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Hochwasser an der Eula: „Wir leben mit dem Risiko“

Flutserie Teil 13 Hochwasser an der Eula: „Wir leben mit dem Risiko“

Im August 2002 versanken viele Orte in der Jahrtausendflut. 15 Jahre später sind Millionensummen in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer? Die LVZ-Serie fragt nach. Diesmal in Borna, Kitzscher und Geithain.

Das Wasser bahnte sich 2002 auch in Kitzscher seinen Weg – zahlreiche Grundstücke, Häuser und Straßen liefen voll.
 

Quelle: Andreas Döring

Kitzscher.  Die Eula ist auch in Kitzscher ein friedliches, ruhiges Flüsschen. Doch wenn tagelanger Regen sie überlaufen lässt, kann sie für ein knappes Dutzend Häuser an der Bornaer Straße und im Ortsteil Braußwig zum wütenden Strom werden. So wie vor 15 Jahren und dann noch einmal 2013.

Welches der beiden Hochwasser das schlimmere war, wissen selbst Betroffene nicht mehr genau zu sagen. Hartmut Harbich, der 2002 Bürgermeister in Kitzscher war, glaubt, damals hätte die Eula das meiste Wasser mitgebracht. Die Bilder, die Fahrradhändler Egon Wespatat immer noch auf einem Regal gleich hinter dem Verkaufstresen liegen hat, zeigen, dass das Wasser 2013 noch etwas höher im Geschäft stand.

Eula kann immer über die Ufer treten

Wespatat hat das Haus mit dem Geschäft 1992 gebaut. Eigentlich wollte er in eines der Ladenlokale in der Innenstadt, dort hätten aber andere den Vorzug bekommen. So gesehen, könnte heute ein Geschäft weniger am Markt leer stehen, und der Händler hätte nicht zweimal einen See im Laden gehabt.

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Im August 2002 brach über den Osten eine verheerende Flutkatastrophe herein. Entlang von Mulde, Elbe und Pleiße wüteten Wassermassen, auch Orte an kleineren Bächen wie der Eula waren betroffen.

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Der Sechzigjährige weiß, dass es hier auch früher schon Hochwasser gegeben hatte. Auch wenn der Lauf der Eula verändert wurde und es einst noch einen Mühlgraben gab, der einen Teil des Wassers aufnehmen konnte. Er nimmt die Situation in der Rückschau erstaunlich gelassen: „Wir haben die Versicherung geholt, fünfmal durchgewischt und den Laden wieder aufgemacht“, erklärt der Händler achselzuckend. Und er ahnt, dass weitere Hochwasser kommen werden: „Ich muss damit rechnen, und ich lebe damit.“

Ex-Bürgermeister Harbich sieht das ähnlich und meint: „Das ist ein Aue-Gebiet.“ Da könne man für Hochwasserschutz nicht viel tun. Wer hier gebaut hat, müsse damit rechnen, dass die Eula über die Ufer treten kann. „Das lässt sich nicht regulieren.“

Schutzmauer Marke Eigenbau

Auf der anderen Seite des Baches würde auch Hartmut Manig heute keine Baugenehmigung mehr für sein Haus mit Keller bekommen, das er vor rund 27 Jahren bezog. Damals galt das Areal noch nicht als Hochwassergebiet, und er erhielt alle Genehmigungen. Als 2013 das Wasser zum zweiten Mal über einen Meter hoch im Keller stand und die Versicherung ihm nach schwerfälliger Regulierung des Schadens kündigte, entschloss sich der gelernte Baufacharbeiter zum Handeln.

Hartmut Manig aus Kitzscher setzt eine Bohle in die Vorrichtung an seinem Gartentor

Hartmut Manig aus Kitzscher setzt eine Bohle in die Vorrichtung an seinem Gartentor. Im Hintergrund die Schutzmauer, die sein Grundstück vor erneuten Überschwemmungen schützen soll.

Quelle: André Neumann

Er baute an seinem Grundstück anstelle des lädierten Zaunes eine Schutzmauer. Die ist rund 60 Zentimeter tief gegründet und besteht aus hohlen Mauersteinen, die mit viel Eisen bewehrt und mit Spezialbeton gefüllt sind. An der Hofeinfahrt und am Garagentor befinden sich Vorrichtungen, in die im Hochwasserfall Bohlen eingesetzt werden.

Auf der Rückseite des Grundstückes durfte er die Mauer an die Wand einer Halle des Landwirtschaftsbetriebes Kitzscher anbauen, daran schließt sich noch ein Stück Mauer an, die ein Nachbar gebaut hat.

