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In der Pleißenaue blüht nach dem Hochwasser neue Hoffnung auf

Flutserie Teil 12 In der Pleißenaue blüht nach dem Hochwasser neue Hoffnung auf

Im August 2002 versanken viele Orte in der Jahrtausendflut. 15 Jahre später sind Millionensummen in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer? Die LVZ-Serie fragt nach. Diesmal im Altenburger Land.

Holger Staacke in seiner Gärtnerei in Treben.
 

Quelle: Mario Jahn

Treben/Windischleuba.  Die Wunden an Haus und Hof sind geheilt. Nur die Pegelmarken künden noch als stumme Mahnmale von den Ereignissen der vergangenen Jahre. Ein Strich kennzeichnet den August 2002. Und noch deutlich höher die Markierungen vom Januar 2011 und Juli 2013. „Glücklicherweise konnte vor 15 Jahren noch niemand ahnen, dass es uns danach noch viel schlimmer treffen wird“, sagt Holger Staake.

Dreimal musste Holger Staacke seine Gärtnerei in Treben wieder aufbauen, nachdem die Fluten Chaos hinterließen.

Dreimal musste Holger Staacke seine Gärtnerei in Treben wieder aufbauen, nachdem die Fluten Chaos hinterließen.

Quelle: Mario Jahn

Damals schluckten die Fluten von Pleiße und Gerstenbach seinen seit 1899 bestehenden Familienbetrieb in Treben gleich neben dem Rittergut, das ebenfalls versank. Danach ging die Gärtnerei zwei weitere Male unter. Treben, der kleine Ort in der Verwaltungsgemeinschaft Pleißenaue im Altenburger Land, hat viel Unheil erfahren.

Irgendwie, da ist man sich unter den Betroffenen in diesem östlichsten Zipfel Thüringens einig, hängen die drei Katastrophen miteinander zusammen. „2002 wurden wir vom Wasser ja völlig überrascht. Schließlich lag damals das letzte Pleißehochwasser gut 50 Jahre zurück. Und 2011 und 2013 wurde uns zum Verhängnis, dass die geplanten Hochwasserschutzmaßnahmen noch nicht komplettiert waren“, erinnert sich Trebens Bürgermeister Klaus Herrmann.

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Das Altenburger Land ist leidgeprüft: Insgesamt dreimal kam in den Jahren 2002, 2011 und 2013 das Hochwasser und zerstörte in einigen Dörfern des Landkreises Hab und Gut.

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Vor 15 Jahren reagierte Gärtnermeister Staake erst einmal so hilflos, wie Menschen reagieren, die keinerlei Erfahrung mit Hochwasser haben. „Erst war ich schockiert und handlungsunfähig. Ich versicherte meiner kleinen Tochter noch, es kommt nicht so schlimm, aber die sagte: Papi, schau doch, der Keller steht schon unter Wasser. Ich versuchte, Säcke mit Blumenerde aufzuschichten. Doch das war ziemlich sinnlos, denn der leichte Torfmulch schwamm auf und war weg“, erinnert sich der 60-Jährige.

Gärtner Staake verlor gleich dreimal seine Ernte

Die Ernte in der Gärtnerei war verloren – 2002 ebenso wie 2011 und 2013. „Aber ans Aufgeben habe ich nie gedacht. Wir haben zusammen angepackt und wieder aufgeräumt, weil ich nichts anderes gelernt habe und Verantwortung für Familie, Angestellte und Vorfahren habe“, erklärt Staake, der den Betrieb in vierter Generation führt.

„Was beeindruckte, war diese immense Hilfsbereitschaft.“ Inzwischen blüht auch neue Hoffnung auf: Der Trebener deutet auf einen neuen Damm, der sich gleich hinter der Gärtnerei erstreckt und der erst nach 2013 errichtet wurde. „Damit dürften wir jetzt sicher sein. Wenn auch da drüber wieder Wasser geht, geht nichts mehr.“

Den Damm zu bekommen, das hat Kraft gekostet. Zwar wurde 2002 ein Hilfsprogramm in Thüringen aufgelegt. „Aber als wir als eine der am schlimmsten betroffenen Ortschaften unser Hochwasserschutzkonzept komplett erstellt hatten, war das Geld im Fördertopf schon alle“, erinnert sich Bürgermeister Herrmann. In Treben begann ein Ringen um Verantwortlichkeiten.

