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Grimma – auferstanden wie Phoenix aus der Mulde

Flutserie Teil 6 Grimma – auferstanden wie Phoenix aus der Mulde

Im August 2002 versanken ganze Landstriche in den Wassermassen der Jahrtausendflut. 15 Jahre später ist viel Geld in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Grimma.

Rettung mit Hab und Tier: Mit Schlauchbooten wurden hunderte Grimmaer evakuiert.
 

Quelle: Thomas Kube

Grimma.  Für Iris Berg-Bujak (54) begann der jahrelange Albtraum mit einem Weckruf mitten in der Nacht vom 12. zum 13. August 2002. „Unser Oberbürgermeister Matthias Berger holte uns aus den Betten, es musste alles ganz schnell gehen.“ In nur wenigen Minuten mussten wir unsere Wohnung im Dornaer Weg mit unseren beiden Kindern Lisa (damals 4) und Philip (damals 15) verlassen“, erinnert sich die Vermögensberaterin. Unterkunft fanden sie bei ihrer Mutter in Grimma-West.

Eine Flutwelle ungeahnten Ausmaßes rollte auf Grimma zu. Die selbsternannte Perle des Muldentals sollte im Grauen der entfesselten Mulde verblassen.

Gesamtes Hab und Gut ging verloren

Seit jener Schicksalsnacht im August vor 15 Jahren hat sich im Leben der sonst so lebensfrohen Frau Berg-Bujak alles geändert. Die Flut hinterließ tiefe Spuren und offene Wunden: In ihrem Familienkreis – und in ihrer zweiten Familie, dem Seesportverein „Albin Köbis“. Verloren ging das gesamte Hab und Gut und der trügerische Glaube, vor derartigen Launen der Natur gefeit zu sein.

Iris Berg-Bujak vom Seesportverein Albin Köbis Grimma eV

Iris Berg-Bujak vom Seesportverein Albin Köbis Grimma e.V.

Quelle: Dirk Knofe

Mindestens 3000 Bürger der Innenstadt mussten damals ihre Wohnungen verlassen, da ihre Häuser nicht mehr bewohnbar waren. „Als die Hubschrauber pausenlos über die Dächer flogen, flammten bei meiner heute 80-jährigen Mutter wieder die Erinnerungen an den Krieg auf“, erzählt Iris Berg-Bujak. Ihre Mutter empfand das Hochwasser genauso bedrohlich, wie damals als der Bombenhagel 1944 auf Leipzig fiel und sie vor der großen Hungersnot mit ihrer Familie aufs Land floh.

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Die Muldestadt Grimma hat es zur Jahrtausendflut im August 2002 schlimm erwischt. Die Wassermassen zerstörten viele historische Gebäude in der Altstadt. Die Bilder der überfluteten Stadt gingen um die Welt.

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Der Ausnahmezustand Mitte August 2002 war für die Tochter zermürbend. „Als wir am dritten Tag nach der Flut das Notwendigste für die Kinder einkaufen waren, zog mich mein Mann Mario am Ärmel und sagte, dass er wenigstens eine Unterhose bräuchte“, sagt die Chefin vom Seesportverein. „Ich habe nur noch funktioniert und war apathisch.“

Wenn damals nicht die große Hilfsbereitschaft der Menschen gewesen wäre, die mit anpackten und auch moralisch Trost spendeten, wäre sie nicht so schnell aus dem tiefen Loch herausgekommen. „Zu meinem Geburtstag am 15. August rief der Seesportverein Leipzig an. Ich dachte, sie wollten mir gratulieren. Das taten sie nicht, dafür boten sie ihre Hilfe an. Das war ein Tröpfchen, das der Seele gut tat“, so Iris Berg-Bujak.

Fünf Meter tiefer Krater am Vereinsheim

Die Seesportfreunde packten an – und beräumten das Gelände von Schlamm und Unrat. Allein der Seesportverein hatte einen Schaden in Höhe von 2,5 Millionen Euro zu beklagen. Auch ideelle Schätze gingen verloren. So wurde die gesamte Pokalsammlung und die wertvolle historische Ausrüstung des Seesports seit 1952 von der Flut weggespült.

