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Hochwasser 2002: Wackers Weckruf und Eilenburgs Millimetersache

Flutserie Teil 9 Hochwasser 2002: Wackers Weckruf und Eilenburgs Millimetersache

Im August 2002 versanken viele Orte in der Jahrtausendflut. 15 Jahre später sind Millionensummen in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer? Die LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Eilenburg.

Hubertus Wacker zeigt, wie hoch in der Nacht zum 14. August das Wasser auf dem Markt gestanden hat.
 

Quelle: Wolfgang Sens

Eilenburg.  Diesen Anruf wird Hubertus Wacker nie vergessen. Nach der ersten Nacht seiner Silberhochzeitsreise klingelt bei dem Eilenburger Oberbürgermeister am 13. August 2002, morgens gegen 4.30 Uhr, in einem Dubliner Hotel das Telefon. Es käme viel Wasser, aber es sei alles unter Kontrolle und er müsse nicht zurückkommen, erfährt er aus dem Rathaus.

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Eilenburg unter Wasser im August 2002: Weite Teile der Stadt waren während des Jahrhunderthochwasser waren überflutet.

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Doch nach einer zehnminütigen frühmorgendlichen Grübelei auf der Bettkante steht für ihn fest, die Koffer werden nicht ausgepackt. Nach dem „teuersten Frühstück seines Lebens“, erwischt er mit seiner Frau noch am gleichen Tag einen Flieger zurück und sieht von diesem die übergetretene Mulde bei Wurzen. „Da wurde mir so richtig bewusst, dass es nicht nur ein kleines Hochwasser ist.“

Die Chronik einer Schicksalswoche

Doch der Reihe nach:

Nach einem verregneten, aber weitgehend normalen 12. August, ein Montag, erreicht die Mulde gegen 18 Uhr an dem für Eilenburg maßgeblichen Pegel bei Golzern die Alarmstufe II. Gegen 21 Uhr wird in Golzern, von wo die Mulde etwa sechs Stunden bis Eilenburg braucht, mit 4,90 Metern die Alarmstufe III erreicht. Ab einem Pegel von 5,60 Meter schwappt die Mulde in Eilenburg über die Dämme.

Ein Krisenstab tritt im Dienstzimmer von Feuerwehrchef Gunter Kneiß zusammen, ruft 23 Uhr die „Sandsackverteidigung“ aus. Am Dienstag, 0.20 Uhr, erreicht der Golzener Pegel dann die 5,60 Meter, Alarmstufe IV, Katastrophenalarm! Und es werden inzwischen schon 6,60 Meter prognostiziert. 6 Uhr werden die Eilenburger durch Lautsprecherdurchsagen geweckt: Worte wie „Hochwasser – Welle – Evakuierung – Busse stehen bereit“ dringen an ihr Ohr.

Erschrecken und Ungläubigkeit machen sich breit, doch 7 Uhr läuft die Evakuierung etwa der Hälfte der rund 15.000 Einwohner zählenden Stadt. Sie kommen privat, in der Grundschule Berg und im Gymnasium in Ost unter. Denn, so die neuesten Vorhersagen, gegen 10 Uhr würde das Wasser bis zu drei Meter hoch auf dem Marktplatz stehen …

Evakuierung aus der Innenstadt

Evakuierung aus der Innenstadt: In Eilenburg ging es im August 2002 teilweise nur mit Boot.

Quelle: Waltraud Grubitzsch

Doch die für 10 Uhr angekündigte Hochwasserwelle verschiebt sich, wie man heute weiß, vor allem aufgrund der vielen Dammbrüche muldeaufwärts. Der Pegel in Golzern zeigt zu diesem Zeitpunkt dennoch unglaubliche 7,65 Meter an, am Ende sollten es sogar über acht Meter werden.

Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlicht bricht am 13. August gegen 10 Uhr der erste Deich im Süden in der Stadt. Die Mulde sucht sich ihren Weg über die Baustelle Ortsumgehung gen Tierpark. Der Tierpark sowie der gesamte Stadtpark laufen etwa sechs Stunden lang voll. Sie erweisen sich damit als eine Art Staubecken.

Gegen 16 Uhr schwappt das Wasser dennoch über den am Tag zuvor provisorisch errichteten Damm am Mühlgraben. 18.30 Uhr vereinigen sich Mulde und Mühlgraben in der Innenstadt. Das Umspannwerk der Stadtwerke in der Dobritzmark, mit einem halben Meter Puffer zu dem bisher größtem Hochwasser von 1954 gebaut, fällt 20.45 Uhr aus. Ganz Eilenburg ist damit ohne Strom.

Die Torgauer Straße, die durch die Eilenburger Innenstadt führt, wird im August 2002 kurzzeitig zu einer Wasserstraße

Die Torgauer Straße, die durch die Eilenburger Innenstadt führt, wird im August 2002 kurzzeitig zu einer Wasserstraße.