Flutkonzept: Treben drängelte – in Erfurt wurde nur vertröstet

Davon kann Uwe Melzer, Chef der Verwaltungsgemeinschaft Pleißenaue, ein Lied singen. „Wir haben nicht mehr mitgezählt, wie oft wir mit unseren Anliegen in Erfurt waren und immer wieder vertröstet wurden.“ Die Hängepartie führte bei dem sonst so ausgeglichenen Uwe Melzer am 9. Januar 2011 zu einem beispiellosen Wutausbruch.

Uwe Melzer am Notdurchlass unterhalb der B93 bei Treben, der im Ernstfall den Damm entlasten soll

Uwe Melzer am Notdurchlass unterhalb der B93 bei Treben, der im Ernstfall den Damm entlasten soll.

Quelle: Mario Jahn

An jenem Sonntag hatten sich Hochwasser, Eis und Schnee erneut bedrohlich aufgestaut, direkt an der Bundesstraße 93 zwischen Treben und Serbitz. Und ein Notdurchlass unter der Straße ließ sich erst im letzten Moment öffnen, um den aufgeweichten und noch nicht sanierten Damm zu entlasten. Wie schon 2002 stand man davor, die Bundesstraße aufzubaggern, um dem Wasser den nötigen Raum zu geben.

2002 musste die Bundesstraße 93 zwischen Treben und Serbitz aufgerissen werden, um Wasser abfließen zu lassen

2002 musste die Bundesstraße 93 zwischen Treben und Serbitz aufgerissen werden, um Wasser abfließen zu lassen. 2011 konnte dieser Eingriff im letzten Moment abgewendet werden.

Quelle: Mario Jahn

„Damals lagen die Nerven blank. Auch bei den Anwohnern, denen erneut das Wasser förmlich bis zum Hals stand“, erinnert sich Melzer. Die Wut wegen der zögerlichen Umsetzung der Hochwasserschutzprojekte war gewaltig. Erst nach 2013 wurde bei Serbitz ein Damm gebaut.

In Windischleuba gingen Jugendherberge und Kindergarten unter

Auch dem Windischleubaer Bürgermeister Gerd Reinboth schwillt der Hals, wenn das Gespräch auf die Flutkapitel zwischen 2002 und 2013 kommt. 2002 standen in Windischleuba die Jugendherberge und der Kindergarten unter Wasser. „Es ist diese Hilflosigkeit, die einen erfasst, wenn das Wasser mit Vehemenz ansteigt“, sagt er zurückblickend.

Land unter in Windischleuba

Land unter in Windischleuba. Anwohner mussten zum Teil mit Booten aus ihren Häusern evakuiert werden. Die Kameraden der Feuerwehren arbeiteten bis zur Erschöpfung.

Quelle: Mario Jahn

Doch während 2002 der eigentliche Ortskern zum Großteil verschont blieb, kannte die Pleiße 2013 in Windischleuba kein Halten mehr. Die Fluten verschluckten das gesamte Unterdorf einschließlich dem in einer Senke liegenden Borgishain. Dabei hatte Windischleuba zu dieser Zeit bereits einen schützenden Damm bekommen. Das Schutzbauwerk im Schlosspark war das mit Abstand größte Vorhaben im 2,5 Millionen Euro schweren Maßnahmenpaket nach der Flut 2002.

Doch der Damm war aus Umwelt- und Denkmalschutzgründen einen halben Meter tiefer errichtet worden als eigentlich geplant. „Wir wissen bis heute zwar nicht genau, ob dieser halbe Meter das Wasser 2013 abgehalten hätte. Aber im Ort wird das vermutet“, sagt Reinboth.

2013 erwischte es Windischleuba weit schlimmer als 2002

2013 erwischte es Windischleuba weit schlimmer als 2002. Das Unterdorf wurde überflutet, auch die Jugendherberge. Dieses Foto von Detlef Stremke wurde 2013 in einer Flutbilder-Ausstellung im Mauritianum gezeigt.