Tiger ist wieder einsatzfähig

Tiger ist wieder einsatzfähig: Iris Berg-Bujak ist dankbar für die Rettung eines ihrer Boote.

Quelle: Thomas Kube

Die Wassermassen waren so gewaltig, dass eine Haushälfte des Vereinshauses aufgerissen wurde. Alle Boote waren vernichtet. Ein fünf Meter tiefer Krater hatte sich aufgetan. Die Sportsfreunde entdeckten auch den Kutter Tiger, der noch am Kran hing. „Wir waren den Leipzigern so dankbar, dass sie den Kutter wieder auf Vordermann brachten“, so Iris Berg-Bujak.

Ihren Kampfgeist gewann sie schnell wieder, da es um das Überleben des Vereins und die Zukunft ihrer Familie ging. Wie sich später herausstellte, wurden die Boote nicht gefördert. „Ich hatte aber im Vertrauen auf Fördermittel einen neuen Kutter bestellt. Doch 40000 Euro hatte unser Verein nicht“, so die Vereinsvorsitzende. In ihrer Verzweiflung zapfte sie alle Stellen an, die sie „anbetteln“ konnte.

Kanzler in Gummistiefeln

Kanzler in Gummistiefeln: Gerhard Schröder kam bereits am 14. August gemeinsam mit Sachsens damaligem Regierungschef Georg Milbradt nach Grimma.

Quelle: Zentralbild

Selbst bei der Bundesregierung sprach sie vor. Dort hatte schließlich Brigitte Zypries, damals Justizministerin und Organisationschefin der zentralen Hochwasserhilfe unter Bundeskanzler Gerhard Schröder (beide SPD), ein Herz.

2003 taufte Gerhard Schröder persönlich das Boot auf den Namen Phoenix. Das passte gut – denn Grimma rappelte sich wieder auf. So weihte Schröder damals auch die neu errichtete Hängebrücke ein – sie gehörte zum millionenschweren Wiederaufbauprogramm nach den Flutschäden in Grimma.

Hochwasserschutzmauer wird errichtet

Stück für Stück ging es im Seesportverein und in der Stadt vorwärts. 2012 hätte man sagen können, dass sich beide von dem Hochwasser erholt hatten. Selbst der erste Spatenstich zur Hochwasserschutzanlage war im August 2007 bereits getan. Damals war die Rede von 23,5 Millionen Euro für den Flutschutz. Mittlerweile spricht man von einem Betrag von 50 Millionen Euro, wovon schon 40 Millionen verbaut sind.

Auch ging der Bauherr, die Landestalsperrenverwaltung damals davon aus, dass auf etwa 2,8 Kilometer Länge eine Wand errichtet wird. Nach Protesten einer Bürgerinitiative, Gesprächen mit dem Denkmalschutz und Workshops entstand die heutige gestaltete Hochwasserschutzmauer, die insgesamt 2,2 Kilometer lang ist.

Sinnbild der Flutkatastrophe im August 2002

Sinnbild der Flutkatastrophe im August 2002: Die völlig zerstörte Pöppelmannbrücke in Grimma.

Quelle: Thomas Kube

Zu einem Baustillstand kam es 2009, als ein Unternehmer gegen die beabsichtigte Vergabe des Auftrages für einen großen Teil der unterirdischen Dichtwand Beschwerde einlegte. Doch bevor die Hochwasserschutzmauer stand, traf 2013 Grimma erneut ein Hochwasser. „Die Mauer wäre aber auch nicht fertig gewesen, wenn der Unternehmer nicht geklagt hätte und wenn es keine Bürgerbewegung gegeben hätte“, sagt der jetzige Projektleiter im Betriebsteil Mulde der Landestalsperrenverwaltung (LTV) Sachsen, Thomas Zechendorf. Dazu sei der Grimmaer Hochwasserschutz technologisch zu anspruchsvoll.