Quelle: Detlef Schwuchow

23 Uhr lässt sich auch das an sich hochwassersicher gebaute Klärwerk in Hainichen nicht mehr halten. Abwasserchef Wilfried Goldmann flüchtet mit zwei Kollegen in letzter Minute auf einem Kipper über die Straße nach Hainichen, wo das Wasser schon einen halben Meter hoch steht.

Der Höchststand wird aber erst in der Nacht zu Mittwoch erreicht, die Mulde umfließt das Rathaus bis zu einer Höhe von 1,20 Meter, in Hainichen steht das Wasser bis zu zwei Meter hoch, in der Karl-Marx-Siedlung gehen alle 130 Häuser unter, teilweise erreicht das Wasser hier sogar die erste Etage.

Nacht der Hubschrauber

In dieser Schicksalsnacht kreisen ununterbrochen Hubschrauber über der Stadt. 109 Menschen, die die Evakuierung verweigert hatten, werden aus der überfluteten Stadt rausgeholt. Bei Tagesanbruch rücken Feuerwehr, Polizei, Bundesgrenzschutz und THW dann mit bis zu 15 Booten aus, holen die letzten Eilenburger aufs Trockene.

Rückkehr nach vier Tagen

Drei Tage später, am Sonnabend, dem 18. August, können dann alle Eilenburger erstmals wieder zu ihren Häusern, in denen es keinen Strom, kein Wasser und keine Abwasserentsorgung gibt, dafür aber mit Schmutz, Benzin und Öl getränktes Chaos. Noch wochenlang wird sich der Dieselgestank der Notstromaggregate mit diesem speziellen Hochwassermief mischen.

Kontrollfahrten sind für einige Tage nur im Unimog möglich

Kontrollfahrten sind für einige Tage nur im Unimog möglich.

Quelle: Detlef Schwuchow

Doch das Wichtigste ist: Es gab, bis auf Hirsch, Luchs und Co. im Tierpark, keine Opfer. Eilenburg ist 15 Jahre nach der Flut schöner denn je und vor allem hochwassersicher. „Das“, so Hubertus Wacker, „hätte ich damals nicht für möglich gehalten.“ Und nicht nur ihm wird daher die unglaubliche Hilfe und Solidarität, die die Stadt erfährt, wie die Flut unvergessen bleiben.

2013 – Bewährungsprobe

Nach den Erlebnissen vom August 2002 beginnt beim Junihochwasser 2013 das große Zittern in Eilenburg. Würden die Deiche und Mauern halten? Seit 2012 gilt die Stadt als hochwassersicher. 37 Millionen Euro waren bis dahin allein in 6,5 Kilometer Hochwasserschutzwände und in noch einmal so viele Deiche geflossen. Sie sollen eine Katastrophe wie 2002, als sich Mulde und Mühlgraben in der Innenstadt vereinigten und einen Gesamtschaden in Höhe von 140 Millionen Euro anrichteten, verhindern.

Doch was zählt dieses Wissen, wenn am 3. Juni 2013 insbesondere der Pegel des die Innenstadt umfließenden Mühlgrabens immer höher und höher steigt? Während der Mühlgraben in Höhe des Tierparks und Am Anger letztendlich nur hier und da ein wenig über die Mauern schwappt, bekommen in der eigentlich als geschützt geltenden Mühlstraße etliche Häuser mehr als nasse Füße.

Dennoch, bis auf diesen Bereich und die bebaute Mühlinsel, die als Überschwemmungsgebiet ausgewiesen ist, kommt Eilenburg im Juni 2013, bei dem der Golzener Pegel maximal 7,76 Meter erreicht, auf lediglich nassen Sohlen davon.

Milimetersache im Juni 2013

Milimetersache im Juni 2013: Die neue Schutzmauer hält, nur wenig Wasser schwappt in die Innenstadt.

Quelle: Patrick Hastrich

Zumal der alte Deich im Ortsteil Hainichener wider Erwarten standhält. Der flussabwärts gelegene Eilenburger Ortsteil Hainichen gilt bis heute als Achillesferse. Um die rund 200 Hainichener zu schützen, bedarf es mit einem etwa 300 Meter langen Neubau-Deich nur eines eher kleinen Projektes. Doch immer wieder verschob ein für den Normalbürger nicht mehr verständlicher Planungsaufwand das Projekt. Inzwischen heißt es aber auch hier aufatmen.

Die ursprünglich veranschlagten Kosten haben sich inzwischen zwar auf rund eine Million Euro verdoppelt. Doch wichtiger ist: Seit wenigen Tagen wird an dem Flügel gebaut, der den nach dem Hochwasser 2013 mit Spundwänden stabilisierten Damm ergänzt. Er befindet sich näher am Dorf und gibt der Mulde damit mehr Raum.