Quelle: Repro: Mario Jahn

Ein halber Meter macht viel aus, wenn die Angst im Nacken sitzt. Roswitha und Andreas Gumprecht, die in der Mäderstraße und damit an einem der tiefsten Punkte des Unterdorfes leben, können davon berichten. „Man konnte ja über 14 Stunden lang regelrecht zuschauen, wie das Wasser ständig angestiegen ist“, erinnert sich Roswitha Gumprecht, die nach wie vor bei länger andauerndem Niederschlag an die Pleiße fährt, um zu sehen, wie hoch der Fluss steht. „Wenn heute Gäste unsere Pegelmarken sehen, glauben sie nicht, dass wir so hoch das Wasser hatten. Denn den Fluss sieht man ja von hier aus gar nicht“, ergänzt Ehemann Andreas.

Neue Hiobsbotschaft: Ein halber Meter fehlt weiterhin

Der Fluss kann zerstörerisch sein. Auch Viola und Holger Naumann, einige Häuser weiter, wissen das sehr gut. „Das war so gespenstisch, als im ganzen Ort der Strom weg war und das Wasser gut einen halben Meter hoch im Haus stand“, erzählt Viola Naumann. Auf ihren Mann musste sie in dieser Zeit verzichten, denn der ist seit vielen Jahren bei der Feuerwehr.

 

Viola und Holger Naumann in Windischleuba sind leidgeprüft

Viola und Holger Naumann in Windischleuba sind leidgeprüft.

Quelle: Mario Jahn

„Tagelang waren wir in den Stiefeln. Da blendet man aus, dass es daheim nicht viel besser aussieht“, sagt Holger Naumann. Und spricht damit auch für die anderen Kameraden, die bis zur Erschöpfung schufteten. „Das Schlimmste war, als wir nachts im Gerätehaus geschlafen haben und man draußen das Klatschen der Wellen hörte. Das war so surreal.“

Niemand will das noch mal erleben. Und doch ist die Gefahr nicht gebannt. Die Hochwasserschutzmaßnahmen sind derzeit weder in Treben noch in Windischleuba abgeschlossen – wenngleich allein in der Gemeinde Treben seit 2002 rund 6,2 Millionen Euro investiert wurden, wobei vor allem die Flutschutzmauer an der Pleiße ins Auge fällt.

„Wir sind in Treben zu 90 Prozent durch“, sagt Klaus Herrmann. Immerhin. Doch Gerd Reinboth musste seinen Windischleubaern gerade wieder eine Hiobsbotschaft überbringen: Der zusätzliche Damm, der das Unterdorf wirkungsvoll gegen Wasser schützen soll, kommt nicht – wie geplant – in diesem Jahr, sondern wohl erst 2018. Der fehlende halbe Meter, er bereitet noch immer Sorgen.

Wilchwitz: Zoff mit Eigentümern

Altenburg/Jena. Flutvorkehrungen sind eine Geduldsprobe. Weite Gebiete entlang der Pleiße im Altenburger Land müssen warten, bis das nächste Thüringer Landesprogramm Hochwasserschutz ab 2021 startet. Lediglich in den Kernorten Windischleuba, Wilchwitz, Gößnitz und Treben wird es wohl noch vor 2021 baulich weitergehen. Das erklärt die Thüringer Landesanstalt für Umwelt und Geologie (TLUG) in Jena auf Anfrage.

Damit können viele Anwohner frühestens zehn Jahre nach der letzten verheerenden Flut vom Juni 2013 mit dem angekündigten verbesserten Schutz rechnen, bestätigt Thomas Kleinert, Leiter der TLUG-Prüfgruppe Hochwasserschutz. Und er räumt ein, dass frühere Ankündigungen zu optimistisch gewesen seien.

Die Verzögerung sei nicht überraschend, sagt Kleinert. Denn bei Bauvorhaben wie dem Hochwasserschutz laufe nie alles am Schnürchen. Über Gemeinde- und Flurstücksgrenzen hinweg Baumaßnahmen zu realisieren, setze aufwendige Genehmigungsverfahren voraus. Das dauere beinahe zwangsläufig länger als erwartet. „Doch so viel Ehrlichkeit wollte nach der Flut niemand hören, da hieß es immer nur: Das kann und darf keine zehn Jahre dauern, das muss schneller gehen“, erinnert sich Kleinert – und nennt einige Verzögerungsgründe.

