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Eine Verbindung ins Leben für schicksalsgebeutelte Döbelnerin

Laptop als Tor zur Welt Eine Verbindung ins Leben für schicksalsgebeutelte Döbelnerin

Das Schicksal hat es nicht gut gemeint mit Ina Pusch (43). Die Döbelnerin leidet an Rheuma und epileptischen Anfällen, hat keine Familie, kaum Freunde. 20 Jahre suchte die Papiermacherin nach einem festen Job. Als der in Sichtweite war, schlug der Krebs zu. Heute kann die begeisterte Motorrad-WM-Anhängerin kaum noch die Wohnung verlassen.

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Technisch prähistorisch ist der von Andrea Reinhardt (r.) geborgte Laptop, mit dem Ina Pusch kaum noch ins Netz kommt. Ein neues Gerät zu Weihnachten wäre ihr Tor zur Welt.

Quelle: Sven Bartsch

Das Internet ist ihre einzige Verbindung zur Außenwelt, doch die nötige Technik fehlt. Mit der DAZ-Spendenaktion „Ein Licht im Advent“ soll auch für Ina Pusch ein Licht aufgehen – auf dem Bildschirm eines neuen Laptops.

Als Ina Pusch von der Idee hört, über eine Spendenaktion dieser Zeitung zu Weihnachten endlich einen brauchbaren Laptop zu bekommen, ist sie den Tränen nahe. Die 43-Jährige ist keine Frau der großen Worte. „Ich habe mich gefreut“, sagt sie schüchtern. Dabei bedeutet ein neuer Laptop für die Döbelnerin mehr als sich die meisten vorstellen können. Denn für Ina Pusch, die vor dreieinhalb Jahren die Diagnose Gebärmutterhalskrebs bekam, seither wöchentlich zur Chemotherapie gefahren werden muss und wegen fortschreitenden Gelenkrheumas nur schlecht laufen und greifen kann, wäre ein moderner Computer das Tor zur Welt.

Als es ihr noch besser ging, ist Ina Pusch jahrelang mit dem Zug extra nach Chemnitz gefahren, um ein Internetcafé zu besuchen. Einen eigenen Internetanschluss hat ihr Betreuerin Andrea Reinhardt vom Döbelner Amtsgericht inzwischen besorgt. Doch mit dem mehr als zehn Jahre alten, technisch prähistorischen Laptop, den Reinhardt von zu Hause mitgebracht hat, geht es selbst mit Breitband-Verbindung nur im Schneckentempo auf die Datenautobahn. Sich online von den Nachwirkungen der Chemotherapie ablenken – am liebsten mit Videos vom Lieblings-Motarradrennfahrer Marc Márquez – wird da zum entnervenden Geduldsspiel.

Das soll sich nun ändern. Zu Weihnachten will die DAZ Ina Pusch mit Hilfe ihrer Leser ein zeitgemäßes Gerät überreichen, das sich die schwer kranke Frau allein in der ihr ungewissen Zukunft nicht ersparen könnte. Dabei hätte sie sich ohne die Unterstützung ihrer Betreuerin gar nicht getraut, das Angebot anzunehmen und ihre Geschichte zu erzählen. „Ich hatte erst Angst, jemanden reinzulassen. Aber mit ihr ist es kein Problem“, sagt sie.

Denn Ina Pusch hat in ihrem Leben nur wenige gute Erfahrungen mit anderen Menschen gemacht. Die gebürtige Leipzigerin zieht im Alter von sechs Jahren mit ihren Eltern von Neukieritzsch nach Rauschenthal bei Waldheim. Sie ist geistig leicht beeinträchtigt, verlässt die Schule nach der achten Klasse. Als sie 14 ist, stirbt ihre Mutter an einer schweren Asthma-Erkrankung. Zum Vater, der schnell eine neue Partnerschaft eingeht, hat sie kein gutes Verhältnis. Mit 18 Jahren zieht sie allein nach Waldheim, weg von ihm. Der Kontakt reißt ab.

In der Papierfabrik Kriebethal findet Ina Pusch zunächst eine berufliche Heimat. Noch zu DDR-Zeiten beginnt sie eine Ausbildung zur Papiermacherin und wird anschließend auch übernommen. Doch in den Nachwendejahren wird schnell Personal eingespart. Als eine der am kürzesten dort Beschäftigten, noch dazu ohne eigene Familie verliert sie die Arbeit 1993. In den folgenden zehn Jahren schlägt sie sich mit Arbeitssuche und Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen (ABM) durch, mal in Waldheim, mal in Döbeln, meist bei Abrissarbeiten als Materialsortiererin.

Freunde hat sie in der ganzen Zeit kaum, sie wird zur Einzelgängerin. 2004 ist ein psychischer wie körperlicher Tiefpunkt erreicht. Ihr Rheuma, unter dem sie schon seit der Kindheit leidet, wird schlimmer. Dazu kommen epileptische Anfälle in unregelmäßigen Abständen. Allein verliert Ina Pusch den Überblick über ihre Situation. „Sie ist in Waldheim in ihrer Wohnung in eine Notlage gerutscht. Ihr fiel es schwer die notwendigen Anträge für Wohngeld und anderes zu stellen. Ihr Hauswirt hat dann eine Betreuung angeregt“, berichtet Andrea Reinhardt.

