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„Passiert ist noch gar nichts!“ – Außig wartet auf seinen Flutschutz

Flutserie Teil 14 „Passiert ist noch gar nichts!“ – Außig wartet auf seinen Flutschutz

Im August 2002 brach über den Osten eine verheerende Flutkatastrophe herein. Entlang von Mulde, Elbe und Pleiße wüteten Wassermassen. 15 Jahre danach sind knapp eine Milliarde Euro in den Flutschutz geflossen. Sind wir damit sicher vor der nächsten Flut? Zum Abschluss der Serie blicken wir nach Außig an der Elbe.

Nicht nur Menschen, auch die Tiere litten unter dem Hochwasser.
 

Quelle: Dirk Hunger

Außig.  Auf die Alten ist Verlass, hatte sich Stefan Rudolph gedacht. Damals im Sommer 2002 als der Regen in Tschechien so gar nicht aufzuhören schien und der Elbpegel stieg. Der Handwerksmeister betrieb in Außig, einem Ortsteil von Cavertitz in Nordsachsen eine Tischlerei auf einem großen Hof. Hinter der Werkstatt begann der Garten und dahinter die Elbwiesen, der große Fluss, der die meiste Zeit im Jahr träge dahinfloss, immer in Sichtweite.

Schönstes Augustwetter – aber die Tischlerei Rudolph versinkt im Wasser

Schönstes Augustwetter – aber die Tischlerei Rudolph versinkt im Wasser.

Quelle: Dirk Hunger

„Wir haben nie an Hochwasser gedacht“, blickt Ehefrau Anja Rudolph zurück. Einfach kein Thema sei das gewesen. „Die älteren Außiger haben immer mal erlebt, dass das Wasser am Dorfende eine Handbreit stand, wenn die Elbe sich ausgebreitet hat. Aber so eine richtige Flut? Die Leute haben uns immer gesagt ’ihr braucht keine Angst zu haben, hier passiert das nicht’.“ Ein Irrtum wie sich herausstellte.

Die Elbe? Sieht in der Ferne wenig gefährlich aus

Mittlerweile ist wieder schönstes Augustwetter, in der Tischlerei wird Holz für Treppen im Meißner Landesgymnasium St. Afra angeliefert. Einen Tag später werden die Eschebohlen im Wasser versunken sein. Dabei haben Rudolphs genau wie ihre Nachbarn in Außig noch versucht, Vorsorge zu treffen: Das Ehepaar macht die Tischlerei dicht, lässt Kies anfahren, der hinter dem Grundstück aufgeschüttet wird und verteilt Sandsäcke.

Schönstes Augustwetter – aber die Tischlerei Rudolph versinkt im Wasser

Ein Dorf versinkt in den braunen Wassermassen: Im August 2002 fiel Außig der Jahrtausendflut zum Opfer. Auch Oschatz, Schirmenitz und Wermsdorf gingen baden. Außig wurde schon elf Jahre später erneut von der Flut zerstört.

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Die Elbe? Sieht in der Ferne immer noch wenig gefährlich aus. Zwischen dem 13. und 17. August steigt erst der Dahlezufluss weiter an und setzt die Anliegergrundstücke in Schirmenitz und Außig unter Wasser, später kommt die Elbeflut hinzu. „Nachmittags habe ich noch Rosen verschnitten und innerhalb einer Stunde kam das Wasser von überall“, erinnert sich Anja Rudolph. Das Ehepaar, das mit seinen Kindern in Cavertitz wohnte, war gezwungen, Außig zu verlassen. Seit dem 14. August galt Katastrophenalarm, die Einwohner wurden auf eine Evakuierung vorbereitet. 1,20 Meter hoch stand das Wasser dann im Dorf.

Stefan und Anja Rudolph vor der Tischlerei Rudolph in Cavertitz.

Stefan und Anja Rudolph vor der Tischlerei Rudolph in Cavertitz.