Beispiel Wilchwitz. Der Nobitzer Ortsteil war stark betroffen von der Flut, weshalb die Bürger hier schnell einen wirksamen Schutz forderten. Um diesen voranzutreiben, gründete sich sogar eine Bürgerinitiative. Unter anderem kümmerte die sich um die Grundstücke und verlautbarte bereits vor zwei Jahren: Alle Fragen seien geklärt und alle betroffenen Grundstückseigentümer einverstanden, das Land für den geplanten Deich bereitzustellen.

„Aber als wir das dann schriftlich fixieren wollten, war es leider nicht so. Es gab Probleme“, bedauert Kleinert. Nach wie vor seien einige davon nicht gelöst. Eigentümer, so schildert er, verweigerten sich beziehungsweise stellten unannehmbare Forderungen, weshalb die TLUG inzwischen davon ausgeht, dass es zu Enteignungen kommen muss.

Erheblichen Abstimmungsbedarf gebe es auch in Windischleuba. Hier kreuzt der Hochwasserschutz die seit fast zehn Jahren geplante neue Bundesstraße 7 (B7n). Arbeitsintensiv sei zudem die Planung für Treben. Hier galt es wegen des nahen Naturschutzgebietes Haselbacher Teiche, Belange des Artenschutzes zu beachten. „Auf die Weise vergeht ruck, zuck ein Jahr nach dem anderen.“

Gößnitz: Fleischerin zahlt noch ab

Gössnitz. Am 2. Juni 2013 ging Gößnitz unter. Die Pleiße lief über einen Damm und flutete die Innenstadt. Sämtliche Häuser soffen ab, eines davon war die Fleischerei von Kathrin Schmidt. Eine halbe Million Euro Schaden richtete das Hochwasser dort an. Aufgeben aber wollte Kathrin Schmidt nicht. „Es war für mich eine Frage der Ehre, den elterlichen Familienbetrieb zu retten, wieder aufzubauen und weiterzuführen“, erinnert sie sich.

Leichter gesagt als getan. 1,25 Meter hoch stand das Wasser im Erdgeschoss, der Keller war völlig unter Wasser. Viele Maschinen waren hin, die Sanierung dauerte bis Mitte November. 171 Tage ohne Einnahmen. Bis heute sind noch nicht alle Schäden beseitigt. Doch Kathrin Schmidt hatte Glück im Unglück: Sie bekam den Schaden von der Versicherung ersetzt.

Allerdings: Die Thüringer Aufbaubank, die ebenfalls finanzielle Hilfe leistete, forderte einen Teil des Betrages hinterher unerwartet zurück – Geld, das bereits investiert worden war. „Wir zahlen heute noch dafür ab“, ärgert sich die 45-jährige Fleischerin. Froh ist Kathrin Schmidt dagegen über ihre Kunden, von denen ihr die meisten treu blieben und zur Wiedereröffnung alle Räume des Betriebes mit Blumen füllten.

Ob die Pleiße vor vier Jahren tatsächlich die Stadt fluten musste, darüber gibt es in der Stadt unterschiedliche Meinungen. Einige meinen, dass eine Brücke schuld war, die den ohnehin Hochwasser führenden Fluss anstaute und nicht rechtzeitig abgerissen wurde. Bürgermeister Wolfgang Scholz (Initiative Städtebund) lässt dies nur zum Teil gelten. Der Brücke gibt er eine Mitschuld, jedoch habe niemand ahnen können, dass sich dort komplette weggeschwemmte Lauben auftürmen würden, sagt er.

Als Konsequenz von 2013 wurden für Gößnitz drei Hochwasserschutz-Projekte festgelegt. Mit deren Umsetzung ist Scholz aber nicht zufrieden. „Es läuft alles zu schleppend“, ärgert er sich. Der Damm, der überlief, wurde immer noch nicht erhöht. Zwar steht die Schutzmauer im Bereich der Firma Stahlrohrmöbel kurz vor der Fertigstellung. Doch gegen ein Überflutungsgebiet, für das die Gartenanlage August-Bebel-Straße weichen soll, regt sich Widerstand.

Von Jörg Wolf

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