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Nach dem Hochwasser kam die Sonnenblumen-Flut in Colditz

Flutserie Teil 4 Nach dem Hochwasser kam die Sonnenblumen-Flut in Colditz

Im August 2002 versanken ganze Landstriche entlang von Mulde, Elbe und Pleiße in den Wassermassen der Jahrtausendflut. 15 Jahre später ist viel Geld in den Hochwasserschutz geflossen. Aber sind wir heute wirklich sicherer vor der nächsten Flut? Die große LVZ-Serie fragt nach. Heute: In Colditz, Erlln, Sermuth und weiteren kleinen Orten im Muldental.

Die Sonnenblumen-Flut von Colditz 2014: Peter Letzas sitzt vor seiner wild ausgesäten Blütenpracht. Das Wunder hielt nur einen Sommer – jetzt ist die Wut zurück. Viele Colditzer fühlen sich in Sachen Flutschutz vergessen.
 

Quelle: Haig Latchinian

Colditz.  Das Meer von Sonnenblumen – die schönste Antwort auf die Flut an Schlamm. Im Haus von Peter Letzas stand das Wasser fast zweieinhalb Meter hoch: „Bis 2005 hatte ich eine Zoohandlung. Als ich zugemacht hatte, war Papagei Koko übrig geblieben. Also nahm ich ihn mit zu mir in die Haingasse.“ Weil Koko am liebsten Sonnenblumenkerne knabbere, hat sein Herrchen immer entsprechenden Vorrat im Wirtschaftsraum stehen: „Zur Flut 2013 weichten die Papiersäcke auf und die Kerne vermischten sich mit dem Dreck. Der Radlader fuhr den Schlamm raus und so gelangten die Sonnenblumenkerne ans Ufer.“ Die Strömung sorgte schließlich für die Verbreitung. Die Saat ging auf – auf fast einem Kilometer.

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Schreckensbilder aus dem Sommer 2002: Eine zwei Meter hohe Flutwelle erreichte am 13. August Colditz. In den dramatischen Augusttagen wurde die sonst zahme Mulde zum reißenden Strom und hinterließ eine Spur der Verwüstung.

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Das Wunder von Colditz – es war von kurzer Dauer. Die Sonnenblumen blühten nur einen Sommer lang und überhaupt herrscht Katerstimmung im sonst so schmucken Bilderbuchstädtchen, von dessen hoch über der Stadt thronendem Schloss einst Sachsen regiert wurde. Bürgermeister Matthias Schmiedel (parteilos) sagt unumwunden: „Die Mauer, die für Colditz geplant war, kommt nicht. Das macht uns traurig und wütend zugleich.“

Unruhe kommt mit jedem Regen

Sobald es eine Woche lang regne, werde er unruhig, verrät Heiner Böhme. Der 75-jährige Pfarrer i. R. („in Reichweite“) wohnt mit seiner Marga seit 2000 im schicken Eigenheim direkt am Muldenufer. Der leidenschaftliche Paddler hatte sich damals sofort in das Wassergrundstück verliebt: „Am 11.11. waren wir hier eingezogen, Punkt 11. 11 Uhr hatte ich mit den Jungs von der Transportfirma angestoßen.“ Die Schnapszahlen hätten ihm bisher immer Glück gebracht: Am 8. 8. hatte er Hochzeitstag, an einem 4. 4. wurde er zum Pfarrer ernannt. Doch schon die erste Flut 2002 zeigte, dass es fortan alles andere als feuchtfröhlich werden würde.

Es war an jenem Augustmorgen, als die sonst zahme Mulde zum reißenden Strom wurde: „Eine tote Kuh trieb vorbei, dazu ein riesiger Baumstamm. Nebenan riss es den Gastank aus der Verankerung.“ Die Strömung sei so stark gewesen, dass niemand raus und rein kam. „Meine Tochter eilte aus Leipzig zu Hilfe und stand auf einem benachbarten Hügel. Um ein Lebenszeichen zu geben, nahm ich die Trompete und fing an zu blasen. Sie muss gedacht haben, Vater ist verrückt geworden ...“

Was folgte, sei schon hundertmal erzählt und geschrieben worden: „Schlamm schieben, schippen, spritzen.“ Am 10.11.2002, diesmal also offenbar ganz bewusst nicht am 11. 11., lud der Pfarrer zum Dankgottesdienst ein. „Unser Wohngebiet hatte so viel Hilfe erfahren, dass das Thema lautete: ,Wirkliche Freundschaft ist Freundschaft in schweren Stunden’.

Im August 2012 feierten wir auf der Uferstraße unsere Auferstehung, wir waren wieder hier, in unserem Revier! Niemand hätte sich vorstellen können, dass es ein knappes Jahr später noch viel schlimmer kommen sollte als 2002.“

Null Akzeptanz für Drei-Meter-Mauer?

