Startseite LVZ
Volltextsuche über das Angebot:

Google+ Instagram YouTube
Roßwein verfügte als erste Kommune in Deutschland über eine Aquaburg

Flutschutzsystem Roßwein verfügte als erste Kommune in Deutschland über eine Aquaburg

Mauern gegen Hochwasser sind das bevorzugte Mittel der Landestalsperrenverwaltung Sachsen. Auch in Roßwein sollte eine Mauer gebaut werden. Doch die Fluss-Anrainer wehrten sich gegen das sichtversperrende Bauwerk. Stattdessen hat sich die Stadt 2015 mit einer mobilen Flutwand selbst geholfen.

Binnen weniger Minuten kann die Feuerwehr das an der Mulde in Roßwein im Boden versteckte Flutschutzsystem hochziehen.
 

Quelle: Sven Bartsch

Roßwein.  Seit mehr als zwei Jahren plätschert die Mulde friedlich an der Roßweiner Unterstadt vorbei. Das sah vor genau 13 Jahren ganz anders aus. Da rauschte das Wasser nur so durch Werder und Stadtbadstraße. Und im Juni vor zwei Jahren bot der Fluss ein ähnliches Bild. Je rund ein Dutzend Feuerwehrleute waren einen halben Tag damit beschäftigt, Sandsackstapel zu bauen, um dem Wasser den Einlauf hinter die vorderste Front an Häusern zu verwehren. Will die Mulde demnächst wieder in die Stadt, reicht eine handvoll Feuerwehrleute, um sie in wenigen Minuten vor den nahenden Wassermassen zu schützen.

6eb18350-80f7-11e7-b8d2-0a4c777e17b0

Bei Hochwasseralarm wird in Roßwein ein verstecktes Flutschutzsystem aktiviert. Die Stadt verfügt als erste Kommune in Deutschland über eine Aquaburg.

Zur Bildergalerie

Denn Roßwein hat eine Aquaburg – ein im Boden verstecktes Flutschutzsystem, das im Notfall hochgezogen wird. Genau sieben Minuten dauerte es beim ersten Testaufbau im November 2014. Das Prinzip: In einem im Boden ebenerdig versenkten Betonkanal lagern Metallpfosten, ein Stahlnetz und eine widerstandsfähige Kunststoffplane, abgedeckt von Stahldeckeln. Bei Hochwasseralarm, werden die Deckel abgehoben, die Pfosten aufgestellt und Schutznetz sowie Plane hochgezogen und an den Pfosten befestigt.

Aquaburg hilft Zeit gewinnen

Die langen Kanalabdeckungen werden als Mauerstützen schräg von hinten an den Pfosten montiert. An den Häuserwänden befindliche Abschlüsse dichten den Wall ab. Größter Vorteil: Die Wand muss nicht erst in Teilen herangefahren werden und benötigt auch keine Lagerfläche. Sie ist immer dort, wo sie dringend gebraucht wird. Die Häuser müssen allerdings als Schutzwall für die Stadt dahinter herhalten. Doch das nehmen die Besitzer in Kauf, sagt Bürgermeister Veit Lindner bei der Präsentation. „Ihnen würde der Schutzwall wenig nützen, da das Wasser von unten her sowieso in die Häuser drückt“, erklärt er. Und bei einem Jahrhunderthochwasser wie 2002 kann auch die Aquaburg nur Zeit gewinnen helfen.

Die Kommune ist nicht nur die erste in Sachsen, sondern in ganz Deutschland, die sich das System von Entwickler Hartmut Wibbeler gekauft hat. Der Münsteraner hat es erdacht und an der Potsdamer Forschungseinrichtung TuTech Zentrum für Klimafolgenforschung, kurz KLIFF, ausgiebig getestet – bis zwei Meter Höhe und mit heranschwimmenden Baumstämmen und anderem Treibgut. „Selbst, wenn ein spitzer Gegenstand mit Wucht ein Loch in die Schutzfolie stößt, haben wir in Tests gesehen, dass eine Fußmatte aus dem Auto von außen davor gelegt und von hinten fixiert, das Leck schließt“, warb er beim Probeaufbau für sein patentiertes Produkt.

Gallisches Dorf beim Hochwasserschutz

Inzwischen sind einige Kameraden der Roßweiner Ortsfeuerwehren mit dem Aufbau der Wand geübt. Und die Anwohner sind erfreut, dass sie um den Bau einer festen Flutschutzmauer herumgekommen sind. Den hatte die Landestalsperrenverwaltung (LTV) jahrelang präferiert, wandte sich aber nach Protesten angeführt von der Bürgerinitiative Ibuh von dem Projekt ab. So wird Roßwein zum gallischen Dorf beim Hochwasserschutz. Doch mehr als die insgesamt etwa 30 Meter Aquaburg mit einer Höhe von bis zu 1,74 Meter konnte sich die klamme Stadt nicht leisten. Knapp 60.000 Euro musste sie aus dem Stadtsäckel aufbringen, weil die LTV den Bau mobiler Flutschutzanlagen nicht fördert.

Noch nicht, möchte man meinen, angesichts eines Besuchs von Leipziger LTV-Vertretern beim 44. Roßweiner Schul- und Heimatfest vor gut einem Monat. Hier war Hartmut Wibbeler eingeladen, Roßweins französischer Partnerstadt Fourques seine Aquaburg zu zeigen. Das Städtchen mit knapp 3000 Einwohnern liegt an der Rhön und hat regelmäßig mit Hochwasser zu kämpfen. „Sie waren sehr begeistert, ich bin schon dabei, Prospekte auf französisch zu drucken und will bald dort hinunterfahren“, freute sich Wibbeler.

Überraschend schneller Aufbau

Und auch die LTV-Fachleute zeigten sich beeindruckt. „Sie waren überrascht, dass der Aufbau so schnell ging und meinten, da könne man ganz anders planen. Denn Flutwände für Tausende Meter Länge wie sie zum Beispiel in Passau benötigt werden, könne man da gar nicht hinbringen. Da bräuchte man 1500 Leute, das sei nicht machbar“, berichtete Wibbeler vom Gespräch. Auf eine Prüfung durch die LTV würde er sich jederzeit einlassen. Nach und nach wird Wibbelers Idee bekannter. 2015 ist er beim Innovationspreis der Wirtschaftsvereinigung Stahl auf dem vierten Platz von 200 Bewerbern gelandet.

Inzwischen hat er weitere Anlagen bei Ahaus in seiner Heimat dem Münsterland, in der Nähe von Stuttgart-Kelheim und in Bayern errichtet. „Es gibt auch Anfragen aus Freiberg, Nossen und Meißen – die planen aber alle noch“, sagt Wibbeler.

Aus der Leipziger Volkszeitung vom 13. August 2015

Von Sebastian Fink

Voriger Artikel
Nächster Artikel
Mehr aus Sicher vor der Flut?
Die Wassermassen von Elbe, Mulde und Pleiße überschwemmten im Sommer 2002 weite Teile von Sachsen. Diese Städte entlang der Flüsse waren vom Hochwasser betroffen.