Sie wird 2004 Ina Puschs gerichtlich bestellte Betreuerin, kommt einmal im Mont vorbei, kümmert sich um Anträge bei Behörden, Termine, Gesundheitfürsorge. Doch für Ina Pusch tut sie mehr als sie vom Gericht her tun müsste. Die beiden Frauen verstehen sich auf Anhieb gut. Die Betreuerin, die auch ehrenamtlich im ambulanten Hospizdienst in Oschatz arbeitet, besorgt Ina Pusch über Freunde und Bekannte kostenlose Möbel. Nächste Woche bekommt sie eine gebrauchte Couch aus Gärtitz. Und erst am Donnerstag hat sie ihr einen übergroßen Weihnachtswichtel als Dekoration für die Wohnung in Döbeln mitgebracht, in der Ina Pusch seit zwei Jahren lebt. „So ein enges und vertrautes Verhältnis hat man nicht mit jedem“, sagt Andrea Reinhardt, die rund 50 wirtschaftlich schwache Menschen betreut. „Ein Großteil meiner Betreuten trägt selbst dafür die Verantwortung, dass sie in Not sind. Wenn sie jedes Arbeitsangebot ablehnen oder ein Kind nach dem anderen bekommen, das sie nicht versorgen können, müssen sie sich nicht wundern“, sagt sie.

Daher habe sie sich auch gefreut, dass die Spendenaktion „Ein Licht im Advent“ auf das Schicksal von Ina Pusch aufmerksam machen will. „Ina kann sich aus ihrer Notlage nicht selbst herausrappeln“, sagt sie. Das gilt spätestens seit Anfang 2013 Gebärmutterhalskrebs bei ihr diagnostiziert wird. Dies ist mehrfach bitter. Zum einen hatte Ina Pusch gerade Aussicht auf einen festen Job in der gemeinnützigen Döbelner Inbit (Institut für Betriebsorganisation und Informationstechnik), wo sie zuvor eine Fortbildung absolviert hatte. Zum anderen wird die Diagnose unnötig spät gestellt. „Ich hatte erst den verkehrten Hausarzt. Der hat mich nicht ernst genommen. Ich hatte Krämpfe im Bauch, aber er hat es abgetan. Erst ein Jahr später hat meine Frauenärztin in Waldheim das festgestellt“, erzählt Ina Pusch.

Dass sie aufgrund ihrer geistigen Einschränkung und der damit verbundenen Probleme, sich auszudrücken, von Ärzten nicht ernst genommen wird, muss Ina Pusch nach der 13-stündigen Totaloperation an der Leipziger Uniklinik auch bei der späteren Chemotherapie in Hartha feststellen. „Ich bin dort abwertend behandelt worden“, sagt sie. „Mir wurde nicht gesagt, ob die Behandlung wirkt oder wie mein Zustand ist. Wenn mir schlecht wurde, wurde gesagt, ich soll nicht herumjammern.“ Und Andrea Reinhardt ergänzt: „Mit einem Patienten, der sich besser artikulieren kann, wäre sie nicht so umgegangen.“

Zu Jahresbeginn wechselt Ina Pusch zur Chemo-Behandlung zurück an die Uniklinik in Leipzig, wo die Ärzte mehr für sie da seien, wie sie sagt. Allerdings muss sie dafür jede Woche mindestens einmal mit einem Taxidienst gefahren werden. Als ob die Auswirkungen der Behandlung allein nicht hart genug wären. Die verlorenen Haare sind inzwischen wieder gewachsen, doch die Schwäche und Übelkeit bleiben. Ein Ende der Behandlung ist nicht in Sicht. Zwei Chemos seien noch geplant, sagt Reinhardt. Eine Computertomografie im Januar soll Aufschluss darüber geben, ob die Metastasen erfolgreich zurückgedrängt worden sind.

Ob sie jemals geheilt wird, weiß Ina Pusch nicht. Andrea Reinhardt, die durch ihre Hospizarbeit viele ähnliche Fälle kennt, sagt: „Die Ärzte haben mir gesagt, die Chance steht 50 zu 50. Aber Ina nimmt das Leben von Tag zu Tag. Sie lenkt sich ab – vor allem über ihre geliebten Motorradrennen im Internet.“ Als es ihrem Schützling noch besser ging, hat Andrea Reinhardt ihr jedes Jahr geholfen, das Geld für eine Karte auf dem Sachsenring zusammen zu sparen, damit sie ihre Helden live sehen kann. Jetzt kann sie diese nur noch vom Sofa aus verfolgen. Mit einem schnellen Laptop soll das ab Weihnachten ein kleiner Lichtblick für Ina Pusch sein.

 Nikolauslauf für Ina Pusch

Der Welwel Sport- und Tanzverein übernimmt als Pate die Spendenaktion der DAZ. Dessen Abteilung neue laufkultur beteiligt sich ebenfalls daran: Ein Teil der Einnahmen, die beim 5. Nikolauslauf am 11. Dezember erzielt werden, landen im DAZ-Spendentopf.

Spendenüberlauf an Döbelner Kinderhaus

Mit der Aktion „Ein Licht im Advent“ will diese Zeitung Ina Pusch einen modernen Laptop zu Weihnachten schenken. Sollte durch die fleißigen Spender unter den DAZ-Lesern nach dem Kauf noch Geld übrig bleiben, kommt dieses dem Döbelner Spielhaus des Kinderschutzbundes in der St. Georgenstraße zu Gute. Dort wird ein neuer Kickertisch für die Knirpse gebraucht.

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