Axel Bobbe, Betriebsleiter der zuständigen Talsperrenmeisterei in Rötha, sagt klipp und klar: „Für die 2004 geplante etwa ein Kilometer lange und bis zu drei Meter hohe Mauer gab es keine Akzeptanz. Die Leute an dem einen Ufer wollten nicht auf ihren gewohnten Blick verzichten, die Bewohner auf der gegenüber liegenden Seite fürchteten eine größere Gefährdung.“ Wegen des eiszeitlichen Schotterkegels seien Horizontaldrainagen parallel zur Mauer nötig gewesen, um zu verhindern, dass das Wasser dennoch in die Altstadt drückt.

Kosten höher als die Schäden

„Das kostet Geld, viel Geld, zu viel Geld. Am Ende wären die Baukosten höher ausgefallen, als beim Hochwasser an Schaden entstehen würde“, sagt Bobbe. 2015 wurde das Projekt abgebrochen. Dennoch sei es nicht so, dass in Colditz gar nichts getan wurde: Nach 2002 und 2013 habe man etliches Geröll aus dem Flussbett gebaggert. Da die aus dem Erzgebirge angeschwemmten Steine zum Teil mit Arsen belastet sind, mussten sie auf Deponien entsorgt werden. Kosten: 1,5 Millionen Euro. „Zudem haben wir nach größeren Abbrüchen an drei Standorten das Ufer befestigen müssen, was mit weiteren 1,6 Millionen Euro zu Buche schlug“, so Bobbe.

Das große Aufräumen

Das große Aufräumen: In Colditz stapelte sich nach der Flut 2013 der Sperrmüll in den Straßen

Quelle: Frank Schmidt

„Natürlich kann man sagen, die Colditzer wollten unmittelbar nach 2002 keine Mauer“, holt Stadtoberhaupt Schmiedel aus: „Die meisten dachten, das nächste schlimme Hochwasser kommt, wenn überhaupt, eh erst in 50 Jahren – 2013 setzte das große Umdenken ein. Leider zu spät.“ Doch dürfe man die Colditzer deshalb im Stich lassen? „Nein“, findet der Bürgermeister: „Wenn wir sehen, was andernorts an Schutz verbaut wird, fühlen wir Colditzer uns benachteiligt.“

„Ihr lasst uns absaufen wie die Ratten!“

Heiner Böhme sagt es drastischer: „Unsere Kinder sind um ihr Erbe gebracht worden. Als ich mein Haus bauen ließ, wusste ich nicht, dass mein Grundstück im Überschwemmungsgebiet liegt. Jetzt sind wir offiziell Überflutungsgebiet. Wie soll ich da noch verkaufen?!“ Nach 2002 habe man eine Umsiedlung des Wohngebiets geprüft. Die Kosten seien von Staats wegen zu hoch, hieß es. „Ihr lasst uns hier absaufen wie die Ratten!“ – der Hilferuf der Ufer-Bewohner wurde nicht erhört.

Blick vom Colditzer Schloss in Richtung Sermuth

Blick vom Colditzer Schloss in Richtung Sermuth: Die Haingasse (r.) und das Wohngebiet „Am Ufer“ (l.) waren 2013 die am stärksten betroffenen Stadtteile.

Quelle: Günther Spiegel

Als die Wassermassen 2013 noch unerbittlicher zuschlugen als je zuvor und seine Frau Marga sämtliche Möbel in Sicherheit bringen wollte, lag Böhme nach schwerer Operation gerade im Leipziger Krankenhaus. Vom Bett aus verfolgte er die dramatischen Fernsehbilder aus Colditz. Zu allem Unglück musste auch noch seine vor Schmerzen schreiende Frau mit dem Rettungswagen abtransportiert werden: Bandscheibenvorfall. Böhme ließ sich unverzüglich entlassen. Als er vor Ort den ganzen Schlamassel sah, rutschte er zusammen.

Kaum zu glauben, aber wahr: Der Pfarrer hat es sich bewahrt, sein Gemüt, das so sonnig ist, wie Peter Letzas’ Blumen am anderen Ufer. In vollen Zügen genießt er das Leben, er paddelt und angelt. Und doch verheimlicht er seinen Zorn nicht: „Ich erlaube mir, im Namen unseres Wohngebiets und auch der Altstadt zu sprechen: In dem zügellosen Schneller, Höher, Weiter unserer Zeit sind wir kommenden Hochwassern ungeschützt ausgeliefert. Wir sind eine Notgemeinschaft!“

Die Sonnenrosen haben sich rar gemacht. Keine Spur mehr vom einstigen Blumenmeer. Der 72-jährige Peter Letzas steht in seiner Haingasse an der kleinen Bruchsteinmauer, die vor langer Zeit zum Schutz gegen Eisschollen gebaut wurde. „Nach der Jahrhundertflut waren mal Spezialisten da, die für die geplante große Mauer gemessen hatten. Das verlief sich aber alles im Sande.“ Zumindest sein Papagei Koko, 27 Jahre jung, sei quietschvergnügt, lasse sich die Sonnenblumenkerne schmecken: „Den Koko muss ich mal vererben. Wissen Sie nicht, dass Papageien bis zu 90 Jahre alt werden?“

Schlamm schippen? Sermuth verblüffte 2013 die Kamerateams

Bewährungsprobe im Juni 2013 bestanden

Bewährungsprobe im Juni 2013 bestanden: Die neue Hochwasserschutzmauer hielt den Ort Sermuth trocken – anders als noch zur Flut 2002.