Manig hat sich das alles selbst ausgedacht und allein gebaut, für mehr als 10.000 Euro. Hochwasser müsse es trotzdem nicht wieder geben, hofft er. Wenn die Familie in den Urlaub fährt, setzt sie vorsorglich die Balken ein.

Extra-Stau durch Mittelpfeiler

Dass die Stadt kaum etwas tun kann gegen die Hochwassergefahr, ist auch die Ansicht von Harbichs Nachfolger im Bürgermeisteramt, Maik Schramm. Ein Weg zwischen Stadion und Eula wurde asphaltiert, der soll dadurch jetzt das nächste Hochwasser überstehen. Ein vom Abwasserzweckverband Espenhain gerade gebautes sündhaft teures unterirdisches Abwassersammelbecken schützt auch nicht vor Hochwasser, es soll im Falle des Falles nur das Schmutzwasser zurückhalten.

Und die Brücke über die Eula zwischen Dittmannsdorf und Braußwig wird zwar als Abflusshindernis angesehen, ist aber erst 20 Jahre alt. Sie ist zu niedrig, sagt Schramm. Und sie hat anders als ihre Vorgängerin einen Mittelpfeiler, sagt Wespatat. Das führe bei Hochwasser zu einem Extra-Stau – bis zu 75 Zentimeter sollen gemessen worden sein. „Wir können aber unmöglich eine neue Brücke bauen“, sagt Schramm.

„Adria“ bei Borna rettet Leipzig – An den Speicherbecken brechen die Dämme

Borna. Sintflutartige Regenfälle hatten in Borna und der Region am 12. August 2002 für teils chaotische Zustände gesorgt. Straßen, Keller, Grundstücke und größere freie Areale standen unter Wasser, umgekippte Bäume versperrten die Fahrbahnen. Das verstärkte sich tags darauf, als die Wyhra und die Eula über die Ufer traten. Bis fast an die südliche Wohnbebauung von Borna heran war das Gelände mit den Kleingärten überflutet – wie andere Auengebiete auch.

Ein Damm der Wyhra bei Großzössen wird gesichert.

Ein Damm der Wyhra bei Großzössen wird gesichert.

Quelle: Andreas Döring

Für die Kreisstadt und die Umgebung wurde Katastrophenvoralarm ausgelöst, der Damm bei Großzössen, wo die Wyhra in die Pleiße fließt, drohte, auf einer Länge von 200 Meter zu brechen. Die Rettung vor der Flutkatastrophe waren der Maximalstau in der Talsperre Schömbach sowie die große Auslastung des Speicherbeckens Witznitz (Wyhra, Eula).

Das Speicherbecken Borna, „Adria“ genannt, entlastete die Pleiße von rund 15,3 Millionen Kubikmeter Wasser. Mit dieser Hilfe war in Leipzig vom drohenden Hochwasser nichts zu merken. Gesteuert wurde das auch über das Pleißewehr am Rückhaltebecken Regis-Serbitz, wo Wasser aus dem Damm floss. Massiv wurden die Probleme Anfang Dezember 2002. Wegen hoher Pegel an der Pleiße wurden Wassermassen im Rückhaltebecken gestaut, was die Gefahr eines Dammbruchs und die Überflutung von Regis-Breitingen heraufbeschwor.

Obwohl etwas Wasser durchsickerte, hielt das Becken. Zwei Tage später hieß es, dass keine akute Gefährdung der Bevölkerung bestanden hatte. In der Folge wurde das 1954 errichtete Bauwerk für rund 3,5 Millionen Euro ertüchtigt und Mitte September 2005 eingeweiht. Später wurden sechs Millionen Euro für mehr Standsicherheit verbaut.

Im Leipziger Südraum flossen in den ersten zehn Jahren nach dem Hochwasser 2002 circa 30 Millionen Euro in die Erneuerung in Talsperren, Wehranlagen und Speicher. Weitere 8,2 Millionen Euro wurden in die Gewässer mit ihren Ufern investiert. Noch zehn bis 15 Jahre müsste daran gearbeitet werden, um die größten Gefahrenpotenziale zu beseitigen, sagte Axel Bobbe, Leiter des Röthaer Betriebs Elbaue/Mulde/Untere Weiße Elster der Landestalsperrenverwaltung, zum „Jubiläum“ 2012. Zehn Monate später schwemmte die Juni-Flut 2013 viele Errungenschaften wieder davon.

