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Löbnitz nach dem Hochwasser: Altes Megafon und neuer Deich

Flutserie Teil 11 Löbnitz nach dem Hochwasser: Altes Megafon und neuer Deich

Im August 2002 versanken viele Orte in der Jahrtausendflut. 15 Jahre später sind Millionensummen in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer? Die LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Löbnitz.

Axel Wohlschläger (links) sowie Detlef Hoffmann zeigen das Megafon, das hoffentlich nicht wieder bei einem Hochwasser zum Einsatz kommen muss.
 

Quelle: Wolfgang Sens

Löbnitz.  Gibt es das berühmte Megafon von 2002 noch? Eine solche Frage bringt Axel Wohlschläger, der die Flut 2002 als Löbnitzer Feuerwehrchef und die von 2013 als Bürgermeister erlebt hat, nicht aus der Ruhe. Er holt es einfach aus dem Feuerwehrauto. „2002“, so erklärt er, „war es unser wichtigstes Kommunikationsmittel. Und nach dem Stromausfall sogar das einzige.“

Nicht nur er hofft, dass es nun keinen weiteren dramatischen Hochwassereinsatz hat. Die Zeichen dafür stehen gar nicht so schlecht. Doch der Reihe nach.

Pflegeheim wurde zwei Mal evakuiert

Löbnitz ging sowohl 2002 als auch 2013 unter. Das Pflegeheim mit über 50 Bewohnern sowie die rund 70 Grundstücke in der Fasanerie und Anlage mussten jeweils evakuiert werden. Doch auch das Reitstadion samt Sportplatz oder der Campingplatz im Ortsteil Roitzschjora versanken in den Fluten. Axel Wohlschläger: „2002 hat die Mulde in den Eigenheimen der Fasanerie selbst in den Erdgeschossen über einen Meter hoch gestanden. Das Wasser ist damals aber wesentlich schneller abgeflossen, obwohl die Mulde 2013 etwa 40 bis 50 Zentimeter tiefer stand.“

In der Löbnitzer Eigenheimsiedlung An der Fasanerie gingen 2002 (Foto) und 2013 alle Häuser unter

In der Löbnitzer Eigenheimsiedlung An der Fasanerie gingen 2002 (Foto) und 2013 alle Häuser unter. Für die betroffenen Hausbesitzer ein Bild des Schreckens. Am Ende half nur der Abrissbagger.

Quelle: Familie Arndt

Auch die Kommunikation sei 2002 schwerer gewesen. Detlef Hoffmann, der im Krisenstab der Gemeinde die Technische Einsatzleitung hatte, erinnert sich jedenfalls noch genau, wie er 2002 mit der damaligen Bürgermeisterin Gerda Prautzsch abwechselnd die Bürger informierte. „Hochwasser, Dammbruchgefahr, Evakuierung“, das seien die drei wichtigsten Vokabeln gewesen, die durch das Megafon schallten.

Mann und Kuhherde gerettet

Ein Megafon hätte sich sicher auch der Löbnitzer gewünscht, der doch nur die Fenster im Haus seiner Kinder in der Fasanerie schließen wolle. „Als er am 15. August, also am Donnerstagmorgen, mit dem Rad hinfuhr, hat das Wasser ja auch nur 20 Zentimeter hoch gestanden“, erzählt Axel Wohlschläger. „Doch plötzlich waren die Straßen Kanäle. Seine Hilferufe von der erhöhten Terrasse wurden zum Glück im Ort gehört. Wir sind jedenfalls mit dem Schlauchboot hin, wobei wir uns nur an den Straßenbäumen orientieren konnten. Auch der Zaun konnte einfach überfahren werden, die Bergung gelang.“

Land unter in Löbnitz im August 2002

Land unter in Löbnitz im August 2002.

Quelle: Feuerwehr Löbnitz

Neben der Kuhherde, die die Löbnitzer Kameraden zuvor bei Groitzsch aus dem Wasser geholt haben, indem sie ein Kalb ans Boot banden, dem dann alle Kühe schwimmend durchs Wasser folgten, ist das ein Rettungseinsatz, den Axel Wohlschläger wohl nie vergessen wird.

Die Tage im August 2002, bei dem in Löbnitz ein Schaden von insgesamt etwa 25 Millionen Euro entstand, haben sich auch bei Christiane Arndt ins Gedächtnis eingebrannt.

Doch mal ein bisschen was hoch räumen

„Am Dienstag, dem 13. August 2002“, so erinnert sie sich, „hat mich mein damals 20-jähriger Bruder Holger, ein Löbnitzer Feuerwehrmann, von seinem Einsatz in Eilenburg angerufen. Ich solle vielleicht doch mal ein bisschen was hoch räumen.“ Da sich ihre Eltern zu diesem Zeitpunkt auf Silberhochzeitsreise befanden, hatte die damals 24-Jährige für das Haus alleine die Verantwortung.