Quelle: Jana Brechlin

„Vieles ist wirklich weggeschwommen, das, was dablieb, war mit einem Dreckfilm überzogen, Maschinen und Material ein Totalschaden“, erinnert sich Stefan Rudolph. So wie das Wasser zurückwich, begannen die Außiger, Schäden zu dokumentieren und aufzuräumen. „Es gab viel Hilfsbereitschaft von allen Seiten, das war eine unheimliche Dynamik, dabei ist das Dorf zusammengerückt“, blickt er zurück.

Die trotzige Hoffnung „Wir machen weiter“ einte die Anrainer an Elbe und Dahle. Nur sechs Wochen später lief die Tischlerei wieder und wurde bei laufendem Betrieb weiter aufgebaut. Dass es Entschädigung gegeben hätte, wenn das Unternehmen ein Vierteljahr Betriebsruhe eingelegt hätte, war Rudolph erst später klar.

„Wir saßen im Büro und auf den Wänden wuchs der Schimmel. Das war gesundheitsschädlich und naiv von uns.“ Aber man war überzeugt, das Schlimmste ist überstanden. „Schließlich war immer von Jahrhundertflut die Rede. Wir waren uns sicher, so etwas erleben wir nicht noch einmal“, sagt Anja Rudolph.

„In Außig baue ich den Betrieb nicht noch einmal auf“

Heute weiß sie es besser, denn 2013 stand Außig wieder unter Wasser. „Als ich damals den Pegelstand von Schöna gehört habe, wusste ich genau, was auf uns zukommt. Wir haben ausgeräumt, was auszuräumen ging“, beschreibt Stefan Rudolph. Wieder fürchtete der Handwerker um seine Existenz, musste seine Leute nach Hause schicken und Auftraggebern absagen. In den schlaflosen Nächten damals war für den Tischler schnell klar: „Das war es, in Außig baue ich den Betrieb nicht noch einmal auf.“

Schönstes Augustwetter – aber die Tischlerei Rudolph versinkt im Wasser

Schönstes Augustwetter – aber die Tischlerei Rudolph versinkt im Wasser.

Quelle: Dirk Hunger

Heute ist die einstige Werkstatt verwaist, das Unternehmen ist in Cavertitz auf einem ehemaligen LPG-Gelände neu und hochwassersicher wieder aufgebaut. Die Flut 2002 ist überwunden. Oder? Nicht ganz, denn die Erinnerungen sind stark. „Ich kann diese Momente, als alles auf unserem Hof im Wasser versank, immer noch nachvollziehen“, gesteht Anja Rudolph. Und ihr Mann Stefan wird ungehalten, wenn er an den versprochenen Flutschutz für Außig denkt.

„Passiert ist noch gar nichts, es gibt praktisch keinen Schutz für das Dorf und wer weiß, wie schnell wieder ein Hochwasser droht.“ Auch wenn sie mit ihrer Tischlerei den Ort verlassen haben, fühlen sie sich Außig noch verbunden. „Wir haben dort noch ein Grundstück und Mieter und jahrelang in der Nachbarschaft gearbeitet“, sagt Stefan Rudolph, „wir wünschen uns sehr, dass die Außiger wirklich keine Angst mehr vor einer Elbeflut haben müssen.“

Bau des Polders frühestens 2019

Außig. Die Rettung für Außig im erneuten Hochwasserfall soll ein Flutpolder sein. Diese „Badewanne“ zwischen Seydewitz, der Elbe, Außig und Paußnitz soll über elf Millionen Kubikmeter Wasser aus Elbe und Dahle aufnehmen können. Bisher existiert das Projekt nur auf dem Papier (siehe Grafik). Bei der Auslegung der Planungsunterlagen 2014 seien so viele Einwände, vor allem von der Naturschutzbehörde, eingegangen, dass man vieles neu überarbeiten musste, erklärt Axel Bobbe von der Landestalsperrenverwaltung Sachsen.

Wie eine Badewanne soll der Flutpolder – hier rot dargestellt – Außig schützen. Bis zu elf Millionen Kubikmeter Wasser soll er aufnehmen, die Bauzeit wird fünf bis sieben Jahre dauern.

