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In Eigeninitiative: Hotelier in Nimbschen baute einen Privat-Deich

Flutserie Teil 5 In Eigeninitiative: Hotelier in Nimbschen baute einen Privat-Deich

Im August 2002 versanken ganze Landstriche entlang von Mulde, Elbe und Pleiße in den Wassermassen der Jahrtausendflut. 15 Jahre später ist viel Geld in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Nimbschen, Höfgen und Kössern.

Fred Urban an einem Schott seines Ringdeiches. Der Hotelier ergriff selbst die Initiative, um sein Hotel Kloster Nimbschen vor künftigen Fluten zu schützen.
 

Quelle: Thomas Kube

Höfgen/Nimbschen/Kössern.  Diese Schicksalsnacht vergisst Fred Urban sein Leben nicht: Am 13. August 2002 kam das Wasser und nahm dem 55-Jährigen in wenigen Stunden alles, was er sich jahrelang mühsam aufgebaut hatte. Das Hotel Kloster Nimbschen, ein unternehmerisches Kleinod auf geschichtsträchtigem Boden, nur wenige Kilometer von Grimma entfernt: Die entfesselte Mulde kannte keine Gnade.

1996 hatte der promovierte Agraringenieur die verfallenen Stallungen des einstigen Volkseigenen Gutes (VEG) Rindermast Nimbschen von der Treuhand erworben und dann beharrlich seinen Traum von einem gehobenen Hotel verwirklicht. Es war sein nächster Schritt auf dem Boden des einstigen Zisterzienserinnenklosters Marienthron, wo er gleich nach der Wende 1991 die Klosterschänke nebst Gästehaus und zwei Jahre später in der früheren Hopfen-Darre ein Fitness-Studio eröffnet hatte.

Urban nahm Schulden auf und „ein paar Millionen“ in die Hand. Er ließ zwei neue Gästehäuser errichten, aus der Traktorgarage entstand das Hotelrestaurant, aus dem Kuhstall das Bowlinggewölbe, aus der Tenne die Kulturscheune... Das Hotel, nur Schritte neben der für die Flucht der späteren Lutherin Katherina von Bora berühmten Klosterruine, war mit 80 Zimmern bereit für seine Gäste. „Im Mai 2002 sind wir fertig geworden“, erinnert sich der 55-Jährige. Nur drei Monate später stand er vor einem Scherbenhaufen.

Hotelgäste wurden 1 Uhr nachts geweckt und in Sicherheit gebracht

Das Wasser in jener Nacht kam rasend schnell und stieg und stieg. Zunächst hatte Urban mit seinem Team noch versucht, die Keller der am nächsten zum Fluss stehenden zwei Wohnhäuser auszupumpen. Vergebens. Gegen 1 Uhr wurden die etwa 60 Hotelgäste geweckt und in der etwas höher gelegenen Klosterschänke in Sicherheit gebracht.

Was folgte, bezeichnet Urban heute als „verzweifelte Aktionen“. Mit seinen Leuten versuchte er zu retten, was zu retten ist, stellte Server und Möbel hoch. „Leider nicht hoch genug“, blickt er zurück. „Keiner rechnete mit einem Wasserstand von zwei Metern.“ Überall habe es im Dunkeln gegurgelt und geblubbert, Teile trieben vorbei, Möbel wurden weggerissen.

Die Rettung zweier Mieter aus den Wohnhäusern mit einem Schlauchboot misslang wegen der starken Strömung, Feuerwehrleute konnten die Personen später dank einer Seilsicherung ins Boot holen. Am Morgen musste auch ein Mitarbeiter des Fitness-Studios aus dem ersten Stock gerettet werden. Er war nach dem Ausräumen des Erdgeschosses erschöpft im Haus eingeschlafen.

