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Gestohlene Pelze, falsche Identitäten und verlorene Jahre

Karl-May-Forscher im Gespräch Gestohlene Pelze, falsche Identitäten und verlorene Jahre

Karl May hat als junger Mann Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Aus seiner Perspektive behandeln ihn Polizei und Justiz mit unangemessener Härte und fordern ihn so zu immer neuen Schwindeleien und Hochstapeleien heraus. Darum geht es in dieser Folge der „Plaudereien über Karl May“ mit dem Leipziger Karl-May-Forscher Christian Heermann.

Karl May, hier schon als älterer Mann

Quelle: dpa

Leipzig. Karl May, der große Abenteuerschriftsteller, dessen weltweite Auflage auf 200 Millionen Exemplare geschätzt wird, hat als junger Mann große Schwierigkeiten mit dem Gesetz. Aus seiner Perspektive behandeln ihn Polizei und Justiz mit unangemessener Härte und fordern ihn so zu immer neuen Schwindeleien und Hochstapeleien (siehe Hintergrund-Artikel) heraus, die ihn an den Rand des völligen Ruins treiben. Um den Bestsellerautor als liebenswürdigen Betrüger und Hochstapler geht es in dieser Folge der „Plaudereien über Karl May“ mit dem Leipziger Karl-May-Forscher Dr. Christian Heermann.

LVZ: Herr Dr. Heermann, nachdem May 1862 seine erste sechswöchige Haftstrafe in Chemnitz verbüßt hatte, macht er weiter auf der krummen Tour. Was brachte ihn auf Abwege und warum konnte er nicht aufhören?

Christian Heermann: Seine ungeheure Fantasie, gepaart mit einer gewissen Renommiersucht treiben ihn zu immer neuen Taten. Es ging ihm ja gar nicht um materielle Bereicherung, sondern er wollte seinen Eltern, seinen Geschwistern zeigen: Seht mal, wie weit ich es schon gebracht habe. Deshalb nimmt er als Junglehrer in Altchemnitz die Taschenuhr seines Zimmergenossen mit nach Hause, was ihn dann teuer zu stehen kommt…

Die Uhr war ja nicht einmal richtig gestohlen, sondern eher ausgeliehen…

Dennoch trifft ihn das Gesetz mit voller Wucht, er wird zu seiner ersten Haftstrafe verurteilt und darf nicht mehr als Lehrer arbeiten. Und gegen diese Demütigungen, gegen diesen sozialen Abstieg begehrt er auf und will „Rache nehmen“ – an der Polizei, an der Justiz, an der Gesellschaft. Er will „etwas noch niemals Dagewesenes“ vollbringen.

Und es sind dann doch eher kleine Schwindeleien.

Ja, 1864, als er sich in Penig als Arzt „Dr. Heilig“ ausgibt und falsche Rezepte ausstellt, arbeitet er möglicherweise auch seinen Schmerz auf, dass er nicht Mediziner werden konnte, weil das Geld der Eltern nicht zum Studium reichte.

Erich Loest (1926 – 2013) schreibt in seiner Romanbiografie „Swallow, mein wackerer Mustang“, May habe im Zuchthaus Waldheim mit dem Schreiben begonnen und erste Erzählungen verfasst. War es so?

Loests Buch ist ein Roman, kein Sachbuch, keine detailgetreue Aufarbeitung. In Waldheim waren die Haftbedingungen grauenvoll. May musste mit anderen Häftlingen hart arbeiten, Zigarren drehen. Aber schreiben? Davon ist nichts überliefert. Schreiben durfte er noch während der Haft auf Schloss Osterstein in Zwickau. Hier entstanden das Gedicht „Weihnachtsabend“ mit 16 Strophen, ein Manuskriptfragment „Offene Briefe eines Gefangenen“ und das „Repertorium C. May“. Das ist ein Heft mit 30 Folioseiten und über 200 Stichworten zu Themen und Titeln und viel Leerraum für Notizen.