Quelle: Frank Schmidt

Der MDR wollte zur Juniflut 2013 in den Orten Erlln und Sermuth drehen, wie die Leute Schlamm schippen. Die Kameraleute staunten nicht schlecht, als sie sahen, dass die Bewohner anders als noch 2002 nur ihre Blumen gegossen hatten. Grund: Erlln und Sermuth gehörten zu den ganz wenigen Orten an der Mulde, die 2013 vor abermaligen Zerstörungen verschont blieben. Zwar wurden die Einwohner sicherheitshalber evakuiert, konnten nach der großen Welle aber wieder in ihre Häuser zurück kehren.

  • Erlln: Der Ringdamm mit kleinem Pumpwerk im Dorf gilt als Musterbeispiel für einen effektiven Hochwasserschutz. Nachdem bei der Flut 2002 der gesamte Ort komplett unter Wasser stand und wegen des Deichbruchs große Schäden zu beklagen waren, erklärten sich die Grundstückseigentümer umgehend dazu bereit, sich von Land zu trennen, um eine Erhöhung des Deiches zu ermöglichen. Die Folge war ein zügiges Genehmigungsverfahren. Bereits 2006 konnte der erste Spatenstich gefeiert werden, Fertigstellung war im April 2007. 5,8 Millionen Euro wurden investiert.
  • Sermuth: Auch hier wurden nach der Flut 2002 die Deiche beidseitig erhöht und verstärkt. Wo es enge Platzverhältnisse gab, musste der Deich als Stahlbetonmauer errichtet werden. 2005 baute man an der Mündung des Leitenbaches ein großes Pumpwerk, um zu verhindern, dass der Bach im Falle eines Hochwassers der Mulde für zusätzliche Gefahr sorgt. Kostenpunkt für Deich und Pumpwerk rund 7,5 Millionen Euro. Für etwa eine halbe Million Euro entstand zudem ein Polder, um landwirtschaftliche Nutzfläche zu schützen.
  • Kleinsermuth: Die Ortslage befindet sich direkt am Zusammenfluss von Zwickauer und Freiberger Mulde. Während des Augusthochwassers 2002 stand das Wasser dort teilweise bis zu zwei Meter hoch. Daraufhin wurden Deiche ertüchtigt und Mauern gebaut. Im Dezember 2008 erfolgte der Planfeststellungsbeschluss. Baubeginn war am 13. August 2009, genau sieben Jahre nach dem Hochwasser von 2002. Die Arbeiten (Kosten etwa 2,5 Millionen Euro) sind seit August 2011 abgeschlossen. Zur Flut 2013 hielt der Schutz stand.
  • Sowohl 2002 als auch 2013 wurde die Vereinsanlage des SV Eintracht Sermuth schwer geschädigt. Der damalige DFB-Präsident Wolfgang Niersbach überreichte Anfang 2014 in Sermuth einen Scheck in Höhe von 100 000 Euro. Das Geld sollte genutzt werden, um Planungsleistungen für einen Umzug des Sportplatzes an einen hochwassersicheren Standort zu finanzieren. Dieser wurde gefunden und der Kostenrahmen für die Umsiedlung später auf rund fünf Millionen Euro geschätzt. Da die Sächsische Aufbaubank (SAB) der Kommune allerdings nur Fördergelder über 1,45 Millionen Euro zusagte, stellte sich der geplante Umzug in Sermuth als nicht finanzierbar heraus.
  • Tanndorf und Maaschwitz: Mit einer groß angelegten Unterschriftenaktion gingen die von der Juniflut 2013 abermals schwer getroffenen Tanndorfer und Maaschwitzer im Jahr 2015 an die Öffentlichkeit. Nachdem es 2002 noch Bedenken einiger weniger Bewohner gab, beauftragten die 120 Unterzeichner nun sowohl Stadtrat als auch Bürgermeister, sich bei den zuständigen Stellen für den Bau des bereits geplanten Ringdammes um die beiden Ortsteile einzusetzen. Doch der wird nicht kommen. Inzwischen haben sich alle Varianten als zu teuer erwiesen. Auch kleine, tief zu gründende Mauern in der Nähe des Podelwitzer Schlosses sind derzeit kein Thema mehr, da die Baukosten die zu erwartenden Schäden bei weitem überträfen.

Von Haig Latchinian

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