördlich von Mossul im Irak. Sie waren schon damals in Mays Schilderungen Repressalien ausgesetzt, beispielsweise durch den geldgierigen Pascha von Mossul. May beschreibt sie sehr positiv und als ehrliche Leute, die nach seiner Auffassung – halb Christen, halb Moslems – aus allen Religionen nur das Gute übernommen haben. So hat er schon damals einen kleinen Beitrag zum besseren Verständnis dieser Menschen hierzulande geleistet.

Auf dem Gedenkstein für May in Hohenstein-Ernstthal steht der Schriftzug „Es sei Friede“. Was hat es damit auf sich?

Ich finde, dass ist eine ganz aktuelle Forderung, und es sind die letzten Worte in der Novelle „Merhameh“. Sie ist heute in „Abdahn Effendi“ (Band 81) zu finden. Darin geht es – kurz zusammengefasst – um zwei verfeindete Beduinenstämme. Ein Scheich erschießt versehentlich seinen Bruder, was quasi den letzten Anstoß gibt, endlich Frieden zu schließen, der unter Vermittlung einer Scheich-Tochter dann auch zustande kommt. Das besondere an dieser Erzählung ist noch, dass sie erstmals 1910 in einer katholischen Zeitschrift erschien und zwar in dem vom Verleger Franz Cordier (1856–1922) in Heiligenstadt herausgegebenen „Eichsfelder Marienkalender“. May sorgte so auch in der katholischen Leserschaft für Aufklärung in Sachen Islam. Er schrieb damals viele Reiseerzählungen für diese Maria (Mutter Jesu) verehrenden Volkskalender, was ihm zeitweilig sogar den Ruf eines katholischen Schriftstellers einbrachte.

Aber er ist nie wirklich zum Katholizismus übergetreten.

Nein, nein. Es gab sogar eine Phase der zeitweiligen Abkehr vom Christentum überhaupt. In einem 1870  bei Gericht in Mittweida aufgetauchten Entwurf für einen Roman „Engel und Teufel“ schreibt May: „Je mehr sich aber der Mensch entwickelt, desto mehr kommt er zu der Erkenntnis, dass vieles, was er außer sich gesucht hat, in ihm selbst wohnt und lebt, und so wird und muss auch einst die Zeit kommen, in welcher er seinen Gott in sich selbst fühlt und findet … Kirchen, Pagoden, Synagogen etc. werden verschwinden …“

Das klingt nach Atheismus. Eine Entwicklungsthese tritt an Stelle des Schöpfungsgedankens.

Ja, aber es hat dann sehr schnell eine Rückbesinnung stattgefunden, vermutlich während der Haftzeit in Waldheim. Vom 3. Mai 1870 bis zum 2. Mai 1874 erlebt Karl May als „Züchtling No. 402“ im Zuchthaus Waldheim die Hölle, das übrigens heute immer noch Gefängnis ist. Damals gab es Dunkelarrest, das „Tragen von Klotz und Kette“ und „Schläge auf das entblößte Gesäß“. Wohl noch während der Isolierhaft überträgt man May das Orgelspiel im katholischen Gottesdienst, wahrscheinlich, weil es keinen anderen Organisten unter den Sträflingen gab. Und so lernt er den Betreuer der kleinen katholischen Gemeinde, den Katecheten Johannes Kochta, kennen. Ihn schildert May später als „Ehrenmann in jeder Beziehung“, „human wie selten einer“ und von „einer so reichen erzieherischen und psychologischen Erfahrung …“

Karl May findet zurück zum christlichen Glauben, was sagt er noch zu anderen Religionen?

Es ist manches zu erfahren – zum Konfuzianismus und Buddhismus, zum Glauben der Indianer, wobei er da nicht ganz richtig lag. Zum Beispiel wissen wir heute, dass Manitou in der indianischen Vorstellung nicht als eine Art Gott existiert, wie May dies annahm, sondern eher als Geist, als „große Kraft“. Und dass nicht alle Indianer, sondern nur ein Stamm, nämlich die Algonkin, diesen Begriff verwenden. Generell kann man sagen, dass Karl May allen Religionen gegenüber sehr tolerant war. Das drückt sich auch in einem Brief vom 13. April 1906 aus. Da schreibt er einem jugendlichen Leser jüdischen Glaubens, der sich durch  Mays Bücher bewogen fühlte, zum Christentum überzutreten: „Mein lieber Junge! … der Glaube Deiner Väter ist heilig, ist groß, edel und erhaben. … Einen solchen Glauben wechselt man nicht einiger Bücher wegen … Denn glaube mir, mein lieber Junge: es kann keiner ein guter Christ oder ein guter Israelit sein, der nicht vorher ein guter Mensch geworden ist.“

Notiert von Jan Emendörfer

Leipzig 51.339695 12.373075
Leipzig
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