Zechendorf erinnerte daran, dass die Planung für die Hochwasserschutzmauer 2003 begann. „Obwohl das Planfeststellungsverfahren noch lief, wurde 2007 mit dem Bau an der Polizeidirektion Grimma begonnen. „2009 begann der Bau der Baustraße, die auch dem Hochwasser 2013 ohne nennenswerte Schäden standhielt“, erklärt Zechendorf. Deshalb konnte es nach der Flut 2013 auch zügig weiter gehen. „Allerdings dauerte der Bau der Horizontalfilterbrunnen im Jahr 2010 statt einem insgesamt drei Jahre. Diese waren erst 2013 funktionsfähig“, sagt Zechendorf.

Mulde wird erneut zum reißenden Fluss

Im Juni 2013 glaubte auch Iris Berg-Bujak, dass Grimma besser auf ein neues Hochwasser vorbereitet war – sie wurde bitter enttäuscht. Die Flutwarnung kam für sie zu spät. In der falschen Annahme, dass es diesmal schon nicht wieder so schlimm werde, hatte die Vereinsvorsitzende noch am Freitag alles für die Jugendweihe der Tochter im Bootshaus vorbereitet.

Krisenmanager und Aufbau-Organisator

Krisenmanager und Aufbau-Organisator: Grimmas Oberbürgermeister Matthias Berger (parteilos) vor der wiederaufgebauten Pöppelmannbrücke.

Quelle: LVZ

Am Sonnabend konnte man das Bootshaus schon nicht mehr trockenen Fußes betreten. „Deshalb musste alles aus dem Objekt raus und ein anderer Ort gefunden werden. Doch auch da hieß es noch, es kommt nicht so dick“, erinnert sich die Vereinsvorsitzende. Am Sonntagmorgen schließlich gab sie ihre Festvorbereitungen zur Jugendweihe auf: Als sie noch einmal nach dem Bootshaus sah, war schon die Mulde zu einem reißenden Fluss geworden.

„Wieder mussten wir zusehen, wie alles unterging.“ Bei diesen Worten kommen der sonst so taffen Frau die Tränen. Wieder wurde evakuiert, wieder ging es zu ihrer Mutter nach Grimma-West. „Und wieder fühlte es sich so an und das Bild hat sich tief in mein Bewusstsein eingegraben, als wäre Krieg, als Leute mit ihren Köfferchen ihre Wohnungen verlassen mussten und pausenlos die Sirenen heulten, die die ganze Nacht hindurch zu hören waren.“

Seesportverein hat sich noch nicht erholt

Die Grimmaer sind nun zuversichtlich, dass es 2018 tatsächlich so weit ist, dass ihre Stadt einem hundertjährigem Hochwasser standhält. „Der oberirdische Schutz ist jetzt zu 85 Prozent erfolgt“, versichert Projektleiter Zechendorf. Lücken gebe es noch zwischen Schloss und Pöppelmannbrücke (begehbare Wand) und zwischen Klosterkirche und Gymnasium (Pergola).

Noch in diesem Jahr ist der Baubeginn für die Pergola geplant. Die begehbare Wand könne erst mit dem Rückbau der Baustraße 2018 erfolgen. Bis zum Lückenschluss sollen vorbereitete Sandsäcke im Ernstfall helfen.

Vier Jahre nach der zweiten Flut hat sich der Seesportverein noch nicht wieder erholt. „Dieses Mal wurde nicht in kürzester Zeit das Bootshaus wieder aufgebaut, wir sollen stattdessen ein neues Quartier in der Roggenmühle erhalten“, erzählt Berg-Bujak. Wenn alles gut geht, erfolgt der Baustart noch dieses Jahr. „In der Zwischenzeit müssen wir mit Provisorien leben.“ Und der Hoffnung auf einen besseren Schutz. In Grimma, das wie Phoenix aus der Mulde wiederauferstand.

Von Cornelia Braun

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