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„Zu Tode gehetzt“ - Karl May vor Gericht

Plaudereien über Karl May „Zu Tode gehetzt“ - Karl May vor Gericht

Der sächsische Abenteuerschriftsteller Karl May (1842–1912) hat neben seinem unermüdlichen schreiberischen Schaffen unfreiwillig „den größten Teil seines Lebens mit Prozessen verbracht“. Das schreibt der Rechtswissenschaftler Claus Roxin. In den heutigen „Plaudereien über Karl May” beleuchten wir vor allem die „Altersprozesse“.

Reichsgericht in Leipzig, Revisionssenatssaal. Hier wurde am 9. Januar 1907 das für Karl May siegreiche Urteil im ersten Münchmeyer-Prozess verkündet.

Quelle: Karl-May-Verlag Bamberg

Leipzig. Der sächsische Abenteuerschriftsteller Karl May (1842–1912) hat neben seinem unermüdlichen schreiberischen Schaffen unfreiwillig „den größten Teil seines Lebens mit Prozessen verbracht“. Das schreibt der Münchner Rechtswissenschaftler Claus Roxin (84) in seinem Vorwort zu „Old Shatterhand vor Gericht“, einer 600-Seiten-Abhandlung, mit der der Jurist Jürgen Seul (53) „Die 100 Prozesse des Schriftstellers Karl May“ (Untertitel) akribisch aufgearbeitet hat. May war „Angeklagter, Beschuldigter und Beklagter“ sowie „Kläger und Privatkläger“. Der Prozesswirrwarr, der selbst für Spezialisten nur schwer durchschaubar ist, ergibt laut Roxin ein „deprimierendes Bild der Alterstragödie Karl Mays“. Nicht die kleinen Hochstapeleien seiner Jugendzeit haben ihm geschadet, sondern „die Prozesse seiner letztenzehn Lebensjahre haben seine Produktivität beeinträchtigt und schließlich gelähmt“.

Der Leipziger Karl-May-Biograf Christian Heermann (79) geht noch weiter und sagt: „May wurde durch diese Prozesslawine regelrecht zu Tode gehetzt“. In „Winnetous Blutsbruder“ hebt Heermann die sieben große Komplexe hervor – von den „Jugenddelikten“ (wegen Diebstahls und Betrugs) über die „Aufstiegs- und Renommierjahre” (rückständige Mieten, unbezahlte Zigarrenrechnungen und Weinlieferungen) bis hin zu den großen „Altersprozessen“, bei denen es um Urheberrechte, unbefugten Nachdruck, Schadensersatz, Beleidigung, Bedrohung und versuchte Erpressung ging. Parallel dazu gab es noch den Komplex „Emma Pollmer“ (Ehescheidung, betrügerische Handlungen und Renten-Weiterzahlung) und „Sonstige Verfahren“. In den heutigen „Plaudereien über Karl May” beleuchten wir vor allem die „Altersprozesse“.

Herr Dr. Heermann, zu den wohldramatischsten Ereignissen im LebenKarl Mays gehören die „Münchmeyer-Prozesse“ ab 1902. Worum ging es?

Im Kern ging es um ausstehende Honorare und um die Urheberrechte an Mays Werken. Im Spätsommer 1882 hatte May mit seinem Dresdner Verleger Heinrich Gotthold Münchmeyer (1836–1892) einen Handschlag-Vertrag geschlossen, in dessen Folge May sich verpflichtete, für den Kolportagevertrieb einen großen „Enthüllungsroman über die Geheimnisse der menschlichen Gesellschaft“ zu schreiben. Vereinbart wurde, dass May pro Heft35 Mark Honorar erhält. Wenn die verkaufte Auflage über 20 000 Exemplare steigt, erhält May außerdem eine „feine Gratifikation” und die Rechte an seinen Manuskripten zurück.

Unter dem Titel „Das Waldröschen“ verfasste May mit dem Pseudonym „Capitain Ramon Díaz de la Escosura“ den ersten Auftragsroman, der sich als „reine Goldgrube für das Geschäft“ erwies, wie May-Freund Max Dittrich (1844–1917) später vermerkte.

Jürgen Seul schreibt, dass der Münch-meyer-Verlag mit dem „Waldröschen“ (damals 100 Hefte, heute Bände 51–55und 77) einen Umsatz von fünf Millionen Mark machte, ohne dass May je eine Abrechnung sah oder auch die versprochene Gratifikation erhielt. Dennoch schreibt May noch vier weitere umfangreiche Kolportageromane.

Er schuftet unentwegt, worunter auch die Qualität leidet, es geht um Massenware. Reichlich fünf Jahre lässt er sich an Münchmeyer ketten, die fünf Romane, die er für ihn schreibt, umfassen fast die Hälfte seines Gesamtwerkes. Umgerechnet auf den Satzspiegel der heutigen grünen Bände des Karl-May-Verlages ergibt das über 24 000 Druckseiten. Das war schon rein quantitativ eine Leistung, die May an die Grenze des Möglichen brachte. Im Oktober 1886 bietet ihm der Stuttgarter Verleger Wilhelm Spemann (1844–1910) eine anspruchsvolle Aufgabe und dazu1000 Mark Honorar pro Bogen. May beginnt, für die Jugendzeitschrift „Der Gute Kamerad” zu schreiben. Auch jetzt kümmert er sich nicht um den weiterlaufenden Absatz der Münchmeyer-Romane. Am6. April 1892 stirbt Münchmeyer, und seine Frau Pauline (1840–1928) übernimmt die Geschäfte.