Der Entwurf für sein späteres Werk?

Das dachte man lange Zeit, aber neuere Forschungen gehen davon aus, dass es nur Notizen und Anmerkungen zu gelesenem Stoff sind. Es findet sich in den 30 Seiten beispielsweise kein Titel einer amerikanischen oder orientalischen Reiseerzählung. Auf jeden Fall aber fasst er in Zwickau den Entschluss zu „schriftstellern“.

Was dann aber noch einige Zeit dauert…

Das Jahr 1868 bietet noch nicht die Möglichkeit für eine Existenz als Autor. Außer der 1853 in Leipzig gegründeten „Gartenlaube“ gibt es kaum andere Zeitschriften, die Bedarf an Geschichten für ein breites Massenpublikum haben. Das ändert sich erst mit der Reichsgründung 1871 und dem dann bald einsetzenden Gründerboom. Da steigt plötzlich auch die Nachfrage nach Unterhaltungsliteratur.
Karl May vagabundiert weiter durchs Leben, muss noch für vier Jahre ins Zuchthaus nach Waldheim – und dann klappt es endlich mit der Schriftstellerei.

Welche konkreten Umstände ihm im Frühjahr 1875 zu seiner Anstellung als Redakteur beim Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer verhelfen, ist nicht genau bekannt. Auf jeden Fall schreibt und redigiert er fleißig, entwickelt Gedanken für Münchmeyers neue Zeitschriften „Deutsches Familienblatt“ und „Schacht und Hütte“. Schreiberisch entstehen fortan grandiose Helden, denen alles gelingt, was ihm nicht gelungen ist. Auch das ist wohl eine Form der Bewältigung seiner langen sozialen Benachteiligung.

Mit Eintritt ins Redakteursdasein war dann Schluss mit den Hochstapeleien?

Naja, er projiziert das jetzt praktisch aufs Papier. Schon Anfang September 1875, da war er gerade ein gutes Jahr aus dem Zuchthaus Waldheim entlassen, legt er literarisch „Aus der Mappe eines Vielgereisten“ vor. Das ist schon wieder bezeichnend: Der Mann, der bis dahin immer nur in Sachsen unterwegs war, lässt jetzt im „Deutschen Familienblatt“ erstmals „Inn-nu-woh“, den Indianerhäuptling, sprechen, als sei er ihm begegnet. Ich denke, Schreiben war eine Art Therapie für ihn. Und: Wenn er diese Jungendverfehlungen nicht gehabt hätte, wäre er nicht ein so großer Schriftsteller geworden.

Irgendwann beginnt er dann wieder zu flunkern, sich selber für Figuren auszugeben, die er geschaffen hat.

In großer Aufmachung wird im Oktober 1896 in der Zeitschrift „Deutscher Hausschatz“ mit dem Aufsatz „Freuden und Leiden eines Vielgelesenen“ die Identifizierung „Dr. Karl May – Old Shatterhand – Kara Ben Nemsi“ dargestellt. Einzelne Leser hat May schon zuvor wissen lassen, dass alles Erfundene „echt“ ist: Am 9. August 1894 etwa schreibt er einem Stuttgarter Professor, dass „ich solche Studien unmöglich in der Studierstube gemacht haben kann. Die Gestalten, die ich bringe (Halef Omar, Winnetou, Old Firehand…) haben gelebt oder leben noch und waren meine Freunde“. In öffentlichen Vorträgen haut er dann noch mehr auf die Pauke: Aus den zunächst 40 Sprachen und Dialekten, die er sprechen könne, werden alsbald 1200!

Tatsächlich ging es wohl über das Sächsische nicht weit hinaus. Das heißt, er schwindelt weiter.

Ja, aber nicht in böser Absicht. Er möchte die Zuneigung, die Liebe, die seine Leser seinen Helden entgegenbringen, auf sich ziehen. Auch das hat wieder etwas mit den armen Verhältnissen zu tun, aus denen er kommt.

Notiert von Jan Emendörfer

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