Talsperre Schömbach – Missachtung von Vorschriften verhindert Katastrophe

Borna/Geithain. Drei Jahrzehnte nach ihrer Fertigstellung erlebte die Talsperre Schömbach eine nie dagewesene Belastungsprobe: Die Anlage am südlichen Dorfrand von Altmörbitz nahm im Sommer 2002 so viel Wasser auf wie noch nie. Nur so war es möglich, die stark angeschwollene Wyhra einigermaßen im Zaum zu halten und eine großflächige Überflutung von Orten am Unterlauf wie Frohburg und Borna zu verhindern.

Seit der Flut 2002 werden in der Talsperre Schömbach nur noch 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser gestaut, um im Ernstfall ausreichenden Raum zu haben.

Seit der Flut 2002 werden in der Talsperre Schömbach nur noch 1,5 Millionen Kubikmeter Wasser gestaut, um im Ernstfall ausreichenden Raum zu haben.

Quelle: Ilka Jost

„Als die Welle vorbei war, war unsere Sperre randvoll. Da passte nichts mehr rein“, erinnert sich Axel Bobbe, Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung in Rötha: „Wir hatten uns damit ganz bewusst gegen unsere Vorschriften zur Steuerung dieser Talsperre entschieden.“ Das maximale Fassungsvermögen von 7,5 Millionen Kubikmeter wurde ausgereizt. Das habe zwar am Sperrwerk selbst etliches an Schäden verursacht, doch viele Anlieger der Wyhra habe es vor verheerenden Schäden bewahrt.

Statt der üblichen 0,2 Kubikmeter Wasser pro Sekunde flossen in den Flutsommer-Tagen bis zu 40 Kubikmeter pro Sekunde in die Talsperre. Ein Drittel des Stauvolumens war bereits vergeben, denn diese Menge wurde bis dato üblicherweise in den Sommermonaten gespeichert, um bei Bedarf die Pleiße aufzufüllen. Nach der Flut 2002 wurde das revidiert. Seither stehen sechs Millionen Kubikmeter Stauraum im Ernstfall zur Verfügung, eine Million Kubikmeter mehr.

Das und der Einbau eines zusätzlichen Schützes, um bei bevorstehendem Starkregen vorsorglich zusätzliches Wasser abschlagen zu können, hätten sich 2013 bewährt, sagt Bobbe: „Die Welle war beinahe so groß wie 2002. Aber wir waren besser vorbereitet.“

Im Kohrener Land entstehe nach ergiebigem Starkregen schnell eine Hochwassergefahr, sagt Bobbe. Es versickere aufgrund des Untergrunds nur wenig. Die Bäche Maus, Ratte und Katze stiegen sprunghaft an, verstärkten den Effekt nach dem Wyhra-Zusammenfluss. Das habe 2002 binnen kurzer Zeit dazu geführt, dass für den Pegel Streitwald die höchste Alarmstufe galt.

Um das zusammenströmende Wasser aufzuhalten und einen zeitversetzten Abfluss zu ermöglichen, müsse endlich das Terpitzer Rückhaltebecken gebaut werden. Das sei eine Lehre aus dem Geschehen 2002, sagt Bobbe: „Dass das so lange dauert, liegt nicht an uns.“ Stattdessen sorgten naturschutzrechtliche Einwände immer wieder für eine Verzögerung des seit mehr als einem halben Jahrzehnt laufenden Genehmigungsprozesses. „Ich hoffe, dass wir 2018 die Genehmigung zum Bau bekommen“, ergänzt Bobbe.

Problematisch sei der Hochwasserschutz entlang der Eula im Raum Geithain. Die Flut, die sich im Juni 2013 durch Wickershain, Geithain, Rathendorf ergoss, war aber ein von einer Wasserhose verursachtes Extrem-Ereignis: „Davor ist kein Ort wirklich zu schützen.“

Wichtig und möglich sei dagegen der Ausbau der Eula, um dem Fluss mehr Raum zu geben. Teilweise scheitere das aber an einer zu engen Bebauung. Südlich der Geithainer Innenstadt, im Bereich der in Teilen inzwischen aufgegebenen Kleingartenanlage Alte Heimat, aber sei man mit Bürgermeister Frank Rudolph (UWG) im Gespräch.

„Es zeichnet sich eine gute Lösung ab“, sagt der Betriebsleiter. Er hofft auf eine Umsetzung in den nächsten ein, zwei Jahren. Noch nicht beseitigt sei damit aber ein eklatanter Engpass: die Verrohrung der Eula im Bereich des Hennig-Frenzel-Stadions.

Von André Neumann, Olaf Krenz und Ekkehard Schulreich

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Die Wassermassen von Elbe, Mulde und Pleiße überschwemmten im Sommer 2002 weite Teile von Sachsen. Diese Städte entlang der Flüsse waren vom Hochwasser betroffen.