„Die Gefahr so richtig realisiert habe ich aber nicht“, räumt sie unumwunden ein. Dennoch habe sie Fahrrad, Werkzeuge und Co. aus dem Keller ins Erdgeschoss geräumt, aber vorher noch für einen Schutz des Teppichs gesorgt. Am Mittwoch sei es dann unruhiger geworden, immer mehr Fahrzeuge fuhren durch die idyllische Eigenheimsiedlung.

Die Geschwister Holger und Christiane Arndt wohnen mit ihren Familien beide in der Fasanerie

Die Geschwister Holger und Christiane Arndt wohnen mit ihren Familien beide in der Fasanerie. Seit der Fertigstellung des Flügeldeiches Löbnitzes sind ihre Häuser nach menschlichem Ermessen hochwassersicher.

Quelle: Wolfgang Sens

„Und dann kam gegen Mittag von der damaligen Bürgermeisterin die Information, dass die Fasanerie evakuiert wird. Wir sollten Papiere und die wichtigsten Sachen packen.“ Sie selbst sei dann mit ebenfalls betroffenen Verwandten zu den in unmittelbarer Nähe, aber höher wohnenden Großeltern gezogen.

Sirene im Dauerton und weinende Oma

„23 Uhr hörten wir die Sirene im Dauerton. Meine Oma weinte, vermutete, dass jetzt wohl der Damm gebrochen sei. Doch das war er nicht, zumindest noch nicht.“ Sie selbst habe die Untätigkeit nicht ausgehalten und sei Sandsäcke füllen gegangen. Doch von der Sandfüllstation seien die Fasaneriebewohner noch in der Nacht von der Feuerwehr weggeholt worden. „Wir verstärken eure Häuser“, hieß es. Sie hätten also gemeinsam, zum Teil im Taschenlampenlicht, Keller und Türen mit Sandsäcken abgedichtet.

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Unfassbare Zerstörung: Die Flut hatte 2002 Löbnitz, Pouch und Roitzschjora große Verwüstungen hinterlassen. Der Wiederaufbau gelang. Spuren der Flut von damals sind kaum noch zu sehen.

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„Am Donnerstag, um 4 Uhr morgens, haben wir uns jedenfalls in der Hoffnung zurückgezogen dass das, was wir gemacht haben, hilft“, so Christiane Arndt. Sie sei durchaus optimistisch gewesen: „Denn als ich gegen 5.30 Uhr mit dem Fahrrad zum Damm fuhr, sah ich, dass das Wasser schon mal einen halben Meter höher gestanden hatte.“ Also alles noch mal gut gegangen? Ein Irrtum, der auf einen rund zwei Stunden vorher erfolgten Deichbruch beruhte.

Zu ihrem Haus durfte sie jedenfalls auch am Donnerstag nicht, Soldaten sicherten das ab. „Wir haben dennoch aus der Ferne gesehen, wie das Wasser von Roitzschjora kam, die restlichen Wohnwagen auf dem Campingplatz mit sich riss. Da wusste ich, dass nicht nur unsere Keller untergehen“, so Christiane Arndt, die diese Flut übrigen in die Reihen der Feuerwehr „spülte“, in der sie bis heute tätig ist. Und als solche musste sie dann auch miterleben, wie 2013 ihr gerade einzugsfertiges Eigenheim in der Fasanerie erneut unterging.

Polder Löbnitz soll bis 2022 fertig sein

Denn der Flügeldeich Löbnitz kam für die Juniflut 2013 gut drei Jahre zu spät. Er ist für Löbnitz das wichtigste Bauwerk innerhalb des größten Polders in Sachsen, dem der 2000-Einwohner-Ort Löbnitz seinen Namen gibt. Etwa 40 Prozent des 45-Millionen-Euro-Polders, bei dem es sich um eine Art Badewanne mit 15 Millionen Kubikmeter Fassungsvermögen handelt, sind gebaut. „Bis 2022 wollen wir fertig sein“, so die Einschätzung von Axel Bobbe, Betriebsteilleiter der zuständigen Landestalsperrenverwaltung.

Endlich

Endlich: Der Baustart für den Löbnitzer Flügeldeich im Mai 2015.

Quelle: Wolfgang Sens

Der Polder Löbnitz wird von dem benachbarten Polder Rösa in Sachsen-Anhalt ergänzt. Die dortige Badewanne ist mit 520 Hektar nur etwa ein Drittel so groß, dafür umso tiefer. Nach deren für 2020 geplanten Fertigstellung soll diese bei einem Hochwasser, wie es statistisch alle 100 Jahre vorkommt, rund 20 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen.

