Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Gladbach geht in Glaucha bei Hochwasser niemals unter!

Flutserie Teil 10 Gladbach geht in Glaucha bei Hochwasser niemals unter!

Im August 2002 versanken viele Orte in der Jahrtausendflut. 15 Jahre später sind Millionensummen in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer? Die LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Gruna, Glaucha, Bad Düben und Mörtitz.

Heidi und Friedhard Stolle auf ihrem Grundstück mit dem Fußball-Logo. Zwei Mal ging ihr Eigentum in den Fluten unter. Ihre Leidenschaft für Borussia Mönchengladbach aber nicht.
 

Quelle: Wolfgang Sens

Glaucha.  In Glaucha weiß es eigentlich jeder: Heidi und Friedhard Stolle sind schon seit Jahrzehnten Fans von Borussia Mönchengladbach. Ein übermanngroßes Logo des Vereins ziert ihr Grundstück. Es stand, wie das gesamte Grundstück der Glauchaer, nach 2002 auch 2013 im Wasser.

Heidi und Friedhard Stolle auf ihrem überfluteten Grundstück

Heidi und Friedhard Stolle auf ihrem überfluteten Grundstück.

Quelle: Rene Stolle

Als sie das Grundstück nach der Flut 2013 nur mit dem Boot erreichten, machte ihr Sohn ein Foto – im Hintergrund das Logo. „Nachbar Heiko Wolkwitz hat es dann an Borussia geschickt“, erzählt Heidi Stolle, bei der in Anbetracht der Erinnerung die Augen glänzen. „Wir haben daraufhin“, so die 67-Jährige, „eine Einladung zu einem Spiel unserer Wahl bekommen.“

42785c54-97a0-11e7-89d4-034f37eb80f4

Gruna – im Würgegriff der Mulde: Im August 2002 und im Juni 2013 wurde der kleine Ort bei Eilenburg gleich zweimal Opfer der Flut. Rund um das Fährhaus hieß es: Land unter. Auch Bad Düben wurde vom Hochwasser schwer getroffen.

Zur Bildergalerie

Die Flut hat eben auch in Glaucha schöne Seiten. Ihr gleichaltriger Mann Friedhard zeigt das sorgsam abgestellte Schild in der Garage: „Die Einwohner von Glaucha bedanken sich ganz herzlich bei allen Helfern“, steht da. Doch die Fluten von 2002 und 2013 prägen das Leben der 320 Einwohner in dem Zscheppliner Ortsteil bis heute.

Blick gen Himmel und auf Wetter-App

Thomas Hartmann redet da nicht drum herum. Bei jedem ausgiebigen Regen wird er nervös, schaut auf seine Wetter-App. Er weiß, dass der Regen aus dem Westen vermutlich vom Harz aufgehalten wird, der vom Erzgebirge dagegen gefährlich werden kann.

Die Flut hat den Glauchaer in die Politik gespült. Der selbstständige Metallbauschlosser ist seit 2014 Ortsvorsteher, Gemeinderat und im Kreistag in der CDU-Fraktion tätig. Er leitet zudem die Bürgerinitiative HQ-100-Schutz-für Glaucha, redet wie ein Experte von Durchflussmenge, Pegelstand und HQ-100 – dem Fachbegriff für ein durchschnittlich 100-jähriges Hochwasser. Das war natürlich nicht immer so.

„Als 2002 die Hochwasserwarnungen kamen, haben wir das doch alle nicht wirklich realisiert“, gibt er zu. „Wir konnten uns einfach nicht vorstellen, dass die noch nie vom Hochwasser betroffene Lindenallee in Oberglaucha zum Kanal wird, der Ort mit de facto allen Häusern untergeht.“

An den 13. August erinnert er sich noch genau. Die Evakuierung von ganz Glaucha wurde angeordnet. „Wir sollten zur alten Schule in Hohenprießnitz fahren. Doch das war nur eine leere Hülle, ohne jegliche Ausstattung oder gar Versorgung und Ansprechpartner.“

Szenen im August 2002

Szenen im August 2002: Zwei Mädchen sperren die Zufahrt nach Glaucha.

