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Wie Old Shatterhand Jerry Cotton inspirierte

"Plaudereien über Karl May" Wie Old Shatterhand Jerry Cotton inspirierte

Der Leipziger Experte Christian Heermann plaudert in der vorerst letzten Folge der LVZ-Karl-May-Serie über dessen Einfluss auf Literaten und Wissenschaftler.

Christian Heermann plauderte über Karl May.

Quelle: André Kempner

Leipzig. In unserer (vorerst) letzten Folge der „Plaudereien über Karl May” soll es heute um nachhaltige Wirkungen gehen, die der sächsische Bestsellerautor bei anderen Schriftstellern und in der Wissen-schaft hinterlassen hat. Das Phänomen „Karl May” ist so interessant, dass inzwischen mehr Bücher über ihn als von ihm selbst geschrieben worden sind, obwohl die Gesammelten Werke nunmehr über 90 Titel und die Auflagen weltweit Millionen zählen. Das Leben und Schaffen des bis heute meistgelesenen deutschsprachigen Schriftstellers hat inzwischen über 20 Autoren animiert, eine Biografie über ihn zu verfassen. Zu den Besten gehört der „Grundriß eines gebrochenen Lebens” von Hans Wollschläger (1935–2007), die umfangreichste ist „Leben und Werk” in drei Bänden von Hermann Wohlgschaft (71); und den Karl-May-Verlag Bamberg/Radebeul überzeugte die Arbeit von Christian Heermann (79) aus Leipzig am meisten, der „Winnetous Blutsbruder” (570 Seiten)im Jahr 2002 herausbrachte, 2012 zum100. Todestag Mays in zweiter Auflage. Aber „Old Shatterhand” aus Radebeul hat auch viele Autoren animiert, selber Storys zu erdenken, wie Christian Heermann herausgefunden hat.

Herr Dr. Heermann, viele bedeutende Autoren haben sich wohlwollend überKarl May geäußert. Der Dramatiker Carl Zuckmayer (1896–1977) etwa gab seiner Tochter den Namen Winnetou, der obers-te DDR-Schriftsteller Hermann Kant (89) nannte May einen „hinreißenden Aufschneider und un-übertroffenen Bildermacher“. Wen würden Sie beispielgebend anführen für schreiberische Inspiration, die von May ausging?

Unbedingt ist Jerry Cotton, alias Jeremias Baumwolle, zu nennen. Unter diesem Namen erscheint bis heute im Bastei-Verlag die kommerziell wohl weltweit erfolgreichste Serie von Krimis – bisher über 3070 Hefte, jede Woche eins mit mindestens 64 Seiten, geschrieben von verschiedenen Autoren, immer in der Ich-Form, Gesamtauflage 850 Millionen Exemplare. Der literarische Geburtshelfer des FBI-Agenten Cotton im Jahr 1954 war Delfried Kaufmann, damals 31 Jahre alt und Mitarbeiter beim Waschmittelkonzern Henkel. Er bekannte später: „Meine Ur-Inspirationen waren Old Shatterhand und Winnetou von Karl May.” Jerry Cotton konnte treffsicher schießen, gewann jeden Zweikampf, fuhr einen roten Jaguar und nahm es mit den Fakten nicht so genau: So bewältigte er anfangs den 30 Kilometer langen Brodway zu Fuß in 45 Minuten und benutzte als Dienstwaffe die alte deutsche Wehrmachtspistole „08”.

Und dann kam Heinz Werner Höber (1931–1996) ins Spiel, der wie Karl May im Erzgebirge das Licht der Welt erblickt hatte, und brachte Ordnung in die Sache.

So würde ich es nicht sagen, aber der May-Fan Höber, der in dem kleinen Erzgebirgsdorf Bärenstein geboren wurde, ab 1939 in Döbeln aufwuchs und dort mit “Winnetou” das Lesen erlernte, später im Westen Autor wurde, rückte unter dem Einfluss der May-Lektüre die Cotton-Hefte in die richtigen Dimensionen. Höber besorgte sich Stadtpläne von New York, Fotos und Infomaterial vom FBI-Headquarter in Washington und machte damit die Story scheinbar authentisch. In seinen Erin-nerungen schreibt er: „Cotton ist, wie ich ihn verstehe, den Helden Karl Mays sehr nahe. Als ich Winnetou zum ersten Mal las, war ich fest davon überzeugt, dass er lebt. Auch die Leser, die sich auf Jerry Cotton stürzten, glaubten, dass er lebt.” Die Parallelen zu seinem „großen Vorbild Karl May” fand Höber „offensichtlich” und zieht noch einen anderen Vergleich, nämlich den, dass „wir beide mit einer gehörigen Chuzpe über Länder geschrieben haben, die wir nie gesehen hatten“.