100-prozentige Sicherheit gibt es nicht

Bereits viel eher, nämlich ab einem sogenannten 25-jährigen Hochwasser, soll der Polder Löbnitz geöffnet werden. Die Mulde ergießt sich dann über das Einlasswehr bei Wellaune über etwa 1400 Hektar Äcker und Wiesen von Bad Düben bis Löbnitz. Um die in der Badewanne liegenden Ortschaften zu schützen, bekommen diese einen komfortablen sogenannten 100-jährigen Hochwasserschutz.

Gigantisch

Gigantisch: Der Polder Löbnitz ist mit das größte sächsische Flutschutzbauwerk. Kosten: 50 Millionen Euro. Geflutet wird der Polder ab 25-jährigem Hochwasser. Schnaditz wird von einem Ringdeich geschützt, Wellaune vom Flügeldeich. Es fehlen aber noch Ein- und Auslauf bei Wellaune und Schnaditz (gelb). Ziel: Bis 2022 soll das gebaut sein.

Quelle: Landestalsperrenverwaltung

Neben den Bad Dübener Stadtteilen Wellaune, Schnaditz und Tiefensee betrifft das eben auch Löbnitz mit seinem 1,3 Kilometer langen Flügeldeich. „Seine Fertigstellung im November 2016 bedeutet uns sehr viel“, so Bürgermeister Axel Wohlschläger. Auch wenn er weiß, 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht.

Mit wenig Aufwand wäre mehr möglich

Eins ärgert den Löbnitzer Bürgermeister. „Mit wenig Aufwand hätte sich viel mehr bewegen lassen.“ Er rechnet vor: „2002 haben der Seelhausener See in Löbnitz und die damals noch in der Flutung befindliche Goitzsche in Bitterfeld rund 100 Millionen Kubikmeter Wasser von Bitterfeld und den anderen Unterliegern abgefangen.“

Fertig

Fertig: Im November 2016 wird der Ringdeich Löbnitz übergeben.

Quelle: Wolfgang Sens

Selbst 2013, als sich die Mulde erneut über den Seelhausener See via Döberner Wald unkontrolliert in die tiefer gelegene Goitzsche ergoss, pufferten der Seelhausener See und die Goitzsche rund 75 Millionen Kubikmeter Wasser. Würde man sie künftig kontrolliert fluten, könnten die Unterlieger direkt und Löbnitz zumindest indirekt bei Extremhochwassern wegen der geringeren Rückstaugefahr profitieren.

Seen haben Bitterfeld zwei Mal gerettet

Andere Experten, zu denen beispielsweise Andreas Berkner, Leiter der Regionalen Planungsstelle Leipzig beim Regionalen Planungsverband Westsachsen gehört, schätzen den Rückhalt der Seen mit 90 Millionen Kubikmeter 2002 und 60 Millionen Kubikmeter 2013 ähnlich ein. Fest steht, die beiden Seen haben bei einer kontrollierten Flutung, bei der sie etwa 50 Millionen Kubikmeter Wasser aufnehmen könnten, immer noch mehr Fassungsvermögen als die Polder Löbnitz und Rösa, die zusammen lediglich auf 35 Millionen Kubikmeter kommen.

Unfassbare Zerstörung

Unfassbare Zerstörung: Die Flut hatte 2002 die Straße zwischen Löbnitz und Pouch zerstört...

Quelle: Dpa

... doch der mühsame Wiederaufbau gelang.

Quelle: dpa-Zentralbild

Zwei Mal haben die Seen bisher das an der Goitzsche liegende Bitterfeld zumindest weitgehend gerettet. Wie sich die Mulde nach dem Polderbau bei einem Extremhochwasser wirklich verhält, weiß keiner. Denn die Polder Löbnitz und Rösa verbessern die Situation zwar, doch andererseits dürften die sächsischen Deichsicherungen dafür sorgen, dass künftig mehr Wasser bis Löbnitz in der Mulde bleibt. Reichen die Polder dann nicht, könnte die Mulde sich wieder unkontrolliert den Weg über beide Seen oder, für Bitterfeld besonders gefährlich, auch nur über die Goitzsche bahnen.

Löbnitz weiß: Die Mulde fragt nicht

Dass man gerade in Sachsen-Anhalt die Seen selbst im Extremfall nicht nutzen möchte, will Axel Wohlschläger daher nicht in den Kopf. Er macht sich mit weiteren Experten seit Jahren genau dafür stark. Doch genauso lange bleiben diese Hinweise vor allem in Sachsen-Anhalt ungehört. Löbnitz selbst baut vor. An den Ufern des 78 Meter über Normalhöhennull (NHN) liegenden Seelhausener Sees, der wie sein Goitzsche-Nachbar über viel touristisches Potenzial verfügt, wird eine feste Bebauung jedenfalls erst ab 84 NHN erlaubt. Denn im Zweifelsfall fragt die Mulde nicht. Und Sicher ist Sicher.

Von Ilka Fischer

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