Zehn Stunden Muldeflut reichten für einen katastrophalen Schaden

So schnell wie die Mulde gekommen war, so schnell verschwand sie auch wieder. Nur zehn Stunden habe das Wasser gestanden, sagt Urban – doch der Schaden war immens. Mit finanzieller Hilfe des Staates und Kurzarbeitergeld für seine Leute im Rücken startete der Unternehmer neu durch. Ostern 2003 ging das Hotel wieder in Betrieb, nach und nach folgten alle anderen Bereiche.

Doch nur elf Jahre später traf es den Hotelier schon wieder mit voller Wucht. Zwar stand das Wasser an jenem 3. Juni 2013 etwa einen Meter tiefer, „aber durch die Preisentwicklung war der Schaden höher“. Urban verließ auch dieses Mal nicht der Mut, und mit Hilfe der Elementarversicherung, die er nach der ersten Flut abgeschlossen hatte, baute er sein Lebenswerk zum dritten Mal auf. „Die Baupläne lagen ja noch in der Schublade.“

Kloster Nimbschen heute: Das Hotel wird wieder gern für Tagungen, Treffen und Familienfeiern gebucht.

Kloster Nimbschen heute: Das Hotel wird wieder gern für Tagungen, Treffen und Familienfeiern gebucht.

Quelle: Thomas Kube

Und er schuf etwas Einmaliges, um das weiträumige Ensemble endlich vor der unberechenbaren Mulde zu schützen – und seinen Versicherungsschutz nicht zu verlieren. Urban investierte eine halbe Million Euro in einen Deich, der die imposante Hotelanlage komplett umschließt. Ein Jahr nach dem zweiten Hochwasser begann der Bau, sechs Monate später war der 700 Meter lange Ringdeich fertiggestellt. Urban sah dazu keine Alternative.

„Auf der Liste der Schutzmaßnahmen in Sachsen stehen wir auf Platz 328, wir wären nie drangekommen“, gibt der 55-Jährige zu verstehen. Urban erhielt keinen einzigen Euro Fördergeld für den Schutzwall auf seinem Grund und Boden, musste sich das Geld per Kredit besorgen. Selbst ein Gespräch mit Regierungschef Stanislaw Tillich blieb ohne Erfolg. „Die Förderrichtlinien gaben es nicht her“, so der Chef von 60 Beschäftigten.

Der Hotelier Urban wurde zum Experten für Deichbau

Urban lernte in jenen Tagen viel über den Bau von Deichen. Die Landestalsperrenverwaltung befürwortete das Projekt und stand ihm mit fachlicher Beratung zur Seite. Zufällig schuf sich der Papiersack-Hersteller Mondi im nahen Trebsen eine neue Halle und musste dafür ein Fels-Ton-Gemisch abbaggern.

Das eignete sich für den Deich, in den insgesamt 8000 Kubikmeter Erde eingebaut wurden. Er soll ein Hochwasser abhalten, das theoretisch alle 100 Jahre auftritt – so wie das von 2013. „Wir haben 60 Zentimeter Sicherheit obendrauf gegeben.“ Die Prüfung nach der Fertigstellung ergab, dass der Deich dem Wasser zwölf Tage lang standhalten würde. Ein guter Wert.

Einmal im Jahr probt Urban mit seinen Leuten den Ernstfall. „Es gibt einen Notfallplan, bei Hochwasserstufe 3 machen wir dicht.“ Innerhalb einer Stunde seien die drei Schotten mit Aluminiumplatten geschlossen. Bestandteil der Schutzanlage ist ein Hebewerk, mit dem Wasser aus dem Inneren über den Deich hinweg zum Fluss gepumpt werden kann.

Eine Benzinpumpe sorgt bei Stromausfall für Licht und Saft. „Was wir tun konnten, haben wir gemacht“, meint der Unternehmer, der mit seinem Selbstschutz die Landestalsperrenverwaltung (LTV) praktisch aus der Verantwortung entlassen hat.