Zwei Wünsche sind noch offen

Mit der für Frühjahr 2018 geplanten Fertigstellung der Nordflanke Hainichen stehen in Eilenburg dann nur noch zwei Posten auf der Wunschliste: Dabei handelt es sich um die Erhöhung von etwa 700 Meter Mauer in der Mühlstraße um 40 bis 50 Zentimeter. Zudem muss die Röhrenbrücke, an der sich im Hochwasserfall das Treibgut sammelt, angehoben werden.

Während ersteres Projekt, das voraussichtlich eine halbe Million Euro kostet, 2018/2019 von der Landestalsperrenverwaltung gebaut werden soll, gibt es für die Röhrenbrücke keine verbindliche Aussage. Die Stadt kann das 600.000 Euro-Projekt nur mit Fördermitteln stemmen. Doch bisher ist da nichts Konkretes im Fluss.

Millimetersache: Tierpark erlebt 2013 kein zweites 2002

Im Eilenburger Tierpark beginnt am Sonntag, dem 2. Juni 2013, das große Zittern. Würden die neuen Schutzmauern des Mühlgrabens reichen? So unvorbereitet wie 2002 sollte das Hochwasser den Tierpark aber auf keinen Fall wieder treffen können.

Blick vom Mühlgrabendamm auf den Wirtschaftshof des Eilenburger Tierparks. Dieses Boot ist für Stefan Teuber und sein Team im August 2002 zeitweise das einzige Verkehrsmittel.

Blick vom Mühlgrabendamm auf den Wirtschaftshof des Eilenburger Tierparks. Dieses Boot ist für Stefan Teuber und sein Team im August 2002 zeitweise das einzige Verkehrsmittel.

Quelle: Tierparkverein

Die Kleintiere stecken in schnell transportablen Kisten, für Schweine, Ponys, Lamas und Ziegen sind vorsorglich Notställe auf Abruf gefunden. Der Luchs, der ohnehin gern auf seinem Dach ausharrt, und die Hutaffen, die in ihrem neuen Gehege hoch genug klettern können, bleiben. Am Montag, 2 Uhr, wird dann tatsächlich evakuiert. Bange Stunden folgen - bis 21 Uhr, als das Wasser tatsächlich nur Millimeter unter der Oberkante der Mühlgrabenmauer stehen bleibt.

Schon am Wochenende kann der Tierpark, der das Hochwasser mit leicht feuchten Füßen überstanden hat, wieder öffnen. „Wir sind einfach nur dankbar“, so Tierparkchef Stefan Teuber, „dass uns 2013 ein zweites 2002 erspart geblieben ist.“

2002 sah alles ganz anders aus

Denn 2002 sah alles ganz anders aus. Keine Mauer schützte. Der Mühlgraben stand übermannshoch im Hauptgebäude und damit auch im gerade erst eröffneten Warmhaus Tropicana. Ohne die geringste Information über die zu erwartende Höhe der Flut gab es damals keine Möglichkeit, die richtigen Vorbereitungen zu treffen.

Die handaufgezogene Lüchsin Susi, deren Eltern, die Waschbärenkinder, ein Hutaffe, die Uhus und etliche Wellensittiche hatten keine Chance. Insgesamt etwa ein Drittel des Tierbestandes kam ums Leben. Der Schaden belief sich am Ende auf eine Höhe von 330.000 Euro.

Damwild in die Freiheit entlassen

Die Entscheidung, das Damwild kurzerhand in die Freiheit zu entlassen, hatte sich 2002 als richtig erwiesen. Bis auf den Hirsch fand es sich nach der Flut wieder ein. Die Ziegen und Esel konnten von dem vermeintlich hochwassersicheren Damm, auf den sie zwischenzeitlich evakuiert worden waren, gerettet werden.

Mit den Folgen der Flut von 2002 hat der Tierpark übrigens bis heute zu kämpfen. So musste das Tropicana, das im November 2002 wieder eröffnet wurde, 2014 wegen Hochwasser-Spätfolgen schließen. Derzeit wird es an anderer Stelle neu gebaut.

Kossen: Der Deich kommt zu spät

Für das zu Jesewitz gehörende kleine Kossen kam der 570 Meter lange Flügeldeich ein Jahr zu spät. Der idyllisch an der Mulde ge- legene Ortsteil ging nach 2002 auch 2013 in den Fluten unter. Erst seit 2014 sind die Einwohner nun vor einem statistisch aller 100 Jahre auftretendem Hochwasser geschützt. Die Arbeiten an dem 1,3 Millionen Euro teuren Projekt hatten im September 2012 begonnen, verzögerten sich aber unter anderem wegen Pausen aus Naturschutzgründen. Die letzten Restarbeiten zogen sich bis Herbst 2015 hin.

Von Ilka Fischer

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