Quelle: LVZ

Er sei jedenfalls mit vielen anderen gleich wieder umgedreht. In ihre Häuser zurück hätten sie nicht gekonnt. Doch irgendwie wollte man auch nicht weg. „Ich habe“, so erzählt Mario Gräfe, „wie etliche andere auch, dann lieber in meinem Auto geschlafen.“

Die Schweine quiekten in Todesangst

Manuela Hartmann wollte dagegen mit den zwei kleinen Kindern nach Tiefensee zu den Eltern. Doch Tiefensee war ebenfalls dicht. Also ging es weiter nach Brösen, einem Drei-Häuser-Ort. „Es war dunkel und ringsum heulten Sirenen“, erzählt sie von der Nacht zum 14. August. Zumindest ihren Mann habe sie aber noch am Telefon erreicht. „Und da war es einfach nur furchtbar, als da im Hintergrund die Schweine in Todesangst quiekten.“

Die Flut kam in der Nacht. Viele Glauchaer haben sich dann am Mittwoch, dem 14. August, auf der Höhe in Niederglaucha getroffen. „Von dort sahen wir“, so Thomas Hartmann, „dass Glaucha nur noch aus ganz kleinen, aus der Mulde ragenden Inseln bestand. Die Lindenallee in Oberglaucha hatte sich in einen bis zu 1,50 Meter tiefen Kanal verwandelt. Die Seegasse in Niederglaucha lag sogar zwei Meter unter Wasser. Da haben wir gewusst, dass es einfach alle Häuser von uns erwischt hat.“

400 Leute in der kleinen Niederglauchaer Kirche

Als sich im Juni 2013 alles wiederholte, war für ihn eine Grenze erreicht. „Wir brauchen endlich einen Hochwasserschutz.“ Bürgermeisterin Roswitha Berkes gibt zu, „dass wir da als Gemeinde nicht das erreicht haben, was wir wollten“. Die Glauchaer wollten sich aber nicht abspeisen lassen.

Glaucha ging sowohl 2002 als auch 2013 (Foto) komplett unter

Glaucha ging sowohl 2002 als auch 2013 (Foto) komplett unter. Die Häuser waren zeitweise nur per Boot erreichbar.

Quelle: Rene Stolle

Als eine Art Wendepunkt gilt der 10. September 2013. „Damals“, so Thomas Hartmann, „haben wir rund 400 Fachleute, Politiker, viele überregionale Medien und von jeder Glauchaer Familie mindestens einen in der kleinen Niederglauchaer Kirche gehabt.“

Die Glauchaer Bürgerinitiative kennt man längst auch in Dresden

Damals stand noch die Aussage der Landestalsperrenverwaltung im Raum, dass es in Glaucha nichts wird mit einem erweiterten Hochwasserschutz. Es kam anders – und das hat viel mit der engagierten Bürgerinitiative zu tun. Denn ohne deren Kampf gäbe es für Glaucha bis heute keinen sogenannten 50-jährigen Hochwasserschutz (HQ-50), ist Thomas Hartmann überzeugt.

„Wir hatten dabei aber nicht nur die breite Unterstützung aus dem Dorf. Auch vom damaligen Landrat Michael Czupalla wurden uns viele Türen geöffnet.“ Hartmann erinnert sich: „Wir waren bei vielen Landtagssitzungen dabei, haben mit Regionalplanern geredet.“ Die Glauchaer sind zudem längst nicht nur in der Landestalsperrenverwaltung, sondern auch im sächsischen Umweltministerium bekannt.

Bis Mitte 2015 flossen an die Mulde zwischen Hohenprießnitz und Glaucha jedenfalls zwei Millionen Euro. Statt lediglich notwendigster Reparaturen wurde der vorhandene Deich, an dem es 2013 gleich drei große Brüche gab, auf einer Länge von 1,7 Kilometern mit Spundbohlen gesichert.