Axel Bobbe, Chef des auch für die Mulde zuständigen LTV-Betriebes in Rötha, wird darüber froh sein. Zwar gilt die Klosteranlage Nimbschen als stark gefährdet, ist aber im Hochwasserschutz-Konzept des Freistaates mit einer niedrigen Priorität eingestuft. In den nächsten Jahren wäre hier nichts passiert. Auch Bobbes Experten hatten für das Ensemble einen Ringdeich favorisiert. Dank der Initiative des Eigentümers „ist Nimbschen für uns abgehakt“, so Bobbe.

Höfgen: Kein neuer Deich – Ort muss weiter mit der Flut-Gefahr leben

Dramatische Szenen hatten sich vor 15 Jahren auch am gegenüberliegenden Ufer abgespielt, wo das beliebte Ausflugslokal „Zur Schiffsmühle“ überflutet wurde und traurige Berühmtheit erlangte. Deren Inhaber nahm nach den Fluten ebenfalls Geld in die Hand, um seine Restaurant- und Hotelanlage besser vorm Hochwasser abzuschirmen.

Ragt einsam aus der entfesselten Mulde

Ragt einsam aus der entfesselten Mulde: Das Fährhaus Höfgen

Quelle: Frank Schmidt

Höfgen selbst wird aber weiter mit der Gefahr vor Fluten leben müssen. Laut Bobbe würde hier der Neubau eines Deiches bis zum Fährmann Sinn machen, im Freistaat-Konzept sei er vorgesehen. Die Umsetzung indes steht in den Sternen. Zum einen trägt auch Höfgen den Stempel niedriger Priorität, was das Kosten-Nutzen-Verhältnis betrifft. Jeder Kilometer Deich koste zwei Millionen Euro, sagt Bobbe.

Deshalb käme in Höfgen der Schutz teurer als der sonst zu erwartende Schaden. Zum anderen bekamen die LTV-Leute, als sie 2005 das Deichprojekt im Dorf vorstellten, eine Abfuhr. Der Wall würde den Blick zur Mulde und ins Land versperren, das wolle keiner, sagt der Betriebschef. Deshalb „haben wir Höfgen abgehakt“, erläutert Bobbe.

Kössern: Neues Siel soll künftig Hochwasser in den Fluss zurückleiten

Wenige Kilometer flussaufwärts liegt Kössern, dessen Sportplatz 2002 abgesoffen war. Der hier vorhandene niedrige Deich schützt laut Bobbe die wenigen ufernahen Häuser sowie landwirtschaftliche Flächen vor einem Hochwasser, das statistisch alle 20 Jahre heranrauscht.

Land unter in Kössern

Land unter in Kössern: Auf der Muldebrücke in Richtung Großbothen

Quelle: Frank Schmidt

2002 und 2013 wurde der Deich überströmt, die Schäden am Bauwerk wurden in der Folge alle beseitigt. Das vor vier Jahren stark in Mitleidenschaft gezogene Siel in Höhe Kössern, das einen Bach durch den Wall leitet, wurde laut Bobbe für 750.000 Euro neu gebaut.

Vorgesehen sei, den vom südlichen Kössern bis Sermuth führenden fünf Kilometer langen Deich standsicher zu machen und zu verstärken. „Wir hatten dafür ein langwieriges Genehmigungsverfahren“, sagt der LTV-Chef mit Blick auf geschützte Tierarten. Seit vorigem Jahr liege der Planfeststellungsbescheid vor.

„Wenn alles gut kommt, fangen wir 2018 mit ersten Vorbereitungen zur Instandsetzung an“, bekräftigt Bobbe. Bestandteil des Projektes ist ein zweites Siel bei Kössern, um Flutwasser zurück in den Fluss leiten zu können. Denn bei einem Hochwasser, das rechnerisch alle 25 Jahre zu erwarten ist, schwappt bei Sermuth der Fluss über den Deich und kann sich bis Kössern auf 60 Hektar Ackerfläche ausdehnen. „Wir verbreitern die Retentionsfläche vor Grimma“, sagt Bobbe. Mit dem Projekt ist Kössern dann für den Freistaat ausreichend geschützt.

Von Frank Prenzel

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