Die dunklen dichten Nadelwälder im Erzgebirge, die in kindlicher Vorstellungskraft wohl auch bedrohlich wirken können, regen offensichtlich die Fantasie kräftig an, denn Höber aus Bärenstein war ähnlich produktiv wie Karl May aus Hohenstein.

An Karl May reicht Höber wohl nicht ganz heran, zumindest was die Auflagen angeht, aber er hat - nach eigenen Angaben - über 500 Storys geschrieben und ist damit der produktivste deutsche Kri-miautor. Dennoch ist er relativ unbekannt, denn viele Titel erschienen unter Pseudonym: James Falker, King Gold, Sam Langster ... Höber hat 352 Jerry-Cotton-Romane verfasst, damit stammt fast jeder neunte Titel aus seiner Feder. Wie auch Karl May musste Höber mit seinem Verlag um Honorarhöhen streiten, was ihn wegen der enormen Gerichtskosten finanziell in den Ruin trieb. Er schrieb trotzdem immer weiter, verfiel dem Alkohol und starb 1996 schwer krank in Berlin. Im Jahr zuvor sah er noch einmal seine erzgebirgische Heimat bei Dreharbeiten für die MDR-Doku “Von Karl May zum FBI”…

Karl May hat nicht nur andere Autoren beeinflusst, sondern auch die Wissenschaft beschäftigt. Was ist hier zu sagen?

Vor 50 Jahren tauchte der Name Karl May in der Literaturgeschichte nicht auf, obwohl es schon 1899 die erste wissenschaftliche Arbeit über ihn von dem Luxemburger Publizisten Karl Lessel (1877–1957) gegeben hat. Dessen Schrift „Karl May – Litterarische Studie”, die zuerst im „Luxem-burger Wort” erschien und 27 May-Bände untersuchte, arbeitet als wesentliches Merkmal der Werke heraus, „dass May die Wahrung der Menschenrechte eines jeden einzelnen fordert…das Recht auf Persönlichkeit… das Recht auf Leben und die körperliche Integrität …” Dennoch tat man Karl May zunächst lange Zeit als Trivialautor ab und erst in den letzten reichlich vier Jahrzehnten hat sich die wissenschaftliche Forschung intensiv mit ihm beschäftigt und dabei auch ihre Haltung verändert. Inzwischen sind 20 bis 30 Dissertationen zu Karl May erschienen, die erste übrigens schon 1936. Sie stammt von dem Germanisten Heinz Stolte (1914 - 1992), der in Jena mit dem Thema „Der Volksschriftsteller Karl May. Beitrag zur literarischen Volkskunde” zum Dr. phil. promovierte. Sie mündet in der Grundaussage, dass May die Sehnsüchte der Massen traf und ihren Wunsch-vorstellungen entsprach, dass am Ende alles gelingen und in Erfüllung gehen möge. Stolte, der in Jena und in Berlin an der Humboldt-Uni lehrte, ging später in den Westen und gilt als Nestor der May-Forschung.

Sie haben selber auch promoviert – an der Uni Leipzig, aber nicht über Karl May, sondern über „Physikalische Schülerübungen”. Wieso sind Sie Natur- und nicht Literaturwissenschaftler geworden?

Ich stamme wie Karl May aus dem Erzgebirge, bin in Lengefeld aufgewachsen, komme also auch „Aus dunklem Tann”, wie es bei May heißt. Als Kind bekam ich von einer Tante das erste Buch geschenkt, es war „Der Ölprinz”. Da fing ich Feuer, und Karl May ließ mich nicht mehr los, ich wurde zum May-Enthusiasten. Aber: Darauf auch beruflich aufzubauen - das kam mir damals nicht in den Sinn. Literaturwissenschaft oder Geschichte interessierten mich schon, aber ein Onkel, der Rechtsanwalt in Leipzig war, riet mir überzeugend davon ab, ein politisch manipulierbares Fach zu studieren: „Wähle etwas Neutrales, Physik oder Mathematik.“ Aber spät kam ich dann indirekt mit May doch noch zu “akademischen Ehren”. Im Jahr 2004/5 wurde ich wissenschaftlicher Berater einer Germanistikstudentin aus Indonesien. Federica Garcia absolvierte ein halbes Auslandsjahr hier an der Uni in Leipzig und wollte eine Bachelorarbeit zum Thema „Karl May und die Men-schenrechte der Indianer” schreiben. Ich wurde von der Uni gefragt, ob ich als Betreuer der Arbeit fungieren könnte und schrieb dann auch das Vorwort. Die Arbeit schlug in Indonesien, wo heute 50 Karl-May-Titel in der Landessprache vorliegen, so gut ein,dass die Staatsuniversität Malang sie als Diplomarbeit anerkannte. Das zeigt,Karl May ist unerschöpflich und als Gegenstand wissenschaftli-cher Forschung immer wieder aktuell.

Notiert von Jan Emendörfer Damit schließen wir diese Serie ab.

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