Und dann kommt es zum Eklat.

Nicht gleich, May fordert von Frau Münchmeyer endlich eine Abrechnung und die Rückgabe seiner Manuskripte. Es geht lange hin und her, und am 16. März 1899 verkauft Frau Münchmeyer ihr Geschäft mit allen Rechten für 175 000 Mark an den Leipziger Verlagsbuchhändler Adalbert Fischer (1855–1907). May schreibt an Fischer, fordert seine Urheberrechte und verbietet den weiteren Druck. Fischer zeigt sich unbeeindruckt, fasst die Kolportageromane unter dem Titel „Karl Mays Illustrierte Werke” zusammen, gibt sie neu heraus und lüftet so auch das Geheimnis um das Pseudonym „Capitain … Escusura”, was May mehr als unangenehm ist, da er nicht als Autor von Kolportageromanen bekannt sein wollte.

Und nun beginnt eine Prozesslawine,die Jahre andauert.

Ja. Mit den Erben Fischers schließt May zwar 1907 einen Vergleich, aber die Münchmeyer-Prozesse laufen letztlich bis über seinen Tod hinaus. Am 12. März 1902 klagt May erstmals vor dem Landgericht Dresden gegen Pauline Münchmeyer. Er verlangt Rechnungslegung über die verkauften Exemplare seiner Kolportageromane sowie „Entschädigung“ wegen Auflagenüberschreitung. May gewinnt, Frau Münchmeyer geht in Berufung und erhebt Gegenklagen. Es geht ewig hin und her, aber in der dritten und letzten Instanz – vor dem Reichsgericht in Leipzig – gewinnt May schließlich am 9. Januar 1907. Dennoch geht das Prozessieren weiter, es gibt neue Privatklagen etc. Am 22. Dezember 1911 schließlich verurteilt das Landgericht Dresden Pauline Münchmeyer zu einer Entschädigungszahlung von 60 000 Mark. Durch Berufung wird der Schlusspunkt allerdings erst nach Mays Tod gesetzt.

Spektakulär war auch der jahrelange Streit mit dem Redakteur Rudolf Lebius (1868–1946). Er war einst in Dresden als Korrespondent unter anderem für das SPD-Organ „Vorwärts“ und die Leipziger Volkszeitung gestartet und mutierte später als Herausgeber arbeitgeberfreundlicher und nationalistischer Zeitungen zu einer Art „Vorhitler“ (Egon Erwin Kisch). Worum ging es dabei?

Lebius hatte 1904 versucht, von May einen Kredit für seine kränkelnde „Sachsenstimme“ zu bekommen. Als der ablehnte, versuchte Lebius ihn zu erpressen, indem er drohte, Mays Vorstrafen aus der frühen Jugendzeit öffentlich zu machen. Als er auch damit scheiterte, startete Lebius eine Pressekampagne mit sich steigernden Diffamierungen übelster Art, so bezeichnete er May u. a. 1909 als „geborenen Verbrecher“. Der jahrelange gerichtliche Streit spitzte sich weiter zu. Immerhin: Im Dezember 1911 verurteilte das Landgericht Berlin-Moabit Lebius wegen des „geborenen Verbrechers“ zu 100 Mark Geldstrafe oder ersatzweise 20 Tage Gefängnis. Eine Genugtuung für May, aber die erwünschten „großen Siege“, so die Aburteilung von Lebius wegen zahlreicher falscher Anschuldigungen, wird May nicht mehr erleben.

Auch rein privat blieben May gerichtliche Auseinandersetzungen nicht erspart. Er ließ sich von seiner Frau Emma May (1865–1917; geb. Pollmer) scheiden, wie kam es dazu?

Den letzten Teil der Orientreise 1900 machten die befreundeten Ehepaare Karl und Emma May und Richard und Klara Plöhn gemeinsam. Dabei kam es zur allmählichen Entfremdung zwischen Karl und Emma und zu einer Annäherung zwischen Karl und der 22 Jahre jüngeren Klara Plöhn. Nach der Rückkehr starb Richard Plöhn. Im September 1902 reichte May in Radebeul die Scheidung ein. Dafür mussten damals handfeste Gründe her, und so wurde Emma beschuldigt, ihrem Ehemann 42 000 Mark gestohlen, Briefe und Dokumente unterschlagen und May „Jahre lang in gehässiger Weise behandelt“ zu haben. Im Januar 1903 wird die Ehe geschieden. Am 30. März 1903 heiratet May seine neue Liebe Klara Plöhn.

Und damit trat dann Ruhe ein?

Keineswegs, denn die nervlich nicht sehr stabile Emma wurde fortan von Rudolf Lebius in den Auseinandersetzungen mit May missbraucht. Es gab Klagen gegen May wegen „betrügerischer Handlungen zur Ermöglichung der Ehescheidung“, und der schlug zurück, stoppte Emmas Rente, verklagte sie wiederum wegen Beleidigung und wiederholte seine Vorwürfe, sie hätte ihn „unausgesetzt belogen, betrogen und bestohlen“. Erst um 1909/10 kam der Streit mit Emma zur Ruhe. Sie starb übrigens 1917 in Arnsdorf bei Dresden. Grabmal und –pflege bezahlte ihre alte Freundin Klara Plöhn (May).

Notiert von Jan Emendörfer

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