Flussabwärts am Ende des Deichs, bei Niederglaucha, schützt jetzt sogar ein 500 Meter langer neuer Deich, für den das Planverfahren bereits kurz nach 2002 begann. Bei Niederglaucha wurde zudem ein Siel repariert. Für ein weiteres Siel, das 2013 der Flut zum Opfer fiel, läuft derzeit das Genehmigungsverfahren.

Darüber hinausgehende Investitionen sind laut Aussagen der Landestalsperrenverwaltung nicht vorgesehen. „Doch wir werden da nicht lockerlassen“, gibt sich Thomas Hartmann kämpferisch. Für das Erreichte ist er dankbar. Frei nach dem Motto: „Lieber der Spatz in der Hand als die Taube auf dem Dach“.

Das Manko des niedrigen Schutzgrades

Doch das große Manko niedriger Schutzgrade für die westlich der Mulde liegende Orte besteht fort. Neue HQ-100-Schutzbauten haben wegen des ausgewiesenen Flora-Fauna-Habitats und wegen aussichtsloser Plätze auf der Prioritätenliste kaum Chancen auf Realisierung.

Heidi und Friedhard Stolle hoffen derweil, dass sie beim nächsten Hochwasser trockene Füße behalten. Auf ein neues Flut-Foto vom Logo ihrer großen Fußballliebe können sie getrost verzichten. Eines aber steht für die beiden ohnehin fest: Gladbach wird niemals untergehen – und ganz gewiss nicht in Glaucha.

Bad Düben muss bis 2022 zittern

Bad Düben. Während für die bei der Flut 2002 untergegangenen Bad Dübener Stadtteile Wellaune, Schnaditz und Tiefensee Land in Sicht ist, nimmt die Gefahr für die Kernstadt sogar zu. So sieht es zumindest Bürgermeisterin Astrid Münster und verweist auf den Polder Löbnitz. Mit diesem kann im Hochwasserfall eine Gesamtfläche von über 1400 Hektar gezielt geflutet werden.

Die Muldebrücke bei Bad Düben im Juni 2013: Erneut stehen muldenahe Bereiche der Kurstadt unter Wasser.

Die Muldebrücke bei Bad Düben im Juni 2013: Erneut stehen muldenahe Bereiche der Kurstadt unter Wasser.

Quelle: Steffen Brost

Damit der Polder aber dann tatsächlich 15 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen kann, was den Pegel an der Bundesstraße 2 um bis zu 70 Zentimeter senkt, müssen noch das Einlaufbauwerk bei Wellaune und das Auslaufbauwerk bei Löbnitz für je 3,5 Millionen Euro gebaut sein. Das wird nicht vor 2022 der Fall sein. Bis dahin ist die Dübener Altstadt sogar stärker bedroht, da die Mulde weniger Platz zum Ausbüxen hat.

Schon 2013, als im Gegensatz zu 2002 nicht so viele Deiche flussaufwärts brachen, wurde die Kernstadt mehr in Mitleidenschaft gezogen als 2002. Etliche Häuser im muldenahen Bereich Am Lauch/Stadtmühle standen unter Wasser. „Große Teile der Stadt“, so Münster, „konnten nur dank des THW-Pumpenzuges vor dem Überfluten gerettet werden.“

Eine große Schwachstelle ist nämlich das 2002 wie auch 2013 überflutete Hauptpumpwerk am Rande des Burggeländes. Da Bad Düben in einer sogenannten Trichterlage liegt, sammelt sich das Wasser in den niedrigsten Bereichen. Fällt das Pumpwerk aus, sind große Bereiche entlang einer Linie, die von der Burg über Neumark, Anger, Baderteich, Dommitzscher Platz, Torgauer Straße bis zum Umspannwerk reicht, von Überflutung bedroht. Ein Schutzwall ums Pumpwerk, der eine mittlere sechsstellige Summe kosten würde, könnte helfen. Doch wer ihn bezahlt, ist völlig offen.