Wie eine Badewanne soll der Flutpolder – hier rot dargestellt – Außig schützen. Bis zu elf Millionen Kubikmeter Wasser soll er aufnehmen, die Bauzeit wird fünf bis sieben Jahre dauern.

Quelle: Grafik: Dirk Hunger, Quelle: Landestalsperrenverwaltung

Dabei war nach der Flut 2002 bereits im Jahr 2004 das Hochwasserschutzkonzept für die Elbe im Umweltministerium bestätigt worden, woraufhin eine Polderstudie für die Elbe und seit 2010 der Flutschutz für Außig erarbeitet wurde. 2012 stellten Mitarbeiter der Landestalsperrenverwaltung die Vorzugsvariante bei einer Einwohnerversammlung im Dorfgemeinschaftshaus vor – das ein Jahr später erneut in den Fluten versank.

Schutz vor 100-jährigem Hochwasser

Jetzt sind die Planungsunterlagen erneut überarbeitet worden und sehen zum Beispiel mehr Ausgleichsmaßnahmen vor. „Ende des Jahres wird alles der Landesdirektion übergeben und Anfang 2018 dann erneut ausgelegt“, so Axel Bobbe zum weiteren Fahrplan vor. Abhängig vom Genehmigungsverfahren könnte dann 2019 oder im Jahr darauf der Baubeginn des Elbepolders entlang des bestehenden Deiches sein. Zusätzliche Deichanlagen, Einlaufbauwerke an Elbe und Dahle sowie ein Auslauf im Norden gehören zu den Plänen.

„Wir brauchen dafür sicher fünf bis sieben Jahre und werden dort 45 bis 50 Millionen Euro verbauen“, so Bobbe. Dann soll der Polder Schutz vor einem Jahrhunderthochwasser bieten. Nur passieren darf bis dahin nichts. Für Außig sei das eine „ganz lange Geschichte“, räumt der Betriebsleiter der Landestalsperrenverwaltung ein. Anderseits sei es gelungen, in den vergangenen 15 Jahren eine ganze Reihe von Ortschaften entlang von Flüssen und Gewässern hochwassersicher zu bekommen.

Talsperre Döllnitzsee jetzt erweitert

Dazu gehören auch die Anrainer an der Döllnitz. Weil 2002 die Talsperre Döllnitzsee bei Wermsdorf übervoll war und in der Folge die Döllnitz anstieg und bis nach Oschatz für Hochwasser sorgte, hat der Freistaat vor Ort investiert. „Wir haben aus 2002 die Konsequenzen gezogen: Der Hochwasserschutzraum war schlicht zu gering, es war klar, wird brauchen 500 000 Kubikmeter mehr Rückhalteraum“, beschreibt Bobbe. Ab 2009 wurden Hauptdamm und Reckwitzer Schutzdamm erhöht, Ablässe entstanden neu, ebenso ein Betriebsgebäude.

Und dabei blieb es nicht: Der benachbarte Göttwitzsee bekam neue Einläufe, die beschädigte Vorsperre Döllnitzsee wurde bis Anfang dieses Jahres in Ordnung gebracht, und der Reckwitzer Damm, der nach 2002 bereits neue Spundwände bekommen hatte, wurde, nachdem 2013 das Wasser durch den Damm drückte, abermals ertüchtigt. Elf Millionen Euro sind vor Wermsdorf verbaut worden. „Wir haben alle Schwachstellen erledigt“, so Bobbe. Das habe sich beim Hochwasser 2013 bewiesen.

In den nächsten Jahren werden dann Horstsee- und Rodaer Damm zu Baustellen. „Der Rodaer Damm stand 2013 kurz vor einem Dammbruch“, erinnert der Betriebsleiter. Bis Ende nächsten Jahres sollen dort Spundwände in den Boden getrieben und ein weitere Million Euro verbaut werden.

Von Jana Brechlin

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