Bei der zweiten Baustelle handelt es sich um die 400 Meter lange und bis zu 1,20 Meter hohe Mauer, die das bisher hochwassergefährdete Drittel des Bad Dübener Gewerbegebietes Süd-Ost vor dem in die Mulde fließenden Schwarzbach schützen soll. Das Planfeststellungsverfahren für das 1,5 Millionen Euro teure Projekt läuft, ein konkreter Baubeginn ist aber noch nicht in Sicht.

Der Stadtteil Wellaune hat bereits seit 2014 einen kompletten Schutz vor einem Jahrhunderthochwasser. In Schnaditz wird dafür noch rotiert. Bis 2020 soll der acht Kilometer langen Ringdeich für rund 14 Millionen Euro geschlossen sein. Tiefensee, das einen 700 Meter langen Flügeldeich, zur Hälfte davon als Mauer bekommt, soll ab 2019 folgen.

Gruna: Ringdeich fürs Fährhaus

Gruna/Mörtitz. In dem Laußiger Ortsteil Gruna sind die Umsiedlungs-Pläne, die 2013 grassierten, vom Tisch. Wie 2002 arbeiteten sich auch nach der Flut 2013 Bagger Müllberg für Müllberg durch, pendelten Radlader zwischen den etwa 100 Grundstücken und Containerplatz. In der kleinen Radfahrerkirche gleich hinter dem Muldedamm stand das Wasser circa einen Meter hoch, selbst schwere Bänke schwammen. Die Austrocknung des Mauerwerks ist bis heute nicht abgeschlossen. Doch an der Grundstimmung, die die Grunaer nach dem Hochwasser 2013 mit einem Plakat „Wir wollen bleiben!“ an der Staatsstraße 11 plakatierten, hat sich nichts geändert. Warum auch.

Derzeit wird der Deich zwischen Mörtitz über Gruna bis Laußig komplett mit Spundwänden ertüchtigt. Hier gab es 2013 noch einmal viele Brüche.

Derzeit wird der Deich zwischen Mörtitz über Gruna bis Laußig komplett mit Spundwänden ertüchtigt. Hier gab es 2013 noch einmal viele Brüche.

Quelle: Wolfgang Sens

Das kleine Gruna ist derzeit schließlich Großbaustelle. Zwar lässt der eigentliche Ringdeich, der die 175 Einwohner des Ortes vor einem Jahrhunderthochwasser schützen soll, aufgrund des komplizierten Genehmigungsverfahrens noch mindestens bis 2019/2020 auf sich warten. Doch Gruna liegt auch in der Mitte des etwa acht Kilometer langen Deiches, der von dem zu Doberschütz gehörenden Ortsteil Mörtitz bis nach Laußig reicht. Für rund zehn Millionen Euro wird dieser seit Herbst 2016, mit Ausnahme des Bereichs vom Ringdeich Gruna, komplett mit Spundwänden stabilisiert. 2018 sind damit die Anlieger zumindest vor einem Hochwasser geschützt, wie es statistisch aller 25 Jahre auftritt.

Fährhaus Gruna – eine Insel. Künftig soll ein Ringdeich vor der Mulde schützen.

Fährhaus Gruna – eine Insel. Künftig soll ein Ringdeich vor der Mulde schützen.

Quelle: LVZ

Vor wenigen Tagen begann zudem der Bau des 350 Meter langen Ringdeiches um das Fährhaus Gruna. Für das rund 850.000 Euro teure Projekt sind etwa sechs Monate Bauzeit veranschlagt.

Von Ilka Fischer

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sicher vor der Flut?
Die Wassermassen von Elbe, Mulde und Pleiße überschwemmten im Sommer 2002 weite Teile von Sachsen. Diese Städte entlang der Flüsse waren vom Hochwasser betroffen.